Unkontrolliert, unglaublich, unverstanden – mein HSV

Ein Tag zum Niemals-Vergessen – so lässt sich der 1. Juni 2015 für mich beschreiben. Ich war live dabei, als der HSV sein gefühlt 20. „Leben“ eingesetzt hat, um nicht abzusteigen. Es war Hölle und Himmel innerhalb von einer Stunde. Ich hatte nach dem 1-0 durch den KSC meinen Glauben verloren, ich war der Meinung: Das war’s. Ich malte mir schon aus, wo ich dann hinfahren würde … Und dann passierte das Unglaubliche, das wir im Fanblock zunächst auch noch unverdientermaßen van der Vaart zurechneten: Was für ein Hammer-Freistoß von Diaz. Im Block flippten alle komplett aus, ich sah Tränen in Männeraugen, sie hüpften, sie schrieen, fielen sich immer wieder in die Arme, keine Ahnung, wie oft ich gedrückt und geherzt wurde. Von wildfremden Menschen. Plötzlich war da wieder Zuversicht, jeder um mich rum meinte: Da geht noch was. Es wurde noch einmal richtig laut, und schließlich passierte auch das eigentlich total Unerwartete: Der HSV machte aus dem Spiel heraus (!) das entscheidende Tor zum 1-2. Kreisch. Die Leute tobten, quiekten vor Freude, lagen sich in der Armen, weinten vor Glück – so viel zum Thema „es ist doch nur Fußball„. Unfassbar! Ich war am Spielende nur noch erleichtert und dankbar. Im Auto wurde ich von lieben Freunden aus Mannheim angerufen, und gemeinsam schmetterten wir erstmal ein HSV-Lied, was für eine Erlösung. Einfach unkontrolliert alle aufgestauten Gefühle rauszulassen, laut zu lachen, auch über die allerbilligsten Witze, und dann ein Bremer Bier zu kaufen. So muss das sein. Ich habe mir zuhause noch eine ganze Weile das Spiel in Endlosschleife auf Sky angeschaut, die Tore genossen und mein Phone an seine Grenzen gebracht mit Nachrichten-Overflow.
Nachtrag: Ich war ja nicht alleine in Karlsruhe, sondern war in netter Begleitung. Seine Sicht auf die Dinge gibt es in seinem Blogpost zu lesen.

Der unbeliebte HSV

In den vergangenen Wochen war es nicht leicht, dazu zu stehen, HSV-Fan zu sein. Es sind nicht einfach Sympathien verloren gegangen, es ist große Antipathie gewachsen. Nicht nur bei den Fans der „üblichen Vereine“. Dass EffZeh-Fans nach Hamburg fahren, um den HSV gegen Schalke verlieren zu sehen und so richtig angefressen heimkommen, weil eben das nicht passierte, ist schon sehr speziell. Aber es schien auch hip zu sein, seinen ganzen wo auch immer aufgeladenen Frust in Richtung HSV abzukippen. Das kulminierte dann nach Abpfiff darin, dass den HSVern das Recht komplett abgesprochen wurde, ihren Sieg zu feiern. Aber der Reihe nach:

JA, der HSV hat nicht nur in dieser Saison einen grottigen Fußball gespielt. Das hat keinem HSV-Fan gefallen, das war ganz oft ganz armselig, besonders dann, wenn man es in Beziehung zu den vollmundigen Aussagen vieler Vereinsverantwortlicher sowie den finanziellen Aufwendungen setzt. Um das festzustellen, muss ich kein Bremer sein.

JA, die Spieler, die zum HSV kamen, können in Hamburg in der Regel nicht das abrufen, wofür man sie geholt hat. Es entstand der Eindruck, dass sich kein Spieler verbesserte – im Gegenteil. Auch das nicht erst in der gerade zu Ende gegangenen Saison. Wir Fans fragen uns wie jeder andere auch, woran das nur liegen mag? In meiner These, die ich leider nicht belegen kann, kommen Stichworte vor wie Vorbilder, Selbstzufriedenheit, Ich-AG …

JA, es wurden immer wieder Hoffnungen geweckt, die selten erfüllt wurden: von Trainern, Spielern, Verein. Immer nur Versprechungen, jetzt würde alles besser, immer nur Bitten um Geduld, die man doch brauche, immer wieder Umbrüche, die nötig seien – dass sie einen Haufen Geld verschlangen, who cares? Wir sind der HSV, wir haben es doch. Und viele HSV Fans haben dafür auch noch Geld hergegeben, als sie Anteile der festverzinslichen Anleihe zeichneten. Ein 6%-Kupon klang gut, aber wer fordert hier schon Zinsen ein?!

JA, mit dieser arroganten Attitüde „wir sind unabsteigbar“ und „immer erste Liga“ macht man sich keine Freunde. Denn das stimmt genau so lange, bis der HSV eben mal absteigt. Dass es zweimal hintereinander gerade so verhindert wurde, ist sicher nicht nur Können gewesen. Und JA, diese ewigen „Sechsmal-deutscher-Meister“-Gesänge hängen vielen so langsam zum Halse raus. Mir übrigens auch. Es ist aber nun mal seit gefühlter Ewigkeit das, was wir, die Fans, noch haben. Kein toller Fußball, mehrheitlich Spieler, die wenig Identifikationspotenzial bieten, eine Vereinsführung, die nur noch zum Fremdschämen ist. Da bleibt eben nur noch der Dino-Status. Ich könnte mir auch Cooleres vorstellen.

JA, der HSV hat in der Vereinsführung so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann in diesem Geschäft. Die Chance, die die Ausgliederung bot, wurde kläglich vertan – ich knabbere sehr daran. Statt Schulden abzubauen, wurden weitere gemacht. Statt sich Expertise reinzuholen (zum Beispiel in Sachen Kommunikation), ließ man jene weiterwurschteln, die das seit Jahren tun – mit mäßigem Erfolg. Statt endlich einmal aufzuhören mit dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, übernahm mit Gernandt ein Aufsichtsratsvorsitzender, der wie andere vor ihm auch an keiner Kamera wortlos vorbeigehen kann. Es wurden an verschiedenen Stellen Entscheidungen getroffen (nehmen wir nur die zu den Trainern), die sich einfach zu oft als falsch herausstellten und auch noch unfassbar teuer waren. Ein Co-Trainer mal für wenige Wochen zu beschäftigen, um ihn dann mit Abfindung hinauszubefördern – nirgends scheint es leichter zu sein, schnell viel Geld zu verdienen, als beim HSV.

Unfassbare Häme

Die Frage ist: Macht das aus einem Verein ein Objekt, dem man bei jeder Gelegenheit ordentlich ans Bein pissen darf? Das man verhöhnen darf, gerne auch unter der Gürtellinie? Dessen Fans man beleidigen darf, weil sie etwas besingen, das ihnen offenbar wichtig ist? Darf man dessen Spieler, die wegen Gelbsperren oder Verletzungen nicht selbst eingreifen können und auf der Tribüne sichtlich mitleiden, verbal und physisch attackieren, nur weil sie vom HSV sind? (so passiert in Karlsruhe) Und schließlich: Darf man allen, die es mit dem HSV halten, absprechen, sich über diesen wichtigen Sieg gestern zu freuen und ihn zu feiern?

Für mich zeigt das, dass da etwas miss-, wenn nicht komplett falsch verstanden wird. Fußball ist Emotion – und zwar oberhalb der Schamgrenze. Das macht das Spiel, das macht das Drumherum reizvoll. In diesem Blogpost ist das aus meiner Sicht schön beschrieben – der Königsblog singt das Hohelied der Relegation. Demut kann und muss ich in den kommenden Tagen verlangen. Wie es gehen sollte, hat der Sven absolut treffend in seinem Blogpost aufgeschrieben. Und noch einen drauf setzt der Kollege Möthe vom „Handelsblatt“, von dem ich weiß, dass er dem HSV durchaus wohlgesonnen ist, in seinem Kommentar.

Unbedingt wieder Fußball spielen

Aber halten wir fest: Ich werde mich als HSV-Fan nicht dafür entschuldigen, dass der HSV weiterhin in der ersten Fußball-Bundesliga spielt. Die Regeln, die dafür gelten, hat der HSV nicht gemacht. Ich erkenne vielmehr die Leistung an, dass diese Mannschaft bei allen Defiziten, die sie hat, eine Leistung abrufen konnte, die eben den Klassenerhalt sicherte. Einfach den Willen und auch das nötige Glück zu zwingen, in 52 Jahren in der obersten deutschen Fußballklasse mitzuspielen – das muss man ja auch erst mal schaffen. Ich fände es daher schön, wenn wir den Fußball ab sofort wieder so zelebrieren könnten, wie die meisten Fans es wollen und doch auch können. Nicht wahr, liebe Bremen-Fans, Ihr freut Euch doch auch auf die nächsten Derbys? Ich begrüße Euch dann gerne wieder in der Kölner HSV-Fankneipe als Gratulanten. 😉
Und wir lachen dann gemeinsam über so einen coolen Spruch hier:

 

 

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7 Kommentare Gib deinen ab

  1. Liebe Mrs, du triffst den Nagel auf den Kopf. Was die Saison angeht und vor allem den unerwarteten Abschluss – das im Volkspark live erlebt zu haben, war eine wahnsinnige Erfahrung und ich kann das Video von der Süd heute noch nicht ansehen, ohne Pipi in den Augen zu haben – ich will garnicht wissen, wie stark es in Karlsruhe war.

    Ich hab im Vorweg der Relegation ganz viel Ermunterung von Fans anderer Vereine bekommen, übrigens besonders von Werder-Fans. Auch die sind ein Traditionsverein, der seine Schwierigkeiten mit der Anpassung an die neuen Spielregeln hat. Und die mehr Lust darauf haben, emotionale Derbys mit uns auszufechten, als nach Freiburg oder Paderborn zu gondeln. Diese Leidenschaft für Klein- und Mittelvereine wird von kaum einen aktiven Fan geteilt – das ist eine Marotte des Feuilletons, das bei einer Bionade vergangene Fußballromantik herbeisehnt und nie am Ende der zivilisierten Welt vor einem Dixi-Klo anstehen musste 😉

    Was die vielen unsäglichen Kommentare vor und nach dem Spiel betrifft: Die Schuhe zieh ich mir nicht an. Unser Dino-Claim nervt die anderen? Aber andererseits ist für jeden es selbstverständlich, das die eigene Mannschaft Sterne auf das Trikot näht, selbst wenn die betreffende Meisterschaft schon 40 Jahre her ist (Schalke mal ausgenommen). Gönnt uns unseren Stolz auf eine lange, ungebrochene Geschichte.

    Notabene: Wenn Geldverschwendung ein Grund für Hass und Verachtung ist, dann müsste die halbe Liga absteigen. Wenn ich alleine an den BVB denke, dort hat die ehemalige Vereinsführung mit dem Börsengang tausende von gutgläubigen Fans um ihr Geld gebracht und heute geriert man sich als die Hüter der Fankultur.

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    1. mrscgn sagt:

      Ganz lieben Dank für deinen Kommentar und die wichtigen Hinweise.
      Ich sag ja: Es ist eben derzeit angesagt, gegen den HSV zu sein, man könnte schon fast sagen: viel Feind‘, viel Ehr‘. Ich glaube auch, dass sich das wieder normalisiert. Denn: Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass man wirklich auf die zweitstärkste Auswärts-Fanbase (hinter den Bayern!) verzichten wollte.

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  2. Libero sagt:

    Liebe Mrscgn,

    jetzt, da ohne alle Anspannungen der letzten Wochen auch meine HSV-Welt wieder zurück in ihr normales Tempo gefallen ist, gestehe ich erleichtert: Ohne Deinen Blog hätte ich vermutlich diese Zeit nicht überstanden. Ein großes Danke!

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    1. mrscgn sagt:

      Vielen Dank für das Kompliment und – sehr gerne!

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  3. vvzoe2002vv sagt:

    Du sprichst mir zum Teil direkt von der Zunge Weg. Leistung hin oder her, ich kenne mindestens 45.000 Hamburger die den Klassenerhalt verdient haben! Die Fans die wie eine Wand hinter dem HSV standen und ihn komme was wolle unterstützt haben! (Ich meine natürlich alle HSV Fans, egal wo her). Wenn man sich auf Schalke umdreht um die Mannschaft für ihre Leistung zu strafen, baut man in hamburg eine noch größere Lautsprecheranlage auf und singt die Mannschaft zum Erfolg. Hat geklappt. Niemals zweite Liga! Danke! Timoe

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  4. themaxxno1 sagt:

    Hi Miss,

    mal wieder ein starker Beitrag der 100% meine Erlebnisse wiedergibt. Sowohl seit der Zeit nach dem letzten Heimspiel bis über das Hinspiel der Relegation (bei dem ich im Volkspark war) bis zum Abpfiff.

    Danke

    Ich bin derzeit froh, dass nicht gespielt bin, ich bin irgendwie satt.

    Leider geht der negative Zauber in Hamburg schon wieder los, wenn man quer die Presse durchleutet. Ich frage mich, bei wie vielen Leuten in der Geschäftstelle das Wissen auf die Notwendigkeit einen Kurswechels angekommen ist.

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    1. mrscgn sagt:

      Danke, mein Lieber, hoffe, wir sehen uns nächste Saison mal zum Spiel?

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