Schule gestern und heute: nicht besser, sondern anders

am

Wenn man ein Kind oder auch mehrere im schulpflichtigen Alter hat, wird man, ohne es zu wollen, mit der eigenen Schulzeit konfrontiert. Im Kopf drängen sich Vergleiche zur eigenen Schulzeit geradezu auf. Das ist leider nicht immer hilfreich für die Kinder und die Familiensituation. Dennoch: Ich beobachte bei Eltern und auch beim eigenen K1, das die fünfte Klasse besucht, viel (auch nonverbale) Jammerei über das Pensum, dass die Kinder bewältigen müssen. Mir fällt es schwer, das nachzuvollziehen. Die Hintergründe dafür möchte ich hier einmal darstellen:

Die ersten acht Jahre

Ich bin in der DDR aufgewachsen und habe das Schulsystem, wie es das eben damals gab, von der ersten bis zur zwölften Klasse durchlaufen. Die ersten vier Jahre nannten sich Unterstufe (die Pädagogen entsprechend Unterstufenlehrer), danach gab es keine wirkliche Bezeichnung, die Oberstufe setzte mit der 9. Klasse ein. Bis hin zur 12. Klasse gab es einen Klassenverband und immer auch einen Klassenlehrer (-lehrerin), der/die mindestens zwei Fächer in der Klasse unterrichtete. In der Unterstufe gehörte auch immer eine „klasseneigene“ Hortnerin dazu,  die nach dem Mittagessen, das es für uns selbstverständlich gab (übrigens bis hoch in die 12. Klasse!), „übernahm“: Hausaufgabenbetreuung, Basteleien, in den Arm nehmen usw. In der ersten Klasse war sogar noch Mittagsschlaf im Klassenraum angesagt, was mich nach einem halben Jahr bereits zu einem Schlüsselkind werden ließ – in der Schule zu schlafen ging ja mal gar nicht. Also war ich mit 7 ab halb 2 allein zu Hause und allein für meine Hausaufgaben zuständig, was mir wirklich nichts ausmachte, ich fand Schule großartig. Da ich ab diesem Zeitpunkt nie mehr die Nachmittagsbetreuung nutzte, kann ich nicht beurteilen, wie gut (oder auch nicht gut) diese war. Auf jeden Fall wurde Betreuung sehr lange angeboten.

Die Fächer in der Unterstufe waren denen in der heutigen Grundschule sehr ähnlich: Deutsch wurde in Lesen, Schreiben, Rechtschreibung/Grammatik und Ausdruck (ab der 2.) unterteilt, Mathematik, Heimatkunde (entspricht heute dem Sachunterricht), Zeichnen (Kunst), Musik, Sport, Werken (!). In der dritten Klasse bestand der Sportunterricht ein halbes Jahr lang aus Schwimmen, in der vierten das erste Halbjahr aus Eislaufen – ja, wir haben Eislaufen (wie Kunstläufer) gelernt. Das lag daran, dass sich ganz in der Nähe eine Eishalle befand, und es machte natürlich einen Riesenspaß, zumal das Halbjahr mit einem Eisfasching abgeschlossen wurde. Im zweiten Halbjahr der vierten Klasse gab es für alle (nicht nur für Mädchen!) Nadelarbeit. Dort lernten wir, wie man verschiedene Arten von Knöpfen annähte, Strümpfe stopfte und einfachste Stricktechniken.

Ab der fünften Klasse wurde es von den Fächern her anspruchsvoller: Biologie, Geographie, Geschichte und als erste Fremdsprache Russisch! In der sechsten kam dann Physik dazu, in der siebten Chemie und eine weitere Fremdsprache, ich hatte das Glück, zwischen Englisch und Französisch wählen zu können (das hing immer davon ab, welche Lehrer die Schule hatte), und ich nahm Französisch. Ach ja, Werken war immer noch dabei, wurde dann ab der siebten Klasse durch PA (produktive Arbeit), ESP (Einführung in die sozialistische Produktion) und Technisches Zeichnen (!) ersetzt.  Staatsbürgerkunde (heute würde man das wohl Politik nennen) kam ebenfalls in der siebten Klasse dazu. Schließlich ergänzte in der 10. Klasse für ein Jahr Astronomie den Stundenplan. (Anmerkung: Es gab auch Spezial-Russisch-Klassen, dort wurde bereits ab der dritten Klasse Russisch gelehrt.)

Zum Abi auf die EOS

Nach der achten Klasse ging ich dann von der POS (polytechnische Oberschule) ab und wechselte auf die EOS (erweiterte Oberschule), was einem Gymnasium in etwa entsprach, denn dort ging es ums Abitur. Was sich einfach und selbstverständlich anhört, war es durchaus nicht: In der DDR konnte man nicht einfach so auf diese Schulen gehen, man musste dahin „delegiert“ werden, es war eine Auszeichnung, dort lernen zu dürfen. Über die Kriterien darf man sehr gerne streiten und sie teilweise auch ziemlich grotesk finden, denn natürlich spielte Politik da eine Rolle, aber eines war sicher: Die Plätze waren begrenzt, und man musste anspruchsvolle Leistungskriterien erfüllen. Weil an meinem Ort die Möglichkeit bestand, kam ich in eine Klasse mit verstärktem neusprachlichen Unterricht. Das bedeutete: fünf Stunden pro Woche Russisch, vier in Französisch und ab der 10. Klasse sechs Stunden Englisch pro Woche, sprich: jeden Tag! Dazu muss man wissen, dass in der DDR auch samstags Schule stattfand – zwar war nur maximal bis Mittag, aber eben 12 Jahre lang! Die 36 Wochenstunden verteilten sich also nicht auf fünf, sondern auf sechs Tage. Wir hatten jedoch den unglaublichen Vorteil, dass die Klasse für den Sprachunterricht geteilt wurde: Zu zehnt lernte es sich natürlich um Längen besser als in einer Klasse zu 32, wie es meine Tochter derzeit erlebt. Wir konnten in der 11. Klasse wegen des vielen Sprachenunterrichts zwei Fächer abwählen: Bio oder Chemie bzw. Musik oder Kunst. Das hieß: Auch in den Fächern wurde die Klasse geteilt. Herrlich, oder? Neben dem Abschluss in der 10., den wir auch machen mussten, bestand unser Abi aus drei Klausuren (Deutsch, Mathe und eine Naturwissenschaft) sowie der Sprachkundigenprüfung in Französisch. Dazu kamen mündliche Prüfungen, die in allen Fächern möglich und in manchen nötig waren: Wer beispielsweise in Mathe eine Vornote 2 hatte, in der Klausur eine 1, musste zwingend ins Mündliche. Die schriftlichen Prüfungen fanden Mitte Mai, die mündlichen im Juni statt – Juli und August waren bei uns komplett frei.

Wenn ich das so lese, komme ich selbst ins Grübeln – wie haben wir das damals nur geschafft? Zu jedem Fach gab es selbstredend immer Hausaufgaben, und selbstverständlich hatte jeder darüber hinaus sein Freizeitprogramm. Die einen betrieben Leistungssport, die nächsten spielten ein Instrument, wieder andere sangen in Chören oder Singegruppen (das war mein Ding), und welche waren Teil der Schulsportmannschaften in verschiedenen Sportarten und maßen sich mit den Teams der anderen Schulen. Dafür gab es keine Eltern-Taxis (nicht jede Familie hatte überhaupt ein Auto!), es musste alles irgendwie mit dem Bus, dem Fahrrad oder zu Fuß gelingen.

Der Vergleich

Wenn man dies nun heute mit dem Alltag von Schülern vergleicht, erkennt man durchaus Ähnlichkeiten (etwa bei den Fächern). Und doch habe ich den Eindruck, dass heute alles komplett anders verläuft:

1. Leistungsdruck: Den sehe ich hier an den Grundschulen überhaupt nicht, und das soll wohl auch so sein. Aus meiner Sicht ist es so simpel, was dort inhaltlich (!) geboten wird, dass ich mich frage, wie man dort überhaupt Dreien oder noch schlechtere Noten schreiben kann. Das mag überheblich klingen, soll aber lediglich zeigen, wie sehr sich das Anspruchsprofil verändert hat. Meine Eltern haben mir das bestätigt. Auf dem Gymnasium sieht das schon anders aus, was viele in der 5. Klasse erst einmal überfordert. Völlig verständlich, auf der Grundschule werden sie darauf ja auch nicht vorbereitet. Auf der anderen Seite wird auf soziale Aspekte heute sehr viel mehr Wert gelegt als damals: Streitschlichtung, Konfliktlösungsmanagement u.ä. kannte ich nicht, was ich durchaus bedaure.

2. Verantwortung: Das ist für mich in diesem unseren Schulsystem für mich nicht verständlich geregelt. Das beginnt dabei, wie Klassenleiter ihre Aufgaben definieren, geht darüber, was man Kindern zutraut oder eben auch nicht, bis hin zu der Frage, wofür die Eltern zuständig sein sollen oder eben nicht. Hier kommen ja auch noch die Besonderheiten der Bundesländer hinzu, was aus meiner Sicht der größte Unfug schlechthin ist. Entsprechend unterschiedlich reagieren Eltern und Lehrer darauf: Einerseits werden Helicopter-Eltern belächelt oder kritisiert, andererseits wird zum Gespräch gebeten, wenn das Kind 3x die Hausaufgaben vergessen hat. Dies direkt mit dem Kind zu klären, das die Lage unter Umständen anderes bewertet, ist offensichtlich keine Option.

3. Leistungsbewertung: Für mich gibt es hier die größten Unterschiede. Ich bin so aufgewachsen: Die Zensuren bewegten sich zwischen 1 und 5 (Sechsen gab es nicht), 50% der erreichten Punktzahl entsprachen einer Vier, war also genügend. Mit einer Vier auf dem Zeugnis flog man bei uns von der EOS. Wie viele Punkte man für welche Note brauchte, war immer gleich (an jeder Schule im Land), es gab auch kein Plus oder Minus, eine Zwei war eben eine Zwei und fertig. Aber dass die Lehrer die Maßstäbe mal eben für einen Test veränderten (wie wir es bei K1 erlebten), war unmöglich. Und es wurde immer ein Klassenspiegel veröffentlicht: Jeder wusste also, wo er im Klassendurchschnitt stand. Gibt es heute nicht mehr! Aus wirklich haarsträubenden Gründen. Zensuren gewichten, Schwierigkeit des Tests berücksichtigen usw. – das kannte ich nicht. Bei 20 Kindern nur eine Eins, drei mal eine Zwei, acht Dreien, der Rest Vier und Fünf – ja, dann war das eben so. Da wurde auch nicht noch mal geschrieben. Solch eine Szene kennen wir von K1, was mich den Lehrer fragen ließ, ob er denn so lange schreiben lassen würde, bis ihm das Ergebnis passte.

All das bringt mich letztlich dazu, die Schulzeit meiner Kinder (hier in Köln) mit einer großen inneren Hilflosigkeit zu begleiten: Ich möchte sie optimal auf ihr Leben vorbereitet wissen, scheitere aber schon am Konzept, wie Kinder lesen und schreiben lernen. Ich lege Wert darauf, dass die Kinder selbständig sind und für ihr Tun nach ihren Möglichkeiten Verantwortung übernehmen und werde dabei in der Grundschule nicht von den Pädagogen unterstützt, die mich eher als übereifrig und ungeduldig wahrnehmen und entsprechend einbremsen, da die sich natürlich vor allem um jene kümmern (müssen), die aus dem Elternhaus weniger Unterstützung erfahren, was ich ja auch verstehen kann. Aber: Kinder, die unterfordert sind (ich betone: ohne hoch- oder sonstwie besonders begabt zu sein), fallen in so einem System einfach hinten runter.

Ich wünsche mir für mich etwas mehr Gelassenheit und vielleicht auch Vertrauen, es gibt ja Pädogogen, die ihren Job verstehen. Aber ich wünsche mir auch die Kraft, an meinen Themen dranzubleiben – eine gute Allgemeinbildung sowie gutes Deutsch in Wort und Schrift sind aus meiner Sicht zwingend, damit die Kinder später tatsächlich die Freiheit haben, das zu tun, was sie möchten.

 

 

Advertisements

Hier ist Platz für Ihre / Deine Gedanken

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s