Ich will alles. Und zwar sofort.

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Vor kurzem las ich einen Blog darüber, dass sich eine gut ausgebildete und promovierte Akademikerin neben ihrem Muttersein auch eine Karriere wünscht. Eine, die sich adäquat zu ihrer Ausbildung verhält und sich mit ihrem Dasein als alleinerziehende Mutter von drei Kindern vereinbaren lässt.

Für mich war das Anlass, über das Thema Karriere nachzudenken, auch darüber, wie dazu eine wie auch immer geartete Familiensituation passt.

Zunächst: Die Entscheidung für ein oder mehrere Kinder ist heute bei den meisten eine sehr genau geplante und bewusste Entscheidung. Das war einmal anders. Ich wurde zu einer Zeit geboren, als Empfängnisverhütung noch nicht das große Thema war, entsprechend „unpassend“ war der Zeitpunkt meiner Ankunft. Meine Eltern waren beide mitten im Studium. Mit Baby im Studentenwohnheim zu leben, Betreuung im Studentenkindergarten – das gab es nicht. Meine Betreuung wurde schnell zu einer Aufgabe für die ganze Familie, ich verbrachte als Baby viel Zeit bei Omas und Tanten. Das war für meine Mutter schwer und machte sie nicht unbedingt glücklich, aber sie ging ihren Weg. Sie schloss ihr Studium ab und übernahm eine anspruchsvolle Tätigkeit in der chemischen Forschung. Da war ich vier Jahre alt, ging in einen Kindergarten mit (aus heutiger Sicht) traumhaften Betreuungszeiten, kam später in die Schule, die über einen Hort verfügte. Das wurde damals, so erzählt es meine Mutter, eigentlich kaum hinterfragt, es war einfach so.

All das änderte sich in den vergangenen 30 Jahren. Dazwischen lag die Vereinigung der beiden deutschen Staaten, durch die sehr unterschiedliche Lebenskonzepte, insbesondere der Frauen, aufeinander prallten. Die Frauen aus dem Osten fühlten sich emanzipiert, weil sie arbeiteten (teilweise auch mit großer Verantwortung) und Familie hatten, lernten jetzt aber auch das Modell der Frau kennen (und schätzen?), die das kleine Kind selbst betreut. Darüber entspann sich dann eine Diskussion über die Frage, wie denn die optimale Familiensituation aussieht: Bin ich eine schlechte Mutter, wenn ich mein Kind fremdbetreuen lasse? Bin ich eine doofe Frau, wenn ich, gut ausgebildet, in meinem Beruf pausiere, weil ich mich um die Kinder kümmere? Inzwischen sind wir Frauen so weit, dass wir sagen: Eigentlich muss doch beides möglich sein. Alles muss möglich sein. Und zwar sofort.

Zu diesem Thema gab es bereits in der FAS eine interessante Debatte, die hier und hier nachzulesen ist, die mich fragen ließ: Kann das funktionieren, dass alles zu jedem Zeitpunkt perfekt ist? Der Partner (Partnerin), Kind(er), Job, Freundeskreis, das Leben überhaupt?

Ich gebe es zu: Ich dachte eine sehr lange Zeit, ja, das geht. Das hat zu funktionieren. Weil ich es will. Weil ich es kann. Eine moderne Familie wie wir bekommt das doch hin – Mann und Frau in gut bezahlten Jobs, Kind in einer traumhaften Eltern-Kind-Initiative betreut. Aber wie das häufig so ist: Wenn man erst einmal in der Situation ist, die man sich vorher so schön ausgemalt hat, laufen viele Dinge doch ganz anders. Um es klar zu sagen: Ich bin an den Erwartungen, die ich an mich selbst stellte (ich will alles, ich will es sofort, ich will es perfekt), gescheitert. Folgerichtig! Denn: Allzeit postulierte Perfektion hat einen Preis. Den nimmt jeder anders wahr und bewertet ihn auch unterschiedlich, aber er ist da: Der Tag hat nur 24 Stunden. Die Zeit, die ich für das eine aufwende, habe ich in dem Maße für das andere nicht. Höchste Ansprüche an sich als Person, als berufstätiger Mensch, als Elternteil sind, will man alles sofort, mit dem begrenzten Zeitbudget eines Tages nicht hinzubekommen.

Eine Frage der Prioritäten

Daher plädiere ich für eine Priorisierung, die immer wieder, wenn auch nicht täglich oder wöchentlich, angepasst wird. Es geht dabei weniger um die Frage, WAS ich möchte (alles, ist doch klar), sondern WANN ich es möchte (alles zeitgleich geht nicht), und WIE ich es möchte (es muss sich gut und richtig anfühlen). Darauf gibt es ganz individuelle Antworten, die jeder für sich selbst finden und bewerten muss. Mein Punkt ist:

Wer sich dafür entscheidet, beruflich alles auf eine Karte zu setzen, sollte mit den Kompromissen, die man dann beim Familienleben eingehen muss, gut leben können. Wer sich dafür entscheidet, der Familie oberste Priorität einzuräumen, sollte damit umgehen können, dass dies die beruflichen Möglichkeiten auf die eine oder andere Art einschränkt. Wer für sich entscheidet, alles gleichzeitig in Balance zu bringen, sollte die eigenen Ansprüche dem anpassen.

Das war dann mein Weg. Weil ich für mich entschieden habe, es mir und anderen nicht mehr beweisen zu müssen, dass ich eigentlich alles könnte, und zwar sofort – denn natürlich kann ich das bei meinen hohen Ansprüchen an mich selbst nicht. Ich hatte meine Zeit des beruflichen Durchstartens, ich hatte eine intensive Zeit mit Kleinstkindern, und ich kann jetzt (!) gut damit leben, von beidem nicht mehr das Maximale zu haben.

Übrigens: Im Grunde gilt das alles auch für Männer. Sie bekommen zwar selbst die Kinder nicht, werden aber Väter und nehmen das in vielen Fällen auch sehr ernst. Auch sie müssen für sich Prioritäten setzen. Dass sie sich scheinbar (!) mehrheitlich damit etwas leichter tun, ist ein anderes Thema.

 

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