Männergrippe und Organisationsfragen

Wenn der Mann krank wird, kann die Frau etwas erleben – im mehrfachen Sinne des Wortes. Sie wird Zeuge, wie aus willensstarken und selbstbewussten Kerlen ganz kleinlaute Menschen werden, die Hilfe brauchen und auch darum bitten, die bei echtem Leidensdruck sogar zum Arzt gehen. Der Mann also – hier sein Gastbeitrag.

Auch wenn oft Gegenteiliges behauptet wird: Bis ich einmal zum Arzt gehe, muss es mir schon richtig mies gehen. Meine Frau hat mich mit ihrer Schnupferei und Husterei gründlich angesteckt, und ich fühle mich, als wäre eine Horde Elefanten über mein Kreuz getrampelt. Ich muss zum Arzt. Normalerweise haben wir hier einen ganz patenten Hausarzt mit einem unglaublichen Team drumherum. Ich rufe da an, bekomme eine Zeit gesagt, erscheine pünktlich und muss nie länger als 10 Minuten warten. Doch heute ist der 2. Januar. Der Hausarzt hat Urlaub, die Vertretung ist – welch Ironie des Schicksals – krank geworden.

Das Elend der unbestimmten Warterei

Also zur Vertretungsärztin. Und die war ausgerechnet jene, von der wir als Familie aus guten Gründen weggegangen sind. Ich rufe dort an, und man teilt mir mit: Kommen Sie gleich und bringen Sie Zeit mit. Wieviel, ist zu dem Zeitpunkt noch unklar, aber es wurden dann mehr als drei Stunden. Drei Stunden in einem vollen, stickigen Wartezimmer voller Leidgeplagter mit Schnupfen, Husten, Kopfschmerzen. Es stöhnt, röchelt, schnieft überall. Und dazwischen dann ältere Damen, die sich über praktische, aber doch eher nicht wärmende Jeans austauschen, ein Mann, der in Begleitung zweier Frauen erscheint, die sich wiederum ne Menge zu erzählen haben, (verständlicherweise) genervte Patienten, die immer wieder bei der Anmeldung nachfragen, wann es denn endlich weiterginge … Ich fühle mich elend, ich hätte gerne einen Leibarzt, der zu mir nach Hause kommt.

Es geht hier nicht um die medizinische Kompetenz der Ärztin, die ich mir nicht anmaßen will zu beurteilen, sondern einzig um  die Frage, wie die Abläufe in der Praxis organisiert werden. Das läuft dort nicht einfach schlecht, es läuft überhaupt nicht. Die Ärztin mag bei der Behandlung von gesetzlich und privat versicherten Patienten nicht unterscheiden, bei den Formularen und Abrechnungen gibt es diese Unterscheidung sehr wohl. Und das sollte das Personal dann auch wissen. Wer in einer Praxis arbeitet, in der sich die Behandlerin wirklich Zeit nimmt für ihre Patienten, der sollte irgendwann verinnerlichen, wie viel Zeit eine Konsultation in etwa in Anspruch nimmt. Und wenn auf dem Anmeldezettel 10 Patienten stehen, im Terminkalender weitere 10, dann sollte es irgendwie machbar sein, einen ungefähren Zeitkorridor abzustecken, wann wer dran ist. Keiner erwartet das minutengenau, aber wenn sich die Wartezeit von mehr als drei auf etwa eine Stunde (in der Praxis wohlgemerkt) reduzieren ließe, wäre das doch mal was. Geht dort nicht.

Stattdessen komme ich mir vor wie in einem Computerspiel, in dem ich in verschiedene Konfrontations-Level geschickt werde.

  • Level 1: An der Anmeldung. Man muss sich selbst in eine Liste eintragen, das Kärtchen abgeben (als privat Versicherter muss man das normalerweise nicht, weil die Abrechnung damit null zu tun hat) und dann ins Wartezimmer gehen.
  • Level 2: Einen Platz im Wartezimmer suchen und darauf achten, einen Eckplatz zu ergattern, es könnte sonst eng werden.
  • Level 3: Zurück zur Anmeldung, einen Zettel unterschreiben (Abtretungserklärung für Abrechnungsfirma), Kärtchen zurück erhalten. Hoffentlich ist der Platz im Wartezimmer noch da.
  • Level 4 (die „Gegner“ werden jetzt anstrengender): Warten. Schniefen. Hatschi. Schwer atmen. Augen schließen. Hoffen, dass der Sauerstoff reicht. Sich selbst verfluchen, die Ohrstöpsel vergessen zu haben, aber hey, die Ohren tun ja weh. Also Gehirn irgendwie runterfahren, um den Nachbarsklatsch ertragen zu können.
  • Level 5: Behandlungszimmer. Und wieder warten. Ich bin jetzt zwar allein– aber ich werde allein gelassen. Schaue auf Spritzenabfallbehälter. Auf eine Batterie Desinfektionsmittel. Auf zerschlissene Hocker.
  • Level 6 (der finale „Gegner“): Sprechzimmer. Wieder warten. Meine Energie, der Ärztin jetzt noch etwas entgegenzusetzen, ist auf null gesunken. ich will nur noch das Rezept, die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung und raus. Mich jetzt zu beschweren, erscheint mir sinnlos. Und die Worte der Ärztin gegenüber meiner Frau „Wenn es Ihnen nicht passt, gehen Sie doch woanders hin.“ klingen noch nach.

Ich kann diese Art von Nicht-Organisation einfach nicht begreifen. Und bin fassungslos, welche Bewertungen die Ärztin im Netz auf einschlägigen Portalen so bekommt. Offenbar ist das eine ganz spezielle Zielgruppe, die sie da bedient – ich gehöre definitiv nicht dazu.

Was habe ich gelernt? Tolles Praxismanagement ist nicht selbstverständlich. Ich werde das meinem Hausarzt mal sagen und sein Team ausgiebig loben.

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