Der K(r)ampf um die Bundesjugendspiele, Part II

Die Freiheit besteht in erster Linie nicht aus Privilegien, sondern aus Pflichten. (Albert Camus)

Das hätte eine PR-Agentur nicht viel besser hinbekommen: Die von Christine Finke initiierte Petition zur Abschaffung der Bundesjugendspiele (BJS) ist Thema auf allen Kanälen. Neben der Tagesschau haben der Stern, die Frankfurter Rundschau und weitere Medien das Thema aufgegriffen – in den Kommentarspalten wird eifrig diskutiert. Über Facebook kann und will ich gar nicht erst reden. Auch auf Twitter werden gelegentlich Versuche gestartet, die ob der Komplexität und Unklarheit darüber, was denn nun genau das Thema ist, aber scheitern müssen. Ich selbst hatte mich in einem Blogbeitrag vor wenigen Tagen damit auseinandergesetzt.

Für mich haben sich genau zwei Punkte herauskristallisiert, mit der der Ruf nach Abschaffung der Bundesjugendspiele begründet wird: Es ist die Pflicht zur Teilnahme sowie die mit dem Wettkampf einhergehende Demütigung all jener, die in diesem Wettbewerb keine überdurchschnittlichen Leistungen erbringen. Beides haben die BJS nicht exklusiv, daher erscheint es einigermaßen absurd, dies als Gründe für deren Abschaffung anzuführen. Aber der Reihe nach:

Schulbesuch ist in diesem Lande Pflicht

In Deutschland gilt die allgemeine Schulpflicht. Selbstverständlich können wir über diese diskutieren, es gibt gute Argumente, die gegen eine solche sprechen. Aber: Sie würde auch von den Gegnern zumindest durch eine Bildungs- und Unterrichtspflicht ersetzt, wie man es in Nachbarländern kennt:

Nicht nur in den USA, auch in Großbritannien, Dänemark, Österreich oder Finnland besteht keine Schulpflicht. Dort herrscht stattdessen Bildungs- oder Unterrichtspflicht. Das bedeutet: Wo auch immer ein Kind lernt, ob bei den Eltern, bei Privatlehrern oder älteren Geschwistern, regelmäßig wird von staatlichen Institutionen überprüft, ob der Wissensstand demjenigen an öffentlichen Schulen entspricht. [ZEIT online, 

Wie man sieht, wird damit aber nicht auf die Überprüfung des Wissens-/Leistungsstandes der Kinder verzichtet. Kinder haben das Recht auf Bildung, was zur Pflicht führt, sie ihnen auch angedeihen zu lassen – ob sie das im Einzelfall wollen oder nicht. Und hierin sehe ich ein Argument für die Pflicht: Wer sein Recht auf Bildung wahrnehmen möchte, hat auch eine Holschuld. Diesen Zusammenhang können (wollen und müssen) Kinder in der Regel in jungen Jahren nicht wirklich erkennen, die Verantwortung tragen die Eltern und in D eben auch die Pädagogen.

Die BJS sind Teil des verpflichtenden Sportunterrichts, der zur Bildung gehört und von der Petitions-Initiatorin wiederum gar nicht abgeschafft werden soll. Es ist sicherlich allgemeiner Konsens, dass alles dafür getan werden muss (privat und staatlich), dass sich Kinder viel bewegen, Sportarten und ihre Regeln kennenlernen und sich darin ausprobieren. Sport ist wichtig für den Körper, aber auch für den Geist:

Wissenschaftler haben mehr als 2800 Grundschulkinder über einen längeren Zeitraum beobachtet. Resultat: „Täglicher Schulsport macht Kinder nicht nur fit, sondern auch schlauer.“ Umgekehrt gilt: Ohne Bewegung macht Schule dick. [FAZ, 09.10.09; Sport macht Kinder fit und schlauer]

Im Sportunterricht werden von den Schülern bestimmte Leistungen abverlangt und auch bewertet – wo genau ist hier der Unterschied zu den BJS? Auch im Sportunterricht tragen die Kinder passende Kleidung, sehen zu, wenn ein Kind über das „Pferd“ springt oder sich abmüht, an der Sprossenwand hängend die Beine nach oben zu heben. Die BJS sind einfach eine andere Form des Sportunterrichts. Sie sollen Neugier, Spaß und Teamgeist wecken, für ein gemeinschaftliches Erlebnis sorgen – das sind doch hehre Bildungsziele, was gibt es dagegen einzuwenden? Das funktioniert in stabilen Gruppen auch gut (so zumindest meine persönliche Erfahrung). Natürlich lässt sich an der Ausgestaltung der BJS immer noch etwas verbessern, doch was hindert uns daran, eine Veranstaltung, die es seit 1920 gibt, fortzuführen, weiterzuentwickeln und für die nächsten Generationen zu bewahren?

Demütigung ist ein soziales, kein sportliches Problem

Der eigentliche Anlass der Petition war ja das weinende Kind, das von den BJS nach Hause kam. Es war traurig, weil es sich gedemütigt fühlte von jenen Kindern der Klasse, die schneller liefen oder weiter sprangen bzw. warfen. Den vielen Kommentaren dazu lässt sich entnehmen, dass dies offensichtlich viele Menschen früher so erfuhren und empfanden sowie heute offensichtlich schwer dadurch traumatisiert wären. Das lässt m.E. den Schluss zu, dass eigene persönliche Erfahrungen zum Maßstab dafür herangezogen werden, ob die BJS nun eine gute oder schlechte Sache seien. Und: Weil diese einen selbst so traumatisiert hätte, müsste man das unbedingt den eigenen Kindern ersparen.

Diese Argumentationskette passt in meinen Augen nicht. Zum einen ist eine negative Erfahrung nicht zwingend ein Trauma. Zum anderen prägt die eigene Einstellung zu einer Sache ganz entscheidend die Einstellung der Kinder dazu, und zwar vor allem dann, wenn sie negativ ist – das beste Beispiel ist die Angst vorm Zahnarzt. Daher sehe ich hier die Verantwortung bei den Eltern und den Pädagogen. Womit wir beim echten Thema wären, was eine Kommentatorin bei Christine Finke in meinen Augen recht gut auf den Punkt gebracht hat:

Außerdem löst eine Abschaffung der BJS das eigentliche Problem nicht. Das schaffen Sie nur im persönlichen Dialog mit den Lehrkräften Ihrer Kinder und natürlich dadurch, dass Sie Ihren Kindern Selbstbewusstsein auf den Lebensweg mitgeben und nicht die Lektion, dass man vor unangenehmen Situationen am besten laut und medienwirksam schreiend davonläuft.

Bei der empfundenen Demütigung haben wir es mit einer Form der Gewalt zu tun, die sich von der bekannten körperlichen unterscheidet:

Oft fallen in diesem Zusammenhang die Begriffe “soziale Gewalt” oder “relationale Gewalt”. Gemeint ist hiermit, dass dem Opfer nicht durch direkte körperliche Gewalt Schaden zugefügt wird, sondern über die soziale Gruppe. Hierzu gehören der soziale Ausschluss des Opfers, üble Nachrede (“Lästern”), verbale Beschimpfungen und öffentliche Demütigungen.

Und diese soziale Gruppe, die Gewalt in Form von Demütigung ausübt, ist überall, nicht nur bei den BJS: Wir kennen sie schon im Kindergarten „Du darfst nicht mehr mitspielen, du bist nicht mehr mein Freund/meine Freundin“, wir kennen sie in ähnlicher Form auch aus der Grundschule. In den weiterführenden Schulen geht man mit dem Thema Mobbing (nichts anderes ist es ja) sehr offensiv um, und die Kinder wachsen daran. Das erlebe ich so in der Klasse von K1, die jetzt in die Siebte kommt. Die Identifikation mit der Schule und ihren (auch schriftlich formulierten) Werten ist enorm, man versteht sich da sehr als Gemeinschaft.

Will sagen: Dass sich Kinder vergleichen und dann gegenseitig bewerten, ist ein völlig natürlicher Vorgang. Entscheidend ist, dass Pädagogen und Eltern diesen Prozess begleiten und eingreifen, wenn sich Kinder dabei nicht mehr wohlfühlen. Begleiten heißt hier nicht, davonzulaufen und nach dem Motto „Mach‘ kaputt, was Dich kaputt macht“ zu agieren, sondern zu erklären, Einsichten zu wecken, Handlungsänderungen zu bewirken. Das gilt aber grundsätzlich, nicht nur im Sport. Wenn Kinder wegen einer schlechten Mathe-Klausur weinen, verdienen sie genauso Mitgefühl wie jene, die sich über eine zu kurze Weite im Weitsprung grämen. Beide Leistungen sind Momentaufnahmen und sagen wenig bis nichts über den Menschen als Ganzes. Das muss unsere Botschaft an die Kinder sein. Und so eingestellt können sie ganz unvoreingenommen (!) die BJS durchaus auch als eine schöne, lustige und spannende Erfahrung wahrnehmen.

Ich hoffe, dass die Bundesjugendspiele erhalten bleiben, vielleicht durch die Tatkraft von Pädagogen und Eltern noch attraktiver werden und für die sporttreibenden Kinder ein schönes Erlebnis sein können.

Nachtrag: Ich fand noch einen Kommentar in der FAZ, der gut hier reinpasst: Bundesjugendspiele: Weiter spielen! http://www.faz.net/-gu9-85032?GEPC

 

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Mamamotzt sagt:

    Tolles Fazit und sehr gut argumentiert!

    Man braucht z.B. nur die Ergebnisse nicht öffentlich verlesen, schon wäre es nicht mehr so unangenehm. *stöhn
    Hier und heute finden auch BJS statt und K3 freut sich extrem, wie die ganze Grundschule, weil es an den Sportplatz geht, am Feld, in die Sonne: „Yeah! Halligalli draußen! 😉
    Dabei ist K3 auch nicht übersportlich, während seine großen Geschwister jeweils Schulbeste waren. War halt so. Aber der Höhepunkt war immer den Tag draußen, kein Klassenzimmer und Spiele für alle.
    Der absolute Höhepunkt ist hier die Schulstaffel nach Klassen. Auch ein Wettbewerb, aber eben Mannschaft. Manche rennen dabei gut, während andere schön laut anfeuern.
    Am Ende wird eifrig diskutiert, was man hätte besser machen können usw. Kinder-intern.
    Mir gefällt das.

    (Nicht themenbezogen hat mich gestern etwas anderes, aber auch Elternansprüche, ziemlich schockiert. Die Gesellschaft ist ganz schön anspruchsvoll geworden, was ihren persönlichen ´easy way of living´ betrifft.)

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