So viele Fragen, doch das Interesse an Antworten sinkt

Als ich für mich entschieden hatte, Journalistin zu werden, spielte das Thema Neugier eine sehr große Rolle. Ich habe mich immer für Menschen, ihr Leben, für Situationen, für Hintergründe, für Erkenntnisse, für Erlebnisse – kurz: für das Leben um mich herum interessiert. Deshalb stellte ich ständig Fragen. Erst „nervte“ ich die Erzieherinnen im Kindergarten, meine Eltern wahrscheinlich eher nicht, ganz sicher aber die Lehrer in der Schule. Ich frage auch privat andauernd, manchmal auch hartnäckig nach, weil es mich einfach interessiert. Aber, und jetzt wird es unangenehm: Mein Interesse an den Antworten sinkt. Dem ersten Impuls, zu etwas beziehungsweise jemandem eine Frage zu stellen, folgt sehr schnell ein zweiter, der mir sagt: „Ach komm, das interessiert Dich doch nicht wirklich, es ist auch letztlich egal.“ Ein paar Erklärungsversuche:

Die Überdosis eines Themas

Mit dem Zeitpunkt, da ich von meiner ersten Schwangerschaft erfuhrt – das ist jetzt etwas mehr als zwölf Jahre her – geriet ein ganz großes Thema in meinen Fokus. Schwangerschaft, Babys, Kinder, das ganz große Rad, inklusive aller potenziell-kontrovers zu diskutierenden Themen wie Sauberkeitserziehung, Schnuller, Impfen, Kindergarten wann und wie lange, Schulform … Ich habe mich reingehängt in diese Diskussionen, recherchiert, argumentiert und wirklich intensiv diskutiert. Damals gab es Twitter noch nicht, bloggen war überhaupt kein Thema, ich nutzte Internetforen. Und somit behaupte ich, dass mir auf diese Weise so ziemlich alles begegnet ist, was einem da eben so begegnen kann – bis zum frühen Tod eines gerade geborenen, schwer kranken Kindes, den ich aufrichtig vor dem Rechner beweinte.

Und dann jetzt eben Twitter mit all seinen Links auf Blogs und Online-Auftritten einschlägiger Frauen- und/oder Elternliteratur. Die thematische Wiederholung ist verständlich. Eltern müssen immer eigene (durchaus auch neue) Antworten auf ihre Fragen finden. Heute sind es aber nicht mehr Internetforen, jetzt sind es Mamablogs in schier unglaublicher Masse und Gastbeiträge auf brigitte.de. Als ich dann diesen Blogbeitrag von der sehr geschätzten Mama on the rocks las, stellte ich mir selbst unmittelbar diese Fragen:

Was genau ist passiert, dass sich heute so viele Frauen und Mütter exponieren und (teilweise unter Klarnamen) bloggen bzw. Texte über ihr Privatleben mit Kindern veröffentlichen? Was ist daran erstrebenswert, so viele Leser wie möglich auf ein Blog mit viel privatem Inhalt zu ziehen, wenn (zunächst) keine wirtschaftlichen Interessen bestehen?

Ich versprach mir, darüber nachzudenken, um a) selbst Antworten zu finden und b) sie eventuell an die Autorin weiterzugeben. Doch beim „Darauf-Rumdenken“ wurde mir klar, dass die Antworten darauf für mich nicht mehr wichtig sind. Da geht es um Themen, die einfach nicht mehr meine sind, obwohl ich selbst zwei Kinder habe und gelegentlich blogge. Doch wenn das Thema für mich eine Überdosis erreicht hat, kann und muss ich es lassen. Dann ist nicht mehr entscheidend, warum andere das völlig anders sehen. Das ist dann einfach so und wird von mir hingenommen. Eine irritierende Erkenntnis.

Wenn ein Thema zur Glaubensfrage wird

Eine andere These für das sinkende Interesse an Antworten auf Fragen könnte sein, dass sich das Thema an sich in eine Richtung verschiebt, die für mich mit meinen mir zu Verfügung stehenden Mitteln (im Sinne von: offene Kommunikation, die neue Erkenntnisse und das Revidieren von Meinungen beinhaltet) nicht mehr fassbar sind. Das passiert gerade, wenn es um meinen HSV geht. Vor mehr als einem Jahr kam ich diesem Verein extrem nahe, ich war sehr involviert in verschiedene Mitgliederbelange, lernte unglaublich viele Menschen kennen, mit denen ich die Leidenschaft für diesen Verein teile. Doch es sind inzwischen Dinge passiert, die mir gezeigt haben: Es sind wieder Leute an entscheidende Stellen der Macht gekommen, denen es nicht um den Verein, sondern um sich selbst geht. Es sitzen immer noch Leute auf exponierten Positionen, die durch ihre Arbeitsweise dem Verein schaden. Es sind wieder viele Mitglieder, die dies nicht bemerken oder bemerken wollen, weil einfach nicht kann, was nicht sein darf. Es wird zu einer Glaubensfrage.

Das Resultat ist eine Hilflosigkeit, die ich nur auszuhalten vermag, indem ich mich entziehe, Diskussionen meide und eben keine Fragen mehr stelle. Denn die Antworten darauf helfen nicht gegen diese Hilflosigkeit, gegen diese Ohnmacht, sind daher einfach nicht mehr wichtig. Und es schleicht sich langsam eine gewisse Gleichgültigkeit ein. Aus Selbstschutz. Aus Resignation. Als Fan macht mir das zu schaffen.

Der Rückzug auf sich selbst

Das sinkende Interesse an Antworten auf die vielen Fragen, die ich in mir trage, bekommt einen ganz neuen Aspekt, wenn es um den Alltag geht. Es gab Zeiten, da mich Hintergründe in meinem privaten Umfeld interessierten: Warum tut er / sie das so, wie er / sie das tut – insbesondere dann, wenn ich es anders tun würde? Warum haben sie so oder so entschieden? Warum verhalten sie sich so oder so? Das ist heute anders: Es wird mir immer gleichgültiger. Es fängt an, nichts mehr mit mir zu tun zu haben. Offenbar bin ich entweder von dieser Ich-ich-ich-Gesellschaft assimiliert worden (was schade wäre) oder durch sehr unterschiedliche Erfahrungen, die viel mit mangelnder Achtsamkeit in der Kommunikation und dem Umgang miteinander zu tun haben, so geprägt, dass mir manche Fragen, mithin auch die Antworten, einfach sinnlos erscheinen (was auch irgendwie schade wäre).

Ich setze darauf, dass achtsamer Umgang mit mir selbst und das bewusstere Wahrnehmen von Sinneseindrücken, Situationen und Stimmungen mich meinen Fragen und meinem Interesse an Antworten wieder näherbringen wird. Vielleicht sind es dann andere Themen. Das gäbe der derzeitigen Stimmungslage aus meiner Sicht eine zusätzliche, ja positive Bedeutung.

 

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Katharina sagt:

    Ich bewege mich nun auch schon über 20 Jahre im Internet und muss zugeben: Die Themen kommen und gehen. Manche verschwinden phasenweise und kommen später wieder, andere verschwinden in der Versenkung. Es hat, denke ich, auch mit der eigenen Lebensphase zu tun. Wie Du sagst: Eine Zeitlang interessiert man sich für Babys, dann für die Trotzphase, dann fürs Vorschulalter, übers Schulalter bis zur Pubertät. Andere Themen bleiben parallel dazu bestehen (bei mir ist das mein Einsatz für Frauenrechte), wobei auch dort nicht immer derselbe Diskussionsbedarf besteht.

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    1. mrscgn sagt:

      Liebe Katharina,
      fehlt da noch etwas? Ich hsbe ohne Brille irgendwo draufgeklickt, schaust du bitte? Ich sage dann später gerne etwas dazu.

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    2. mrscgn sagt:

      Dass sich die Interessengebiete verändern, finde ich völlig normal. Das ist auch nicht mein Punkt.
      Was mich wirklich irritiert: Mich interessieren die Antworten auf meine (!) Fragen kaum noch. Ich frage mich schon sehr oft, was Menschen antreibt, dieses oder jenes zu tun bzw. zu lassen, warum sie sich in bestimmten Situation so verhalten, wie sie es eben tun. Immer öfter kommt der zweite Gedanke, der mir verrät: Es ist egal. Und exakt das finde ich sehr schade. Alles scheint gut, wenn mich etwas aufregt oder freut. Dann ist es mir nicht egal. Wenn es etwas geschafft hat, mir egal zu sein, dann spricht das in Bezug auf mich nicht für diese Sache/Situation/Person.

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  2. Mamamotzt sagt:

    Habe auch diesen Post mit Genuss lesen, das vorab!

    Im gleichen Beruf stehend, habe ich an den Antworten auf MEINE Fragen immer noch größtes Interesse. Aber ich stelle auch relativ wenige Frage, denn vieles erscheint mir obsolet. Die Antwort ist bekannt. Das Thema nicht relevant. So in der Art.
    Fragen, die mir (zB. von der Redaktion) gegeben werden, finde ich tatsächlich auch manchmal dementsprechend nicht wirklich spannend und gehe ihnen nicht mit dem Elan nach, den ich bei meinen Fragestellungen an den Tag lege.

    Insgesamt dürfte das in vielen Berufen so sein, dass irgendwann die Begeisterung nachlässt, dass sie nicht immer 100% präsent ist.
    Am Fließband, das überspitzte Beispiel, stört es einen kaum, der Job ist Routine, man kann ihn auch ohne Elan „erfolgreich“ erledigen.
    Im Journalismus stößt es den (hoffentlich, zum Glück, meist) selbstkritischen Tätigen selbst negativ auf. Weil sie auch das hinterFRAGEN. 😉

    Gönn dir eine weniger „investigative“ Berufsphase, meint Mamamotzt

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