Deutsche Demokratische Restriktion. Oder was?

Mama-notes war nicht so ganz zufrieden mit meinem Beitrag zu ihrer Blogparade, sie wünschte sich explizit Antworten auf ihre Fragen. Da ich annehme, dass nicht nur sie diese Fragen hat, will ich sie gerne im Interview-Stil beantworten. Aus mehreren Gründen: Immer wieder stelle ich fest, welche Vorurteile, welche Mythen über das Leben in der DDR durch die Köpfe vieler geistern. Das Leben in der DDR bestand wie hier im westlichen Teil Deutschlands aus vielen einzelnen Leben, es gab durchaus Diversität. Insofern finde ich pauschale Urteile „Ihr müsst Euch doch eingesperrt gefühlt haben“ nicht nur deplatziert, sondern auch verletzend. Ich halte es für keine gute Idee, seine eigenen Maßstäbe für allgemeingültig zu erklären und damit zu suggerieren, dass nur die Gesellschaftsordnung, die man selbst für gut und richtig erachtet, erstrebenswert ist.

Eines noch vorab: Ich antwortete hier aus meiner Erlebens- und Erfahrenswelt. Die muss nicht für andere, die in der DDR aufwuchsen und lebten, gelten. Ich kann aber nichts dafür, dass meine Eltern vor mir verheimlichten, dass sie von der Staatssicherheit beobachtet wurden. Sie taten dies, um mich zu schützen. Sie reisten 1988 auf Einladung in den Westen und kamen wieder – aus Sorge um mich. Sie befürchteten Repressalien für mich. Ich wuchs behütet und mit Wohlgefühl auf, bin aber genauso Teil der DDR wie jene, die sich unfrei, eingesperrt oder anderweitig eingeschränkt fühlten.

Sonja: Die Durchlässigkeit des Bildungssystems – wie fair ging das eigentlich zu?

Ich habe dazu folgendes erlebt: Kinder aus christlichen Elternhäusern hatten massiv Probleme. Die Nachbarn meines Großvaters beispielsweise hatten vier Kinder, das jüngste Kind, ein Mädchen, hatte ein Zeugnis voller Einsen – Abitur durfte sie nicht machen. Auf der anderen Seite: In meiner Klasse war ein Junge aus katholischem Elternhaus. Er verweigerte sich konsequent den Pionieren und der FDJ, empfing die Kommunion und die Firmung, hatte in der Schule aber wirklich keine offensichtlichen Nachteile, sondern war Schüler wie wir alle auch.
Politisches Programm war, dass vorwiegend Kinder von Arbeiter und Bauern Abitur machen und studieren sollten, was aber nicht bedeutete, dass Kinder von Akademikern keine Chance hatten. Aber sie mussten wirklich gut sein, um die Hochschulreife erwerben zu dürfen. Zur EOS (heute: Gymnasium) wurde man delegiert, und zwar nur dann, wenn das Zeugnis überdurchschnittlich ausfiel. Wobei: Die Abendschule (heute VHS) bot auch auf dem zweiten Bildungsweg an, das Abitur zu machen.

Sonja: Wie förderlich für Frauenkarrieren und die Gleichberechtigung war das Krippensystem?

Frauen waren in der DDR qua Gesetz gleichberechtigt (dazu hatte ich hier auch einmal etwas geschrieben), und man tat politisch eine Menge, um das umzusetzen. Nun sagen viele, dass man Frauen das Arbeiten ermöglichen musste, weil man die Arbeitskraft brauchte; ich behaupte: Viele Frauen wollten das durchaus. Denn sie hatten dabei Chancen aufzusteigen, Verantwortung zu übernehmen und ja, mehr Geld zu verdienen. Die Mutter meiner Studienfreundin leitete beispielsweise das Nähmaschinenwerk in Wittenberge und war Volkskammer-Abgeordnete. Das Kinderbetreuungssystem war diesem Ansinnen natürlich sehr förderlich (auch wenn manche sagen, dass man die Kinder in staatliche Obhut bringen wollte, um sie dort ideologisch entsprechend zu doktrinieren, nun ja). Ich selbst war in so einer Wochenkrippe, weil meine Mutter Studentin war, als ich geboren wurde. Studentenwohnheime, in denen man auch ein Kind haben konnte, das gab es erst später. Anschließend kam ich in einen Kindergarten. All das machte es möglich, dass meine Mutter in ihren Mittzwanzigern (!) in ihrem Beruf erfolgreich sein konnte – sie war an chemischen Patenten beteiligt und viel auf Dienstreisen. Sie beschreibt das heute noch als einen ihrer schönsten Lebensabschnitte. Also: Ja, Krippen und Kindergärten waren optimal auf die Befürfnisse von werktätigen Frauen abgestimmt.

Sonja: Wie fühlte sich das Leben an in so einem restriktiven Staat?

Frag mal Deine Kinder, wie sie sich in einem Staat fühlen, in dem Kinder ein Karriererisiko für Frauen sind. Frag sie, wie sie sich fühlen, dass sie in einem Staat leben, der einem Geheimdienst Türen öffnet, um rumzuschnüffeln. Frag sie, wie es sich anfühlt, in einem Staat zu leben, in dem vor ein paar Jahren Leute ein Berufsverbot erhielten aufgrund ihrer Mitgliedschaft in der DKP. Du merkst: So etwas nimmt man als Kind nicht wahr. Wie denn auch?
Woran genau machst Du eigentlich die Restriktionen fest? Dass wir nicht reisen konnten? Wovon hätten wir das bezahlen sollen – über die Währung hat hier im Westen doch jeder gelacht. Und der Wunsch zu reisen ist nicht angeboren, ich hatte den nie. Ich kannte es nur so und nahm das als völlig normal hin. Und exakt das ging meines Wissens nach vielen so.

Sonja: Wie war das Familienleben von der Diktatur betroffen?

Wenn die Frage ist, ob die Familien gelitten haben, behaupte ich: Nein. Das haben sie nicht. Die Politik hat sich wirklich viel eingemischt, das gebe ich gerne zu, aber an der Wohnungstür war auch in der DDR für sie Schluss. Wie eine Familie für sich lebte, war ihr Ding und wurde höchstens bestimmt vom eigenen Umfeld, in dem man eben lebte. Dadurch, das die Frauen wirtschaftlich in der Regel unabhängig waren, lag die Scheidungsrate in der DDR, so meine ich, höher als im Westen. Einen politischen Hintergrund sehe ich da eher nicht.
Was aber stattfand: Kinder zu bekommen, wurde gefördert – mit günstigen Krediten, einer Wohnung (die wurden ja eine lange Zeit zugeteilt), günstige Betreuungsmöglichkeiten, auch in den Ferien (!), Wertschätzung. Für Kinder wurde viel getan, wenn auch aus sicher nicht immer lauteren Motiven.

Sonja: Ab wann wurde es einem Kind klar, dass freie Meinungsäußerung (auch wenn das nicht das Wort gewesen ist) nicht überall und mit jedem Menschen möglich ist?

Ich habe immer offen meine Meinung geäußert, das steht sogar in meinen Zeugnissen. Ich habe nie Nachteile dadurch erlitten. Und jetzt?
Natürlich gab es die freie Meinungsäußerung, wie Du sie kennst, in der DDR nicht. Als Kind nimmst Du das aber nicht wirklich wahr. Das einzige, woran ich mich erinnere: Uns Kindern wurde eingeschärft, nicht öffentlich zuzugeben, dass man Westfernsehen sah oder dass man Westverwandtschaft zu Besuch hatte. Das änderte sich aber mit der Zeit. Ich habe das ganz offensiv in der Schule vertreten, indem ich sagte: Ich muss doch den Gegner kennen, wenn ich ihn besiegen will. Ich muss sein Wesen verstehen, wenn ich meinen Entwurf als den besseren darstellen will. Dagegen ließ sich offensichtlich wenig sagen.

Sonja: Gab es ein Gefühl von Unfreiheit? Wenn ja, wie war das, und wenn nein, warum nicht?

Das ist eine Frage, zu der es nur individuelle Antworten gibt. Der eine empfand es so, der nächste anders. Ich habe mich nie unfrei gefühlt, ohne das begründen zu können. Für mich war das alles normal und erklärlich. Ich war schließlich eine überzeugte Sozialistin.

Sonja: Was sind alles Dinge, Einrichtungen, Haltungen, Regelungen, die jetzt fehlen, die in der DDR besser waren?

Was mir heute fehlt, ist nicht die DDR. Ich habe erst im Nachhinein erfahren, in was für einem ungerechten, kranken und furchtbaren System ich da gelebt habe. Das lag m.E. nicht zwingend an der Idee, sondern wirklich an den Menschen, die Verantwortung trugen, die die politsch wichtigen Entscheidungen trafen. Natürlich wünsche ich mir eine Gleichberechtigung von Mann und Frau, die diesen Namen verdient. Und auch, dass für Kinder von Eltern, die gerne arbeiten möchten (oder es eben müssen) eine qualifizierte Betreuung sichergestellt wird. Aber all das nicht, weil es das in der DDR gab, sondern weil ich es als erstrebenswert betrachte. Das gilt auch für alles weitere, was man noch in diesem Zusammenhang sehen könnte (Polikliniken, die ja wieder in Form von Versorgungszentren eine Renaissance erleben; billige öffentliche Verkehrsmittel; Sportsgeist; ein landesweit gültiges Bildungssystem mit Schreibschrift ab der ersten Klasse und dem Lied vom Summanden; den Haushaltstag hätte ich irgendwie auch gerne 🙂 ).

Sonja: Und letztendlich: Wie war es wirklich, unter feministischen Gesichtspunkten, als Frau in der DDR zu leben? Wie weit war Selbstbestimmung, -Befreiung aus klassischem Rollenverhalten, Selbstbewußtsein uvm möglich? War die Gleichberechtigung zwar politisch gewollt, aber im privaten waren Kinder und Haushalt doch eher “Frauensache”?

Ich habe nur als Kind und Heranwachsende in der DDR gelebt. Ich hatte keine eigene Wohnung, habe nicht fest gearbeitet (wenn man von der Ausbildung absieht) und somit kein selbsterlebtes Wissen. Frauen haben in der DDR viel und hart gearbeitet. Aber sie hatten auch einen so genannten Haushaltstag pro Monat – ein bezahlter freier Tag pro Monat. Einfach so. Die wirtschaftliche Selbständigkeit sorgte meiner Meinung nach dafür, dass die Kräfteverhältnisse innerhalb einer Partnerschaft etwas ausgewogener waren. Bei uns zu Hause und auch bei den Familien um uns herum war es so, dass sich Mann und Frau die Hausarbeit teilten, es ging einfach gar nicht anders. Natürlich brachte mein Vater den Müll raus, saugte Staub, bezog die Betten. Daher nein: Kinder und Haushalt waren nicht grundsätzlich eher Frauensache. Ich will nicht ausschließen, dass sich manche Familien für dieses Modell entschieden haben. Bei meinen Großeltern war das durchaus noch die Regel, doch in der Generation meiner Eltern war es absolut verpönt.

Sonja: Ist es ignorant, bei der DDR sofort die Mauer zu assoziieren, so wie ich? (Oben übrigens das Mauer-Symbolbild mit Superkind.)

Ja. 🙂 Aber was soll’s?
Meine erste spontane Assoziation wird immer der Sport bleiben. Die Ernsthaftigkeit, mit der Sport in der DDR betrieben wurde, vermisse ich heute manchmal, da es in Grundschulen inzwischen unmöglich ist, Wettbewerbe zu veranstalten, bei denen nicht alle eine Medaille oder Ehrung bekommen.
Bin ich ignorant, wenn ich an die BRD als erstes an die volksverdummende Blöd-Zeitung denke? Wenn ich daran denke, dass Männer bis Anfang der 70er Jahre ihren Ehefrauen die Berufstätigkeit verbieten konnten? Wenn ich daran denke, dass die BRD den NATO-Raketen-Doppelbeschluss mittrug? Siehste.

 

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