Ein Sonntag der Sinnfrage

Eigentlich wollte ich mich heute darüber auslassen, warum ich anderswo als Mamablog wahrgenommen werde, obwohl ich ihn selbst ganz und gar nicht so sehe. Die Statistiken geben mir da auch Recht: Klicktechnisch echte Knaller waren Beiträge zum HSV (hört, hört), zum Thema Feminismus und zu den Krautreportern (zu denen muss ich demnächst noch einmal etwas schreiben). Aber dann scrolle ich vorher oberflächlich über meine Twitter-TL und finde das hier:

Für mich fühlte sich das ungefähr so an, als würde ich nackt auf Marktplatz einer Großstadt stehen, und alle schauen mir genau auf die Stelle, die ich an mir selbst mal so gar nicht mag (die meisten haben ja irgendso eine Stelle). Denn da ist sie wieder, die Frage aller Fragen: Lebe ich, oder funktioniere ich?

Mein Freund aus Berlin, der hier so toll über den HSV bloggt, meinte neulich, dass ich ständig von einer Rolle in die nächste wechseln würde: Von der Mutter zur businesswoman, von dieser wieder zur Mutter, dann zur Ehefrau, dann zur Hausfrau … ja, und dann fall‘ ich auch schon ins Bett. Manchmal darf ich Freundin sein, zuhören und meine Meinung sagen. An den Wochenenden bin ich besonders oft Mutter und Hausfrau, bis ich völlig fertig aufs Sofa sinke, auf dem ich auch keine Ruhe finde, weil das kleine Kind mein altes Phone haben möchte, das Passwort aber nicht kennt.

Um das mal klar zu sagen: Ich bin sehr gerne businesswoman. Mir macht mein Job wirklich Spaß, ich tue etwas, das ich kann, für das ich Anerkennung erfahre, bei dem ich dazulerne und mit wirklich tollen Kollegen zusammenarbeiten darf. Ich bin auch gerne Mutter, meine Mädels sind in ihrer Gesamtheit betrachtet wunderbare Kinder, mit denen mich eine wirklich bedingungslose Liebe verbindet. Ich bin gerne Ehefrau, ich weiß einen Mann an meiner Seite, der mich nimmt, wie ich bin, und mir immer das Gefühl gibt: Das ist genau richtig so. Hausfrau bin ich weniger gerne, aber ich genieße dennoch die Ergebnisse. Richtig schön ist es, Freundin zu sein. Angerufen zu werden und als erstes den Satz zu hören: Ich habe gerade an Dich gedacht und sofort zum Telefon gegriffen. Da geht mir das Herz auf. Und: All diese „Funktionen“ gehören ja zu mir, das bin ich! Das macht mich zu großen Teilen aus.

Warum macht mich so ein Satz wie oben dennoch traurig? Nun: Ich vermisse mich in all dem als Person, die nur auf sich achtet, die für einen gewissen Zeitraum ohne jede Funktion ist und schaut, was ihr gut tut, ohne einen Gedanken daran zu verwenden, was eben das für irgendjemand anderen jetzt bedeuten könnte. Ich hatte ja neulich erst festgestellt, wie rar diese „Jetzt-bin-ich-mal-dran“-Momente sind – und ich habe das Gefühl, dass es mir als Vollzeit-Business-Frau noch schwerer fällt, mir genau diese zu verschaffen. Denn dann kommt fies grinsend das schlechte Gewissen um die Ecke. Du willst doch nicht etwa … ? Daran ist vor allem frustrierend, dass ich mich hier schon weiter wähnte. Aber offensichtlich lassen sich alte Verhaltens-, Bewältigungsmuster nicht so einfach verändern. Auch dann, wenn einem das alles klar ist.

Wie finde ich aus dieser Nummer nur heraus? Mein Plan sieht vor, mir Zeit zu geben, mich an die (wieder) neue Situation zu gewöhnen, nicht zu viel von mir zu verlangen (daher auch nur #12bookschallenge statt 50!), keine langfristigen Pläne zu machen, wenn’s heiß hergeht, cool zu bleiben und zu versuchen, auch in Funktionier-Momenten das Leben bewusst wahrzunehmen. Wenn das nur so einfach wäre …

PS: Die Bundesliga fängt bald wieder an. Fan zu sein vom HSV ist nicht Funktion, das ist eine Lebenseinstellung. Immerhin.

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