Das Ding mit dem Frau- und Mutter-Sein

Durch einen Tweet bin ich auf diesen Artikel in der SZ aufmerksam geworden. Es geht um Mütter, die es bereuen, Kinder auf die Welt gebracht zu haben. Zitiert wird eine Studie mit zugegebenermaßen kleiner und damit nicht repräsentativer Zahl aus Israel. Deutlich wurde, dass dieses Bereuen quer durch die Altersgruppen und Schichten geht, mithin also wirklich ein ganz persönliches Empfinden darstellt. Dieser Artikel hat eine große Diskussionswelle ausgelöst, auf Twitter wurde eifrig unter dem Hashtag #regrettingmotherhood gepostet – durchaus kontrovers. (Nachtrag: Dazu kann ich unbedingt diesen Artikel, ebenfalls in der SZ, empfehlen. Hier wird es in Sachen #regrettingsmotherhood sehr konkret.) Ich habe mich nicht durch alle verlinkten Blogs und Beiträge durchgewühlt, sondern mich auf Retweets geschätzter Menschen verlassen (Dank an @inkanina für den Hinweis auf den Blogpost von „2kinderkuechebadbalkon„) bzw. die mir netterweise als Reply zugesandten Artikel von umstandslos.com und der Katja intensiv gelesen. In den beiden letztgenannten Beiträgen geht es weniger um das Bereuen von Mutterschaft, sondern um geschichtliche Zusammenhänge: Was ist das eigentlich – Mutterliebe? Gibt es sie überhaupt? Wie sah die vor 500 oder gar 1.000 Jahren aus? Wie haben Mütter früher ihre Rolle definiert? Wann änderte sich das auf welche Weise?

In meiner geschichtlichen Allgemeinbildung kam die Geschichte der Frau kaum vor. In der DDR wurde Geschichte so nicht gelehrt, es ging immer um unterdrückte Schichten/Klassen: erst waren es die Feudalbauern, später die Arbeiterklasse. Frauen in ihrer Besonderheit kamen darin nach meiner Erinnerung, wenn man von Rosa Luxemburg und Anne Frank absieht, nicht vor. Später sprachen wir noch von Valentina Tereschkowa, der ersten Frau im All. Auch Clara Zetkin kam vor, Marie Curie. Das war es dann aber auch. Ich kann mich darüber hinaus nicht entsinnen, dass die Frage, wann eine Mutter eben eine gute ist, thematisiert wurde. Das lag sicherlich daran, dass es diese unterschiedlichen Lebensmodelle, wie wir sie heute erleben, in der Breite so nicht gab. Es musste sich keine Mutti von der anderen abgrenzen, alle waren im Grunde in der gleichen Situation: Frau ging zur Arbeit, das Kind wurde je nach Bedarf betreut, auch mal eine ganze Woche lang (Wochenkrippe nannte sich das).

Jede Frau ist anders – gut so

Heute ist die Welt eine komplett andere: Jede Frau darf so sein, wie sie möchte. Oder? Es ist (leider) eine Theorie. Denn diese unsere Gesellschaft, das meint Männer und noch stärker die Frauen selbst, macht es den Frauen (ja, auch jenen ohne Kinder) nicht ganz leicht, das eigene Frauen-Daseins-Modell zu leben. Und da kann Frau noch so selbstbewusst sein: Wir leben nun mal nicht auf einer Insel, sondern sind soziale Wesen. Als solche können wir uns den Mitmenschen eben nur begrenzt entziehen. Es bedarf schon einer gewissen und ständigen Anstrengung, sich freizumachen von Dogmen, ungeschriebenen „Gesetzen“, urteilenden Blicken oder, wenn es hart kommt, von verbalen Auseinandersetzungen in den Medien, in der Verwandtschaft, in der Nachbarschaft, die nicht immer wohlmeinend sind. Ich kann davon ein Lied singen. Auch starke Frauen stecken das alles nicht einfach so weg.

Immerhin: #regrettingmotherhood hat mich einen anderen, einen neuen Blick auf mein Muttersein werfen lassen. Ich dachte beispielsweise immer, dass Mutterliebe grundsätzlich bedingungslos ist. Ich muss das präzisieren: Meine Liebe als Mutter zu meinen Kindern ist bedingungslos. Ich darf das nicht verallgemeinern. Und: Diese Liebe zu einem Kind ist nicht zu verwechseln mit dem Gefühl für sich selbst als Mutter. Ich kann meine Kinder lieben, ohne mich in meinem Mutterdasein zu lieben – dass das geht, habe ich selbst erfahren, und es war und ist noch harte Arbeit, dazu ein anderes Gefühl zu entwickeln und mich davon zu lösen, irgendeinem Ideal, das ja gar nicht meines ist, entsprechen zu müssen.

Ich begrüße das Nachdenken, das Reflektieren über das Dasein als Frau oder Mutter. Dabei darf es keine Denk- oder „Fühl“-Verbote geben. Es geht darum, zu sich selbst ehrlich zu sein – ohne das Gefühl von Scham, Wut oder Überlegenheit. Es geht eben nicht darum, sich in Beziehung zu anderen zu setzen und zu bewerten (die/der macht es besser/schlechter als ich), sondern den Weg für sich zu finden, der sich für einen selbst gut und richtig anfühlt. Wie schwer das fällt, weiß ich. Mir gelingt das auch nicht jeden Tag, aber immerhin: Es fällt mir auf. Es eröffnet mir die Möglichkeit, noch mal neu heranzugehen und dann gelassen zu sagen: Na und? Der oder die macht es so, ich mach es anders. Der oder die fühlt es so, ich empfinde es anders. Wunderbar!

 

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