Mädchenjahre *

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Die Mama Notes hat eine Blogparade gestartet, die thematisch wie für mich gemacht scheint: Es geht um DDR-Geschichten. Die dazu bereits erschienenen Beiträge hat Sonja in ihrem Blog verlinkt. Und jetzt ich hier – eine willkürliche Auswahl von Geschichten, die ich mit meiner Zeit in der DDR verbinde.

Schulisches – ich war so verliebt

Ich habe meine komplette Schulzeit in der DDR verlebt, bin also zwölf Jahre lang an sechs Tagen die Woche in die Schule gegangen – mit durchaus unterschiedlichen Gefühlen. Ich habe mich beispielsweise in der neunten Klasse unsterblich in einen Lehrer verliebt, der die Figur eines Schwimmers hatte: breite Schultern, schmale Hüften. Hach. Ich hatte ihn zwei Jahre in Geschichte und Sport. Irgendwie mochte er mich wohl ein wenig oder hatte schlicht Mitleid, denn er war sehr nachsichtig mit mir, dass ich keinen Hüftumschwung an der Reckstange zustande brachte und gab mir eine Zwei. In der 11. übernahm seine Kollegin, die uns im Fach Geschichte ein ganzes Schuljahr lang die Geschichte der SED nahebringen musste, was ihr als stellvertretende Parteisekretärin der Schule sichtlich Vergnügen bereitete. Eine andere Geschichte nach 1945 hab ich nicht kennengelernt. Ihr Verdienst immerhin: Ich hörte endlich auf, „im Prinzip“ zu sagen.

Politisches – Geschichte und Kultur

Mein politisches Denken wurde natürlich auch durch Lehrer beeinflusst: Geschichte war immer die Geschichte von Revolutionen, von Kämpfen der Unterdrückten gegen die Unterdrücker, von antagonistischen Widersprüchen, von Lenin, von der Macht der Arbeiterklasse, von Ketten, von denen man sich befreien müsste – bis 1945, versteht sich. Damals wirkte das, ich war kämpferisch und wollte den Sozialismus auf jeden Fall besser machen. Ich engagierte mich in den Jugendorganisationen und organisierte mit großer Begeisterung einen „Kulturwettstreit“, der in einem Abend voller „Kulturprogramme“ der einzelnen Klassen gipfelte, für die die Jury Prädikate verlieh. Ich leitete einen Singeclub und wurde dafür mit einer Urkunde geehrt.

Ich sah mit großem Vergnügen den „Schwarzen Kanal“ von Karl Eduard von Schnitzler. Auf all das, was der von sich gab, musste man ja auch erst mal kommen. Ich las Bücher sozialistischer Autoren und war hingerissen, einen davon, Joachim Wohlgemuth („Egon und das achte Weltwunder“ und „Das Puppenheim in Pinnow“, Hammer!) persönlich treffen zu dürfen. Hermann Kant lernte ich leider nicht kennen, aber sein Buch „Impressum“ war schon ziemlich klasse.

Berufliches – die ersten Schritte

Für mich stand mit knapp 16 Jahren fest, dass ich Journalistin werden wollte. Da ich als Schülerin einer Klasse mit verstärktem Fremdsprachenunterricht eine Naturwissenschaft (ich: Biologie) abwählen musste, war an ein Medizin-Studium nicht mehr zu denken. Also wurde ich Wandzeitungsredakteurin auf meinem Gymnasium, das wir damals Erweiterte Oberschule (EOS) nannten, und übte mich im Artikel-Schreiben – gerne auch polemisch. Schon in der 11. Klasse musste ich mich für ein Volontariat bei der örtlichen Tageszeitung bewerben, dem ein umfangreicher Aufnahmetest inklusive Russisch-Prüfung vorausging. Wider Erwarten bestand ich den und landete direkt nach dem Abi im Volontariat. Meine ersten Schritte zu einer Redakteurin führten mich nach Evchensruh: Dort ließ ich mir von einer wunderbaren Frau erklären, wie der Ort zu seinem kuriosen Ortsnamen kam. Ich flog mit einem Ultraleichtflugzeug und schrieb eine Reportage darüber, die sogar mein alter Klassenlehrer las und meine Eltern drauf ansprach. Ich befuhr die Peene mit einem Schiff, das an die MS Franziska (kennt einer noch diese Fernsehserie?) erinnerte, und schrieb über die sozialistische Binnenschifffahrt. Und ich recherchierte mit einer Kollegin eine Geldverschwendungsgeschichte. „Millionen im Müll“ hieß es, und ich glaube, dass das die Geburtsstunde meiner Schwäche für Alliterationen war. Ich konnte in der Zeit auch Dank eines Empfehlungsschreibens des stellvertretenden Chefredakteurs meinen Führerschein auf einem Shiguli machen. Für lumpige 680 DDR-Mark.

Als große Ehre empfand ich es, über die Kinder- und Jugendspartakiaden berichten zu dürfen – der Spielbericht über den zweitklassig spielenden Fußball-Verein Post Neubrandenburg war dem Sportchef vorbehalten. Ich hatte es eben noch nie mit Zweitklassigem 😉

Sportliches

Dass ich ein Kind meines Landes war, zeigte sich vor allem in meiner unglaublichen Begeisterung für den Sport. Ich hatte keine Ahnung von Doping, sondern sah unsere Sportler von Sieg zu Sieg eilen und fand es einfach nur großartig. Neubrandenburg, meine Heimatstadt, war eine Stadt des Kanu-Sports (Rüdiger Helm!) und der Leichtathletik (Katrin Krabbe, Anke Behmer). Ich stand nachts auf, um am TV-Gerät Wettkämpfe der Olympischen Spiele zu verfolgen (und war während des Studiums 1988 mit Eik Galley, der heute bei der Sportschau arbeitet, in guter Gesellschaft, ich sag nur: GDR for Gold). Ich fuhr nach Prag, um mir die Eiskunstlauf-EM anzusehen. Ich stellte mich an die Straße, um den Friedensfahrern (die Tour de France des Ostens) zuzuwinken. Ich war im Jahn-Sportpark, um Leichtathleten anzufeuern. Ich fuhr mit meinen Eltern nach Rostock, um Hansa gegen Chemie Böhlen 3-2 spielen zu sehen. Ich las die FuWo und das Sportecho, ich war Fan der Sportseite der „Jungen Welt“ und beteiligte mich dort an Leser-Interviews, etwa mit Uwe Ampler, dem Friedensfahrt-Sieger. Dass ich heute keine Sportreporterin bin, passt irgendwie nicht dazu, aber sei’s drum – gewonnen wird ja eh nicht mehr so regelmäßig.

Gesundheitliches – das tat mitunter weh

Unterschiedliche Versicherungsarten kannten wir in der DDR nicht: Wir besaßen alle diesen grünen Versicherungsausweis, in den alles Mögliche eingetragen wurde, von den Impfungen (ich durfte noch zu Schluckimpfungen in der Schule antreten) bis zu Krankenhausaufenthalten. Meinen Appendix wurde ich kurz vor der Wende los, und das ist mir als sehr cooles Ding in Erinnerung geblieben: Der Anästhesist hatte wundervolle blaue Augen, und die Chirurgin blieb mit dem Schnitt schön im Bikinibereich, eine Narbe ist heute kaum zu sehen. Ich hatte eine supernette Bettnachbarin, nur wenig älter als ich, mit dem gleichen Problem. Wir beide hielten uns immer die Bäuchleins fest, weil wir wegen der Narbe ja nicht wirklich lachen konnten. 

Weniger schön waren die dentalen Erlebnisse: In der Grundschule gab es eine furchtbare Schulzahnärztin, deren Assistentin uns aus dem Unterricht rausholte. Die Tante da mit Bohrer und Hebel war immer schnell beim Zahnziehen und einfach nur gruselig. Ich nehme an, dass die Betäubungsmittel damals noch nicht so wirkten, ich denke an diese Frau wirklich nur mit großen Schmerzen. Aber immerhin wurden meine Nichtanlagen von Zähnen noch kurz vor der Wende wunderbar von einer anderen Zahnärztin versorgt – das habe ich heute immer noch im Mund. Es war eben doch nicht alles schlecht. 😉

 

* Dieser Titel ist eine Verbeugung an die Autorin meines Lieblingsbuches aus Kindertagen. Marianne Lange-Weinert, die Tochter des Dichters Erich Weinert, schrieb ihre Kindheitserlebnisse unter eben diesem Titel nieder. Ich habe das Buch immer wieder verschlungen und die darin vorkommende Grußformel „Deine Dich liebende Freundin“ in meine Korrespondenz mit Freundinnen übernommen.

 

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