Dem Trotz irgendwie trotzen

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Trotzig, wütend, schlechgelaunt – jedes Elternteil hat sein(e) Kind(er) so schon mehr als einmal erlebt. Und immer wieder fragt man sich: Geht das nur mir so? Wie löse ich das Problem? Wie gehe ich damit am besten um, so dass sich alle Beteiligten bald wieder wohlfühlen? Die liebe Mama on the rocks hat ein solches Erlebnis heute verbloggt und um Erfahrungen, Hinweise gebeten. Wohlan.

Zunächst: Jeder Mensch hat nach meiner Meinung das Recht auf schlechte Laune, auf einen schlechten Tag, auf Wut, auf Trotz. Das sind ganz normale Emotionen, die uns als Menschen irgendwie auch ausmachen. Zum Problem werden diese Emotionen, wenn sie auf andere Menschen treffen, weil Kommunikation dann nahezu unmöglich wird, von Lebensqualität will ich gar nicht sprechen. Wenn wir Erwachsene auf Erwachsene mit solchen Emotionen treffen, bekommen wir das in der Regel gut gelöst: Man fragt nach, hört zu, tröstet vielleicht oder lässt, wenn gewünscht, einfach in Ruhe. Doch bei Kindern scheinen diese Konzepte nicht zu funktionieren. Sie flippen aus Erwachsenensicht völlig unerklärlich aus, sind dann nicht ansprechbar, steigern sich eventuell noch mehr rein, und die Eltern stehen dem mitunter recht hilflos gegenüber.

Der eigenen Intuition vertrauen

Um es kurz zu machen: Ich habe kein Patentrezept für den Umgang mit solchen Situationen. Das gibt es wahrscheinlich auch gar nicht. Aber ich habe Dank zweier Kinder (derzeit 11 und 6) ein paar Erfahrungen gesammelt, die vielleicht Denk- und/oder Handlungsanstöße geben könnten. Dass solche Anfälle meist nicht den Eltern als Person gelten, ist klar. Das sagen uns Müttern schon unsere Mütter und Schwiegermütter. Und dass wir hier über Phasen reden, die durch andere abgelöst werden, muss auch nicht mehr erläutert werden. Also: Was könnte weiterhelfen?

1) Situationen beobachten, wann es von den Kindern wütende/trotzige Reaktionen gibt
Mitunter hilft das, um sich dann später zu überlegen, wie man schon im Vorfeld die Situation entspannen kann. Beispiel: Bei uns ist es regelmäßig ein Drama, wenn es darum geht, die Zimmer aufzuräumen. Was haben wir da schon für Theater erlebt! Genauer will das hier keiner wissen. Aus diesen Erfahrungen heraus versuche ich nun, frühzeitig, in einer entspannten Situation, darauf aufmerksam zu machen, dass noch aufzuräumen ist. Ich biete immer an, mitzuhelfen, wenn bestimmte Dinge nicht klappen wollen, kündige an, dass es so lange keine weiteren (anderen) Aktivitäten gibt, bis das erledigt ist. Was ich auch einhalte. Das klappt nicht immer, aber immer öfter 😉
Wenn es ums Anziehen geht, empfehle ich das Rauslegen am Vortag und es das Kind allein machen zu lassen; das führte hier zu seltsamen Kombinationen, aber was soll’s, so lange es der Jahreszeit angemessen war, egal. Und: Wir stehen hier frühzeitig auf (mir fällt das zugegeben auch sehr leicht), so dass höchstselten zeitlicher Stress entsteht.

2) Wenn es droht, laut und unübersichtlich zu werden
Eine räumliche Trennung von Kind und Elternteil hat sich bei uns sehr bewährt. Das war mal ein Tipp aus einem Elterntraining. Die Mutti, die diese Eltern-Gruppe betreute, erzählte davon, dass sie sich notfalls selbst im Bad eingesperrt hatte. Ich mach‘ das heute ähnlich. Wenn ich merke, dass ich bei einem Kind nicht weiterkomme, schaffe ich räumliche Distanz. Entweder geht das Kind freiwillig in sein Zimmer (klappt bei K2 super, sie brüllt sich dort alles von der Seele und kommt nach 5-10 min wieder raus, beruhigt, versteht sich), oder ich gehe ins Büro oder ins Schlafzimmer und mach die Tür hinter mir zu (mein Mann macht das übrigens auch so!). Ich habe es mit dem K1 so besprochen, dass das nicht bedeutet, dass ich davonlaufe oder so, sondern dass dies dazu dient, uns die Möglichkeit zu geben, runterzukommen. Und wenn die Stimmung besser ist, reden wir darüber. Das funktioniert wirklich immer besser.

3) Jeder hat mal einen schlechten Tag oder schlechte Laune
Auch hier gibt eine Familienvereinbarung: Wer sich nicht so gut fühlt, zieht sich einfach mal zurück. Das bedeutet nicht, dass man ausgeschlossen wird, sondern dass man sich für sein Gefühl einfach Zeit nimmt. Für Erwachsene: Zeit, um in sich reinzuspüren, was einem denn genau die Laune so verdorben hat. Für die Kinder: Man wird nicht angemotzt, bekommt trotzdem was zu essen und zu trinken, darf auch einfach mal im nicht-aufgeräumten Zimmer sein .. Dahinter steht für mich das Konzept des „Gesehen-Werdens“, was nicht das optische Sehen, sondern das Wahrnehmen der Person als Ganzes meint. Ich signalisiere dem Partner/dem Kind: Ich spüre, dass Du Dich gerade nicht so toll fühlst. Wenn Du reden magst, bin ich hier, wenn nicht, ist das okay, ich bohre nicht weiter nach.

4) Eigene Gefühle zulassen
Mir hilft es, wenn ich mich über diese schwierigen Situationen bei jemandem „auskotzen“ kann. Das muss nicht unbedingt der Partner sein, manchmal empfinde ich eine Freundin/einen Freund als passenderen Gesprächspartner. Ich muss dann auch mal weinen, um den Druck loszuwerden, denn natürlich frage ich mich bei diesen Pubertätsausbrüchen von K1 immer, was ich denn falsch gemacht hätte (wohl auch normal). Bei größeren Kindern lässt sich das mit Gesprächen, in denen die Eltern auch ihre Bedürfnisse und Gefühle thematisieren, ganz gut angehen (wenn auch nicht final lösen, ginge das überhaupt?). Bei kleineren Kindern halte ich Diskussionen generell für schwierig, daher war meine Lieblingsantwort auf diese nervigen Warum-Fragen: „Weil ich das sage, weil ich das so möchte.“ Für einen Erwachsenen ist das unbefriedigend, na klar, aber Kinder sehen ihre Eltern anders, und es reicht dann für bestimmte Momente völlig aus, es so zu sagen. Kinder sind eben keine kleinen Erwachsenen.

Es muss sich für jedes Familienmitglied richtig anfühlen

Alles nicht neu, ich weiß, eher ein Sich-in-Erinnerung-Rufen. Darüber hinaus half mir der innerliche Abschied vom Perfektionsgedanken. Ich kann inzwischen gut damit leben, wenn es nur „gut“ oder „erträglich“ ist. Niemand ist perfekt. Auch in Familien, die nach außen so erscheinen, ist es das nicht. Es ist wohl eher die Art der Wahrnehmung anders: Ich habe beispielsweise eine Freundin (eine sehr reale, liebe Cloudette), die immer wieder betont, wie harmonisch das Familienleben bei ihr sei (Mann, zwei Jungs). Wenn es dann ins Detail geht, staune ich nicht schlecht, was sie so unter Harmonie versteht – ich höre da ganz häufig mittelschwere Katastrophen heraus. Aber das sind sie nicht, die Familie löst das für sich immer wieder mit klaren Ansagen auf. Nach jeder Auseinandersetzung gibt es schöne Momente, und die wiegen für sie einfach deutlich schwerer, wenn es um eine Art „Bilanz“ geht, und daran erinnern sie sich auch immer wieder. Es zählt das Vertrauen zueinander, dass jeder in der Familie so sein darf, ohne den Verlust der Zugewandtheit (!) zu riskieren. Und: Sie haben da einfach einen Weg gefunden, so dass sich alle letztlich damit wohlfühlen – für mich der entscheidende Punkt! Denn genau das sieht in jeder Familie anders aus: Was sich für die einen toll anfühlt, ist für die andere nicht machbar. Daher mein Plädoyer dafür, nicht auf andere zu schielen, sondern in sich hineinzuspüren, was gut tut, was passt; wie muss es laufen, dass sich jeder in der Familie „gesehen fühlt“.

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3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Danke vielmals für den Post! Ich werde sicher vermehrt versuchen, Situationen im Vorfeld zu deeskalieren, wenn das überhaupt geht. LadyGaga ist momentan jeden Tag anders drauf…Aber Dein Post macht mir Mut. Ich sage meiner Tochter auch immer, dass ich sie lieb habe, egal wie sie drauf ist. Und dennoch fürchtet sie sich vor meinem Liebesentzug, weint und heult, wenn sie merkt, dass ich mich ärgere. Aber ich kann dann auch nicht aus meiner Haut raus. Hoffentlich wirft sie mir das mit 20 nicht plötzlich vor („Mami hat mich verkorkst!“)

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  2. cloudette sagt:

    “ .. nicht auf andere zu schielen, sondern in sich hineinzuspüren, was gut tut, was passt; wie muss es laufen, dass sich jeder in der Familie “gesehen fühlt”.“ Ganz genau! Danke für den Einblick und deine Tipps!! (Und Grüße an die Freundin 😉 )

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  3. Mamamotzt sagt:

    „Dass sich jeder in der Familie gesehen fühlt …“
    That’s it!
    Vielen Dank dafür!

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