Bloggen als Selbstoptimierung – ohne mich

Dünner, sportlicher, erfolgreicher – unser Dasein ist eine Leistungsshow.

Diesen Satz fand ich in einem wirklich sehr lesenswerten Artikel auf brigitte.de, worauf ich ja eigentlich wegen dieser Geschichte hier grundsätzlich nicht mehr klicke. In einem Interview wird die Autorin Ariadne von Schirach („Du sollst nicht funktionieren“) nach ihrer Wut auf diesen Selbstoptimierungszwang von Frauen befragt. Selbstoptimierung ist nämlich das Stichwort, das mir in jüngster Zeit öfter durch den Kopf geht. Aktuell hat das viel mit dem Thema Bloggen zu tun. Es hat angefangen „zu kitzeln“, als auf Twitter die Diskussion anfing, ob gestartete FamilienbloggerInnen (also Mama- und Papablogger) um Aufmerksamkeit bei den etablierten Schreibern betteln und ob eben jene diesem Ansinnen auch entsprechen sollten. Dann schrieb Frau Chamaillon einen Beitrag zum Selbstverständnis von BloggerInnen – ihr schien in der Selbstwahrnehmung vieler BloggerInnen die Verhältnismäßigkeit verloren gegangen zu sein. Das mündete dann schnell in das Thema, ob und wenn ja, wie viel Kommerz es denn sein darf.  Mein Genervtsein ob dieser Entwicklung kulminierte in diesem Tweet:

Es ist doch lustig: Im ganz alltäglichen Berufsleben scheuen viele Frauen den Wettbewerb (mit männlichen Kollegen), aber untereinander scheinen mir Frauen nicht weniger „competitive“ als Männer, es läuft nur sehr viel subtiler ab. Besonders unter Müttern. Dazu gibt es ja schon viele Geschichten, auch Bücher. Sie erzählen von Mommywars oder einer Müttermafia. Forenbeiträge oder Blogposts beschreiben Szenen, in denen Mütter in einen Wettbewerb treten über gesunde Ernährung, über das Können der Kinder und die Frage, ab wann es pathologisch ist, wenn Kinder irgendwas nicht (schon) können. Das neueste Feld ist das Bloggen als Mutter. Mehr als 1.600 Blogs sind bei Brigitte-Mom gelistet, es gibt bestimmt noch mehr. Und gefühlt werden es immer mehr, die damit auch Geld verdienen wollen, womit sie sich wieder in einen Wettbewerb* begeben. Ein Grund ist simpel, und da hat MeWorkingMom absolut Recht: Weil sie es können.

Ich vermute dahinter jedoch noch weitere Gründe, etwa der Wunsch nach Anerkennung, ja, auch monetärer Art. Ein weiterer könnte sein, dem Bloggen einen weiteren Sinn zu geben: Ich tue es eben nicht nur für mich, sondern die Familie hat auch noch was davon. Und schließlich sehe ich da auch die Möglichkeit der Kompensation: Was ich anderswo nicht bekomme, erfahre ich dann eben hier, in meinem Blog.

Und schwups sind wir wieder in der Leistungs-, Sinn- oder Wettbewerbsfalle: Es reicht nicht, einfach nur Mutter zu sein, die perfekte Mutter ist mal das Mindeste, auch wenn immer wieder etwas anderes behauptet wird. Normalität geht nicht, es muss immer etwas Besonderes sein: Und so basteln sich so manche auf den einschlägigen Social-Media-Kanälen via Fotos und kurzen Posts ein Leben, von dem sich jene offensichtlich wünschen bzw. bei anderen den Eindruck erwecken wollen, dass es so wäre.** Du bloggst? Dann sieh zu, dass du Leser gewinnst und Geld verdienst. Du fühlst Dich selbst nicht wohl in Deiner Haut? Selbst schuld, tu was dagegen! Und wenn Dir das nicht gelingt, geißele Dich selbst. Mama-notes hat dieses Gefühl in einen Blogpost gepackt. Meine spontane Reaktion: Das ist nicht die Perfektionsmus-, sondern die Selbstoptimierungsfalle. Und in diese zu tappen, scheint mir, um es mit den Worten meiner großen Tochter zu sagen, schlicht unnötig. Der erwartbaren Antwort darauf „Weil ich es aber so will“ entgegne ich: Und warum willst Du es?

Von Schirach beklagt im oben verlinkten Interview dieses „Dasein als Leistungsshow“. Und ich finde: Sie hat Recht. Weiter sagt sie: „Es ist schön, dass es einen Markt gibt und dass ich eine Auswahl habe, aber es ist bedenklich, dass wir uns in Ich-AGs verwandeln und uns managen statt unser Leben zu leben.“ Das meint meiner Meinung nach, die überfrachtete Sicht auf das eigene Sein (ich sollte oder müsste das und das und das) einmal herunterzufahren. Grundsätzlich muss man erst mal gar nichts. Vielleicht liegt ein Schlüssel in der Frage, ob ich mein Dasein (als wer oder was auch immer) pflege, weil es mir selbst entspricht, oder weil ich meine, dass andere erwarten, dass ich so oder eben so sein soll.

Ich habe für mich eine Entscheidung getroffen. Diese Selbstoptimierung findet ohne mich statt – erst recht, wenn es ums Bloggen geht. Sehr schön hat das Antje Schrupp ausgedrückt, die ihre Gründe fürs Bloggen hier wunderbar formuliert hat. Sie sagt, dass ihr „Bloggen sich nicht in erster Linie an ein Publikum richtet (wobei [sie sich] über Publikum natürlich gleichwohl freue), sondern klammheimlich zu [ihrem] persönlichen Gedanken-Festhalt-Medium geworden ist„. So sehe ich es auch. Schrupp zitiert in diesem Post auch aus einem Fernseh-Interview, das Günter Gaus mit Hannah Arendt führte. Denn sie sagte, „dass sie nicht wirken wolle, sondern verstehen. Und dass sie, wenn sie ein perfektes Gedächtnis hätte, wahrscheinlich keine einzige Zeile schreiben würde. Sie schreibe, um nicht zu vergessen, was sie einmal gedacht habe.

Besser kann man es nicht ausdrücken.

 

* Wettbewerb heißt: Wer als Unternehmen Geschäfte mit Blogautoren macht (ob via PR, Kooperationen oder Verlosungen), schaut sich die Kennzahlen der Blogs an. Und in diesem Moment konkurrieren Blogs untereinander.

** Ich spreche niemandem ab, dass das, was auf Facebook, Instragramm und Twitter gepostet wird, grundsätzlich nicht real war oder ist. Doch das Stichwort heißt: Storytelling! Viele zeigen das, von dem sie wollen, dass es andere (so) sehen. Wie viel es vom Menschen tatsächlich verrät – nobody knows!

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Katharina sagt:

    Thumbs up!
    Manchmal komme ich auch ins Zweifeln, blogge ich doch schon seit 2010 und keine Sau scheint das zu interessieren bzw. sind meine Leserinnen und Leser in ihrer Anzahl immer konstant. Aber treue Seelen sind sie!
    Wenn ich schaue, was andere, die nach mir angefangen haben, für Klickzahlen haben, wird mir ganz schummrig. Aber dann erinnere ich mich selber wieder dran, dass ich das ja gar nicht wollte. Sondern für mich schreibe und wenns wen interessiert, umso schöner.
    Klar mache ich auch Storytelling – in dem Sinne dass ich versuche, eine wahre Begebenheit möglichst spannend/interessant zu erzählen. Aber das gehört zum Schreiberinnen-Handwerk und benötigt weder Beschönigung noch Verdrehung der Begebenheiten.
    Und Selbstoptimierung… naja… ich glaube, jede erzählung nur, was sie will… ganz alles muss man dann doch nicht ins Netz blasen 🙂

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    1. mrscgn sagt:

      Liebe Katharina,

      Dankeschön für Deinen Kommentar.

      Natürlich haben erzählte Geschichten (storytelling) häufig einen höheren Unterhaltungswert. Ich schreibe beruflich, ich weiß das nur zu gut. Mein Punkt ist, dass mir der Unterhaltungsgrad eines Posts nicht so wichtig ist wie andere Dinge, als da wären: Identifikation (das passt zu mir, das Thema bewegt mich auch), Nutzwert (ich habe etwas Neues erfahren, vielleicht sogar etwas gelernt), Empathie (ich fühle mit). Das gelingt mir (!) nicht bei Geschichten, von denen ich nicht einschätzen kann, was da daran wahr oder erfunden ist. Es entsteht da ein Bild, von dem der Autor will, dass ich es so sehe. Nur: Wem nützt es, wenn ich dort ein Bild sehe, das mit der Realität nicht zwingend etwas zu tun hat?
      Es gibt sicher Gründe, die für diese Art des Erzählens sprechen, viele Leser schätzen das, die Leserzahlen belegen dies. Ich wende dagegen ein, dass solche Posts die Gefahr in sich bergen, dass man als Autor sein Leben irgendwann eben so sieht, wie man es gerne hätte und nicht, wie es tatsächlich ist.

      Es ist richtig, dass man nicht alles von sich (oder auch den Kindern) erzählen will. Nur: Warum dann nicht darüber schweigen, anstatt anzufangen, eine Geschichte zu erzählen, die so gar nicht stimmt? Du wirst von mir hier keine Posts lesen, die meine Kinder zum Gegenstand haben. Das Internet vergisst nichts (ich fand gestern zufällig einen Artikel von mir aus dem Jahr 2000!), und ich möchte nicht, dass sie mich irgendwann vorwurfsvoll fragen: Mama, was hast Du denn da über uns geschrieben?

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      1. Katharina sagt:

        Ich glaube, wir verstehen unter „Storytelling“ nicht ganz dasselbe. Für mich ist es nur die Art und Weise, wie eine Begebenheit erzählt wird (also das rein Handwerkliche) und sagt nichts über den Wahrheitsgehalt der Begebenheit aus. Ich würde jetzt nicht am Inhalt oder der wahren Begebenheit schrauben, nur um eine Pointe besser zu machen.

        Ich schweige über ganz viele Sachen 😉 Die Hauptperson in meinem Blog bin ich, und nicht mein Kind. Natürlich kommt der Kurze auch mal darin vor, aber nur in den allerseltensten Fällen als Hauptperson. Meistens geht es um meine Befindlichkeiten in Bezug auf ihn oder in Bezug auf unsere Beziehung, und nicht um ihn selber. Ich habe aber auch schon ganze Postings wieder gelöscht weil ich nach dem Schreiben Zweifel bekam, es noch dem Vater des Sohnes zeigte und wir dann gemeinsam beschlossen, es nicht zu veröffentlichen. So lasse ich beispielsweise die ganzen medizinischen Themen weg, auch wenn mir die eigentlich manchmal sehr zu schaffen machen und ich eigentlich schon das Bedürfnis hätte, mich darüber auszutauschen. Aber hier geht für mich der Schutz des Kindes und seiner Privatsphäre über meine eigenen Bedürfnisse. Da muss ich halt andere Wege suchen.

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      2. mrscgn sagt:

        Doch doch, mir ist schon klar, was damit gemeint ist. Eine Geschichte zu erzählen, lebt durchaus davon, das eine oder andere wegzulassen, es eventuell ein wenig zu dramatisieren (oder eben auch umgekehrt). Es ist einfach nicht mehr ungeschminkt, vielleicht trifft es dieses Wort besser. Muss es nicht, völlig klar. Nur: Dann falle ich aus der Zielgruppe raus.

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