Grundschule – kein Kindergarten in anderen Räumen

Auf Twitter gibt es unter Müttern regelmäßig wiederkehrende Themen, weil jede sich zu unterschiedlichen Zeitpunkten damit konfrontiert sieht: Kinderwunsch, Schwangerschaft, Geburt, Kindergarten, Schule usw. Ich fing während meiner ersten Schwangerschaft an, Internetforen zu Mütterthemen aufzusuchen und mich einzubringen. Ich fand das zum damaligen Zeitpunkt (eben so als Erstmutter) sehr hilfreich und habe viele Hinweise und Tipps von anderen Müttern dankbar aufgenommen. Inzwischen habe ich zwei Kinder, das ältere besucht die fünfte Klasse eine Gymnasiums, das jüngere kommt im August dieses Jahres in die Schule. Heißt: Ich verfüge nun über Erfahrungen, die sich vielleicht lohnen, weitergegeben zu werden.

Heute das Thema Grundschule. Ein paar grundsätzliche Dinge vorweg:

  • Eine Schule nur nach harten Fakten (Konzept, Lage, Schülerzahl) zu bewerten, greift zu kurz. Eine Schule lebt von den Pädagogen darin. Deren Kompetenz fachlicher und menschlicher Art vor der Einschulung einzuschätzen, ist schwierig. Das K1 und auch wir Eltern haben das mit seinen Konsequenzen schmerzhaft erfahren müssen. Eltern sollten daher die Tage der offenen Tür oder Elterninfo-Abende intensiv dazu nutzen, um mit den Pädagogen (ich sage bewusst nicht Lehrer, weil an einigen Schulen auch Sozialpädagogen das Team verstärken) ins Gespräch zu kommen.
  • Jedes Kind ist anders – und zwar in des Wortes umfassender Bedeutung. Es fängt an beim Alter (die Kinder haben bei der Einschulung einen Altersunterschied von bis zu 1,5 Jahren!), geht über das Temperament des Kindes bis hin zu sozio-ökonomischen Hintergründen der Familie. Das heißt konkret: Was für ein Kind gut ist, muss noch lange nicht gut für ein anderes Kind sein.

Mit anderen Worten: Die erste Schule muss zum Kind passen – übrigens auch zu den Eltern.

Die Grundschulzeit ist meiner Meinung nach eine sehr wichtige Zeit: Hier werden, wie es ja der Name schon sagt, Grundfertigkeiten und -fähigkeiten vermittelt, die die Kinder in ihrem ganzen Leben brauchen und auch anwenden werden müssen. Was hier versäumt wird, lässt sich später nur unter großen Anstrengungen nachholen. Man macht sich als Eltern von kleinen Kindern kaum eine Vorstellung davon, was auf den weiterführenden Schulen (insbes. Gymnasien) alles vorausgesetzt wird. Nach meiner Erfahrung passen die Erwartungshaltungen der Gymnasien nicht zwingend mit dem zusammen, was die Grundschulen tatsächlich vermitteln – das mögen Fachleute durchaus anders sehen.

Daher: Die Grundschule sollte nicht die Fortsetzung des Kindergartens in anderen Räumlichkeiten sein. Das erwarten die Kinder im übrigen auch gar nicht.

Doch was genau kann man Kindern in diesem Alter zutrauen? Ich behaupte kühn: mehr als das, was die Grundschulen derzeit verlangen. Beispiele:

  • In der ersten Klasse gibt es noch keine Noten. Warum eigentlich nicht? Kinder lieben Wettbewerb und mögen es auch, sich zu vergleichen. So erkennen sie, wo sie stehen und wo sie sich noch verbessern können.
  • Schreibschrift wird an vielen Grundschulen entweder erst ab der zweiten Klasse oder gar nicht mehr gelehrt. Warum nicht? Es passt nicht zu den späteren Anforderungen von Schulen und auch des Lebens. Es geht ja nicht nur ums Schreiben, sondern auch um das Lesen von Schreibschrift.
  • Hausaufgaben? Der neue Trend heißt Wochenplan. Klingt toll, oder? Kinder sollen innerhalb einer Woche selbständig die anstehenden Aufgaben mit freier Zeiteinteilung erledigen. Was in der Theorie bestechend klingt, bewährt sich m.E. in der Praxis nicht und bereitet nicht gut auf die weiterführenden Schulen vor. Dort kennt man dieses Konzept nämlich nicht. Da werden Hausaufgaben für die nächste Stunde (u.U. zum nächsten Tag) aufgegeben. Und das sollen die Kinder dann erst im fünften Schuljahr lernen?
  • Schreiben lernen wie man hört. Man lässt die Kinder hier schreiben, wie sie wollen, unabhängig von irgendwelchen Rechtschreibregeln, um dann in der dritten Klasse auf eben jene zu bestehen. Nur: Wie erklärt man einem Kind, dass das, was bis zur zweiten Klasse absolut okay war, nun plötzlich falsch ist? Aus meiner Sicht ist das weder zielführend, noch den Fähigkeiten der Kinder entsprechend.

Ich plädiere dafür, den Kindern etwas zuzutrauen, sie durchaus zu fordern und vielleicht auch in bestimmten Situationen an ihre Grenzen heranzuführen – durchaus auch spielerisch mit klug aufgebauten Arbeitsgemeinschaften am Nachmittag. Das ist übrigens etwas, was an den Grundschulen hier aus meiner Sicht sehr gut gelöst ist. Vorlesewettbewerbe deuten auch in die Richtung; ich vermisse allerdings die Matheolympiaden aus meiner Kindheit (oder ein Äquivalent dazu, „Jugend forscht“ ist es nicht). Die wurden damals übrigens nicht nur schul-, sondern in höheren Klassenstufen sogar stadt- und landesweit veranstaltet.

Im Sport ist es doch so: Wenn ich meine Muskulatur ständig nur gering belaste, wird sie nie ihre volle Leistungsfähigkeit entfalten. Je später ich damit anfange, meine Muskeln zu trainieren, desto schwieriger und zeitaufwändiger wird es, sie zu einer hohen Leistung zu befähigen. Das gilt analog zum Geist.

Wer also meint, damit erst bei der weiterführenden Schule anfangen zu wollen, unterschätzt die Anforderungen dort gewaltig.

—–

Mama_notes hatte mich zu diesem Blog auf sehr freundliche Art angestiftet und somit auch andere Mamis inspiriert. Hier die Links dazu:

Mama_notes hat hier zu einem ähnlichen Thema gebloggt.

Sam fand hier einige wichtige Worte zur Frage, wie man schreiben lernen sollte – bzw. wie nicht. Und hier hat sie sehr lesenswert über ihre Erfahrungen in Sachen Grundschule berichtet.

Ein wirklich toll geschriebenes Plädoyer für die Ganztagsschule gibt es hier von Junaimnetz.

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6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Willi Wullemulle sagt:

    Sehe ich auch so.

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  2. Sam sagt:

    Hallo Mrs. Cgn,

    dieser Artikel spricht mir in allen Punkten aus der Seele!!!
    Auch ich bin Mutter zweier Kinder und habe meine liebe Not, die Konzepte der Grundschulen zu verstehen. Unsere Kinder sind (sollten) keine Versuchsobjekte (sein)!

    PS: Bei uns gibt es den Känguru Wettbewerb, ähnlich wie die Matheolympiade. Ist der nicht auch landesweit?

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    1. mrscgn sagt:

      Dankeschön für Deine Meinung.
      Diesen Wettbewerb kenne ich nicht, aber ich werde mich ab August mal darum kümmern. Guter Tipp!

      Ich muss dazu sagen, dass ich als Kind ausm Osten ein komplett anderes Bildungssystem kennengelernt habe. Und ich weiß es erst jetzt richtig zu schätzen. Sicher, da war mehr Drill, aber letztlich ist viel hängengeblieben. Ich kann heute noch die Präpositionen mit ihren Fällen aufsagen, und ich habe aus der 8. Klasse (!) viele Kommaregeln präsent. Nun muss ich halt für vieles, was früher die Schule erledigt hat, selbst sorgen.

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  3. Lesen durch Schreiben – so heißt die Methode, die du beschreibst – wird an vielen Schulen bereits wieder abgeschafft.

    Meine Kinder lernen übrigens die Lateinische Ausgangsschrift ab Klasse 1. Die Lehrerin lehrt keine Druckschrift.

    Der Grat zwischen fordern und überfordern ist sehr sehr schmal und kann, wenn man nicht aufpasst, schnell in Frustration umschlagen. Und DAS ist insbesondere in jungen Jahren ganz fatal. Und ich habe selbst Kinder, die viel viel Input benötigen.

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    1. mrscgn sagt:

      Liebe Nessa,
      Dankeschön für Deine Hinweise. Schön zu hören, dass diese Lesen-durch-Schreiben-Methode doch hinterfragt wird. In welchem Bundesland ist das so? Ich weiß von Sachsen, dass sie das teilweise einführen wollen (!), und in Thüringen soll bald keine Schreibschrift mehr gelehrt werden. Es ist wirklich verrückt. Das Interessante ist: Meine Freundin in Thüringen hat einen Sohn, der genauso alt ist wie meine große Tochter. Die Wissensstände waren zumindest in der Grundschule sehr unterschiedlich. In Thüringen sang man das Lied vom „Subtrahend und Minuend“ schon, bevor meine Tochter diese Wörter je gehört hatte …
      Und ja, die Frustration gilt es zu vermeiden. Das Problem hier ist nur: Die Kinder in der ersten Klasse weisen laut Lehrer Entwicklungsunterschiede von bis zu vier (!) Jahren auf. Wie will ein Lehrer dieses Dilemma denn lösen? Ich fürchte, dass eine Gruppe in diesem Fall hinten runterfällt. Und das dürften in der Regel jene sein, die in ihrer Entwicklung weiter sind. Diese Erfahrung haben wir gemacht.

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  4. Danke für Deine Worte!

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