Ich, der HSV-Fan – zwischen Herz und Hirn

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Rote_Pille

Ich bin immer noch erleichtert ob des geglückten Klassenerhalts – ja, da war sehr viel Glück im Spiel, von dem ich dachte, dass es mein Herzensverein HSV nun doch mal aufgebraucht hätte. Mich haben die 120 Minuten in Karlsruhe total geflasht, was vor allem daran lag, dass ich inmitten von unfassbar leidenschaftlichen Fans stand, die zu keiner Sekunde aufhörten, „HSV“ zu brüllen, die sangen, klatschten und – na klar – schließlich völlig ausgelassen feierten. Ich habe mich mitreißen lassen. Ganz doll. Und dann komme ich nach Hause, schaue mir alles noch mal an, lasse die Saison Revue passieren und denke so: Gibt es ja alles gar nicht. Wie bekloppt kann ich sein, nachts nach Hause zu kommen, mir bis 3 Uhr jedes verdammte Interview anzugucken, um dann um 6 wieder aufzustehen … Ich bin ein Fan, oder? (und hab offenbar die rote Pille genommen)

Und dann lässt die Euphorie nach, der Puls fährt runter, und ich frage mich, was ich da eigentlich gemacht habe. Mir fallen all die Dinge ein, die mich zur Überzeugung gebracht haben: Diesmal geht es runter. Es muss passieren. Um des Vereins (heißt hier: seiner AG) Willen. Die Verantwortlichen in eben jener machen den HSV auf der Profi-Fußball-Ebene endgültig kaputt. Sie dürfen nicht durchkommen mit ihrer Non-Performance, es kann doch nicht sein, dass alles so weitergeht. Mir wird bewusst, dass all die Dinge, die ich, aber vor allem andere schon ganz lange vor mir öffentlich und völlig zu Recht kritisiert haben, immer noch da und somit kritikwürdig sind.

Sinuskurve mit maximalen Ausschlägen

Es ist eine unglaubliche Ambivalenz: Einerseits das tolle Gefühl, dass der HSV nach wie vor als einziger Verein seit Start der Bundesliga darin mitspielt, andererseits die große Fassungslosigkeit darüber, dass das mit einer Minusleistung auf nahezu allen Ebenen gelungen ist. Einerseits das Fieber, das mich im Abstiegskampf überfiel, andererseits der gut zu begründende Ärger, dass die Chance, die sich am 25.5.2014 geboten hatte, so kläglich vergeigt wurde. Einerseits die Freude für ausgewählte Spieler, zum Beispiel Rajkovic oder auch Kacar, die ihre wenigen Chancen, die sie erhielten, nutzten. Andererseits das Missfallen über die zu konstatierende grassierende Selbstzufriedenheit (zum Beispiel Beister) an anderer Stelle.

Nun ist das alles nicht neu, zur Ambivalenz von Gefühlen und Gedanken bei Fußballfans gibt es psychologische und soziologische Untersuchungen. Viele spüren das, und sie gehen sehr unterschiedlich damit um. Die einen kündigen ihre Mitgliedschaft beim Verein. Die nächsten wechseln die Abteilung. Wieder andere ziehen sich komplett zurück, die nächsten nur aus dem Stadion. Und dann gibt es die Jetzt-erst-recht-Fraktion, die demonstrativ die albernsten T-Shirts kauft und weiter vertrauen will. Oder jene, die einen Schlussstrich ziehen und weitermachen – neue Saison, neues Glück (ehem, nicht schon wieder). Ich kann sie irgendwie alle verstehen.

Ich nehme das in dieser Amplitude (!) erstmals selbst so richtig wahr (früher hab ich mir einfach nie Gedanken darüber gemacht), und es ist nicht so einfach auszuhalten. Es hat etwas Pubertäres: Von einer Sekunde zur anderen schlägt die Stimmung um. Während das Herz frohlockt, fragt sich das Hirn, ob sonst noch alles okay ist. Für mich ist es ein Zeichen: Das Sich-Einlassen auf diese Emotionen bedeutet, das Kind in mir weiterhin leben zu können. Und zwar mit allem, was es so mit sich bringt: spontane Tränenausbrüche, Kreischen vor Freude, plötzliche Wutanfälle, stolz das Trikot tragen und den Schal im Auto spazieren fahren. Zum Beispiel so hier:

https://twitter.com/MrsCgn/status/606177765721784320

Und das Ganze mit dem feinen Unterschied, jederzeit erwachsen zu sagen: Das war ein Spiel, das ist ein Spiel, und es wird immer ein Spiel bleiben. Ein tolles Spiel. Sicher: Ich brauche dieses Spiel nicht zwingend zu meinem Glück. Aber wie cool kann es sein, ihm zu erlauben, ein Teil davon zu sein. Oder?

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Christian sagt:

    Wir brauchen diese verrückten, irrationalen Augenblicke – wenn man durch einen brennenden Reifen springt, um der Liebsten eine Freude zu machen oder stundenlang im Auto sitzt, nur für ein Fußballspiel.

    Denn rational und vernünftig bin ich ständig: Mit Familie und Beruf sind wir immerzu irgendwelchen Konventionen unterworfen und stehen unter Beobachtung. Wenn es nicht Gelegenheiten wie den Fußball gäbe, bei denen man dem inneren Kind so richtig Freilauf geben kann, wäre das Leben erheblich ärmer 😜

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  2. the maxx sagt:

    Hi,

    ich denke schon, dass wir uns in der neuen Saison im Volkspark sehen.

    Derzeit bin ich aber satt was Fussball insbesondere den HSV angeht. Wenn man dann z.B. den sehr lesenswerten aktuellen Artikel von Jovanov ergibt sich auch für die kommende Saison ein desaströses Bild. Dieser HSV eiert weiter rum, glänzt mit negativer Außendarstellung, demotiviert seine Mitarbeiter (die Spieler) und bläht den Wasserkopf weiter auf.

    Und wir beide finanzieren das Ganze zum Teil durch unsere Stadionbesuche mit.

    Das fühlt sich nicht gut an. Ich überlege derzeit was ich machen kann. Mein Fansein kann ich nicht abstellen. Diesen Scheiß der Oberen will ich aber nicht mittragen. Eine Lösung habe ich bisher nicht.

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