Irritationen

Kinder haben es gut: Wenn ihnen etwas missfällt, sie etwas komisch oder auch wirklich mal doof finden, dann sagen sie das einfach so. Und es ist auch in Ordnung. Von Erwachsenen wird erwartet, erst einmal tief Luft zu holen, nachzudenken und dann vorsichtig etwas zu sagen, etwas wie: Ich bin irritiert. Also schön. Ich hülle mich in Irritationen und zelebriere diese wie Annett Louisan ihr „Problem“:

Geh mir weg mit deiner Lösung,
sie wär‘ der Tod für mein Problem.
Jetzt lass mich weiter drüber reden,
ist schließlich mein Problem.
Und nicht dein Problem.

Irritation Nummer 1 – Das Fußballfan-Paradoxon

Mein Herzensverein, der HSV, befindet sich im Abstiegskampf und hat sich vorgestern einen sehr wichtigen Sieg erkämpft. Um ihn zu „veredeln“, durfte Paderborn gestern nicht gegen Bremen gewinnen. Das machte uns HSVer auf einen Schlag zu Werder-Fans, was wir natürlich niemals laut zugeben, aber leise eigentlich schon. Ich sowieso. Die Werder-Fans wiederum wollten ihren Verein tatsächlich verlieren sehen, damit Paderborn wieder am HSV vorbeizieht, so dass dieser direkt auf einem Abstiegsplatz die Woche verharren muss. Denn:

Ja, ich komme weder aus Bremen noch aus Hamburg, daher verstehe ich das wohl nicht. Muss ich ja auch nicht. Daher bin ich angemessen irritiert und finde es schlichtweg: albern! So.

Irritation Nummer 2 – Ich hasse dich, ich liebe dich

Und zwar alles innerhalb weniger Minuten. Geht nicht? Wer ein pubertierendes Kind hat, wird wissend nicken und seufzen. Es ist bei mir selbst schon eine Weile her, daher erlebe ich diese herausfordende Phase meiner großen Tochter mit wechselnden Gefühlen: Sie schwanken so zwischen übergroßem Verständnis und totalem Unverständnis. Mit der gleichen unfassbar großen Amplitude wie die Stimmungsveränderungen des Kindes. Irritierend daran: Was heute gut läuft, klappt morgen eventuell noch besser oder eben überhaupt nicht. Wo heute die Stimmung zum Ins-Erdloch-Verkriechen ist, schwebt sie morgen in der Stratosphäre. Wir kennen das alle, natürlich, aber komm‘ damit mal als Mutter oder Vater klar! Und ich meine wirklich: klarkommen im Sinne von ruhig, gesprächsbereit und geduldig bleiben. Irritierend für mich: Ich bekomme das immer besser hin. Es ist unglaublich anstrengend, aber was soll ich sagen: Das Gefühl, wenn das Kind anruft und sagt „Ich freue mich so, deine Stimme zu hören“ und „Ich hab dich lieb“, ist so überwältigend, dass es Kraft gibt für die nächste Session Türknallen und „Ich hasse dich“.

Irriation Nummer 3 – Dieses Blogger-Dingens

An dieser Stelle muss ich es mal aussprechen: Ich beneide manchmal die Männer. Die können zum Beispiel einfach so Väter sein. Ganz oft machen sie das klasse, manchmal gelingt es weniger gut, in gewissen Fällen klappt es gar nicht. Aber: Sie kommen in der Regel klar damit. Sie hinterfragen das nicht so vehement und selbstzerstörerisch wie – zum Beispiel ich. Ständig diese Sorge darum, in allem inzwischen nicht mal mehr perfekt, aber doch zumindest gut zu sein. Und zwar in allen „Funktionen“, in denen ich mich nun mal sehe. Gut könnte hier auch synonym stehen für: ehrlich, authentisch, reflektierend und ja, auch unerbrittlich. Ich möchte all das übrigens auch hier, in meinem Blog, sein. Ich möchte keine Geschichten erzählen, aber auch kein Tagebuch schreiben. Ich will hier sein als die Person, die ich nun mal bin, möchte das loswerden, was ich in Gesprächen anderswo nicht so richtig zum Ausdruck bringen kann. Auch, um es für mich einmal ausgesprochen und damit klar zu haben.

Doch man kann das auch anders sehen, eben so wie Séverine in ihrem Blogpost. Sie schreibt darüber, wie andere sie durch die Lektüre ihrer Beiträge möglicherweise sehen. Und was dieses Bild mit der Realität zu tun hat. Bei mir kam an: „Wenig. Ich erzähle Geschichten, ich verdichte, ordne neu an, gebe meinen Kindern andere Namen, ich mach‘ Storytelling – das ist nicht die Wahrheit über mich.“ Nun, ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, einen Menschen zu kennen, nur weil ich Texte von ihm oder ihr lese. Es sind immer Ausschnitte, die wir als Leser erfahren, und selbstverständlich ist die Auswahl dessen, was Blogautor/Blogautorin preisgibt, willkürlich. Wie denn auch sonst?!

Was mich nun irritiert: Warum soll das, was ausschnittsweise in einem Blog erzählt wird, nicht wahr sein? Was meint dieses „Storytelling“? Warum sind die Texte, die eine Autorin schreibt, nicht sie selbst? Ich sage: Natürlich ist das, was eine Bloggerin schreibt, sie selbst, wenn auch niemals komplett (Wann ist man das doch gleich? Und wer erwartet das noch mal?). Der Beruf ist nicht ich, aber er ist ein Teil von mir. Ich bin nicht nur Mutter, aber eben auch. Ich bin Fußballfan, aber eben nicht nur! Vielleicht war das auch gemeint. Bestimmt. Ich glaube schon, dass es schwierig ist, einen Menschen mit all seinen Facetten in einem Blog abzubilden. Nur: Wer denkt denn, dass das so ist? Es scheint mir ein wenig wie Eulen nach Athen zu tragen.

Irritation Nummer 4 – Die Eitelkeit-Falle

Wer komplett uneitel durch diese unsere Welt geht, hebe mal seine Hand. Ich vermute: Das sind wirklich wenige. Und das ist aus meiner Sicht ganz natürlich. Wir Menschen sind soziale Wesen und finden uns selbst auch zu einem Teil darin, wie wir auf andere wirken, und freuen uns, wenn diese Fremdwahrnehmung mit der eigenen Wahrnehmung übereinstimmt. Alles fein so weit.

Doch dann gibt es Menschen, die da in eine Falle tappen – ich möchte das jetzt einmal so nennen. Sie fangen an, sich selbst nicht mehr als Person wahrzunehmen, sondern als etwas anderes, etwa als ein Unternehmen, als eine Über-Person, als eine eigene Marke, als was auch immer. Und auf dieser Stufe wird es heikel, weil der Schritt zur Lächerlichkeit dann nicht mehr weit ist.

Was mich daran irritiert: Was passiert da in jenen Menschen, die durch eine Position in einem Unternehmen (einem Verein) Gestaltungs-Macht bekommen? Was läuft da für ein Programm, in dem auf einmal die eigene Person wichtiger wird, als die Sache, für die man in diese Position geholt/gewählt wurde? Und was noch irritierender ist: Wieso gibt es in solchen Fällen, da dies passiert, so selten ein Korrektiv, dass die betreffenden Leute wieder zurückholt in das Jetzt? (Meine Vermutung: Weil es alle drumherum gleichermaßen betrifft.) Ja, ich rede über meinen Herzensverein HSV, der leider von Menschen beherrscht wird, denen alles wichtig zu sein scheint – nur nicht der HSV. Ich möchte den ganzen Herren (Frauen sind ja leider nicht dabei!) mal diesen Satz von Hans Guido Riegel, Chef von Haribo, mit auf den Weg geben, den er einem FAZ-Redakteur auf die Frage, warum er sich denn nicht fotografieren lassen wollte, in den Block diktierte:

„Es geht um das Unternehmen und die Marke, nicht um mich.“

Wer sich partout als etwas sehen möchte, das er ohne die Strahlkraft eines anderen Namens niemals wäre, sollte sich als Person, die er ist, auf die Bühne stellen. Und dann sollte er es auch aushalten, wenn das Publikum weniger über das lacht, was er sagt, (wie bei einem Künstler), sondern über ihn selbst.

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Ich versuche mich nochmals philosophisch (au weia) zu erklären, denn ich fürchte, Du hast mich oder mein Anliegen nicht ganz verstanden. Natürlich bin ich mein Blog. Wie gesagt erfinde ich nichts. Ich bin 100% authentisch. Aber wie authentisch kann ich philosophisch betrachtet sein, wenn ich Dir nicht erzähle, dass ich heute morgen viermal auf dem Klo war, der Kleine mir auf den Ausschnitt gekotzt hat, die Grosse sich nicht richtig gekämmt hat? Dadurch, dass ich Dinge weglasse, ist es eben Storytelling; Ich erzähle meine Lebensgeschichte so, dass sie lesbar ist. Es kann nie 1:1 die Wirklichkeit sein – warum auch?! Dann kommt aber noch der Aspekt „Leser“ dazu. Was der Leser nämlich daraus macht, hineininterpretiert, reflektiert…. das ergibt doch ein ganz neues Bild von mir, über das ich keine Kontrolle habe und für das ich mich auch nicht rechtfertigen will. Ich muss es aber. Meine Eltern z.B. lesen meinen Blog als „die Wahrheit“ und sind verletzt. Sie behaupten, ich hätte geschrieben, ich hätte eine unglückliche Kindheit gehabt. WTF?! Woran ich mich nicht erinnern kann – weil es auch nicht stimmt. Aber da ich meine Eltern im Blog ganz bewusst nicht darstelle, kommt das bei ihnen an als „wir sind für Dich nicht existent“ etc.
    Verstehst Du mich jetzt etwas besser? Aber auch wenn nicht: Jeder hat natürlich das Recht, seinen Blog anders zu füttern und Blogs anders zu sehen als ich ;-). SchdrückDich <333

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