Wenn mieses Handwerk mit fiesen Inhalten zusammentrifft

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Wahrscheinlich kennt das jeder, dessen Beruf ein Handwerker ist: Wer sich mit Fliesen auskennt, runzelt in so manchem Bad wahrscheinlich die Augen. Wer firm in Sachen Parkett und Laminat ist, fragt sich bei manchen Böden sicher auch, welcher Depp den verlegt hat. Friseure wundern sich wahrscheinlich regelmäßig, was manche unter einem vernünftigen Haarschnitt verstehen. Ich bin auch eine Handwerkerin (Journalismus ist ein Handwerk), und ich rege mich gelegentlich sehr darüber auf, wenn vermeintliche Elite-Schreiberlinge mit einem Online-Artikel mal so richtig einen raushauen, dabei aber signalisieren, dass sie ihr Handwerk eben nicht immer optimal ausüben. Das wäre jetzt nicht weiter schlimm (wer schreibt schon täglich pulitzerpreisverdächtig?), aber wenn das auch mit inhaltlicher Grütze einhergeht, wird es zum Ärgernis. Von dieser Sorte gab es innerhalb kürzester Zeit gleich zwei:

Einen Beitrag dazu lieferte Richard Gutjahr, ein Absolvent der Deutschen Journalistenschule in München mit sehr interessantem Lebenslauf und seines Zeichens Krautreporter. Er schrieb zum Thema Mittelmaß. Der Teaser geht so:

Mittelmaß galt lange als das Maß aller Dinge: Wer im Job keine Fehler machte, wurde befördert. Das Internet verändert die Spielregeln. Ob Journalist, Politiker oder Taxifahrer, in der vernetzten Welt kommt alles und jeder auf den Prüfstand. Gut genug reicht nicht mehr. Das Web verzeiht alles, nur kein Mittelmaß.

Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Das Internet wird zum Maß aller Dinge. Das Web bestimmt, was gut oder nicht gut und vor allem: was eben Mittelmaß ist, das nicht verziehen wird. Nun könnte man lapidar sagen: Na und? Richtig. Doch was mir auffällt, ist Gutjahrs Haltung dahinter: Du bist nur in Ordnung, wenn Du nach dem Besten, dem Höchsten strebst. Du darfst nie Angst haben, Du musst kämpfen, Mittelmaß ist böse, wird nicht verziehen (vom Web? ach so), ist von Übel.

Ich würde Herrn Gutjahr seinen Artikel gerne um die Ohren hauen, denn er ist aus meiner Sicht menschenverachtend. Denn ich sage: Den Sinn seines Lebens definiert jeder für sich. Und wenn jemand nicht der Beste, Tollste, Schönste oder sonstein Superheld sein möchte, ist das sein Ding und gehört von niemandem bewertet, auch von Herrn Gutjahr nicht. Was glaubt er eigentlich, das passierte, würde jeder Mensch nach dem im Artikel beschriebenen Prinzip leben? Hat er sich in seinem Alltag im realen Leben mal umgeschaut? Wer holt denn da die Mülltonnen ab? Wer reinigt die Straßen, auf denen er mit seinem Rad oder Auto fährt? Wer reinigt und bügelt seine Hemden? Wer pflegt ihn, wenn er ernsthaft krank ist? Superhelden nach seinem im Artikel dokumentierten Verständnis ganz sicher nicht.

Nachdenkenswert finde ich den Kommentar von Max Scharnigg in Gutjahrs Blog. Er beklagt darin diesen Optimierungs- und Selbstverwirklichungswahn, der letztlich doch häufig zu Enttäuschung und ja, auch zum Unglücklichsein führt. Er schreibt:

Soviel Gejammer in allen Büros, weil die Menschen sich mit den fünf vergleichen, die es geschafft haben. Ewiges: Bin ich schon glücklich genug? Habe ich mich schon verwirklicht?

Gutjahr hätte sich m.E. einen Blick darauf gönnen sollen, was es mit Menschen macht, die sich einlassen auf dieses Spiel, das nun mal (wie in jedem Spiel!) nicht nur Sieger kennt. Was ist mit denen? Können die sich dann die Kugel geben, oder wie stellt er sich das vor? Dieser Blogpost ist eindimensional bzw. undifferenziert. Wenn es Gutjahr darum ging, Talente zu wecken und anzustoßen, die viel mehr aus ihren Möglichkeiten machen könnten, aber es wegen komischer Chefs oder aus (nach außen hin unerklärlicher) Angst nicht tun, hätte dieser Beitrag meiner Meinung nach anders aussehen müssen. Ermutigender. Und er hätte zeigen sollen: Wenn Du es nicht schaffst (wofür die Chancen ja mindestens genauso gut stehen), ist das kein Weltuntergang oder etwas Unverzeihliches, sondern eine Erfahrung, die Dich weiterbringen kann – in vielerlei Hinsicht.

Mies, fies, chauvinistisch

Ein weiterer Artikel, der mich aufregte, handwerklich sehr schlimm und inhaltlich eine Katastrophe ist: Es ist ein Interview, das Peter Turi geführt hat. Er sprach mit Anne Meyer-Mindemann, der Chefredakteurin der GALA, und ließ dabei keine Gelegenheit aus, sich als Chauvinist, wie er im Buche steht, darzustellen. Er fragte sie u.a. mit Blick darauf, dass sie von der Volontärin binnen fünfzehn Jahren zur Chefredakteurin avancierte, allen Ernstes, ob sie sich hochgeschlafen hätte. Auf Twitter hagelte es sehr passende Kommentare, hier mal ein paar, die meine Gedanken dazu auch treffen:

Vor lauter Es-komplett-falsch-Finden weiß ich gar nicht, wo ich mit meiner Kritik an diesem Interview anfangen soll. Es spricht in seiner sexistischen Art komplett für sich. Und natürlich wieder die Frage: Würde ein Gespräch mit einem Mann so laufen? Mich kotzt diese (wahrscheinlich auch noch mit breitem Grinsen und der Hand in der Hose) vorgetragene Haltung dahinter einfach an. Frau Meyer-Mindemann reagierte eigentlich sehr cool, aber ehrlich, muss man sich so was bieten lassen? Muss ich ein Gespräch mit jemandem führen, der erkennbar wenig Wertschätzung für den Menschen, von dem er etwas wissen möchte, übrig hat?

Womit wir beim Handwerk wären: Einen Journalisten zeichnet es in der Regel aus, neugierig zu sein. Neugierig auf das Leben, auf das, was passiert, auf Menschen, die in dieser Welt leben. Etwas darüber rauszukriegen und der Welt mitzuteilen, kann wichtig, unterhaltend, spannend, erkenntnisreich, nachdenklich machend und noch vieles mehr sein. Turi lässt in seinem Gespräch nichts von alldem erkennen. Ihm geht es um sich selbst, na klar. Um seine Show, ich sag es frei heraus: Es geht um einen Schwanzvergleich – gell, Frau Meyer-Mindemann, meiner ist doch länger?! Meine Fresse.

Ich hatte erst neulich einen sehr differenzierten und wohlformulierten Kommentar (@elternblogs) zu einem völlig anderen Thema in einem Mama-Blog gefunden. Darin stand u.a. der Satz:

Ich wünschte, es gäbe mehr Medienfuzzis unter den Mamabloggern, die über das, was sie schreiben, vorher ein wenig nachdenken.

Dem kann ich nur entgegnen: Das Dasein als Medienfuzzi impliziert mitnichten das (umfassende und differenzierte!) Nachdenken vor dem Schreiben. Bedauerlich, ich weiß.

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