Das Leben mit Kindern ist Veränderung.

Du hast dich verändert. Wir haben uns verändert. Das Leben ist Veränderung. (Falco)

Wie halten Sie es mit dem Geschwisterkind? Das ist derzeit die Gretchenfrage auf Twitter: Manche Mamis hadern mit den Anstrengungen, die mehrere Kinder im Alter so mit sich bringen, andere haben gerade ihr zweites Kind bekommen und fragen sich, wie das jetzt wohl wird, wieder andere möchten Mut machen und beschreiben ihr großes Glück, zwei Kinder zu haben. Mama Schulze * und Mama on the Rocks haben dazu eine Blogparade gestartet; der Beitrag von Tafjora dazu (sie lebt derzeit in Frankreich und hat aus meiner Sicht noch einmal eine erfrischend andere Art, die Dinge zu betrachten) hat mir persönlich am besten gefallen. Dieser Post schafft es, dass ich entspannt ein wenig anderer Meinung sein und mich für sie mitfreuen kann. Jede Frau empfindet das Kinderhaben einfach anders (das kommt auch in allen verlinkten Beiträgen zum Ausdruck).  Und daher hier meine Gedanken dazu.

Nichts ist selbstverständlich

(1) Die Frauensicht
Kinder zu haben ist in der heutigen Zeit aus verschiedenen Gründen nicht mehr so selbstverständlich. Auf zwei Gründe möchte ich hier hinweisen: Zum einen sehen es viele Frauen nicht mehr als ihre vorrangige Bestimmung, Mutter zu werden, zum anderen werden die Frauen bei der Geburt ihrer Kinder immer älter. Das bedeutet: Die Entscheidung für (oder auch gegen) Kinder ist eine sehr bewusste und eine mit Konsequenzen: Überhaupt schwanger werden zu können, wird nicht einfacher, je älter die Frau ist. Das Risiko, eine Fehlgeburt zu erleiden, steigt mit dem Lebensalter der Frau. Und: Wenn die Frau bei der Geburt des Kindes / der Kinder bereits älter ist, hatte sie eine längere Phase des selbstbestimmten Lebens als erwachsene Frau mit guter Ausbildung vorher.

(2) Die Muttersicht
Es gibt keine Zweifel, dass die Mutterliebe in der Regel (Ausnahmen gibt es sicher) für viele Kinder in reichlichem Maß vorhanden ist. Als Mutter eines Kindes war es für mich schwer vorstellbar, noch einmal ein Kind so sehr zu lieben, und ich war so dankbar zu erleben, dass genau das geht. Diese Liebe, und das werden viele bestätigen, ist (für mich) bedingungslos und schwer in Worte zu fassen. Dennoch: Kinder zu haben als großes Glück zu empfinden (in der Gesamtheit betrachtet), ist nicht selbstverständlich. Liebe ist nicht zwingend Glück, das kann auch manchmal verdammt weh tun. Die Anstrengungen, die kleine Kinder mit sich bringen, sind wirklich klein gegen das, was kommen kann, wenn die Kinder größer sind, wenn die Kinder widersprechen, ausbrechen, sich entziehen, anderen mehr glauben als den eigenen Eltern, das Vertrauen in sie auf die Probe stellen, Dinge tun, die andere Konsequenzen als Fernsehverbot erfordern.

(3) Die Kindersicht
Bei mehreren Kindern wird der Altersabstand der Geschwister zum Thema: Wie sieht der optimale aus? Auch hier wird aus meiner Sicht häufig impliziert, dass sich Geschwister grundsätzlich lieben. Diese Selbstverständlichkeit existiert aus meiner Sicht so nicht. In meinem Umfeld erlebe ich Geschwister, die einander unglaublich nahe sind, solche, die sich vor Gericht trafen und kein Wort mehr miteinander sprechen, solche, die sich beim Begegnen nicht einmal mehr grüßen, und solche, die ein ambivalentes Gefühl miteinander verbindet. Gestern las ich in der FAS vom Mobbing im Kinderzimmer (leider noch nicht online). Darin wird beschrieben, was es mit Kindern macht, wenn sie durch ihre Geschwister körperliche und vor allem seelische Pein erfahren. Nicht immer ist das sofort ersichtlich, auch für Eltern nicht.

Beängstigende Veränderungen, herzerwärmende Momente

Ausgehend von diesen Prämissen und natürlich geprägt durch meine eigenen Erfahrungen als Mutter zweier Mädchen habe ich eine sehr differenzierte Meinung zum Kinderhaben entwickelt. Das Wort „entwickelt“ trifft es hier sehr gut, denn diese Sicht auf die Dinge habe ich im Lauf der vergangenen Jahre häufig angepasst.

Die einschneidendste Veränderung, die ich als Frau (1) erfahren und was ich vorher völlig unterschätzt habe, war der Verlust der Selbstbestimmung. Mit der Geburt der Kinder hörte ich praktisch auf, der Herr über mein Leben zu sein. Es wurde fortan durch die Bedürfnisse anderer bestimmt. Ständig. Mir hat das zugesetzt. Es tröstete auch nicht zu sagen, dass das doch nur eine Phase ist und das doch auch mal wieder anders wird. Für jemanden wie mich, der Wert darauf legt, sein Ding zu machen, beruflich alles zu geben und voranzukommen, war das eine schmerzhafte Erfahrung, die mich zweifeln ließ. Sicher, heute ist das inzwischen ein wenig anders, aber wie lange hat das gedauert?! Inzwischen feiere ich kleine Auszeiten für sich selbst als „jetzt-bin-ich-mal-dran“-Momente. Das ist auf eine Art auch sehr traurig.

Dabei erlebe ich das Leben mit Kindern an sich durchaus bereichernd. Das sage ich als eine, die sich in den Mittzwanzigern nie im Leben hätte vorstellen können, selbst einmal Kinder zu haben. Ich hätte viele Erfahrungen ohne Kinder nie gemacht, ich hätte bestimmte Sichtweisen auf Dinge gar nicht entwickelt – dafür bin ich sehr dankbar. Die Anstrengungen, die das Kinderhaben mit sich bringt, empfinde ich als Mutter (2) mit größeren Kindern, sie sind 7 und 11,5, jedoch als viel herausfordernder als mit kleinen Kindern. Ich hielt den Spruch meiner Mutter „Kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen“ für einen wirklich blöden Satz, aber heute sage ich: Da ist was dran. Das sind dann die Momente, in denen ich mich frage, ob ich mir das mit den Kindern wirklich gut überlegt habe. Meine Kinder bringen mich, ohne dass sie es böse meinen, duchaus an meine Grenzen, was das Aushalten, das Verstehen, das Miteinander-Auskommen angeht.

Kleine Randbemerkung: Mir fällt auf, dass das Bedürfnis der Eltern, sich über die Kinder auszutauschen, scheinbar abnimmt, je älter die Kinder werden. Wer will vor anderen schon zugeben, dass der Sohn in Mathe ständig Vieren schreibt und man mit ihm bis abends um zehn lernt? Wer will anderen davon erzählen, wenn die pubertierende Tochter es für das Wichtigste hält, ein Smartphone und Nagellack zu besitzen? (wobei das ja noch harmlose, ausgedachte Beispiele sind) Vielmehr fällt das Wort Pubertät, alle das kennende Eltern nicken wissend, und man wechselt das Thema.

Und schließlich kommt der Umgang der Kinder (3) miteinander hinzu. Wie das läuft, können wir nach meiner Erfahrung als Eltern nicht planen und auch nur begrenzt beeinflussen. Letztere Erkenntnis macht mir Bauchschmerzen und die Pro-Geschwister-Argumentation so schwer erträglich: Beziehungen unter Menschen entwickeln sich eben unter ihnen selbst, ich kann von außen nicht „hineinregieren“, sondern maximal versuchen, ein Umfeld zu schaffen, das eine harmonische Beziehung zumindest ermöglicht. Geschwister interessiert auch nicht das Geschwätz von „Blut ist dicker als Wasser“. So, wie man sich seine Eltern nicht aussuchen kann, leben auch Geschwister in einer Beziehung, die sie nicht selbst gewählt haben. Das birgt aus meiner Sicht Konfliktpotenzial: Wenn ein Kind mit einem anderen (fremden) Kind nicht mehr spielen mag, freundet es sich ab, geht dem Kind aus dem Weg, sucht und findet neue Spielgefährten. Einem Bruder oder einer Schwester kann ich so nicht ausweichen, die sind immer da. Es ist ein bisschen wie bei dem Bonmot zu einem Aupair-Mädchen: „Der Vorteil: Es ist immer jemand da. Der Nachteil: Es ist immer jemand da.“ Dabei ist aus meiner Sicht der Altersabstand völlig sekundär: Für jede Variante lassen sich solche und „solche“ Aspekte finden. Und wenn es für jeden Altersabstand letztlich die gleichen Pros und Cons gibt, lassen sie sich nicht für einen gegen den anderen verwenden.

Für mich bleibt ein ambivalentes und sehr präsentes Gefühl: Das Leben mit Kindern ist in der Regel nicht kontrollierbar, es ist Veränderung, immer und überall. Mich darauf einzustellen und es als etwas Positives zu sehen, gelingt mir nicht immer. Mein Bauch sagt: Ich liebe meine Kinder, meine Familie. Um nichts auf der Welt möchte ich sie hergeben. Mein Kopf sagt: Ich kann jeden verstehen, der sich auf dieses Abenteuer nicht einlässt.

 

* An diesem Beitrag hat mich vor allem der „heftig.co-Style“ arg irritiert. „Ultimativ“, das klingt nach Ultimatum, nach alleiniger Wahrheit. Auch wenn es sehr wahrscheinlich so nicht gemeint war, sagt es etwas über den Beitrag aus, wenn er in der Headline reißerisch daherkommt, inhaltlich dem aber nicht standhält.

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