Manchmal war es nur noch zum Kotzen

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Die Prinzessin von Wales ist wieder schwanger und leidet unter schlimmem Erbrechen (Emesis gravidarum, Hyperemesis gravidarum). Sie rückt damit eine Erkrankung in den Fokus der Öffentlichkeit, unter der ich zweimal heftig litt. Wenn ich also jetzt darüber berichte, dann mit dem Ziel, für das Thema zu sensibilisieren und den Betroffenen zu zeigen: Ihr seid nicht allein! Es betrifft mehr Frauen, als man gemeinhin denkt (es sollen etwa ein Prozent aller Schwangeren sein), und es gibt Hilfe! (siehe Links und Hinweise am Ende des Textes)

Schwangerschaft: Stress statt Genuss

Meine Geschichte begann 2002, als ich mit K1 schwanger wurde. Es ging los mit harmloser morgendlicher Übelkeit, gegen die mir natürlich das Übliche empfohlen wurde: bereits vor dem Aufstehen eine Kleinigkeit essen, mehrere kleine Mahlzeiten zu mir nehmen, Ingwertee (igitt) usw. Mit der 11. Woche wurde es dann schlimmer: Ich erbrach mich bis zu achtmal am Tag, behielt nicht mal Flüssigkeit bei mir. Ich bekam Vomex und sollte zu Hause bleiben. Nun hilft dieses Medikament ganz gut, aber es macht unglaublich müde. Ich fiel nach jeder einzelnen Tablette in einen komatösen Schlaf und war auch danach immer ein bisschen benebelt. Der Appetit war nicht sonderlich groß, aber es blieb zumindest etwas im Magen, auch wenn das – schwangerschaftstypisch – die komischsten Dinge waren. Kartoffeln mit Apfelmus zum Beispiel (beides mag K1 übrigens heute sehr). So ging das bis zur 20. Woche, und es hörte und hörte nicht auf. Ich war dann über Weihnachten und Silvester bei meinen Eltern, es wurde einfach nicht besser. Also gingen wir ins Krankenhaus. Und jetzt fängt es an, bitter zu werden: Gänzlich unvertraut mit diesem Krankheitsbild, das ja auch in meinem Mutterpass vermerkt war, schaute man mich ungläubig an: „Wie, 20. Woche? Das kann doch gar nicht sein.“ Genau. Es konnte ja nicht sein. Man ließ einfach Flüssigkeit in mich reinlaufen (i.V.) und kümmerte sich weiter überhaupt nicht, aber ne Privatpatientin lässt man ja nicht gehen. Also kam’s dann oben und unten wieder raus, und es interessierte immer noch keinen. Ich habe mich dann nach einem Tag mit einem Vomex-Rezept selbst entlassen, nicht ohne mir saftige Vorwürfe anhören zu müssen, dass ich das Wohl des Kindes gefährden würde und ähnliches. Man wollte mir halt kein Vomex mehr geben (dabei ist das bis zur 30. Woche freigegeben und auch gut untersucht), sondern einfach weiter beobachten. Beim Gedanken daran werde ich heute noch wütend.

Zurück in K lieferte ich mich selbst in die Uni-Klinik ein, was als Privatpatient möglich ist und im Lauf der Schwangerschaft öfter passierte, da sich das tägliche Erbrechen auf 11x am Tag steigerte, und traf nach meiner Haus-Frauenärztin das erste Mal wirklich auf Kompetenz. Man gab mir alles, was mir Linderung verschaffte, kümmerte sich auch darum, dass ich keine Thrombose bekomme und behielt die Entwicklung der kleinen Maus im Bauch im Auge (Ultraschall, CTG, das volle Programm). Nach der 30. Woche bekam ich dann ein neues Medikament, das mir endlich, endlich wirklich half, ohne mich völlig wegzubeamen: Zofran. Teures Zeug, das. Normalerweise bekommen das Krebspatienten nach der Chemo gegen ihre Übelkeit, aber der Oberarzt meinte zu mir, dass er das auch seiner Frau geben würde, litte sie so wie ich. Das beruhigte mich und half sofort. Ich habe das nicht als Dauermedikation erhalten, sondern, um so einfach den Kreislauf der Brecherei ein wenig zu durchbrechen. Ich war also nicht völlig beschwerdefrei, aber man wird ja bescheiden und dankbar, wenn es einem nicht mehr ständig die Speiseröhre verätzt, wenn es nicht mehr bei jeder Attacke ob der harten Würgerei aus der Nase blutet.

Das Ganze zog sich bis zur Geburt. Meine letzte „Portion“ fing mein Mann in einer Nierenschale unmittelbar vor der Geburt der Kleinen auf. Inzwischen war mir selbst das nicht mehr peinlich. Kaum war K1 auf der Welt, hörte das Drama auf. Keine Übelkeit, keine Würgereize, schon gar kein Erbrechen mehr. Es war schlicht und einfach vorbei. Und ich über 12 kg leichter als vor der Schwangerschaft. Ich fühlte mich stark und habe diese Horror-Schwangerschaft ziemlich schnell erfolgreich verdrängt. Denn wer will sich schon damit auseinandersetzen, zwischendurch so weit gewesen zu sein, diese Schwangerschaft vorzeitig, also sehr vorzeitig zu beenden, wenn er ein gesundes Baby im Arm hält?

Wenn selbst Ärzte nicht mehr weiter wissen

Das ist nicht steigerbar? Aber ja doch! Bei K2 wurde ich durch ein morgendliches Erbrechen überhaupt erst auf die Schwangerschaft aufmerksam. 5. Woche! Diesmal haben wir mit Postadoxin tagsüber und Vomex für die Nacht angefangen, geholfen hat es nicht immer. Wieder ging es hoch bis zu 11x am Tag, ich traute mich ja kaum noch aus dem Haus aus Angst, nicht rechtzeitig irgendwo eine Toilette zu finden. Ich empfand die Brecherei beim zweiten Mal als noch schlimmer (mein Beckenboden war schon sehr herausgefordert), und ich öffnete mich für alternative Methoden. Ich probierte es mit Osteopathie (Wirkung = null), Akupunktur (mit dem Ergebnis, dass ich mich unmittelbar danach in der Frauenarztpraxis übergeben musste), Nux vomica (ahahahaha), Ernährungsumstellungen, verschiedene Lagerungen (Stillkissen) usw. Akupressur scheiterte daran, dass man im Frankfurter Bürgerhospital die Bänder nicht rechtzeitig beschaffen konnte.

Überhaupt dieses Krankenhaus: Wir wohnten inzwischen in der Nähe von Frankfurt am Main, und mir wurde die Frauenklinik wärmstens empfohlen. Der Chefarzt war Prof. Franz Bahlmann. Ich erlebte dort eine Behandlung in einer unglaublichen Bandbreite: von absolut top (zwei Ärzte, die sich rührend kümmerten und die Medikation so lange anpassten, bis es mir besser ging) bis unterirdisch (Pflegerinnen, die den Schlauch der Infusion knickten, um sie wieder ans Laufen zu bringen, AUA!) war alles dabei. Eine Oberärztin entwickelte in meinem Fall einen besonderen Ehrgeiz und verlangte von mir, Schonkost zu essen und ihr gegebenenfalls zu zeigen, was ich erbreche (mir wird schon beim Gedanken daran schlecht). Wie bekloppt kann man eigentlich sein, wenn man sich von der Patientin die Vorgeschichte erzählen lässt, so etwas anzuzetteln? Ich habe auch in dem Fall die Klinik auf eigenen Wunsch verlassen und einen bösen Brief an den Chefarzt geschrieben, der sich dann indirekt für seine OÄ entschuldigte: „… sie hat sich leider wohl etwas im Ton vergriffen.“

Alles in allem war man dort aber ratlos: Die Laborwerte waren unauffällig, eine vermutete Schilddrüsenfehlfunktion konnte auch nicht sicher diagnostiziert werden, also blieb nur Vomex und Multivitamin-Cocktails i.V. im Wechsel. Das brachte wenigstens ein wenig Linderung. Vor allem: Ich konnte schlafen. Es ist tatsächlich das Einzige, was in so einer bescheidenen Schwangerschaft hilft: Schlafen! Keiner mag sich die Nächte vorstellen, in denen es einen vor Übelkeit ständig aufs Klo treibt. Keiner mag es sich ausmalen, wie es ist, direkt vom Tisch aufzustehen, um das alles, was man gegessen hat, wieder rauszubringen.

Ich bin für die großen Ultraschall-Untersuchungen trotzdem immer nach Köln gefahren, weil ich dem Chefarzt hier einfach vertraute und auch vorhatte, K2 hier zu entbinden (Kölsche Pass und so; Nicht-Kölner werden das nicht verstehen, egal). Bei der Anmeldung zur Geburt (ja, so was musste man noch machen) begegnete ich der Hebamme, die mich bei K1 betreute. Sie erinnerte sich sofort und besorgte mir sogleich einen Termin beim Chef, der mir dieses Mal tatsächlich empfahl, die Geburt vorzeitig einzuleiten. Er sah mich leiden und das Kind auch nicht mehr optimal versorgt (eigentlich ging es meinen Mädels immer gut, das ist ja das Verrückte!), also wurde eine Termin vereinbart. Auch bei dieser Geburt war mir vorher elendig schlecht, doch man gab mir irgendwas dagegen (ich weiß schon nicht mal mehr, was). Und wieder war der Spuk mit der Geburt der Kleinen vorbei – und ich um 12 kg leichter.

Bewusstsein schärfen

Ich hatte trotz aller Inkompetenz, die mir bei Ärzten teilweise begegnete, großes Glück. In meinem privaten Umfeld nahm mich jeder ernst, ich wurde bekocht, was dann anfing, peinlich zu werden, weil ja nix drin blieb, ich wurde besucht. Als ich mit K2 schwanger war, halfen mir die Muttis aus dem Kindergarten von K1 immer wieder, indem sie K1 abholten und mit zu sich nahmen oder mir dann brachten. Mein Mann hat in beiden Schwangerschaften Großartiges geleistet. Ich weiß nicht, ob ich das alles ohne diese Unterstützung überstanden hätte. Diese Gedanken, es sofort beenden zu wollen, waren da – auch wenn es sehr weh tut, mir das einzugestehen. Dass mich dafür niemand verurteilte, rechne ich meinen Freunden sehr hoch an.

Leider erfuhr ich erst sehr spät in der Schwangerschaft mit K1 vom Hyperemesis-Forum, doch wie beruhigend war das! Es gab so viele Mitleidende, denen es teilweise noch viel schlechter als mir erging. Frauen, die sich gegenseitig Mut machten, sich über Heilmethoden austauschten und sich über diese albernen Ratschläge von Muttis und Omis beklagten. Ich war nicht allein. Alle Frauen dort waren und sind nicht allein. Der Initiatorin gebührt aus meiner Sicht dafür großer Dank, sie hat ihre Erfahrungen inzwischen in einem Buch verarbeitet. Den Artikel dazu gibt es hier.

Was natürlich offen bleibt: Was haben diese Schwangerschaften mit den Kindern gemacht? Meine waren beide zur Geburt sehr klein und leicht, K1 in den ersten vier Monaten ein Schreikind. K2 war extrem pflegeleicht, doch sie ist heikel mit dem Essen, mag vieles nicht. Aber all das sieht man auch bei Kindern, deren Mütter nicht solche furchtbaren Schwangerschaften erlebten. Offensichtlich beeinträchtige die Brecherei das Kindswohl entgegen der Meinung mancher Ärzte nicht. Von denen wünsche ich mir einfach mal mehr Aufgeschlossenheit für diese Krankheit und konsequente Hilfe, zum Beispiel auch die Einweisung ins Krankenhaus.

PS zu einem wunderlichen Nebeneffekt: Während der Schwangerschaft mit K1 hörte ich viel von den Sugababes. Ein Lied von denen, nämlich das hier (Round Round), kann ich bis heute nicht mehr hören, ohne dass mir sofort übel wird.

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Mama spinnt sagt:

    Mir ging es beim zweiten Kind ähnlich (ein Mädchen) und es dauerte auch nach der Geburt noch an. Gruselig!
    Ich habe auch so ein Lied, bei dem mir immer übel wird, da ich es in der zweiten Schwangerschaft andauernd gehört habe (da hat auch irgendwie geholfen): Wire to Wire von Razorlight. OK, ich kann nicht mal dran denken, mir wird jetzt schon übel!

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    1. mrscgn sagt:

      Du Arme. Ich fand’s beim zweiten sogar schlimmer als beim ersten Kind. Aber irgendwie machte es das Wissen um das, was da passiert, ein klein wenig erträglicher. Beim K1 dachte ich ernsthaft drüber nach, das Ganze vorzeitig zu beenden (16. Woche), diesen Gedanken hatte ich bei K2 nicht. Was bin ich froh, dass das lange hinter mir liegt.

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