Die Ich-Kultur, seine Meinung zu sagen

Nie war es so leicht, die eigene Meinung einem großen Publikum mitzuteilen. Ich kenne da noch ganz andere Zeiten: Wenn ich mich vor versammelter Schülerschaft aufregen wollte, brauchte ich dazu noch eine Wandzeitung, dem Vorläufer der Schülerzeitung. Während des Studiums wurden Flugblatt-ähnliche Zettel verteilt, und die Mund-zu-Mund-Propaganda funktionierte – am besten in der morgendlichen Straßenbahn zur Uni. Wer heute seine Meinung einem Publikum mitteilen will, hat dazu schier unendliche Möglichkeiten, die aber in der Regel immer mit dem Internet verbunden sind. Ob das Mails, Foren, Blogs oder eben FB beziehungsweise Twitter sind – es geht schnell, und bei den social media kommt die Reaktion prompt. Mit all seinen Vor- und Nachteilen. Doch es hat sich dabei eine Kommunikationskultur – ich nenne sie „Ich-Kultur“ – herausgebildet, die nachdenklich macht.

Natürlich haben wir Meinungsfreiheit, gerade im Internet. Nur: Wer eine Meinung äußert (und manchmal begründet dazu steht), wird direkt be- und manchmal auch verurteilt. Über die Meinung wird die Zugehörigkeit zu einer (vermeintlich wichtigen) Gruppe bestätigt. Wer also die Gruppenmeinung nicht teilt, wird zum Außenseiter. Auf Facebook bedeutet das den Verlust von „Freunden“, auf Twitter sind die Follower weg, die Obercoolen blocken direkt, die Garstigen teilen das allen mit und sprechen Block-Empfehlungen aus. Das funktioniert auf ganz vielen Gebieten, ein paar Beispiele, die ich ganz willkürlich wähle, ohne dabei die eigene Position zum Gegenstand zu machen:

Beispiel 1 – Politik: Wer sich nicht klar wohlmeinend zu Flüchtlingen (woher und aus welchen Gründen auch immer sie kommen mögen) positioniert, ist raus. Fragen danach zu stellen, wie diese Aufgabe finanziell bewältigt werden kann, wenn es doch beispielsweise Tausende Obdachlose im eigenen Land gibt, für die ja offenbar kein Geld da ist, sind politisch nicht korrekt. Die Linke ist salonfähig geworden, deren Geschichte ist scheinbar egal.  Wer Maut und Betreuungsgeld gut findet, macht sich sofort verdächtig – und zwar des Nicht-klar-denken-Könnens.

Beispiel 2 – Fußball: In Derbys muss man den Gegner hassen und Schmählieder singen, sonst hat man das Prinzip nicht verstanden. Wer mit Anfang 30 mit dem Profisport aufhört, hat diesen Sport dann eben nie geliebt, nicht wahr, Herr Völler?

https://twitter.com/BL_Latest/status/627595042484559873

Wer als Sportsfreund Fan eines Vereins ist, der viel Geld von einem Sponsor/Investor erhält, hat ja wohl auch den Schuss nicht gehört (hier können die Fans von RB Leipzig ein Lied singen), und wer sich über einen Sieg freut, der den Klassenerhalt bedeutet, ist völlig gaga – also ich zum Beispiel. Ist klar.

Beispiel 3 – Mütter: Jede/r hat ganz offensichtlich klare Vorstellungen davon, wie Muttersein geht. Die Diversität der Meinungen teilt die Mütter in Gruppen, die sich voneinander abgrenzen. Es geht auch extremer: Mütter, die ihre Kinder nicht impfen, teilen sowohl kräftig aus, müssen aber auch heftig einstecken, eine Akzeptanz scheint auf keiner Seite möglich. Dagegen ist es fast schon kuschelig im Miteinander der Mütter, von denen welche auf Globuli & Co schwören, die anderen das aber aus (ganz rationalen) Gründen ablehnen. Dann wären da noch die Helikoptermütter, die in ihrer Gruppe auch keine Mamis dulden, die das eher nicht leben. Und schließlich der Klassiker zwischen den Müttern, die nach der Geburt der Kinder lange zu Hause bleiben, und jenen, die zügig danach wieder arbeiten gehen. Das Besondere an der Meinungsäußerung hier: Sie findet so viel subtiler als anderswo statt, Frauen scheinen das besonders gut zu beherrschen. Beliebtester Satz: „Also ich könnte das nicht.“

Es wird gewertet, statt aufmerksam zuzuhören

Wo ist der gute alte Diskurs geblieben, an dessen vorübergehendem Ende man entweder feststellt, dass man eben nicht zusammenkommt oder einen Kompromiss findet? Wo ist der Meinungsaustausch, der ohne Wertung der anderen Ansicht auskommt? Ein aus meiner Sicht ganz furchtbarer Klassiker auf Twitter dazu: „Na klar kannst Du das denken, aber dann bist Du halt kacke.“ Ein Nachdenken darüber, ob vermeintliche Außenseiter-Meinungen vielleicht auch berechtigt oder zumindest akzeptabel sein könnten – Fehlanzeige. Sicherlich kommt es auch darauf an, WIE eine Meinung geäußert wird, doch inzwischen scheint ein Level erreicht, da jede Meinungsäußerung unabhängig von der Art ihres Vortrags sofort in Schubladen gepackt wird – und der Meinungsäußerer gleich mal mit. Der ist dann halt raus, dem hört man nie wieder zu, egal worüber er spricht. Das gilt übrigens auch für jene, die einfach mal Fragen stellen, etwas genauer wissen wollen und dabei hartnäckig (unerbrittlich) sind.

Die Steigerung dessen ist dann die persönliche Verunglimpfung – nicht nur das, was Du sagst, ist Mist, Du selbst bist es auch. Und kommt dann die Rückmeldung, dass es weh tat, gibt es als Antwort gerne ein „Hab Dich nicht so.“ oder „So bin ich eben.“ Na klar, es zählt nur das Ich. Ich. Ich. Ich.

Ehrlich gesagt: Es macht mich traurig und wütend zugleich. Für mich macht die Demokratie aus, dass jeder seine Meinung frei sagen kann, ohne Restriktionen (auch sozialer Art) befürchten zu müssen. Eine funktionierende Demokratie hält unterschiedliche Meinungen aus. Als eine, die die Demokratie besonders zu schätzen weiß, feiere ich es, dass ich meine Meinung sagen kann, und dass jener, dessen Meinung ich mal so gar nicht teile, das eben genauso tun kann. Natürlich sind dem Grenzen gesetzt. Diese definieren aber Gesetze, allen voran das Grundgesetz, und nicht irgendwelche Leute aus einer Laune heraus.

Für mich sehr treffend, wenn auch in einem anderen Zusammenhang, hat das Andrew Shepherd (gespielt von Michael Douglas) in „Hello Mr President“ formuliert:

Du willst das Recht der freien Rede? Dann zeig uns doch, dass du einen Mann, dessen Worte dich zur Weißglut bringen, der dazu in der Öffentlichkeit etwas aus Leibeskräften vertritt, was du dein Leben lang aus Leibeskräften ablehnen würdest, trotzdem anerkennst. Du behauptest, dieses Land sei das Land der Freien, dann darf das Symbol eines Landes nicht nur eine Fahne sein. Ein Symbol sollte dann aber auch der Bürger sein, der sein Recht ausübt, diese Fahne als Protest zu verbrennen. Ja, zeigen Sie mir das, verteidigen Sie das, feiern Sie das in Ihren Klassenzimmern.

Ich freue mich, in meinem sozialen Umfeld Menschen mit unterschiedlichen (politischen) Ansichten zu wissen. Ich schätze Mütter in meinem Umfeld, die ihr Mutter-Dasein gänzlich anders pflegen als ich es tue. Und übrigens: Ich mag auch Leute in meiner Nähe, die einen anderen Verein mögen als den HSV.

 

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