Ist Grundschule jetzt ein Spa?

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Ich freue mich, mein K2 in einer anderen Grundschule angemeldet zu haben als K1. Sie liegt näher als die andere Schule, viele Freunde von K2 werden dort auch hingehen, der Schulleiter macht einen patenten Eindruck und spricht nettes Kölsch. An den Türen steht „trecke“ und „dräue“. Die Soz-Päd. ist eine wirklich nette Frau, sie kann wunderbar mit den Kindern umgehen, macht in den Kindergärten auch die Delfin-(Sprach-)Tests, eine sehr angenehme Frau. Die heute auf dem Info-Abend vorgestellten möglichen KlassenlehrerInnen (ja, ein Mann ist dabei) machen ebenfalls einen freundlichen Eindruck. Es ist eine Schule „auf dem Weg zur Inklusion“, wie die dafür verantwortliche Dame sagte, mit einem interessanten Konzept. Man ist der Regel zu zweit in einer Klasse, gegebenenfalls wird diese geteilt: Die Hälfte lernt weiter mit der Lehrkraft, die andere Hälfte wird gefördert durch eine Soz-Päd. In einer Klasse von maximal 20 Kindern!

Aber das ist noch nicht alles: Die Kinder können in einem gewissen Zeitfenster in die Schule kommen. Zwischen 8 und 8.15 Uhr ist es fein, wenn’s halb 9 wird, egal. Die erste Stunde ist fürs Ankommen gedacht, für Fragen an die Lehrer, fürs Quatschen mit den Freunden, für Übungen, fürs Nacharbeiten dessen, was am vorangegangenen Tag nicht geschafft wurde. Im Klassenraum gibt es Sitzkissen, Kopfhörer für jene Kinder, die mal Ruhe brauchen, Rückzugsmöglichkeiten. Hausaufgaben in dem Sinne gibt es nicht, sondern einen Wochenplan mit Pflicht- und Fakultativ-Aufgaben.

Nach der Schule gibt es Mittagessen und eine Lernzeit. Für den Wochenplan. Oder eben eine AG. Was freitags stattfindet, wird schuldemokratisch entschieden. Die Räumlichkeiten sind unterschiedlich, gerne der Klassenraum, der dann entsprechend verwandelt wird, was prima geht, weil viel so gestaltet wird, dass nur umgedreht werden muss. Decken und Kuscheltiere. Musik. Spielzeug.

(Un)fit für die weiterführende Schule

Ja. Und? Was will ich eigentlich? Klingt doch traumhaft. Genau. Vielleicht brauche ich einfach noch ein paar Tage, um zu diesem Schluss zu kommen. Jetzt, so kurz danach, bin ich einfach nur konsterniert und frage mich: Das ist Schule heute? Es fehlt eigentlich nur noch der Pool und die Sauna – man könnte meinen, man sei in einem Spa!

Ja, Schule soll Spaß machen. Ja, der Übergang vom Kindergarten zur Schule ist ein großer Schritt (naja, wenn man das liest, könnte man das anders denken). Ja, die Kinder sollen Kind sein dürfen. Ja, es ist toll, dass es den Kindern so angenehm wie möglich gemacht wird.

Der große Knall kommt dann mit der weiterführenden Schule, womit die Grundschule dann nichts mehr zu tun hat. Denn dort gelten andere Regeln. Und da kann ich jetzt mitreden. Auf dem Gymnasium …

  • … werden Hausaufgaben aufgegeben. Und die haben auch zur nächsten Stunde fertig zu sein. Wenn nicht, gibt es nach zweimal vergessen einen Brief an die Eltern.
  • … müssen die Arbeitsmittel immer parat sein, zweimal vergessen sorgt für Stress mit den Eltern, da die dann Post bekommen.
  • … heißt 7:55 Uhr Stundenbeginn 7:55 Uhr Stundenbeginn. Nicht 7:50 und schon gar nicht 8:05 Uhr.
  • … fragt keiner danach, ob jemand denn Lust darauf hat, bestimmte Aufgaben zu machen. Und es fragt auch keiner, ob die Klasse Bock hat, jetzt mal auf englisch weiterzumachen. Es wird eine bestimmte Leistung verlangt, und wer das (langfristig) nicht packt, wird entweder in teure Nachhilfen und Förderprogramme gesteckt oder angehalten, die Klasse zu wiederholen.
  • … interessiert nicht, dass die Kinder gestresst sind ob der Anforderungen oder der Klassengrößen mit 30 Kindern und mehr. Es wird fast vorausgesetzt, dass entweder ein Instrument erlernt oder Sport auf Leistungsniveau betrieben wird. Darunter machen wir es nicht. Wie das gelingt, kümmert in der Schule kaum jemanden (einmal abgesehen von den absoluten Könnern, die Hochleistungssport betreiben [hier in K: beim EffZeh spielen]; dafür gibt es separate Stundenpläne); die Eltern werden das schon richten.

Ich habe (Stand jetzt) schlicht und einfach Angst, dass mein K2 auf diese Art von Schule (NRW: G8) denkbar schlecht vorbereitet wird. Sie erlernen in der Grundschule das Konzept Hausaufgaben nicht mehr, es wird viel Rücksicht auf Befindlichkeiten genommen, es wird viel Wert auf Kommunikation, Umgang miteinander usw gelegt, was ich absolut begrüße. Nur: Kommt der andere, sehr wesentliche Lehrauftrag hier nicht zu kurz? Ich kann die Balance zwischen dem WAS und dem WIE (noch) nicht richtig erkennen. Ich fürchte, dass K2 hervorragend Streit schlichten und sich in einer Gruppe ein- (oder gar unter-) ordnen kann, aber nicht mehr lernt, wie man in Schreibschrift schreibt, was ein Dreisatz ist oder dass man Haupt- und Nebensatz mit einem Komma voneinander trennt – einfach, weil dafür keine Zeit mehr bleibt bei allem Bemühen (kann das überhaupt gelingen?), allen Kindern gleichermaßen gerecht zu werden.

Der Schulleiter meinte eingangs, wir Eltern sollten nicht so viel Aufhebens um den ersten Schultag machen. Es sei doch nichts Besonderes. Im Grunde sei Schule doch nur Kindergarten mit anderen Mitteln. Ich verstand am Ende, was er damit meinte.

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Mama notes sagt:

    Ganz ehrlich? Das klingt für mich einfach wunderbar und es wäre auch Gymnasien zu wünschen, die erste Stunde von 8-8.45 zum Ankommen zu nehmen. Wahrscheinlich werden sich die Sitten, auch was Hausaufgaben angeht, noch von der 2. auf die 3. und auf die 4. Klasse ändern. Abgesehen davon sind die Kinder mit 10/11, wenn es auf die weiterführende Schule geht, doch viel fähiger, die neue und größere Verantwortung für Hausaufgaben & Co. zu übernehmen, also mit 6.
    Also für mich klingt das perfekt. Und ein Spa hat gar keine Hausaufgaben. Dat is was janz anderes! 😉

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    1. mrscgn sagt:

      Danke für Deinen Kommentar.
      Da ich ja ein Kind auf dem Gym habe, weiß ich, dass es so einfach eben nicht ist. Klar klingt das toll mit der Grundschule. Ich werde mir die Zeit geben, das mit K2 alles kennenzulernen. Momentan bin ich einfach noch total unsicher. :-/

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      1. man könnte ja auch ähnlich wie meine Vorrednerin argumentieren, dass Kindheit und Jugend eine Entwicklungszeit ist. Daraus ließe sich ableiten, dass ein 11 jähriges Kind über andere, entwickeltere, „reifere“ Ressourcen verfügt, um mit gestiegener Erwartungshaltung umzugehen.
        Inzwischen dürte auch die Annahme relativ belegt sein, dass früher Schul- (und Lern-Leistungsbeginn) pünktlich um 7h55 als suboptimal anzusehen ist. Man sollte auch nicht unterschätzen, dass viele Kinder durchaus unter so etwas wie (negativem) Stress leiden, da von ihnen praktisch über den ganzen Tag fortwährend „Leistung“ abverlangt wird. Nur weil unsere Leistungsgesellschaft bestimmte Dinge abverlangt, sind die noch lange nicht gut. Daher finde ich derartige Ansäzte interessant und sogar notwendig. Gleichwohl verstehe ich dein Unbehagen, meine aber, dass die Kinder „der Ernst des Lebens“ schon früh genug ereilt. Entscheidend scheint mir, dass die Anforderungen entwicklungsgemäß (und nicht allein gesellschaftsgemäß) gesteigert werden. Denn natürlich, da hast Du unbestreitbar Recht, sind Gynmasium oder gar später die Uni kein Ponyhof.
        Übrigens war meine Nichte auf einer staatlichen Reformschule, wo es auch projektorientierten Unterricht und dergleichen gab. Und stell Dir vor, sie hat dennoch 😉 gerade ihr Abitur geschafft. Don’t panic!

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