Von Freunden und Fußball.

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Ich hatte einen tollen Plan: Nach Berlin fahren, meinen HSV zum Sieg schreien, mit Freunden die Nacht durchschnattern und entspannt nach Hause fahren. Das hat jetzt nur so teilweise funktioniert. Und die Geschichte ging so:

Um möglichst entspannt unterwegs sein zu können und nicht ins Schwitzen zu kommen, weil die Zeit staubedingt immer knapper wird – schließlich wollten wir um 14 Uhr zum Berliner Olympiastadion aufbrechen –, sollte es morgens um 6 schon losgehen. Eigentlich kein Problem, aber mit Kindern sollte man sich nicht vornehmen, dass alle binnen einer Stunde abmarschbereit sind. Für meine Emotionsregulation war das eine echte Herausforderung. Denn natürlich kamen wir erst halb sieben los, und natürlich kamen wir in einen Stau, der aber netterweise nicht so dramatisch war. Halb 12 waren wir in Berlin. Halbwegs entspannt. Bei meiner Freundin, die schon länger als mein halbes Leben meine Freundin ist, und ihrer Familie. Sie sind mir alle ans Herz gewachsen, K1 ist mein Patenkind. Es gab zu essen und zu trinken, und die beiden Jungs nahm ich mit ins Olympiastadion zum Fußball, die Hertha gegen meinen HSV. Das Patenkind (Sohn1) interessiert sich ein wenig für Fußball und musste so als Hamburger Jung, der er qua Geburt ist, HSV-Fan werden und sein. Das haben wir schon vor Jahren so „festgelegt“. Sohn2 war unentschlossen so als Berliner Kind, aber er spielt selbst so gerne Fußball, er freute sich auf seinen allerersten Stadionbesuch überhaupt. Mein K1 war natürlich mit Fan-Utensilien ausgestattet und erlebte nun schon ihr zehntes Fußballstadion. Der Mann und ich sowie der in diesem Fall „sechste Mann“ Trapper ergänzten die kleine Fan-Gruppe. Bis hierhin sah das alles gut aus.

Harte Zeiten für HSVer

Im Stadion wurden wir leider Zeuge unschöner Aktionen zweier einzelner Leute, die von der Polizei denn auch nach draußen befördert wurden. Auch wenn das Alltag in bzw. vor Fußballstadien ist, die Kinder hat das sehr irritiert. Sie haben Fragen gestellt, die wirklich schwer zu beantworten waren: Was ist mit denen? Warum macht die Polizei das? Unsere Plätze fand ich toll, direkt neben dem Gästeblock, es war voll und richtig laut. Wir trauten uns alle – auch Dank der Unterstützung der Reihe direkt hinter uns – lautstark mitzusingen. So muss das sein. Fußball mit Freunden live zu erleben ist schon etwas ganz Besonderes für mich. Vielleicht auch, weil ich das nicht so häufig erlebe.

Das Spiel selbst machte leider nur 15 Minuten lang Spaß. Wer dazu mehr lesen mag, klickt auf den Blogbeitrag vom Trapper, der das wie immer gut zusammengefasst hat. Ich war mehr als bedient: Für diese 3-0-Niederlage war ich gekommen. Mich störte ja weniger die Niederlage an sich, als wieder mal die Art und Weise, wie sie zustande kam. Das geht gegen den HSV immer viel zu leicht. Das sah zeitweise aus wie bei Jugendmannschaften: alle zum Ball, einen frei stehenden und damit anspielbaren Mannschaftskollegen gab’s dann eben nicht mehr. Wenn ich als Abwehr so hoch aufrücke, dann muss ich schnell sein: zuerst im Kopf, dann aber auch mit den Beinen. Gefühlt haben die HSVer bei beidem Probleme. Und das nicht erst seit gestern. Es war wirklich schlimm; wäre ich alleine da gewesen, hätte ich hemmungslos geheult oder geschimpft oder beides. Ich war aber nicht allein (!), und das tat irgendwie gut. Das Spiel war schnell abgehakt, Kinder sind da wunderbare Ablenker, besonders, wenn sie so viel Spaß daran haben, leere Becher einzusammeln, weil es dafür pro Becher 2 Euro Pfand (sprich: Taschengeld) zu verdienen gab. Solche strahlenden Kinderaugen lassen zumindest kurz das ganze andere Elend (rein sportlich betrachtet) vergessen.

Wunderbare Zeiten für Freundschaften

In Charlottenburg wieder angekommen kroch mir die Müdigkeit wegen des wirklich frühen Aufstehens und der langen Fahrt merklich in die Glieder. Ich fühlte mich fiebrig, aber irgendwie überwand ich diesen toten Punkt, und wir saßen genau so, wie ich mir das gewünscht hatte, zusammen und haben geschnattert. Über Gott und die Welt. Genauso wie vor zehn und zwanzig Jahren auch. Diese Vertrautheit lässt sich mit Worten kaum beschreiben, allein die Erinnerung daran erwärmt mein Herz. Das fühlte sich unglaublich nah an. Irgendwie nehme ich das in Zeiten wie diesen, in denen alle im Stress zu sein scheinen, selbst in der Freizeit, als besonders angenehm und positiv wahr. Vor allem, wenn dem so wunderbaren Abend auch ein entspannter Morgen folgt mit Frühstück in kuscheliger Atmosphäre. Auf jeden Fall wusste ich sofort wieder, warum Urlaub mit dieser Familie zusammen so richtig war und auch im kommenden Jahr wieder sein wird. Es gab Zeiten, da ich das nicht so klar wahrgenommen hatte.

Und was für ein Kontrastprogramm dazu der Weg nach Hause. Ich fahre wirklich gerne Auto, aber nach vier Stunden darf man mich nicht mehr ärgern, sondern sollte zufahren. Damit hat man es in NRW, so scheint es, nicht so. Das ist die jahrelange Stauerfahrung, dieses Zu-Wissen-Meinen, dass es eh sinnlos ist, mal ein bisschen Gas zu geben. Mich macht es aggressiv. Dann werde ich gnatzig, weiche auf Bundesstraßen aus, nur um dann über diese verfluchten Ampeln, die natürlich immer und grundsätzlich rot sind, zu schimpfen. Dass meine Familie sich über mein Gebaren nicht ausgeschüttet hat vor Lachen, rechne ich ihr hoch an.

Doch nicht alle können mit mir da so umgehen, wie die Familie und die engsten Freunde. Da gibt es auch welche, die sich Freund nennen, sich bei Unstimmigkeiten und/oder Missverständnissen aber beleidigt zurückziehen, ohne die Möglichkeit offen zu lassen, dass ich mich entschuldige und vielleicht erkläre. Das zu erfahren, nachdem mir so viel Wärme und Anteilnahme widerfuhr, ist irritierend. Aber wohl (bzw. leider) genauso normal wie die Niederlage des eigenen Vereins.

 

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