HSV-Fan zu werden, ist nicht schwer. Es zu bleiben: sehr.

Fan des Hamburger Sport-Vereins wurde ich als kleines Mädchen zu einer Zeit, als es unglaublich schick war, zum HSV zu halten: Man spielte um die Meisterschaft, lieferte sich packende Duelle mit den Bayern aus München, mischte in europäischen Wettbewerben mit und holte auch dort einen Titel. Doch die eigentliche Herausforderung für einen HSV-Fan, der es in dieser Zeit wurde, sollte erst noch kommen. Sie gipfelte im haarscharfen Vermeiden des Abstiegs in der vergangenen Saison – und das dem HSV, dem einzigen Urgestein der Bundesliga, das noch nie abstieg. Kein HSVer wollte und will so einen Ritt auf der Rasierklinge noch einmal erleben, doch genau das droht erneut. Schlimm daran ist für mich weniger der Fakt an sich, sondern dass das unaussprechliche Szenario droht, obwohl die Mitglieder vermeintlich (!) die Voraussetzungen für einen Neu-Anfang, einen Reboot geschaffen hatten.

Stand heute ist für mich eines klar: Die Ausgliederung des Profisports aus dem e.V. und die veränderten Strukturen waren wichtig und richtig. Die Argumente, die eine Ausgliederung nicht nur empfehlenswert, sondern wirklich notwendig gemacht haben, kann man im Blog viertermann nachlesen. Doch abgesehen davon, dass die steuerliche Problematik aus der Welt geschafft wurde, blieb von dem Konzept nicht allzu viel übrig (sämtliche nachfolgenden Zitate stammen aus dem Antrag der Initiatoren von HSVplus):

Aufbruchstimmung
Schon jetzt zeigt sich, dass sich bisherige und potenziell in Frage kommende Sponsoren positiv zu den Umstrukturierungsplänen von HSVPLUS äußern. Im Gegensatz zu der jetzigen imagebelasteten Vereinsstruktur wird es dann aufgrund einer erheblichen Steigerung der Reputation/Professionalität auch zu einer gesteigerten Attraktivität für strategische Partner kommen. Diese Attraktivität wird sich auch auf das Engagement von Persönlichkeiten mit nachgewiesener Professionalität für Führungsaufgaben oder Ehrenämter auswirken. Ehemalige Fußball-Ikonen des HSV haben sich schon öffentlich zu HSVPLUS bekannt.

Die Aufbruchstimmung war aus meiner Sicht genau in einem (!) Moment zu spüren: nämlich, als das Ergebnis der Abstimmung am 25.5.14 verkündet wurde. Der HSV konnte seitdem weder das Image, noch die Reputation verbessern, weil sich sehr schnell zeigte, dass ein Herrn Gernandt noch eitler war als die bisherigen Vereins-Aufsichtsräte. Das hatten auch die Initiatoren von HSVplus unter- bzw. völlig falsch eingeschätzt. Karl Gernandt gab nach der positiv entschiedenen Abstimmung einige extrem unglückliche Interviews und spielte damit allen Gegnern dieser Reform in die Karten. Dietmar Beiersdorfer wurde zum Vorstandsvorsitzenden bestellt, obwohl er sich sehr wahrscheinlich in einer ganz anderen Rolle beim HSV sah. Sehr schnell wurde auch deutlich, in welche Abhängigkeit von Klaus-Michael Kühne sich der HSV begab – ich behaupte: leider mangels irgendwelcher Geldquellen begeben musste. Eine Lizenz für die 1. BuLi hätte es ohne seine Bürgschaft nicht gegeben. Und ich als Außenstehende weiß nicht, welche Bedingungen er dafür diktierte, ich kann es nur vermuten oder erahnen, und darüber will ich lieber erst gar nicht nachdenken.

Neue Finanzierungsmöglichkeit
Die Struktur bietet mit einer ausgegliederten HSV Fußball AG eben auch die Möglichkeit, dass sich strategische Partner beteiligen können. Hierbei handelt es sich nur um eine Möglichkeit, nicht um eine zwingende Konsequenz. Derzeit gibt es keine konkreten Verhandlungen, die kann es auch erst nach Umsetzung des Konzepts geben. Eines der Kernziele des Konzepts ist die Umsetzung einer zeitnahen Entschuldung des Vereins.

Diesen Abschnitt sollten sich vor allem jene, die laut vom „Verramschen des Vereins“ reden, genau durchlesen. Da steht „Möglichkeit“, Partner zu beteiligen. Es steht dort auch „nicht zwingend Konsequenz“. Ich akzeptiere jedes Gefühl bezüglich der Ausgliederung und jede Meinung dazu. Aber bei den Fakten bin ich pingelig, um nicht zu sagen: unerbrittlich. Es ging immer darum, Optionen zu schaffen, die handlungsfähig machen. Nirgendwo stand oder war vorgesehen, den HSV – oder soll ich besser sagen: seine Seele (was auch immer das sein soll) – zu verkaufen. Nirgends! Und fürs Protokoll: Ein Partner ist kein Investor – weder sprachlich, noch inhaltlich. Die Beharrlichkeit, mit der so mancher diesen Fakt beiseite schiebt, ist mir ein Rätsel. Außerdem ist im Konzept ausgeführt, dass ein Kernziel die zeitnahe Entschuldung ist. Das ist ein Punkt, den die Initiatoren immer wieder auf den zahlreichen Veranstaltungen mit Fans betonten. Was daraus geworden ist, sieht jeder: Es wurde mit dem Geld aus dem Verkauf von HC10 sowie dem Geld von KMK für die Anteile weiter fleißig auf dem Spielermarkt eingekauft. Von Entschuldung war keine Rede mehr – wir haben’s ja, wir sind der HSV. Wir leisten uns einen der teuersten Kader der Bundesliga – und spielen gegen den Abstieg. Na bravo!

Mitgliedermitbestimmung
Das Mitspracherecht der Mitglieder wird in einer etwas anderen Form erhalten, es entsteht mit Bezug auf die HSV Fußball AG eine „ repräsentative Demokratie“, die sich übrigens auch in unserem Staatswesen bestens bewährt hat …

Das Interesse an der Mitgliederbestimmung, die insbesondere bei den Beiratswahlen im Januar dieses Jahres sehr gefragt war, pegelte sich nach der 10.000-Mitglieder-starken MV im Mai 2014 wieder auf das „normale“ Maß ein. Viele jener, die das Hohelied der Demokratie vor HSVplus immer sangen, waren erst gar nicht erschienen. Das mag menschlich nachvollziehbar sein, zeigt für mich allerdings auch ein seltsames Demokratieverständnis. Nur zu Erinnerung: Vor HSVplus entschieden auch schon mal weniger als 1.000 Mitglieder über die Besetzung des Aufsichtsrats und nahmen somit in einem (aus meiner Sicht unerträglichen) Umfang Einfluss auf das Alltagsgeschäft. Denn sie wählten mitunter Kandidaten in den AR, die einfach durch eine schmissige Rede „überzeugten“ und letztlich das taten, was sie für richtig hielten – wohlgemerkt für sich, nicht für den Verein. Oder weil sie hofften, mit „ihrem“ AR dann große HSV-Politik machen zu können. Das ist jetzt (aus meiner Sicht zu Recht) nicht mehr so direkt möglich, aber durch die Wahl des Beirates und des Präsidenten des Vereins, der automatisch AR-Mitglied der Profi-AG ist, gegeben. Den zu wählen, fanden wohl viele nicht so spannend. Nun ja.

Erstaunt, ernüchtert, erwartungslos

Was mir bleibt, ist eine riesengroße Ernüchterung: Es gibt jetzt zwar neue Strukturen, aber diese leben nun mal von den Menschen, die in ihr arbeiten. Und diese „neuen“ Menschen haben leider an vielen Stellen Schwächen offenbart, von denen wir dachten, dass sie nun endlich in den Hintergrund träten. Dieser Verein wird immer noch von Leuten geführt und beherrscht (!), die unfassbar eitel sind, denen es um ihre Reputation, ihr Auskommen geht. Viele Entscheidungen sind sachlich einfach nicht nachzuvollziehen – vor allem, wenn es ums Personal geht. Da wäre beispielsweise die Person Joachim Hilke. Worin seine Exzellenz liegt, bleibt das Geheimnis weniger Eingeweihter, die damit auch nicht so recht rausrücken. Da wären außerdem die seltsamen Entscheidungen bei Transfers, die in diesem Blogpost auf HSV Arena bereits schonungslos nachgezeichnet wurden. Da wären außerdem Kaderentscheidungen für das jeweils anstehende Bundesliga-Spiel, die sich jeder taktischen oder gar leistungsbedingten Erklärung entzogen.

All das macht es einem HSV-Fan wirklich schwer, einer zu bleiben. Als Fan möchte ich einen sportlichen Wettkampf, bei dem zumindest auf dem Platz das Sportliche im Vordergrund steht. Und als Fan möchte ich auch, dass die Verantwortlichen rund um diesen Sport ihrer Verantwortung nachkommen – und zwar zum Wohle des Vereins. Nur des Vereins. Wirklich traurig ist, dass man das bei diesem HSV offensichtlich nicht mehr erwarten darf.

Nachtrag: Dieser Beitrag wurde freundlicherweise auch anderswo verlinkt, u.a. von Daniel Jovanov auf Facebook. Ich bin dort nicht unterwegs und spreche hiermit ausdrücklich die Einladung aus, sich hier (in den Kommentaren oder per Mail) mit mir und meinem Text auseinanderzusetzen. Ich bin offen für Anmerkungen und auch Kritik, aber hintenrum zu schmähen empfinde ich als absolut unwürdig.

 

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. themaxxno1 sagt:

    Hi, du sprichst mir aus dem Herzen. Wenn man in anderen Blogs und den Beiträgen von Goals Jovanov richtig deutet kommt man zu dem Eindruck, dass jeder halbwegs mit gesunden Menschenverstand ausgestattete Manager besser und klüger agieren würde als das Personal was sich derzeit blamiert.

    Ich habe mir (dummerweise?) noch Karten für zwei Heimspiele gekauft. Das war noch vor dem Wechsel zu Knäbel, die Karten für den letzten Spieltag kann ich im (Abstiegs)- Fall noch an befreundete Schalkefans verschenken. Das Spiel gegen Freiburg werde ich mir ansehen einfach weil ich gerne im Frühling in Hamburg bin.

    Ich glaube vermehrt daran, dass wir in die 2. Liga absteigen und dass Tuchel a) nicht kommt und b) auch nicht helfen kann. Es liegt offenbar nach wie vor zuviel im argen.

    Fürchterlich ist das alles.

    Betrachtet man etwas objektiver das Spielgeschehen zu bleibt festzustellen, dass sowohl Stuttgart, Berlin als auch Freiburg besseren Fußball ab und an anbieten als das was wir seit Monaten vom HSV vorgesetzt bekommen.

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