Keine Chance der Karies bei Kindern

Hier in Köln fand in der vergangenen Woche die weltgrößte Fachmesse für Zahnärzte und Zahntechniker statt, die Internationale Dental-Schau, kurz: IDS. Es war die dritte dieser Art, die ich erlebt habe, und wie jedes Mal hat sie mich schwer beeindruckt: schwarze Zahnpasta, die weißere Zähne macht; Zahnersatz, der sich einfach drucken lässt; blaues Laserlicht, mit dem berührungsfrei chirurgische Schnitte gesetzt werden können; eine App, mit der das Zähneputzen „gemanaged“ werden kann. Aufregend, das alles. Und dann las ich gestern das:

Die geschätzte Kollegin Severine hatte erstmals mit ihrer 5-jährigen Tochter einen Termin beim Zahnarzt. Das erstaunte mich. Schweizer, so wird es auf Deutschlands Kongressen immer gerne erzählt, sind in Sachen Prophylaxe (also Vorbeugung von Zahnerkrankungen) einfach Spitze. Das System, in dem Dentalhygienikerinnen viel mehr dürfen als hier in Deutschland und den Patienten betreuen, bevor ein Zahnarzt nötig wird, gilt vielen als vorbildlich. Dass die Betreuung der Zähne dann erst mit 5 Jahren einsetzt, passt für mich nicht so richtig dazu. (Anmerkung: Dies ist ausdrücklich keine Kritik an S. Ihr Tweet war einfach nur der Anlass für ein paar Gedanken zur zahnärztlichen Vorsorge bei Kindern.)

Außerdem habe ich persönlich extrem gute Erfahrungen damit gemacht, die Kinder schon ganz früh zum Zahnarzt mitzunehmen, um sie daran zu gewöhnen. Ich erinnere mich, dass ich zu meinem Kontrollbesuch das K2 mitnahm, als sie noch ein Baby war. Sie saß auf meinem Schoß und hat ganz stolz ihr Zähnchen hergezeigt. Mehr passierte da nicht. Ein Jahr später durfte sie schon mal aufs Knöpfchen fürs Wasser drücken und mit dem Stuhl hoch- und herunterfahren. Mit vier Jahren hat sie sich das erste Mal die Zähne professionell reinigen lassen – mit K1 als Assistenz. Nervosität oder gar Angst vorm Zahnarzt sind ihr völlig fremd. K1 ist schon so ein „Profi“, dass sie mich bittet, einen Termin für die Reinigung auszumachen, wenn ich zur PZR gehe.

Kinderzähne werden häufig früh krank

Für meinen Enthusiasmus in dieser Sache gibt es viele Gründe. Ich habe im Kindergarten Mädchen und Jungs mit schwarzen Stummeln im Mund gesehen. Ich kenne Erwachsene, die frühzeitig Probleme (und Schmerzen) an und mit ihren Zähnen trotz sorgfältiger Mundhygiene bekamen. Das hätte sich in den meisten Fällen sicher vermeiden lassen. Dennoch gilt es zu konstatieren, dass …

  • … die gesetzlichen Krankenkassen in D eine zahnärztliche Kontrolle erstmals im Kindesalter von 30 Monaten bezahlen. Vorher soll sich der Kinderarzt/die Kinderärztin zuständig fühlen. Es gibt Ausnahmen, wenn Krankenkassen (etwa die Barmer) spezielle Verträge mit den Zahnärzten abgeschlossen hat. Warum also sollten Eltern mit ihren Kindern vorher zum Zahnarzt gehen?
  • … die meisten Kinder erstmals einen Zahnarzt im Kindergarten oder der Schule während der so genannten Gruppen-Prophylaxe sehen. Hierbei ist dann auch zuletzt aufgefallen, dass die frühkindliche Karies (also die der Milchzähne) immer noch weit verbreitet ist. So hieß es in einem Leitartikel des Kammerblatts der Bundeszahnärztekammer: „Die Hälfte aller kariösen Defekte, die bei der Einschulung festgestellt werden, sind bereits in den ersten dreißig Lebensmonaten entstanden.“
  • … Kinder unheimlich lange eine Nuckelflasche benutzen und sie auch ständig zur Verfügung haben. So umspülen also immer wieder irgendwelche Flüssigkeiten (meist leider auch zuckerhaltige) die kleinen Zähnchen. Hier macht es tatsächlich die Häufigkeit und Dauer des Nuckelflaschengebrauchs.
  • … dass die Kinder, je älter sie werden, auf den Zahnarzt nervös reagieren. Das liegt häufig daran, dass sie die Ängste ihrer Eltern spüren (häufig resultierend aus eigenen Erfahrungen, durchaus auch als Kind), auch wenn diese sie nicht explizit äußern. Die Zahlen darüber, wie groß der Anteil jener ist, die richtig Angst vorm Zahnarzt haben, schwanken. Ich habe eine Originalarbeit [Frank et. al., Dental Fear, DZZ 2009; 64 (7)] gefunden, die von etwa einem Drittel sehr ängstlicher Patienten spricht.

Das Problem ist: Frühkindliche Karies ist nicht besiegt, im Gegenteil. In Fachartikeln ist davon die Rede, dass 15 bis 20 Prozent aller Kleinkinder unter dieser Form der Karies leiden. Gemeint ist hier im übrigens vorwiegend die so genannte Nuckelflaschenkaries (und nicht jene, die im Alter von 2 bis 5 Jahren vorrangig auf den Kauflächen und in den Zahnzwischenräumen im Bereich der Backenzähne auftritt). Immer wieder wird dabei deutlich, wie wichtig eine frühzeitige zahnärztlichen Betreuung der Kinder wäre. Empfehlen kann ich dazu eine Sonder-Publikation aus dem Institut der Deutschen Zahnärzte (Ausgabe 01-2014) sowie einen Bericht über eine hochinteressante Studie, die in Jena durchgeführt wurde (hier steht es auch noch mal, die Quelle ist offensichtlich die gleiche).  Als außerordentlich hilfreich hat sich laut dieser Studie der frühestmögliche Zahnarztbesuch erwiesen – eben ab dem ersten Zahn. Dabei geht es gar nicht so sehr darum, dass Zahnärzte bei dieser Konsultation viel im Mund des Kindes tun. Ansprechpartner sind vielmehr die Eltern, die zu Ernährungsthemen und Zahnputzverhalten aufgeklärt und beraten werden sollen. Frühkindliche Karies ist nicht banal, sondern kann zu schwerwiegenden Schäden führen, auch und vor allem an den noch folgenden bleibenden Zähnen, wie die Bundeszahnärztekammer feststellt:

Kinder mit ECC [early childhood caries, frühkindliche Karies, Red.] haben auch später als Erwachsene signifikant mehr Karies. Milchzähne sind freilich nicht nur wichtig für die Entwicklung des Kauorgans, sondern auch für eine gesunde psychosoziale und physische Entwicklung: Ohne gesunde Milchzähne nehmen Kinder nicht altersentsprechend an Gewicht zu. Sie können nicht richtig sprechen lernen, und wenn sie sichtbar zerstörte Zähne im Mund haben, wächst die Gefahr der sozialen Ausgrenzung.

Das geplante Präventionsgesetz soll nach dem Wunsch der Kammer und von Fachverbänden unbedingt vorsehen, die Zahn-Vorsorge vor dem 30. Lebensmonat zu etablieren, etwa als wesentlicher Bestandteil des gelben Untersuchungsheftes. In NRW ist es bereits so, dass die zahnärztlichen Vorsorge-Untersuchungen in das gelbe Heft integriert sind – meiner Meinung nach genau der richtige Weg.

Verantwortliches Handeln der Eltern

Wenn sich Eltern nicht dazu entscheiden, diese Vorsorge wahrzunehmen, so kann ich ihnen mit Blick auf auf die Bilder, wie sie hier (Uni München) zu sehen sind, nur dazu raten, auf folgende Dinge zu achten:

  • Weg von der Nuckelflasche – hin zum Becher.
    Viele Mütter stillen, manche auch sehr lange. Gerade den Langzeitstillenden kann ich nur empfehlen, direkt von der Brust auf den Becher umzusteigen. Kinder können das, und zwar ohne Schnabel (sprich: Trinklerntasse) oder ähnliches. Wenn nur Wasser drin ist, gibt’s beim Kleckern auch keine Probleme. Ab einem Jahr würde ich das immer versuchen. Wenn das Fläschchen, dann nicht zur Selbstbedienung: Kind trinken lassen, dann wegnehmen.
  • Zucker vermeiden.
    Auch Schorlen von Säften, die ohne Zuckerzusatz hergestellt werden, enthalten Zucker, und zwar eine ganze Menge. Sie gehören niemals in Nuckelflaschen. Leitungswasser reicht. Oder völlig zuckerfreier Tee; meine Töchter mochten Fencheltee ganz gerne.
  • Zähneputzen ab dem ersten Zahn.
    Natürlich ist das ein anderes Putzen als bei Erwachsenen, aber es erweist sich für später als sehr hilfreich, frühzeitig damit zu beginnen. Und ja: mit fluoridierter Zahnpasta in geringer Menge bei Verzicht auf Fluoretten. Die kariespräventive Wirkung von Fluoriden in lokaler Anwendung ist sehr gut untersucht und belegt.
  • Zum Zahnarzt, bevor es weh tut.
    Am besten nimmt die Mama oder der Papa das Kind mit zum eigenen Vorsorgetermin, an dem (das muss vorher gegebenenfalls abgesprochen werden) wirklich nur geschaut und gesprochen wird. Zahnärzte haben heute häufig intraorale Kameras, mit denen sie tolle Aufnahmen von den Zähnen machen können – das macht Kindern bestimmt Spaß. Es gibt Instrumente, die sicher einmal ausprobiert werden dürfen, etwa jenes zum Luft- und Wassersprühen. Nervosität und Ängste rühren aus meiner Sicht in der Regel von der elterlichen Einstellung zum Zahnarzt.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Kinder später ihren Eltern dankbar dafür sein werden, so auf die Zähne geachtet zu haben. Gesunde und schöne Zähne zu haben, ist ja nicht nur Selbstzweck, sondern trägt zur allgemeinen Gesundheit bei („gesund beginnt im Mund“) und ist aus meiner Sicht einfach ein Stück Lebensqualität.

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