Balance-Akt

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Heute las ich einen wunderschönen Blogbeitrag von @bleibCOOLmami. Sie berichtete von lieben Menschen in ihrer Umgebung, quasi als das Gegenstück zu den immer noch allgegenwärtigen Mütter-Kriegen auf Spiel- und anderen Plätzen. Es las sich wirklich toll, doch irgendwie schien es mit meinem Leben nichts zu tun zu haben. Nicht, weil ich keine netten Muttis kennen würde (das Gegenteil ist der Fall), sondern weil sich die Rollen in mir drin derzeit (mal wieder) verschieben.

Wir Frauen sind ja oft vieles gleichzeitig: Mutter, Berufstätige, Lebenspartnerin, Tochter, Freundin und … ja, wir selbst = Frau sind wir eigentlich auch immer, sollten es zumindest sein. Ich fühle mich wohl, wenn alles in einer gewissen Balance ist, die Anteile einigermaßen austariert sind. Sie verschieben sich gelegentlich leicht, doch ich versuche, darauf zu achten, dass sich nicht eine Rolle zu sehr in den Vordergrund drängt oder, noch schlimmer, andere verdrängt und ganz nach hinten schiebt. Aus diesem Grund fiel mir beim Lesen des oben erwähnten Beitrags auf: Genau das passiert gerade.

Ich arbeite derzeit an einem spannenden (beruflichen) Projekt. Es fordert mich sehr, macht aber unglaublich viel Spaß. Ich erfahre sehr viel Anerkennung und Wertschätzung, ich spüre, dass ich zu diesem Projekt Sinnvolles beitrage. Das tut es schon eine ganze Weile, doch es fängt jetzt an, Ausmaße zu erreichen, die ich eigentlich nicht mehr bei mir sehen wollte: Ich saß bis eben noch am Rechner, um eine Telefonkonferenz zusammenzufassen und Aufgabenlisten zu schreiben. Ich habe E-Mails beantwortet. Abends um zehn! Was mache ich da?!

Der Beruf immer und überall – niemand erwartet das

Ich war zwischendurch mit K1 beim Zahnarzt und folgte seinen Ausführungen konzentriert, doch ich hatte einen völlig anderen Blick auf das, was er mir zeigte: Ich blickte in den Mund von K1 und sah da nicht die Zähne meines Kindes, sondern redete mit dem Zahnarzt über unterschiedliche Transluzenzen von Einsern und Zweiern, von Approximalbereichen, von durchbrechenden Siebenern und demineralisierten Stellen. Und dann ging es auch gleich darum, ob wir mal für ein Projekt was gemeinsam … schon während ich das aufschreibe, bemerke ich ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend. Kann ich denn nicht einmal Feierabend haben und Frau/Mutter/Partnerin sein? Ich erschrecke mich gerade vor mir selbst.

Ich möchte nicht, dass meine Kinder mich mit vorwurfsvollen Augen angucken. Ich möchte nicht, dass sie es gnadenlos ausnutzen, dass die Mama gerade nicht so präsent ist, und lauter Dinge tun, die ich sonst kaum erlauben bzw. zunächst mal das aufgeräumte Zimmer einfordern würde. Ich möchte nicht, dass mein Mann mich entweder gar nicht oder vorm Rechner sieht. (Dass ich außerdem morgens Brote schmiere und Frühstück vorbereite sowie abends bei Bedarf mich um die Wäsche kümmere, sieht er ja nicht, da entweder noch schlafend oder anderweitig beschäftigt.) Ich möchte nicht, dass ich nur noch an die Arbeit denke, auch wenn das keine belastenden, sondern eher inspirierende Gedanken sind, so à la: Das müsste ich noch lesen, und was könnte ich daraus alles noch machen ..

Vielleicht ist es ein gutes Zeichen, dass mir das immerhin auffällt, was ja nicht immer so war. Vielleicht ist es gut, dass wir morgen Besuch bekommen, und ich eben vier Tage nicht für das Projekt arbeiten werde. Vielleicht ist es gut, sich genau jetzt daran zu erinnern, dass 24/7 gar nicht von mir erwartet wird.

Es ist einfach ein Balance-Akt, und ich laufe Gefahr, aus eben jener zu geraten. Es wäre toll, wenn das Sich-Bewusstmachen ein Schritt dahin ist, die Balance wieder herzustellen und dann auch zu erhalten.

Kennt Ihr das auch? Erzählt mir in den Kommentaren davon und auch, wenn Ihr mögt, wie Ihr herangeht und das für Euch löst.

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8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Katharina sagt:

    Ich merke oft, dass solches Verhalten meinerseits in ein Sinn-Vakuum reinspringt, das sich im restlichen Leben breit gemacht hat. Wie die Schwarzwälder Kirschtorte, von der man nur ein Stück essen wollte und sich dann mit dem klebrigen Löffel vor der leeren Platte wieder findet und sich fragt, wo der Rest der Torte hingekommen ist.
    Deshalb mein Tipp: Leben ins Gleichgewicht bringen, dann rufen auch die einzelnen Bereiche weniger nach einem.

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    1. mrscgn sagt:

      Das sagt sich so leicht. Wie bringt man das ins Gleichgewicht? Wer definitiert, wann es im Gleichgewicht ist (rein physikalisch scheint mir das schwerlich zu fassen)? Ich kann nur eins versuchen: Achtsam zu sein.

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      1. Katharina sagt:

        Das mit dem Gleichgewicht, das ist dann die hohe Kunst!
        Etwa in 200-300 Jahren kann ich Dir vielleicht sagen, wie man das hinbekommt – bis dahin übe ich nur.

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      2. mrscgn sagt:

        🙂 Ich übe derweil auch …

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  2. MamaOTR sagt:

    Gefühlt (und vermutlich auch real…) arbeite ich, seit ich ihm Homeoffice bin, noch viel mehr als vorher – weil es einfach keine Pausen gibt. Meine Pause heisst Klo putzen. Kochen. Wäsche waschen. Und – natürlich: Mit Copperfield schmusen und spielen und mit LadyGaga rumtollen und Quatsch machen. Oft überkommt mich aber das schlechte Gewissen, weil ich denke: Du solltest viel mehr Zeit bewusst mit Deinen Kindern verbringen. Nicht so viel Arbeiten. Die Zeit vergeht so schnell. Aber: Ich LIEBE meinen Job und habe viel Anerkennung für das, was ich leiste. Das tut gut. Das brauche ich. Das bin ich. Ich bin schon immer zwischen Stuhl und Bank, das gehört offenbar zu mir.
    Mit Anfang 20 hatte ich aber einen Nervenzusammenbruch, Totalausfall, Burn-out, weil ich mich übernommen habe, 80% arbeiten und gleichzeitig Magisterarbeit abgeben – das war zu viel für mich. Damals habe ich mir geschworen: Das passiert mir NIE WIEDER. Und seither höre ich wirklich ganz ganz genau auf meinen Körper.
    Diese Woche bin ich wieder einmal an meine Grenzen gestossen. Ich habe das Gefühl, sofort auszuflippen, wenn zuhause mit den Kids etwas nicht so läuft, wie es sollte. Daraus habe ich aber sofort Konsequenzen gezogen; Ich bin gestern Nachmittag nicht wie geplant an einen Kongress, sondern war zuhause. Im kompletten Kindernchaos zwar und leicht entnervt, aber ZUHAUSE. Dezeleration ist meine Lösung. Es war die richtige Entscheidung, und auch abends habe ich zum ersten Mal seit langem GAR NICHTS gemacht. Kein Mail, nix (obwohl es nötig gewesen wäre!) Das tat gut, Und dann pünktlich ins Bett.
    Das sind also meine Tipps: genau auf sich hören. Auch mal auf die Vollbremse treten. Schlafen! Und, mein Vorsatz für Morgen: Wochenende zelebrieren!

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    1. mrscgn sagt:

      Dankeschön für Deine Erfahrungen.
      Tatsächlich motiviert Anerkennung ungemein. Wenn Du das Gefühl hast, Du bringst die Sache echt voran, Du wirst gebraucht, dann fällt es umso schwerer, tatsächlich mal Nein zu sagen. Und holst Dir immer mehr auf Deinen Schreibtisch. Und, wenn ich ehrlich bin: Mich strengt das weniger an als so manche Dinge, dier hier zu Hause auf mich warten 😉
      Schlafen. Ja. Mach ich. Notfalls auch am späten Nachmittag auf der Couch, wenn es nicht anders geht.

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  3. Vielen Dank für das Lesen und Erwähnen meines Beitrages. Das freut mich.

    Du schreibst, dass dir beim Lesen bewusst wurde, dass sich in deinem Leben die Arbeitsrolle in den Vordergrund drängt und dass du die Balance zwischen den verschiedenen Rollen, die du inne hast, nicht verlieren möchtest.

    Und jetzt muss ich schlucken, denn gerade letzte Woche merkte ich, wie sehr sich in den letzten drei Jahren die Mutterrolle in meinem Leben vorgedrängt hatte und wie sehr ICH aus der Balance geriet. Ich habe gerade mit einer Weiterbildung begonnen und bin überrascht, wieviel Kraft diese Challenge außerhalb der Familie von mir abverlangt. In meinem Leben ist derzeit eindeutig die Mutterrolle im Übergewicht und ich hoffe, dass ich die Energie aufbringen kann, das zu ändern. Denn ich war vor der Geburt meiner Kinder sehr mit meiner Arbeit verbunden, aber nun bin ich gedanklich so weit entfernt, dass ich nur mit großer Mühe den Vorträgen folgen kann. Und das macht mich nicht nur traurig, sondern sogar ein wenig ängstlich.

    Ich wünsche mir wieder mehr Balance in meinem Leben. Danke für deinen wunderbaren Blogpost, der mich daran erinnert, achtsam zu sein.

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    1. mrscgn sagt:

      Die Sache ist die: Jeder definiert sein Gleichgewicht anders. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass eine Balance dann gegeben ist, wenn man alles zu etwa gleichen Teilen lebt. Man könnte auch ohne Kinder im Gleichgewicht sein, oder eben als Vollzeitmama vollkommen glücklich.
      Balance meine ich hier als Gleichgewicht zwischen den Dingen, die man gerne sein/leben möchte. Eine Balance, die sich gut anfühlt. Das beschreibst Du auch sehr schön. Und ich kann das total gut nachvollziehen. Ich empfinde es als gutes Zeichen, wenn einem klar wird: Es ist gerade nicht in Balance, schau, dass Du es wieder da hinbringst. Und dieser Anfang ist gemacht. Ich wünsche Dir, dass es gelingt.

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