Der kompetente Juul oder: Erziehung ist keine Raketenwissenschaft

Sonja, auf Twitter bekannt als Mama_notes, hat mich wieder einmal inspiriert:

Sie schrieb danach einige Blogposts zu ihren „Jesper-Juul-Momenten“, einer davon ist zum Beispiel hier nachzulesen. Ich kann sie so gut verstehen: Auch ich habe einige Bücher von Juul verschlungen (Klassiker „Das kompetente Kind“), und auch ich weiß, dass es nicht immer einfach ist, seine Ideen im Alltag umzusetzen. Da meine Kinder schon etwas älter sind, ich also bis heute etwas mehr Zeit hatte, Juuls Ansätze zu prüfen, zu hinterfragen und umzusetzen, möchte ich sagen: Er hat Recht. Natürlich funktioniert nicht alles, was er in Form von Briefen an Eltern so vorschlägt, sofort im Alltag – doch das wäre m.E. auch eine falsche Erwartung. Ich habe Juul immer als Erklärer „Warum verhält sich das Kind gerade so?“, als Analytiker „Warum ist die Situation gerade so verfahren?“ und als Moderator „Übernehmt Verantwortung“ empfunden. Während meiner Recherchen hierfür habe ich wieder vieles nachgelesen, und es ist unglaublich, wie oft ich genickt und Ach ja! geseufzt habe. Bei mir sind vor allem nachfolgend beschriebene Begriffe hängen geblieben:

Kinder kooperieren

Das ist so ein Leitsatz von Juul, der für mich anfangs sehr schwer zu verstehen war. „Kooperation“ las ich immer als Synonym von „Zusammenarbeit“, doch ganz so einfach ist nicht. Juul versteht darunter „Kopieren und Nachahmen“, entweder direkt oder auch spiegelverkehrt. Kinder kooperieren auch dann, wenn wir Erwachsenen das vermeintlich anders sehen. Das zu erkennen, war für mich ein schwieriger Prozess. In seinem Buch liefert Juul ganz viele Beispiele, für mich wurde es bei folgender Situation ganz klar:

Ich hätte es gerne, wenn am Abend jedes der Mädchen sein Zimmer aufräumt. Das macht keines von beiden wirklich gerne, aber ich weiß, dass sie es können. Nun war es vor wenigen Jahren noch so, dass ich es als persönlichen Angriff verstanden habe, wenn sie abends um 20 Uhr das eben noch nicht geschafft hatten oder eine ganz andere Auffassung von „Aufgeräumt-Sein“ präsentierten. Ich bin ausgeflippt, das ging so weit, dass ich anfing, mit Gegenständen um mich zu werfen, weil ich mich so gekränkt fühlte. Mein Gedanke: Sie wissen doch, wie wichtig mir das ist, warum machen sie es dann nicht?!

Was für eine krasse Fehleinschätzung! Ich war und bin überhaupt nie persönlich gemeint. Sie haben im Grunde immer kooperiert, ich habe ihre Rückmeldung nur nicht verstanden. Eine war vielleicht: Mama, ich bin müde und schaff das nicht alleine, komm, hilf mir. Und ich traue mich nicht, direkt zu fragen, weil ich ja auch sehe, wie müde Du bist. Und ich möchte auch nicht, dass Du mit mir schimpfst.

Will sagen: Kinder ärgern uns nicht mit Absicht. Sie geben mit ihrem Verhalten ganz oft Auskünfte über sich selbst oder über unsere Beziehung zueinander. Seitdem ich das kapiert habe, funktioniert es a) besser mit dem Aufräumen, b) rege ich mich nicht mehr auf, wenn es nicht so klappt, und biete c) von mir aus Hilfe an. Es klappt nun nicht alles sofort und immer, aber ich komme viel besser damit zurecht und immer öfter zum gewünschten Ergebnis.

Gleichwürdigkeit und Verantwortung

Zwei ganz große Begriffe bei Juul, die mich schon sehr lange begleiten. Gleichwürdigkeit statt Gleichheit – das meint hier, dass es gilt, Unterschiede bei den Menschen (hier: Kind/Erwachsener) anzuerkennen und verantwortungsvoll damit umzugehen. Insofern ist der Begriff Verantwortung eigentlich noch gewichtiger. Für mich ist er – nicht nur in der Familie, auch in der Schule und im beruflichen Leben – zu einem zentralen Begriff geworden. Juul unterscheidet zwischen der sozialen Verantwortung, die wir anderen gegenüber wahrnehmen, und der persönlichen Verantwortung für das eigene Leben. Zusammenleben gelingt am besten, wenn wir Erwachsenen anfangen, genau das zu tun: Verantwortung zu übernehmen (vor allem auch für die Beziehung zu unseren Kindern), anstatt bei anderen oder bei anderem die Schuld dafür zu suchen. Das ist durchaus nicht trivial, sondern fällt erkennbar vielen schwer.

Das betrifft ja auch die Gleichwürdigkeit. Erziehung ist eben kein Machtkampf, sondern sollte davon geprägt sein, den jeweils anderen ernstzunehmen mit seinen Wahrnehmungen, seinen Gefühlen. Auch das ist schwieriger als es sich liest. Und hier sehe ich ein großes Verdienst von Juul,  herausgearbeitet zu haben, wie wichtig es ist, Kindern nicht ständig zu sagen, wer sie sein sollen, sondern stattdessen herauszufinden, wer sie sind.

Mich haben diese beiden Begriffe im Umgang mit den Kindern wirklich vorangebracht. Entscheidend ist nicht, wie ich etwas empfinde, sondern wie es beim Kind ankommt, wie es sich fühlt, wie es ist. Wenn es sagt, dass ihm etwas weh tut, kann ich nicht sagen: Jetzt hab Dich mal nicht so. In der Psychologie, so habe ich erfahren, nennt man das „den anderen sehen“. Indem man sich dazu aufrafft, den anderen (hier: das Kind) wirklich in seiner Gesamtheit zu sehen, begegnet man ihm gleichwürdig und verantwortungsbewusst.

Erwartungsmanagement

In diesem Zusammenhang sollte ich noch von Erwartungen sprechen: Mich haben diese eine sehr lange Zeit sehr gestresst. Diese Erwartungen kamen von überall her, natürlich ganz oft aus mir selbst, aus meiner Erziehung heraus. Ich musste dies und das in einem bestimmten Alter können und machen – warum können und machen meine Kinder das nicht? Ein bescheuerter Ansatz, das weiß ich heute auch. Und diese Einsicht, die Korrekturen in meinem Erwartungsmanagement haben mich zu deutlich mehr Gelassenheit geführt. Das, so mein Gefühl, ist auch das Konzept von Juul: Auf zu mehr Lockerheit, auch oder gerade, wenn es schwierig wird.

Das Kind richtig schlechte Laune und verdirbt das Familienklima?
Bei uns hat jeder das Recht auf schlechte Laune. Aber: Wir lassen sie nicht an anderen aus, sondern ziehen uns (wohin auch immer) zurück und begeben uns erst dann wieder in Gesellschaft, wenn es sich besser anfühlt.

Das Kind ist wütend und diskutiert, um seine Meinung durchzusetzen.
Wir sagen dem Kind, dass wir diesen Punkt gehört und verstanden haben. Und dass wir das jetzt anders bewerten und daher das dann Folgende gilt. (Stichwort: Verantwortung übernehmen)
Ganz im Ernst: Dieses „ja, ich verstehe, dass Du sauer bist; ja, ich kann mir vorstellen, dass Du das jetzt doof findest; wenn Du möchtest, können wir morgen noch einmal drüber reden“ nimmt so viel Wind aus den Wut-Segeln, dass es mich selbst überrascht.

Wir möchten, dass das Kind unbedingt etwas tut, es weigert sich aber, sagt beharrlich nein.
Hier wägen wir inzwischen ab: Wie wichtig ist das jetzt gerade? Wenn nicht superdringende (gegebenenfalls von uns zu erklärende) Umstände es erfordern, dass es sofort passiert, fragen wir nach, was dagegen spricht. Ob wir uns auf einen bestimmten Zeitpunkt einigen können, der eben später ist. Das Ergebnis ist verblüffend: Kind fühlt sich verstanden, kann erst mal das machen, was es gerade möchte, tut danach aber vereinbarungsgemäß, worum wir baten.

Wesentlich dabei: Ich erwarte nicht, dass sich das Kind immer so verhält, wie ich das jetzt gerne hätte. Ich erwarte nicht, dass es sich dafür entschuldigt, schlechte Laune gehabt zu haben. Ich erwarte nicht, dass immer alles supertoll klappt, sondern reagiere pragmatisch: Erstmal selbst erledigen, merken, in einem passenden Moment noch mal ansprechen und an Regeln erinnern. Das fällt mir nicht immer leicht, darum arbeite ich noch daran, nicht (mehr) zu erwarten, dass Kinder das, was sie haben, was für sie getan wird, zu schätzen wissen – das kommt von ganz allein, wenn ich das vorlebe. Einfach so.

Für das schnelle Weiterlesen hier drei Artikel, die nur einen Klick bedeuten:

In folgenden Interview geht es um die Beziehung von Lehrern zu Schülern. Juul ist Lehrer und hat dazu eine Menge zu sagen. Ich fand hier auch wieder den Satz, den ich den Lehrern meiner Kinder immer wieder sage, nämlich, dass sie für die Beziehung zu ihren Schülern die volle (!) Verantwortung übernehmen sollten:
http://www.familylab.de/files/Artikel_PDFs/Presse_2015/Newsletter_2_2015/Interview_Jesper_Juul_n4t_erwuenscht_ist_Gehorsam.pdf

Wir Eltern suchen ja (leider) immer nach einem Geheimrezept, nach DEM Weg schlechthin, wie wir unsere Kinder optimal auf das Leben vorbereiten. Juuls knappe wie richtige Antwort: Das gibt es nicht. In diesem Interview, das auch gut diese bemühte Haltung der Eltern zeigt, steht auch ein ganz wichtiger Satz, den ich hier gerne unten dem Link zitiere.
http://www.familylab.de/files/Artikel_PDFs/Presse_2015/Newsletter_08_2015/Den_richtigen_Weg_gibt_es_nicht_JJ_StadtLandKind.pdf

Kinder, die von jeder Art von Entbehrung, Schmerz und Frustration bewahrt werden. Warum sollten Kinder diese negativen Erfahrungen machen müssen?
Weil sie nicht negativ SIND: Sie sind Teil jedes menschlichen Lebens, und indem wir unsere Kinder davor schützen wollen, verhindern wir bei ihnen die Entwicklung wirklicher wichtiger Fähigkeiten.

Und hier noch Juuls Hohelied auf die Langeweile. In dem Interview erklärt er erneut, dass es nicht darum geht, den Kindern ein schmerz- und risikofreies Leben zu bieten. Man sollte sich für sie interessieren, sich aber nicht pausenlos mit ihnen beschäftigen:
http://www.berliner-zeitung.de/panorama/erziehungsexperte-jesper-juul-eltern-sollen-kindern-luft-zum-atmen-lassen,10808334,11877126.html

Mir geht es bei Juul gar nicht darum, ihn als Heiligen darzustellen, aber ich meine, dass er viele Dinge, die wir Eltern doch eigentlich wissen oder zumindest erspüren, ausspricht und bewusst macht. DAS schätze ich an ihm.

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Jasper Juul in a nutshell – ganz wunderbarer Artikel, der ein komplexes Thema fassbar macht. Vielen Dank!

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    1. mrscgn sagt:

      Danke Dir.
      Ich hätte eigentlich noch Deine so kluge Idee ergänzen sollen, dass „Warum-hast-du-nicht“-Fragen nichts bringen. 🙂

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