Angeschlagener Dino – von den Medien populistisch zerlegt

Der 32. Spieltag war noch nicht zu Ende gespielt, als sich die Medien offensichtlich verabredet hatten, den derzeit sportlich erfolglosen Hamburger Sport-Verein so richtig aufs Korn zu nehmen. Und zwar mit arroganter Münchner Attitüde, mit Vokabeln, die für gewöhnlich an Stammtischen oder in einschlägigen Internetforen fallen, und mit viel Zusammenfassung dessen, was interessierte Kreise und die Fans eh schon wissen. Alle großen überregionalen Titel haben an prominenter Stelle und in epischer Breite den HSV zum Thema gemacht.

Einerseits, das gebe ich gerne zu, freut man sich als Fan, wenn es etwas über den eigenen Verein zu lesen gibt, was nicht aus der Feder der üblichen Verdächtigen von den Boulevardmedien kommt. Andererseits stimmt es mich traurig, wenn dies so passiert, wie in diesen Beiträgen zu lesen. Für alle o.g. Geschichten war relativ wenig Recherche-Aufwand nötig. Wer den HSV schon seit längerem begleitet, die Diskussionen einigermaßen verfolgt, Kreuzer immer brav zuhört (der Gelegenheiten gibt es ja viele), die Berichte über HSVplus-Veranstaltungen liest, sich die Pressekonferenzen gönnt und ein bisschen in einschlägigen Foren stöbert, kann das alles so schreiben, ohne den Platz am Schreibtisch verlassen zu müssen. Bis auf ein paar Details, auf die ich gleich zu sprechen komme, steht auch nichts Unwahres darin. Doch Wahrheiten bringen nicht per se einen Erkenntnisgewinn – dann könnte man ja auch schreiben, dass das Spiel 90 Minuten plus Nachspielzeit dauert und eine Saison 34 Spieltage hat. Eine Zusammenfassung dessen, was um den HSV in der jüngeren Vergangenheit so passiert ist, mag man unter Leserservice verbuchen, doch ich habe Zweifel, dass dies einen Mehr- oder Nutzwert generiert. Dazu hatte der geschätzte Trapper Seitenberg einmal sehr treffend gebloggt. Gerade von den überregionalen (!) Titeln erwarte ich mehr als die Verkündung sattsam bekannter Tatsachen, die sich der Leser über das Internet auch bequem selbst zusammenstellen kann. Ich wünsche mir als Leser eine Einordnung dieser Wahrheiten in Zusammenhänge, vielleicht auch eine andere Art der Annäherung an diese Wahrheiten, indem man einmal mit Leuten spricht, die nicht jeden Tag in der Zeitung stehen oder in ein Sky-Mikrofon labern. Oder vielleicht auch mal mit Kollegen von kleineren Sportportalen redet, die mit ihrer Berichterstattung nachgewiesen haben, wirklich nahe am Geschehen zu sein.

Um nun auf zwei Beispiele zu kommen:

Die WELT ordnet die Demission von Dietmar Beiersdorfer (dem damaligen Sportdirektor) immer noch Bernd Hoffmann zu. Mit zwei Klicks im Netz, mit einem Anruf beim HSV oder auch einem Blick in die Satzung hätte der Redakteur folgendes herausfinden können: Hoffmann war vom 1.2.2003 bis 15.3.2011 Vorstandsvorsitzender des HSV. Als solcher stand es ihm satzungsgemäß nicht zu, den Sportdirektor zu bestellen oder zu entlassen. Dafür ist bis heute der Aufsichtsrat zuständig. Mit solcher Falsch-Information schürt man Ressentiments und betreibt Politik. Das kann es ja wohl nicht sein.

In der „SZ“ heißt es u.a.

„75 Prozent der anwesenden Mitglieder müssen dafür sein, am 25.5. abzustimmen. […] Der HSV ist auch deshalb ein Verein im Endstadium weil er sich teilweise in eine AG umwandeln will. […] Der Aufsichtsrat wird von 12 auf 6 Mitglieder verkleinert.“

Diese Aussagen sind so einfach nicht richtig:

  • Am 25.5. wird über den Antrag zur Ausgliederung abgestimmt. Das kann nur verhindert werden, wenn eine einfache (!) Mehrheit dem Antrag auf Verschiebung dieser Abstimmung zustimmt. Um die Dreiviertelmehrheit geht es, wenn über die Ausgliederung konkret abgestimmt wird.
  • Die Kausalität zwischen „im Endstadium“ und „Umwandlung in eine AG“ wird behauptet, aber in keiner Weise belegt – wie auch: Es gibt sie nicht. Warum ausgegliedert werden soll (und eigentlich auch muss), ist hier umfassend dargestellt, wobei der steuerliche Aspekt (e.V. müssen gemeinnützig sein, um vom Steuerprivileg zu profitieren) zu ergänzen wäre. Und man könnte kess zurückfragen: Wie schlecht ging es eigentlich den Bayern, als sie ihren Profifußball ausgegliedert haben?
  • Die Behauptung, der AR würde verkleinert, ist so auch nicht exakt: Der AR einer AG entspricht eben nicht dem AR eines e.V. Auch das hätte mit einem Blick auf das Ausgliederungsmodell schnell erklärt werden können.

Wenn bei diesen nachprüfbaren Fakten schon so schlampig gearbeitet wird, wie ernst darf ich so einen Beitrag (auf der Seite 3!) noch nehmen?

Es ist einfach, auf jemanden einzudreschen, der am Boden liegt. Da braucht man sich nicht mehr darum zu bemühen, das Ganze differenziert zu betrachten: Dass der HSV selten so nahe dran war, tatsächlich abzusteigen, bestreitet niemand. Diese Situation hat aber viele Ursachen. Wer sich aufmacht, diese zu finden und zu benennen, sollte sich gestatten, den Verein „zu sehen“. Das meint hier nicht das optische Sehen, sondern das Wahrnehmen des Vereins in Gänze, in seiner Geschichte, mit seinen Protagonisten, mit seinem Selbstverständnis. Dass sich die klassischen Medien darum nicht einmal mehr bemühen, bedaure ich sehr.

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