Erwarten Se nix.

Es ist wieder mal passiert, mich hat ein Tweet angefixed:

https://twitter.com/fitness_oli/status/461200562307223553

Was mich dazu bewegt, könnte Gegenstand einer wissenschaftlichen Betrachtung werden, stattdessen will ich mein Unbehagen, dass sich bei diesem Tweet sofort einstellte, einmal näher beleuchten:

Menschen sind grundsätzlich verschieden*, und jeder hat ein Recht darauf, so zu sein, wie er ist. Meiner Meinung nach steht es anderen nicht zu, das zu bewerten. Wenn mir an anderen Menschen etwas nicht passt, dann ist das in erster Linie mein Problem, nicht das desjenigen, dessen Verhalten/Art ich gerade nicht mag. Nur: Wir tun es trotzdem. Wir werten ständig, ich hatte das in meinem Blog zum Thema Urteilen ausführlicher dargestellt. Das Problem bei dieser Urteilerei ist: Wir behalten es häufig nicht für uns. Wir konfrontieren damit die Öffentlichkeit, die Dank der sozialen Medien „always und everywhere“ ist. Das führt zur Sichtbarkeit des Problems.

Urteile sind, so meine Beobachtung, in Bezug auf Verhaltensweisen von Menschen häufig ein Abgleich mit eigenen Werten und (sic!) Erwartungen. Entspricht das, was ich da sehe, meinen Erwartungen/Gefühlen/Erfahrungen/Vorstellungen, finde ich/bewerte ich das gut. Gibt es da eine Dissonanz, passt da etwas nicht zusammen, bewerte ich es eher negativ, manchmal sogar ab. Warum?

  • Weil ich mich abgrenzen will: „Das würde ich ja niemals machen“ – vielleicht, weil ich mich nicht traue, oder aber, weil es schlicht meinem Wertesystem widerspricht.
  • Weil ich in der Abgrenzung wiederum die Zugehörigkeit zu einer anderen Peergroup signalisiere. Mir fallen da spontan jene ein, die gerne vegan essen und dabei missionarischen Eifer entwickeln. Indem sie jene, die Fleisch essen, kritisieren und verbal attackieren, festigen sie ihre Position in der „veganen“ Welt. Oder, um mal ein profanes Beispiel zu bringen: Indem ich meine extreme Abneigung gegen den FC Bayern und seine „Fans“ (man verzeihe mir die Tüdelchen) immer wieder artikuliere, stärke ich meine Zugehörigkeit zu den „anderen“, den HSVern.
  • Weil ich mich selbst in meinem System bestätigen will (und muss): Indem ich was anderes schlecht finde, ist das, was ich tue/denke automatisch gut. Das gibt mir Sicherheit. [Der geschätzte Trapper nennt das den systemischen Ansatz.]

Es gibt also durchaus Gründe für das Verhalten. Man kann das von außen für kritikwürdig halten, nur: Vieles, nicht alles (!), von dem eben Beschriebenen passiert unbewusst. In dem Moment, da wir urteilen, werden wir uns häufig gar nicht bewusst, dass wir damit auch eine Selbstauskunft geben. Indem ich andere danach bewerte, ob sie meinen Erwartungen/Vorstellungen entsprechen, sage ich nämlich ganz viel über mich selbst.

Infantile Verhaltensmuster überwinden

Kommen wir nun zum „Erpressungspotenzial“ der eigenen Erwartungen: Dahinter steckt für mich dieses „wenn Du so bist, wie Du Dich eben verhältst, dann mag ich Dich nicht mehr“. Das klingt sehr infantil (was nicht wertend gemeint ist), und das ist es auch. Kinder sind in diesem Punkt (unbewusst!) gnadenlos. Das Be-, Ab- und Wieder-Befreunden geht unglaublich schnell und ist an ganz einfache Bedingungen geknüpft, die ich als Mutter manchmal gar nicht nachvollziehen kann, aber wohl auch gar nicht muss. Das alles klären die Lütten prima unter sich, denn jeder hält es da so. Es ist aus meiner Sicht völlig normal.

Dieses Verhalten haben offenbar einige Erwachsene im Laufe der Jahre nicht modifizieren können, und auf diese Teilmenge zielt der oben erwähnte Tweet wohl ab. Zu Recht, wie ich nach längerem Nachdenken finde. Als Erwachsener hat man zumindest die Möglichkeit, sich Menschen und Situationen anders zu nähern, reflektierter, überlegter. Doch das ist anstrengend, das erfordert die Fähigkeit, etwas zu erkennen, Schlussfolgerungen zu ziehen und eventuell Handlungsänderungen daraus abzuleiten. Das gelingt einfach nicht jedem. Ich bedaure das durchaus, habe aber Verständnis dafür. Sich unbewusste (weil in der Kindheit häufig erlernte) Prozesse bewusst zu machen, muss man auch wollen. Manche empfinden die Notwendigkeit, das zu tun, nun mal nicht, weil sie mit dem, wie sie agieren, gut zurechtkommen und sich vielleicht auch wohlfühlen damit. Das muss ich, auch wenn ich anders sehe und halte, dann einfach aushalten (im Sinne von: respektieren), sprich: meine eigenen Erwartungen hinterfragen. Denn diese spielen für andere schlicht keine Rolle. Na klar!

Mögliche Alternative

Wie sähe denn ein Verhalten gegenüber Menschen aus, das nicht von potenzieller „emotionaler Erpressung“ geprägt ist? Hier kann ich nur von meiner Erfahrung, meiner Verhaltensmodifikation berichten:

Ich bin ein optimistischer Mensch, der anderen erst einmal wohlwollend, aufgeschlossen gegenüber tritt. Die ersten Sekunden einer Begegnung kann auch ich nicht steuern – was da passiert, passiert einfach. Ich stehe dem Konzept der „Liebe auf den ersten Blick“ sehr skeptisch gegenüber, aber „Sympathie auf den ersten Blick“ halte ich für möglich, habe das auch schon oft erfahren (ja, auch das Gegenteil). So weit der unbewusste Part. Alles, was danach passiert, haben die betreffenden Personen in der Hand. Ihr Umgang miteinander entscheidet darüber, ob die Sympathie wächst (emotionale Ebene), oder ob man auf der sachlichen Ebene bleibt, denn dort ist es mir relativ egal, ob ich den Menschen mag oder nicht. Findet sich überhaupt keine Ebene, so wäre meine Reaktion: Rückzug – und eben nicht: Du bist doof, mit Dir rede ich nicht mehr. Wenn es mir aber wichtig ist, eine Kommunikationsebene zu erhalten, dann werde ich signalieren, was bestimmte Verhaltensweisen des Gegenübers mit mir gemacht haben, also Ich-Botschaften aussenden. Damit wird keine Wertung darüber getroffen, wie der andere Mensch ist, sondern darüber, was er tut bzw. getan hat. Diese Unterscheidung ist mir sehr wichtig. Denn sie führt mich zur Frage, ob die Einschätzung dazu, ob und wie wichtig mir die Kommunikation mit eben dieser Person ist, an Bedingungen geknüpft ist. Und wenn ja: an welche?

Meine These: Wirkliche Bedingungslosigkeit in der Beziehung zu einem bestimmten Menschen (egal, ob beruflicher oder privater Natur) ist, wenn es nicht die eigenen Kinder sind, illusorisch. Denn durch das Verhalten und durch das Sein bestimmen wir Menschen unser Verhältnis untereinander, wir sind sozusagen in Bewegung. Und innerhalb dieser kann das Verhältnis zu einer anderen Person, die sich ja auch bewegt, nicht konstant sein. Man muss das nicht als bedrohlich, sondern kann es als Chance wahrnehmen: Mal ist man einander näher, mal weiter entfernt – und das kann sich für alle Beteiligten gut anfühlen. Dieses Modell setzt jedoch voraus, dass sich die Beteiligten auf einer gleichwürdigen Ebene befinden. Und exakt das definiere ich als meine Bedingung. Somit wird klar, dass diese „emotionale Erpressung“ nur dann stattfinden kann, wenn sich die Betreffenden nicht auf einer Ebene befinden, sondern Macht im Sinne von Überlegenheit/Unterdrückung ausgeübt wird. Diese „Nummer“ ist in Beziehungen egal welcher Art immer beklagenswert, leider aber häufig Realität.

Mir zumindest hat das Bewusstmachen dieser Prozesse dabei geholfen, ein paar Dinge klarer zu sehen: Ich bin für mich und mein Wohlbefinden selbst verantwortlich, darüber gebe ich anderen keine Macht. Ich muss auch nicht andere be- oder sogar abwerten, um mich selbst besser zu fühlen. Es fühlt sich für alle Beteiligten gut an, wenn jeder sein kann, wie er ist. Mein Zauberwort heißt: Achtsamkeit.

 

* Und erneut der Hinweis, dass ich hier von Verhaltensweisen ausgehe, die nicht justiziabel sind.

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  1. Zur besseren Verständlichkeit – was ich mit „systemisch“ meinte, ist:
    Alle sozialen Einheiten, von der Kleinfamilie über Arbeitsgemeinschaften bis z.B. der Großeinheit aller „HSV-Fans“, können auch als „Systeme“ betrachtet werden. In Krisenzeiten, etwa Krankheit, Tod eines Mitglieds oder Ausgliederung der Profiabteilung (beim HSV) reagiert das jeweilige System häufig, indem es das Problem außerhalb seiner selbst verortet. Dies hat für das System den Vorteil, dass es sich selbst nicht in Frage stellen muss.
    Bspw. konzentriert sich alle Aufmerksamkeit innerhalb der Familie auf das erkrankte Kind, das als Symptomträger vermeintlich das alleinige Problem der Familie ist. Tatsächlich offenbart ein Blick hinter die Kulisse nur zu oft, dass es noch ganz andere, ggf. sogar gravierendere Probleme z.B. zwischen den Eltern geben kann, die aber für alle Beteiligten plötzlich keine Rolle mehr zu spielen scheinen;
    Am Arbeitsplatz ist sich die Mehrheit darin einig, dass die angebliche Faulheit eines Mitarbeiters das wirkliche Problem ist, und nicht z.B. der übergroße Leistungsdruck aufgrund von Personalmangel, oder die ungenügende Kommunikation untereinander infolge hohen Zeitdruckes in der Produktion;
    Und beim HSV war m.E. zu beobachten, wie sowohl Ausgliederungsbefürworter als auch deren Gegner sich jeweils versicherten, dass die jeweils andere Gruppe der Kern allen Übels sei. Der Vorteil für beide Systeme: man wusste sich jeweils im Besitz der „Wahrheit“ und konnte sich einem konstuktiv-kritischen Dialog entziehen.
    Systeme tendieren dazu, sich nach innen zu stabilisieren, indem sie tatsächliche Probleme weder thematisieren noch angehen, sondern durch Sündenböcke personalisieren und damit auch unter den Teppich kehren. Das führt dann in Firmen oft genug zur systematischen Ausgrenzung des vermeintlich Störenden (Mobbing) oder gar zu dessen/deren Entlassung.

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