Feminismusdebatte: Unbequemlichkeit inklusive

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Eigentlich soll man ja mit-, statt übereinander reden. Und eigentlich sollte es um Inhalte statt um das „Wie diskutieren wir diese Inhalte“ gehen. Aber Inhalte kommen im Grunde, so meine Erfahrung, nicht ohne das „Wie-kommuniziere-ich-diese“ aus. Weil wir eben Menschen, keine Maschinen sind, die wir mit Informationen füttern und neue Informationen herausbekommen. Denn das, was kommunziert wird, macht sowohl durch den Informationskern als auch durch die Art und Weise, wie dieser vorgetragen wird, etwas mit dem Empfänger. Für mich erklärt das beispielsweise auch die Wucht von Literatur – sie lebt doch vom WIE. Im Grunde tut das jeder Text, wenn auch in unterschiedlichem Maße.

Also rede ich jetzt über einen Artikel zum Thema Feminimus *, der sich im Grunde mit der Art und Weise der Debatte beschäftigt. Es geht um einen Kommentar von Annett Meiritz auf SPON. Sie will sich nicht mehr Feministin nennen, wenn das bedeutet, sich ständig abzugrenzen anstatt einander willkommen zu heißen. Ich teile ihre Ansicht, dass die Debatten häufig so verlaufen, dass sich mancher durchaus Interessierte enttäuscht abwendet, doch ihre Konsequenz, den Rückzug vom Thema bzw. aus der Diskussion, halte ich für einen falschen Weg. Ich meine, dass es nach wie vor notwendig ist, für die Gleichberechtigung von Mann und Frau einzutreten – öffentlich! ** Und zwar auch, wenn oder vielleicht auch gerade, weil es so unbequem ist.

Zunächst: Ich mache mein Eintreten für eine Sache nicht davon abhängig, wie sich manche, die auch dafür eintreten (wenn auch auf andere Weise), in der Diskussion verhalten. Das wäre in etwa so, als würde ich mich von meinem Herzensverein im Fußball verabschieden, nur weil es unter den Fans wirklich ein paar Idioten gibt, die sich an einfachste Regeln nicht halten können oder gar wollen. Das käme für mich niemals in Frage.

Entscheidend ist doch, dem etwas entgegenzusetzen, liebe Frau Meiritz:

„Kluge und wichtige Argumente werden überlagert von aggressiven Tönen, ob im Netz oder im Café. Kluge und wichtige Wortführerinnen, die betont behutsam auftreten, werden gleich mit übertönt.“

Lassen Sie uns etwas dagegen tun. Sie können den klugen und wichtigen Wortführer_innen ein Forum bieten, Sie haben es bei SPON! Nutzen Sie es. Heben Sie das Thema immer wieder auf die Agenda, auf behutsame, unaufdringliche Weise – das merken Sie aus meiner Sicht völlig zu Recht an. Interviewen Sie andere Menschen als jene, von denen man immer wieder liest oder hört. Schlagen Sie in der Redaktionskonferenz entsprechende Themen und Personen vor. Nutzen Sie Ihr sicher großes Netzwerk.

„Es ist interessant, was ein Firmenchef zu sagen hat, der nach eigenen Angaben keine weiblichen Führungskräfte findet. Oder eine Akademikerin, die nie einen Beruf ergriffen, sondern einen Alleinverdiener geheiratet hat. Oder eine Mutter, die ihre Tochter ins Barbie Dreamhouse schleppt.“

Ganz genau. Verschaffen Sie diesen Stimmen Gehör. Sorgen Sie in den sozialen Netzwerken mit dafür, dass diese Meinungen nicht tabuisiert werden – ich bin sofort dabei. Denn, und das ist meine tiefe Überzeugung: Es ist ein Verdienst der Feminismus-Aktivistinnen, dass wir Frauen heute an vielen Stellen die Wahl haben: Wie und wovon möchte ich leben? Allein, in einer Beziehung mit einem Mann oder einer Frau? Möchte ich Kinder haben? Bleibe ich bei meinen Kindern zu Hause, oder gebe ich sie zeitweise in eine Kita oder an eine Tagesmutti meines Vertrauens? Wenn das Entscheidungen in Freiheit sind (also ohne äußere, etwa finanzielle Zwänge), dann ist das ein toller Fortschritt. Und: Das hat grundsätzlich niemand zu bewerten. Frauen, die diese Entscheidung in welche Richtung auch immer treffen, sollten so selbstbewusst sein, sich auf das Recht der freien Entscheidung zu berufen und sich nicht darum scheren, was andere darüber denken.

„Wer es [Kind zu Hause betreuen, gerne Top-Model gucken, Einfrieren von Eizellen gut finden] tut, wird sofort zum geistigen Feind deklariert. Es gibt dann richtig und falsch, und viel zu wenig Raum für alles, was dazwischen liegt.“

Ich schlage vor, den Raum für dazwischen zu schaffen und auch zu nutzen. Es nützt doch nichts, ständig zu sagen, was alles nicht geht oder was es alles nicht gibt (und auch noch zu begründen, warum), es muss darum gehen, aufzuzeigen, dass und wie es anders geht. Und hier kann jeder bei sich selbst anfangen: Vorbild sein, das für einen selbst Mögliche tun, im beruflichen Alltag, in der Kindererziehung, in der Schule als Elternvertreter, in der Nachbarschaft, im eigenen (sozialen) Netzwerk. Vor besonders lauten und undifferenzierten Stimmen zu kapitulieren und ihnen mehr Macht, sprich die Deutungshoheit, zu geben – das kann keine Option sein. Liebe Frau Meiritz, fühlen Sie sich ermutigt, weiter für die Gleichberechtigung einzutreten, in welcher Form auch immer. Sie sind mit Ihrer Meinung, dass man das auch behutsam und differenziert tun kann, nicht allein.

* Meinen Standpunkt zum Thema Feminismus habe ich hier schon einmal verbloggt.

** Wer meint, dass wir in Sachen Gleichberechtigung doch gar nichts mehr tun müssten, der scrolle sich mal durch die Kommentare zu diesem sehr lesenswerten Beitrag von Anne Wiezorek, der Initiatorin von #aufschrei . Mich machte das fassunglos.

 

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