Huch. Ich bin eine Feministin.

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Ich habe mir vor kurzem das Buch „Stand up“ von Julia Korbik gekauft. Ich gebe zu, dass es ein komisches Gefühl ist, von einer deutlich jüngeren Frau erklärt zu bekommen, was sich denn genau hinter diesem großen Wort „Feminismus“ verbirgt. Ich meine das sehr positiv, denn ich gehöre in dieser Sache wohl zu jenen, die vor lauter Wald die Bäume gar nicht gesehen haben. Denn: Natürlich war und bin ich eine Feministin. Huch. Und das kam so:

Wie ich schon mal in einem anderen Blogbeitrag schrieb, habe ich als Mädchen und junge Frau die Gleichberechtigung von Mann und Frau (und um die geht es ja) von meinen Eltern vorgelebt bekommen. Sie haben sich beide um mich gekümmert, haben immer beide voll gearbeitet, sich die Hausarbeit geteilt und sogar darauf geachtet, dass das Auto von beiden etwa gleich oft gefahren wurde. Ich habe auch in der Ausbildung keine Diskriminierung erfahren: Der Salär war für alle Volontäre gleich, und ich durfte sogar in der Sportredaktion lernen, auch wenn der Ressortleiter ein ausgewiesener Macho war und von Frauen in Sportredaktionen mal so gar nichts hielt. Während des Studiums waren wir Mädels überrepräsentiert, ohne oder gegen uns lief gar nichts. Meine ersten Jahre als Redakteurin erlebte ich durchaus gleichberechtigt, ich verdiente nie weniger als meine männlichen Kollegen gleichen Alters (oder mit vergleichbarer Ausbildung/Erfahrung), später eher mehr. Also alles fein, oder?

An dieser Stelle ein Zitat aus oben erwähntem Buch:

Wenn Männer von den gesellschaftlichen Verhältnissen, so wie sie sind, profitieren, nur weil sie Männer sind, bedeutet das gleichzeitig, dass Frauen aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden. Sexismus ist ein wirkungsvolles Instrument, um Machtverhältnisse herzustellen und zu bewahren.

Denn genau das erlebte ich dann später, nämlich mit der Geburt meines ersten Kindes. Auf einmal wurde ich nicht mehr als Mensch, sondern als Frau und besonders als Mutter wahrgenommen; und vorbei war es mit der Gleichberechtigung: Man sagte mir, natürlich nur inoffiziell mit dem Hinweis, das offiziell immer zu leugnen, dass man froh sei, dass ich mich selbständig machen wollte, man hätte sonst über eine Kündigung nachdenken müssen, weil man befürchtete, ich würde noch ein zweites Kind bekommen, und das sei ihnen schlicht zu teuer. Über einen anderen Vorgesetzten raunte mir eine Kollegin einmal zu: Du darfst bei ihm Kinder haben, man darf es aber nicht merken. Und privat merkte ich auf einmal: Du bist ’ne Frau und hast als solche erst mal überhaupt keine Ahnung von  … genau: Fußball! In der Kommentatorenspalte eines Blogs belächelt, bei Treffen natürlich als Frau statt als Fan wahrgenommen, als Redakteurin von oben herab behandelt – denn ich schrieb ja nicht zum Thema Sport, könne also auch nicht mitreden, wenn es um die Berichterstattung über denselben ging.

Für die Sache der Frauen im Kleinen eintreten

Ich habe im Laufe der Zeit eine Art des Umgangs mit diesem alltäglichen Sexismus gefunden und werde darin – wahrscheinlich eine Frage des Alters – auch immer konsequenter. Ich überlege mir heute sehr gut, an welchen Diskussionen ich mich beteilige, insbesondere beim Fußball. Hier machte ich bei den Gesprächen zur Ausgliederung der Profifußball-Abteilung des HSV die angenehme Erfahrung, durchaus als Fan wahrgenommen worden zu sein, nicht als Frau, die qua Geschlecht nicht weiß, wovon sie redet. Ich gehe inzwischen ganz bewusst zum Frauenfußball (hier in Köln findet seit einigen Jahren das Pokalendspiel statt) und sage das auch jedem, der es (nicht) hören will. Dass viele Männer das für eine gänzlich andere Sportart halten, als sie Männer praktizieren, macht mich wütend und ist eigentlich einen extra Blogpost wert. Mir hilft es natürlich, dass ich mich jetzt im eigenen Blog äußern kann, wenn mir etwas auf der Seele brennt, nachzulesen hier und hier.

Beruflich kann ich als Selbständige den Preis meiner Leistung selbst bestimmen und weiß, dass der nicht unter dem liegt, was Männer für die gleiche Arbeit bekommen. Darüber hinaus kann ich (zumindest gelegentlich) über die Wahl der Interviewpartner für meine Geschichten schon einen kleinen Teil dazu beitragen, die Sache der Frau in den Fokus zu rücken: So sprach ich für einen Beitrag über linkshändige Behandler in der Zahnmedizin ausschließlich mit Zahnärztinnen. Und sie formulierten darin sehr klar ihre Anforderungen an die Industrie, auf deren Seite ich ebenfalls zweimal mit Frauen (Produktmanagerinnen) zu tun hatte.

Letztlich läuft es immer wieder auf eines hinaus: Ich möchte in erster Linie als Mensch wahrgenommen werden (danach kann weiter spezifiziert werden als Frau, Ehepartnerin, Mutter, Tochter, Freundin usw). Denn wenn Menschen einander primär als Menschen wahrnehmen, ist es nicht mehr weit bis zur Gleichberechtigung. Es lassen sich dann aus Geschlechtern keine Machtansprüche mehr ableiten, die es zu erorbern oder zu verteidigen gilt, weil sie einfach keine wichtige Rolle spielen. Es gibt keine Klassenunterschiede zwischen Männern und Frauen, sie lassen sich auch nicht aus biologischen Unterschieden herleiten, da diese keine (gesellschaftliche) Überlegenheit über das andere Geschlecht bestimmen.

Es ist mir bewusst, dass es in der Realität anders stattfindet. Umso wichtiger erscheint mir daher, dass beide Geschlechter bei diesem Thema mit von der Partie sind. Das arbeitet Julia Korbik in ihrem Buch heraus, das hat auch schon der amerikanische Soziologie-Professor Michael Kimmel  in seinem Beitrag „Come on guys“ („Der Freitag“, 05.10.12) formuliert. Und es beginnt damit, dass auch wir Frauen uns in erster Linie als Mensch (nicht als Frau oder Mutter!) wahrnehmen. Das erhöht die Chance, als solcher behandelt zu werden, ganz bestimmt.

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Mamamotzt sagt:

    Danke! Werde auch klammheimlich Frauen mehr in den Mittelpunkt meiner Reportagen stellen!
    Hab diese ätzende Behandlung als ‚Frau mit Kindern‘ dermaßen satt. Konnte tatsächlich mangels Kraft früher nix entgegensetzen.
    Dein Beitrag ist ein schicker Wachmacher! :*
    LG Mamamotzt

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