Bin ich das? Ich bin’s.

Who am I anyway?
Am I my resume?
That is a picture of a person I don’t know.

What does he want from me?
What should I try to be?
So many faces all around, and here we go.
I need this job, oh God, I need this show.

Das sind Zeilen aus „A Chorus Line“. Paul singt sie, bevor er Larry seinen Lebenslauf gibt. Er ist verunsichert, Puertoricaner, schwul. Er möchte einfach nur tanzen. Würde man ihn lassen? Will er es denn wirklich?

Ich singe das seit Tagen vor mich hin. Es singt sich schön. Und natürlich stelle ich mir immer mal wieder die Frage: Bin ich das? Will ich das bzw. die sein? Und dann las ich heute einen wundervollen Text von Katja Grach (aka @Krachbumm auf Twitter), den Ihr unbedingt auch lesen solltet. Sie schreibt davon ihrer „Vision eines guten Lebens“ und kommt zur Erkenntnis, dass sie „fünf Leben“ lebte. Spontan fragte ich mich: Was für Leben würde ich leben, hätte ich derer viele?

Mein eines Leben verläuft derzeit irgendwie wie ein Rausch. Ein Business-Rausch. Ich gehe morgens ins Büro, stürze mich mit aller Leidenschaft und Tatenwillen ins Getümmel und genieße das total. Wie auf Drogen: Die Anforderungen wechseln ständig, es eine produktive Betriebsamkeit. Immer kommt etwas Greifbares wie Ideen oder Texte dabei heraus. Oder etwas fühlt sich toll an, zum Beispiel Gespräche mit Leuten, mit denen man es geschäftlich vor zehn Jahren zu tun hatte und sie nun wiedertrifft. Um sieben Uhr abends schau ich auf die Uhr und kann gar nicht glauben, wie spät es ist. Weitermachen, denk ich in mir, weil es, verdammt noch mal, Spaß macht. Weil’s einfach läuft. Dieses Hochgefühl nehme ich sogar nach Hause in ein weiteres Leben mit: Ich höre den Kindern zu, versorge die Wäsche oder die Tiere, lasse mir von jedem den Tag erzählen. Die Familie hat viel Freude an mir: kein Gemecker, ein Liedchen auf den Lippen, heute habe ich sogar Gitarre dazu gespielt. Irgendwann kommt dann der Moment des Müdewerdens, der praktisch eins ist mit dem direkten Einschlafen. Ein sanftes Einschlummern mit ein bisschen lesen vorher ist nicht drin – als ob dem Duracell-Häschen die Batterie ausgeht. Bin ich das?

Was ist mit den anderen Leben, die ich vielleicht auch gerne sein will?

Ich wollte immer Ehefrau sein. Mutter zu sein, finde ich ganz oft auch toll. Freundin, das war und bin ich auch sehr gerne – für Frauen und für Männer. Sängerin, das war mal einer meiner Traumberufe, oder Ärztin. Schwedisch sprechen, und zwar richtig, in Schweden wohnen und täglich am Meer sein – noch so ein Traum von Leben. Mich um Tiere kümmern, ich wäre eine tolle Katzenmutti. Mal ein Rennauto steuern und über die A9 von München nach Nürnberg heizen. Aufm Rathausplatz in Hamburg … okay, es ging ja um etwas, das ich selbst in der Hand habe. Viele Leben.

Erstaunlicherweise geht vieles parallel. Ich bin eine gute Mutter, wenn ich als fröhlich gelaunte Frau nach Hause komme und für die Kinder da bin. Ich bin eine gute Ehefrau, wenn ich dem Mann die gewünschte Aufmerksamkeit schenke. Nicht, weil ich das muss, sondern weil sich das richtig und gut anfühlt. Aber: Ich hadere mit meinem Lerneifer in Sachen Schwedisch. Ich sollte mir vielleicht einen Chor suchen, um die Stimme wieder zu schulen, zu trainieren. Und ach ja, da war ja noch meine #12bookschallenge …

Ich lebe offensichtlich auch recht viele Leben, aber eben nicht immer gleichzeitig. Doch gerade gefällt mir der Gedanke, dass es überhaupt (!) andere Leben gibt, wenn das eine Leben (wenn auch vielleicht nur temporär) nicht mehr so ausfüllend, so präsent, so nah ist. Das Hinspüren zeigt: Ja, das bin ich. Alles. Ich weiß das zu schätzen, weil es Zeiten gab, die nicht lange zurückliegen, in denen weder das eine, geschweige denn andere Leben mir sagten: Das bist Du.

 

Advertisements

Hier ist Platz für Ihre / Deine Gedanken

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s