Ich unterstütze das nicht. Aus Gründen.

Seit einigen Tagen beherrscht ein neues Projekt die Diskussionen auf Twitter: die Krautreporter. Zu diesem Thema ist schon unglaublich viel gesagt worden, und es ist wahrlich unnötig, jetzt alles zu wiederholen, ich verlinke am Schluss auf einige Beiträge, die mich zum Nachdenken angeregt haben. Da ich selbst Journalistin bin, interessiert mich natürlich, was die Krautreporter da vorhaben. Und ich bin für mich zu dem Schluss gekommen: Ich unterstütze das nicht. Und das will ich hier gerne begründen. Die Linkliste habe ich aus aktuellem Anlass unten ergänzt.

Alte Gesichter zu bekannten Themen

Die Kollegen, die sich an Bord befinden, kommen mir bekannt vor, einer studierte in Leipzig ein Studienjahr über mir. Sie haben beeindruckende Lebensläufe, repräsentieren eine geballte Erfahrung in ihren Themenbereichen, und ich bin überzeugt, dass sie in ihren Beiträgen höchsten Qualitätsansprüchen genügen. Nur: Das tun all die Protagonisten schon anderswo. Sie alle sind mehr oder weniger bekannt, man weiß, was man von ihnen erwarten kann.

Ein Beispiel: Herr Niggemeier, ausgewiesener Experte für Medien, betreibt seinen eigenen Blog, schreibt für überregionale Titel mit großen Auflagen und Reichweiten, wird zu Radio- und Fernsehsendungen eingeladen, versuchte sich mit einem lustigen Videolog zu einigen ESC-Veranstaltungen. Wozu braucht Herr Niggemeier die Krautreporter? Oder besser gefragt: Wozu braucht der Leser, der sich für das interessiert, was er schreibt, das Onlinemagazin Krautreporter?

Ich stimme hier Anna Berg zu, die sagt:

DAS hätte mich neugierig gemacht. Mal neue Namen und Stimmen zu bekannten Themen zu lesen: warum nicht mal eine Frau zu Geschichten zur Sportpolitik (statt immer der ewige Jens Weinreich)?

Werbefreier Journalismus

Diese Attitüde, dass unabhängiger Journalismus nur werbefrei funktionieren kann, kann ich nicht nachvollziehen. Dieses Urteil mag für kleinauflagige Lokalblätter gelten (wobei ich ihnen da nicht Unrecht tun möchte), aber große Zeitungen / Zeitschriften / Portale  müssen sich vor großen Auftraggebern nicht fürchten. Denn auch dort weiß man durchaus zu schätzen, wenn Journalisten wirklich mal ihren Job machen, sachlich und vor allem ausgewogen (!) berichten. Mich stört Werbung nicht grundsätzlich. Mir ist wichtig, dass sie sich von der Redaktion unterscheidet, was – zugegeben – in vielen Titeln so nicht gelingt. Ich meine aber, dass Journalisten gut daran täten, ihre Nase nicht so hoch zu tragen (Werbung und PR sei igittpfuibäh). Denn: Beide, sowohl Industrie als auch Journalisten, könnten sehr gut nebeneinander bestehen. Mit Betonung auf Nebeneinander. PR und Werbung ersetzen keinen Journalismus.

Wer das nicht glaubt, darf sich mal bei Fachzeitschriften umschauen, die eine sehr klar umrissene Zielgruppe haben. Zahnärzte zum Beispiel. In deren Medien (es gibt hier übrigens über 100 Titel!) werden gelegentlich so genannte Anwenderberichte veröffentlicht. Sie zeigen, wie ein Zahnarzt ein bestimmtes Produkt (etwa ein neues Komposit) in seiner Praxis nutzt. Dafür bekommt er Geld vom Hersteller. Ich dachte anfangs auch: Igitt, das ist Werbung, das liest doch keiner. Weit gefehlt! Zahnärzte wissen solche Berichte richtig einzuschätzen, und sie sind durchaus interessiert an der Meinung des Kollegen, wenn diese schlüssig begründet (!)  wird.

Die Frauenfrage

Dazu gab es von weitaus kompetenterer Stelle schon ausreichend Feedback. Mir persönlich ist eine Frauenquote nicht wichtig, ich lese Geschichten gerne, wenn sie gut geschrieben sind, das Geschlecht des Autors ist da zweitrangig. Aber: Der Hinweis von Wolfgang Lünenbürger hat mich nachdenklich gemacht. Er schreibt in seinem Blog „Haltungsturnen“:

„… dass Dinge, für die sich kaum Frauen finden ließen, um mitzumachen, mitzudiskutieren etc auch echt doof waren. Und dass die Jungs es besser gelassen hätten. Denn die Bereitschaft von Frauen, sich zu engagieren und zu beteiligen, ist ein ziemlich guter Indikator für Undoofheit, so ist meine Erfahrung.“

Darüber lohnt es sich, länger nachzusinnen. Zumal ich die Haltung einiger Kritiker teile, dass es nur eine Ausrede sein kann, dass nur wenige Frauen ihre Bereitschaft signalisiert hätten, mitzumachen. Frauen schauen bei solchen Projekten sowohl auf ihre Chancen als auch auf ihre Risiken, sie sind in solchen Dingen – so meine Erfahrung – sehr pragmatisch: Offensichtlich bewerteten sie in diesem Fall die Risiken höher. Abgesehen davon fielen mir ad hoc  einige Kolleginnen ein, die Expertise hätten einbringen können, wo man sie von Frauen vielleicht nicht gleich erwartet. Doch sehr wahrscheinlich wussten sie von dem Projekt auch gar nicht, weil es ein Zusammenschluss von Leuten ist, die einander kennen. Und dazu: siehe oben!

Die Sache mit dem Geld

Mir erscheint das „Crowdfunding“ dieses Projekts ein wenig seltsam, womit ich offensichtlich nicht allein bin, wenn man in den Beitrag von Ulf J. Froitzheim einmal schaut, der deutlich härter mit den Krautreportern ins Gericht geht. Man hätte es meiner Ansicht nach Spende nennen können, denn letztlich ist es nichts anderes (wohl aber: steuerlich). Allerdings: Die Unterstützer erwerben mit ihrem finanziellen Beitrag lediglich das Recht zu kommentieren, eventuell auch die Möglichkeit, vor Veröffentlichung einer Geschichte Feedback zu geben, wie es der designierte Chefredakteur Alexander von Streit in einem Interview angedeutet hat. Das klingt interessant, aber: Die veröffentlichten Texte werden frei zugänglich sein. Ich soll also vorab für etwas bezahlen, von dem ich nicht weiß, was genau sich dahinter verbirgt (Katze im Sack), und was ich später auch für lau lesen kann. Wenn es ein von den Lesern finanziertes Projekt sein soll, kommt mir das halbherzig vor, zumal es ja Ideen und Möglichkeiten für Bezahlungen einzelner Artikel oder gar Abos gibt.

 

Genauso irritierend finde ich, dass Pauschalhonorare von 2000 bis 2500 Euro gezahlt werden sollen (aktualisiert 4.1.15: Gezahlt wird pro Beitrag, derzeit sind es 500 Euro), wenn der Kollege vier Geschichten (wozu auch immer) pro Monat abliefert. Eine Geschichte pro Woche. Aus Sicht des Journalisten: eine Woche für eine Geschichte. Da wohl kaum einer exklusiv für Krautreporter arbeiten dürfte: Wie soll das gehen? Kann man so den wirklich ehrenwert hohen Qualitätsansprüchen gerecht werden? Ich habe Zweifel!

 

Und hier die Links zu interessanten Beiträgen zum Thema:

 

Hier geht es um die Frauenquote.

Kritiker-Bashing.

dasnuf hat Erbsen gezählt.

Christian Jakubetz hat das wahrscheinliche Scheitern der Krautreporter so kommentiert und damit nach meiner Ansicht den Nagel auf den Kopf getroffen.

Jens Scholz findet ähnliche Argumente gegen die Krautreporter.

Ein sehr bissiger Kommentar von Tobias Schwarz, der dennoch Geld gegeben hat und es nach eigener Aussage nicht bereute.

Marc Wickel hat eine erste (wenig erbauliche) Bilanz der Krautreporter gezogen.

 

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