Vom Verlust des Selbstverständlich-Seins

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Auf Twitter bin ich heute auf einen interessanten Blogpost gestoßen. @dasnuf hat ausführlich darüber geschrieben, wie sie zum Feminismus kam. Nachlesbar ist das hier. Spontan regte sich bei mir Widerstand (Warum muss eigentlich alles, was Frau tut, ein Etikett bekommen?), nach längerem Nachdenken sehe ich das durchaus differenzierter und, sagen wir es so: in größeren Zusammenhängen. Letztlich ist es doch so, dass man bestimmte Dinge für sich erst dann entdeckt, wenn sie einen selbst betreffen. Und da habe ich einen etwas anderen Weg genommen sowie andere Schlüsse daraus gezogen.

Ein Erklärungsversuch

Ich bin ein Kind der DDR und damit in einem Land aufgewachsen, in dem die Menschen sehr ähnlich lebten. Es gab für mich nur wenig wahrnehmbare Unterschiede in den Lebenswegen und -weisen. Die Kinder, mit denen ich zur Schule ging, hatten Eltern, die beide berufstätig waren. Die materiellen Güter, die die Eltern (sichtbar) besaßen, waren nicht von extrem (!) großer Unterschiedlichkeit. Frauen und Männer verdienten in der Regel für die gleiche Arbeit das gleiche Geld (Quelle: meine Mutter), ich habe während meines Volontariats die gleiche Vergütung bekommen wie die männlichen Kollegen, auch beim Stipendium (muss man sich als Ausbildungsbeihilfe vorstellen, da kein Darlehen) gab es keine Unterschiede zwischen Mann und Frau, sondern nur nach Leistung (Leistungsstipendium). Ich habe als Jugendliche Abteilungsleisterinnen, Betriebsleiterinnen, Direktorinnen kennengelernt. Auch die Chefredaktion des Blattes, bei dem ich volontierte, hatte ein weibliches Mitglied. Diese relative Gleichheit der Lebensumstände und -formen scheint mir hier wesentlich zu sein. Ich habe also als Kind und Jugendliche die Gleichberechtigung der Frau einfach so erlebt. Wir haben das zu Hause nicht mal diskutiert, warum auch?!

In der Arbeitswelt im Westen angekommen, änderte sich das zunächst wenig! In all meinen bisherigen Festanstellungen verdiente ich nie weniger als meine männlichen Kollegen, eher mehr. Das war halt Verhandlungssache. Von einer Benachteiligung der Frau bekam ich (zunächst) auch nichts mit: Ich hatte als Redakteurin die gleichen Chancen wie die Redakteure und übernahm verantwortliche Positionen in der Redaktion. Eine Kollegin wechselte nach der Geburt ihres Kindes in die Verlagsleitung, wo sie die entsprechende Position auch nach Geburt des zweiten Kindes behielt.

Auf einmal wurde alles anders

Meine Wahrnehmung änderte sich schlagartig, als ich schwanger und dann Mutter wurde: Aus der Agentur, für die ich damals arbeitete, wurde ich in die Freiberuflichkeit unter Mitgabe eines guten Kunden hinauskomplementiert. Begründung: Wir haben Bedenken, dass Sie noch mal schwanger werden (es ging um das finanzielle Risiko, da ich 7 Monate komplett ausfiel). Als ich für eine Elternzeitvertretung in einen Verlag wechselte, war die erste Frage im Vorstellungsgespräch jene danach, wie ich das mit meinen Kindern hinbekommen würde (hätte man das eigentlich auch einen Mann in meiner Position gefragt?).

Als Schwangere und Mutter begegnete ich auf einmal anderen Schwangeren und Müttern und erfuhr von ihren Lebenswegen, die sich teilweise von meinen ganz erheblich unterschieden. Für mich eine wirklich neue Erfahrung. Ich erlebte nun einen Wettbewerb, der sich nicht um fachliche Dinge drehte (Wer hat die beste, sprich titelwürdige Geschichte?), sondern um die schlichte Frage: Bist Du wirklich eine gute Mutter, wenn Du nach sieben Monaten Babypause wieder arbeiten gehst, was in der Frage gipfelte, warum ich überhaupt ein Kind bekäme, wenn ich doch gleich wieder arbeiten wollte?

Immer wieder geriet ich in einen Rechtfertigungsdruck. Plötzlich musste ich erklären, warum ich mein 15 Monate altes Kind in einen Kindergarten gab, eine Eltern-Kind-Initiative mit traumhaften Betreuungsbedingungen. Ich musste begründen, warum ich als Mutter von zwei Kindern in Vollzeit beruflich tätig sein wollte, eines davon gerade mal 17 Monate alt. Dass wir als Eltern zu zweit waren (und immer noch sind) und uns beide kümmern konnten und nach wie vor können, liegt offenbar außerhalb der Vorstellungskraft so mancher Personaler (in meinem Fall war das übrigens eine Frau!). Dabei lebte ich die in meiner Kindheit erlernte Selbstverständlichkeit einfach weiter.

Genau die ist irgendwie im Laufe der Jahre im Zuge der Vereinigung der beiden deutschen Staaten offensichtlich verloren gegangen.

Es macht mir zu schaffen, dass unterschiedliche Lebensmodelle ständig bewertet werden: Entweder ist man eine selbstsüchtige Karrierefrau, die ihre Kinder vernachlässigt, oder ein Bastelmutti, das am Herd versauert. Es macht mir zu schaffen, dass es offensichtlich einer Frauenquote bedarf, auf dass die Belange der Frauen tatsächlich wahrgenommen und berücksichtigt werden. Es macht mir zu schaffen, dass Frauen immerzu danach gefragt werden, wie sie das mit ihren Kindern hinbekommen (beruflicher Wiedereinstieg oder Beförderung), was einem Mann wohl kaum widerfahren dürfte. Es macht mir zu schaffen, dass das Wort „Feministin“ von manchen als abwertende Bezeichnung gebraucht wird (das sind doch die, die immer eine extra-Ansprache brauchen und deretwegen es so was hier gibt: MitarbeiterIn). Wahrscheinlich wissen jene nicht mal, was Feministin überhaupt bedeutet.

Ich möchte in erster Linie als Mensch wahrgenommen werden – mit den gleichen Pflichten und Rechten wie jeder andere Mensch auch, egal ob männlich oder weiblich. Sofern sie nicht die tatsächlichen biologischen Geschlechterunterschiede betreffen, geht es um Fragen von Menschen, also Männern und Frauen. Und Kinder sind meiner Ansicht nach ein Eltern-, kein Mütter- und/oder Vaterding – zumal es heutzutage ja auch noch andere Formen des Zusammenlebens mit Kindern gibt, etwa mit zwei Frauen oder zwei Männern oder eben in Patchworksituationen.

Vielleicht lässt sich mit Entspanntheit, Empathie und vor allem Achtsamkeit jedem gegenüber ein Stück dieser Selbstverständlichkeit des gleichberechtigten Umgangs miteinander wieder herstellen oder auch neu gewinnen.

 

 

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Mamamotzt sagt:

    „Erst, wenn man selbst betroffen ist …“
    Vermutlich knabbere ich als Wessi-Mädchen auch immer noch daran, obwohl ich ca. 15 Jahre Zeit hatte, zu erkennen, dass die Umwelt nicht so ist, wie ich sie zu sehen gelernt hatte als Kind.
    Offenbar hatte ich eine voll emanzipierte Mutter, die zwar harsch im Stil war, für die es aber keinen Unterschied machte (damals jedenfalls!), welchen Geschlechts ein Mensch ist. Arbeit ist für alle da und man kann und darf ruhig anpacken. Man darf ruhig seine Meinung sagen usw.
    Jetzt im Alter ist sie übrigens sehr davon ab und hätte am liebsten, dass alle Mütter nur noch Hausfrauen sind … 😉
    Aber bis man mir „mit den ersten Kindern im Arm“ explizit aufgrund dieser Kinder die Jobtüren vor der Nase zuschlug, war ich fest der Meinung, Mensch ist Mensch und solange man fleißig im System mitmacht, sei es ok.
    Mit Mitte zwanzig also erkannte ich, dass es nicht so ist.
    Und dass selige Inseln wie DDR für die Zeit ihres Bestehens ihren Bewohnern wirklich grandiose Sichtweisen „schenkte“! Ihr seid quasi ein erleuchtetes Volk gewesen! Leider wurde das Licht gedimmt und in manchen Straßen gelöscht.

    Alle Menschen sind gleich!

    Liebe Grüße, Mamamotzt

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    1. mrscgn sagt:

      Liebe Mamamotzt,
      Dankeschön für Deine Anmerkungen.

      Bevor der Eindruck entsteht, ich würde die DDR verklären: Dass die Frauen dort so selbstverständlich an fast (!) allem teilhaben konnten, hatte natürlich durchaus Gründe. Die berufstätige Frau wurde schlicht gebraucht, die Gesellschaft konnte es sich einfach nicht leisten, auf deren Arbeitskraft zu verzichten. Und so schaffte man mit den umfassenden Kinderbetreuungsmöglichkeiten eben die Voraussetzungen dafür. Darüber hinaus war es für Frauen durchaus schwierig, sich dafür zu entscheiden, mit Kindern einfach zu Hause zu bleiben – das Leben mit nur einem Einkommen wäre schwierig gewesen.

      Die Ungleichheiten in der Entlohnung fand übrigens anderswo statt: Ein Facharbeiter verdiente damals etwa genauso viel wie ein Diplom-Ingenieur. Das war eindeutig politisch gewollt (Macht der Arbeiterklasse).

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      1. Mamamotzt sagt:

        Keine Frage, Verklärung ist nicht nötig! Ich meine nur die spezielle Sichtweise/Wahrnehmung. Manchmal kommt man nur mit außergewöhnlichen Mitteln zu neuen Erkenntnissen, und die sind auch nicht unbedingt die gewollten.
        Insofern „schenkte“ die DDR diese weltweit seltene Betrachtungsmöglichkeit. (Und nahm natürlich viele andere.)
        Machen wir einfach was Neues draus und profitieren davon, so! 🙂
        LG!

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