Beziehungsfragen

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Hand aufs Herz: Wer denkt bei diesem Wort nicht zuerst an jene zwischen Partnern, Lebenspartnern häufig. Exakt darum geht es hier nicht. Eher um die vielen anderen Beziehungen, die wir in unserem Leben so eingehen. Häufig (leider) temporär, unterschiedlich intensiv, mit immer anderen Auswirkungen auf uns und unser Leben.

Wie sehr Beziehungen Schwankungen unterliegen oder in bestimmten Phasen verlaufen, wurde mir erstmals bewusst, als meine Eltern mit mir das erste Mal umzogen, ich wechselte gerade von der vierten in die fünfte Klasse. Obwohl ich plötzlich 300 km weit weg war, wuchs mir eine Freundin ab diesem Zeitpunkt noch näher ans Herz als sie es vorher je war. Damals schrieben wir zwei- bis dreimal wöchentlich Briefe, sahen uns jeweils in den Sommerferien und teilten wirklich viel miteinander. Als ich dann anfing zu studieren – örtlich nun wieder näher – änderte sich das Verhältnis. Wir entfernten uns irgendwie voneinander, rational kaum erklärbar. Aber offensichtlich fingen wir an, nicht mehr in der gleichen „Welt“ zu leben, die Interessen veränderten sich, das Leben an sich. Wir haben uns sehr erwachsen voneinander verabschiedet und uns vor kurzem – mehr als 20 Jahre später – wiedergesehen. Es fühlte sich toll an. Sie meinte zu mir, dass sie erst später begriff, wie richtig die Entscheidung war, dass sie etwas gelernt hätte: Wenn man einander nichts mehr geben könne, müsse man aufhören. Und wir beide haben uns lange innig umarmt. Ich glaube, dass wir beide fühlen, dass wir sicher nicht mehr die Nähe herstellen können, die es mal gab, doch dass da etwas ist, das uns immer verbinden wird. Dieser Gedanke erwärmt mein Herz.

Das zweite Mal erlebte ich dieses „Phasenwesen“ einer Beziehung bei meiner bis heute besten Freundin. Wir lernten uns im Studium kennen, was eine kleine Ewigkeit her ist. Wir studierten das gleiche Fach, hatten da also immer unsere Themen, lebten quasi in der gleichen „Welt“. Wir nahmen immer intensiv Anteil am Leben der anderen und kannten unsere Eltern. Beruflich bedingt konnte ich nach dem Studium oft in Hamburg sein, wo sie damals lebte, ich sah ihr erstes Kind, mein Patenkind, groß werden. Doch mit der Geburt von meinem K1 änderte sich etwas. Wir hatten auf einmal unterschiedliche Meinungen, vor allem in Fragen der Kindererziehung. Ich fing bereits nach 7 Monaten wieder an zu arbeiten, was auf völliges Unverständnis stieß. Ich gab mein Kind mit 15 Monaten in eine Eltern-Kind-Initiative, wo die Maus unglaublich behütet betreut wurde, und ich war damit erst einmal unten durch. Wie konnte ich nur?! Wir lebten immer noch weit voneinander entfernt, und durch die Kinder, es kamen ja noch die K2 dazu, verloren wir zusätzlich an Nähe. Jede war einfach sehr mit dem eigenen Leben beschäftigt. Ein natürlicher Prozess, dachte ich mir, auch wenn es irgendwie weh tat. Es fühlte sich an wie ein Verlust, doch heute weiß ich: Es war eine Phase. Eine, die sie und ich reflektiert haben, und die uns heute wieder näher gebracht hat. Sehr nahe. Und zwar nicht nur uns beide, sondern unsere Familien. Wir wissen heute, dass es unterschiedliche Wege zum Glück gibt, und dass es entscheidend ist, wie es sich für jeden selbst einfühlt. Nie war das gemeinsame Sein entspannter.

Innerhalb und außerhalb des „Orbits“

Dass das nicht mit allen gelingt, die uns im Leben so begegnen, ist klar. Muss es auch nicht. Wenn man um sich selbst einen nicht allzu großen „Orbit“ legt, dann fällt auf, dass die größere Masse jener, mit denen wir irgendeine Art von Beziehung pflegen, nicht wirklich darin ist (so, wie die beiden beschriebenen Fälle), sondern darum kreist. Dazu zähle ich beispielsweise aktuelle und ehemalige Kollegen, Bekannte, die man gelegentlich trifft (etwa durch ein Hobby oder durch die Kinder), Geschäftspartner, Nachbarn. Da ist ein ständiges Gewusel, wirklich nahe kommen diese Personen einem nicht, was ja nicht schlecht sein muss. Wichtig finde ich an dieser Stelle nur, dass einem genau das bewusst ist: Sie sind nicht im „echten“ Orbit. Ich glaube, dass man das Kommen und Gehen direkt im Orbit nicht aushalten würde. Doch wenn das passiert, fängt es an, Schmerzen zu verursachen.

Mein Orbit ist recht übersichtlich. Da kommt keine/r so schnell rein, aber wenn er/sie drin ist, auch nicht so schnell wieder raus. Mit jenen, die darin sind, setze ich mich auseinander. Mir ist die Beziehung wichtig, meine Wahrnehmung ist intensiver, ich bemühe mich um größtmögliche Achtsamkeit. Das ist anstrengend, stimmt, aber das ist es wert. Wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt, werden die diskutiert. Man legt am Telefon nicht einfach auf, bevor das geklärt ist oder man sich übereinstimmend vertagt. Ich verlasse nicht den Ort, an dem ich mich mit der betreffenden Person befinde, bevor alles geklärt ist. Optimalerweise sieht das mein Gegenüber auch so. Jeder sollte vom anderen wissen, dass er sich auf den anderen verlassen, auf ihn zählen kann.

Und jetzt wird es spannend: Wie gehe ich damit um, wenn bei einer Person genau diese Verlässlichkeit nicht gegeben ist, mir die Person und die Verlässlichkeit aber innerhalb des Orbits extrem wichtig sind? Wie viel Macht über mein Wohlbefinden gebe ich jemandem, der sich in meinem Orbit befindet, sich dort aber keineswegs achtsam verhält? Was mache ich, wenn die radikale Lösung, das „Rauskicken“, schwerfällt? Ist es so, wie es auf Twitter so schön geschrieben stand:

https://twitter.com/_artouche_/status/514165322660982785

Es fällt mir schwer zu glauben, dass Beziehungen im „inner Circle“ etwas Schicksalhaftes haben. Sie sind beeinflussbar, man kann sein eigenes Verhalten überdenken und gegebenenfalls verändern. Das zeichnet uns Menschen aus, wir handeln in unseren Beziehungen nicht nur instinktiv, sondern können uns bewusst für bestimmte Wege entscheiden. Und vor solche Entscheidungsfragen stellen uns eben diese Phasen in einer Beziehung. So könnte es Phasen der Unsicherheit geben, weil sich Dinge im Leben des einen oder anderen verändert haben, weil der Umgang damit neue Fragen aufwirft … Eine Phase der Reflexion, in der sich jeder fragt, wie wichtig einem der jeweils andere ist. Eine Phase, in derem Verlauf jeder für sich entscheidet, in welche Richtung sich die Beziehung weiterentwickelt. Dieses Aushalten der Findungsphase empfinde ich als unglaublich herausfordernd. Aber mir ist einfach wichtig, dass alles Hinspüren und Nachdenken zu einem Zustand führt, in dem beide sich wohlfühlen.

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