Erziehung ist, wenn es sich final gut anfühlt

Irgendwie ist es verrückt. Ich daddele durch Twitter, und dann schubst mir mal wieder die geschätzte @Mama_notes einen Blogpost in die Timeline. Diesmal diesen hier von Michaela Albrecht, auf Twitter unter @woerterfall zu lesen: „Erziehung ist Glückssache“. Schon mal eine provokante Headline. Und was dann erst drinsteht: Erfolg bei Essensgewohnheiten, Misserfolg bei der Körperhygiene. Da fing es schon an, in mir zu arbeiten.

Ich kommentierte es bereits in ihrem Blog, aber das passt für mich alles so nicht: Ich will nicht leugnen, dass ich die Erziehung unserer Kinder anfangs schon irgendwie als „Projekt“ sah. Ich hatte da gewisse Ziele und gedachte, diese auch bestimmt, aber mit Liebe durchzusetzen. Erfahrene Mamis werden jetzt milde lächeln, und sie haben völlig Recht damit. Denn natürlich hat das so nicht funktioniert. Erziehung ist eben kein Projekt, irgendwie schon eine Aufgabe, aber eben keine, deren „Erfolg“ sich meiner Ansicht nach messen ließe. Denn dafür brauchte es Kriterien, und welche sollten das sein?! Würde ich die Maßstäbe anlegen, die ich für mich vor mehr als zehn Jahren – ehrgeizig und naiv zugleich – zurechtlegte, stünde ich heute ganz schön ernüchtert da. Doch stattdessen sage ich heute: Erziehung ist, wenn es sich über alles bilanzierend betrachtet gut und richtig anfühlt.

Ich will das mal an einem Beispiel zeigen:

K1 ist 11 Jahre alt und verhält sich ab und zu merkwürdig, um es mal freundlich zu formulieren. Da gibt es nicht enden wollende Diskussionen darüber, ob sie jetzt einen (Arzt-)Termin wahrnimmt oder nicht. Eigentlich ist das nichts, was zu diskutieren wäre, doch ich kann das Kind ja schlecht zwingen, aufs Rad setzen und wegschubsen. Wenn sie sich weigert, stehe ich erst mal hilflos da (was sie nur zu gut weiß, sie ist ja clever). Das sind Momente, die keiner genauer beschrieben haben möchte und die mich wirklich an meine Grenzen bringen (sie manchmal auch überschreiten), doch ich weiß in diesem Situationen immer: Das hört wieder auf. Sie hat den Termin wahrgenommen, und wir haben Stunden später sehr vernünftig darüber gesprochen und noch einmal die dahinter stehenden Regeln in Erinnerung gerufen. So schmerzhaft diese Phasen sind, es gibt immer zeitnah eine Klärung, eine liebevolle Umarmung, einen Kuss, ein „Ich hab Dich lieb, Mama“ und ein „Ich dich auch, …“. Was ich damit sagen will: Im Grunde ist so eine harte Auseinandersetzung auch ein Vertrauensbeweis. Sie weiß, dass sie hier so sein darf: hysterisch, ausflippend, laut usw. Sie weiß, dass das nie etwas mit unserer Beziehung zueinander zu tun hat, dass ich ihr nie mit Liebesentzug drohen würde, dass sie immer meine (unsere) Tochter sein wird.

Zusammenleben zu viert braucht Regeln

Mein Punkt ist: Wir leben hier zu viert in einer Familie. Damit das Zusammenleben für alle erträglich und vielleicht auch mehr als nur erträglich ist, bedarf es meiner Meinung nach ein paar Regeln. Die Eltern haben die zunächst allein festgelegt, später konnten die Kinder entsprechend ihren Möglichkeiten ihre Bedürfnisse und Wünsche mit einbringen. Mir war dabei immer wichtig, dass sich alle damit wohlfühlen, dass sich jeder ausreichend gewürdigt (um es mal mit Juul zu sagen) fühlt. Und diese Regeln, einmal aufgestellt, werden dann nicht mehr wirklich diskutiert.

Mit Bezug auf den oben erwähnten Blogpost: Dazu gehören zum Beispiel gewisse Tischmanieren. Mir sind diese einfach wichtig. Das wurde hier geklärt und fertig. Inzwischen klappt das sensationell gut. Bei der Frage, wer was isst oder auch nicht, bin ich sehr entspannt. Ich berücksichtige Wünsche vorher, habe auch nichts dagegen, wenn nicht von allem, was angeboten wird, genommen wird, aber Extrawürste gibt es nicht. Ich habe festgestellt, dass es sich ständig verändert, was die Kinder gerade mögen. Mal geht nur Fleisch, mal geht das gar nicht. Gut. Beim Aufräumen der Zimmer gibt es hier noch keine finale Lösung, aber es entwickelt sich. Erfreulich. Ich habe meine Ansprüche hier deutlich korrigiert (und damit meine Verantwortung wahrgenommen, s.u.) und bestehe nur noch auf ein paar Grundregeln, die leichter einzuhalten sind. Das entspannt uns alle sehr. In punkto Reinlichkeitserziehung bin ich wenig kompromissbereit. Wir leben hier alle in einer Wohnung, da gibt es olfaktorische Grenzen. Meine ist da sehr niedrig. Darüber hinaus haben wir eine kleine Liste mit Aufgaben für jeden erarbeitet. Wir achten nicht peinlich genau darauf, aber es erspart unglaublich viel Texterei um solche Fragen, wer den Tisch deckt und abräumt, wer den Müll rausträgt, wer staubsaugt usw.

Es hört sich nach Machtspiel an, wenn ich sage, dass ich als Erwachsene hier die Entscheidungsgewalt habe, es klingt nach oben und unten. Ja, aber daran ist aus meiner Sicht nichts falsch. Eltern und Kinder sind gleichwürdig, nicht gleichberechtigt (Juul). Letzteres können sie nicht sein, da sie noch gar nicht gewisse Verantwortungen übernehmen können. Das erlernen sie im Lauf der Zeit und werden diese dann wahrnehmen, wenn sie älter sind, vor allem dann, wenn sie das Elternhaus verlassen. Wir Eltern tragen hier in diesem Haushalt dafür Sorge, dass alle Interessen angemessen berücksichtigt werden. Verantwortlich sind immer wir Erwachsenen. Niemand sonst.

Erziehung, so wird hoffentlich deutlich, verstehe ich eher als einen begleitenden Prozess, in dessen Verlauf Werte vermittelt, erklärt und geübt werden. Weil wir Eltern sie für uns so definiert haben. In anderen Familien sind das vielleicht andere Werte, entscheidend ist aber, dass die Kinder erfahren: Die Eltern halten sich auch an diese Regeln. Sie leben das vor, was ihnen wichtig ist. Und das tut nicht weh. Im Gegenteil, das ist manchmal richtig gut, denn jeder (!) erfährt: Ich darf hier so sein wie ich nunmal bin. Ich darf mal schlechte Laune haben, ich darf über mich zu einem großen Teil selbst bestimmen, ich darf Fehler ohne böse Konsequenzen machen.

Dass dies so gelingt, ist für mich keine Frage des Glücks. Mir fallen dazu eher Konsequenz, Authentizität und Verantwortung ein. Und die kann ich beeinflussen – Glück nicht. Erfolg, wenn man es denn so nennen möchte, wäre für mich also, den Kindern die Möglichkeiten (das „Handwerkszeug“) mitgegeben zu haben, für sich selbst und ihr Tun Verantwortung übernehmen zu können. Das würde sich dann, davon bin ich überzeugt, verdammt gut anfühlen.

 

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