Plädoyer für einen gesellschaftlichen Diskurs

Es ist nicht so, dass ich um eine Meinung verlegen wäre, aber manchmal halte ich es doch für klug, nicht zu allem und jedem meinen Senf dazu zu geben. Das ist besser für mich und für jene, die ihn abbekämen. Doch es gibt es ein paar Dinge, auch oft Meinungen, die mich triggern, also etwas mit mir machen. Hier haben wir so einen Fall:

Die geschätzte Frau N. hat in ihrem Blog etwas zur Frage, „wer wir sind“ geschrieben. Es geht ihr darum, dass wir einfach jenen helfen sollten, die in unser Land kämen. Sie drückt das wie immer auf eine sprachlich exzellente Weise aus. Doch dieses Mal regte sich in mir Widerspruch.

Ich habe […] kein Verständnis für die, [die] bissig werden, weil sie diese Verunsicherung nicht aushalten können. Wir sind alle nicht mehr die kleinen Babys, die weinen müssen, wenn Mama aufs Klo geht. […] Deshalb meine Bitte – helfen Sie den Menschen, die aus anderen Ländern hierher kommen. Und wenn Sie verunsichert sind, denken Sie die Sache noch einmal durch, ich bin mir sehr sicher, sie kommen zu diesem Ergebnis: die Angst und Verunsicherung der Flüchtlinge muss unermesslich viel größer sein als die Ihre.

Der Dissens besteht nicht über die Sache an sich: Das mit dem „wir“ ist schlüssig erklärt, und ich bin durchaus der Meinung, dass Menschen, die der Hilfe bedürfen, diese unbedingt und schnell erhalten sollten. Und ich teile darüber hinaus die Ansicht, dass Gewalt – verbaler und physischer Natur – grundsätzlich keine Option ist. Ich bin allerdings nicht der Meinung, dass wir einander sagen sollten, was wir auszuhalten haben und was nicht – das ist eine individuelle Entscheidung, die keiner Rechtfertigung bedarf. Und ich halte auch nichts davon, die Art des Leids, das Menschen erfahren, zu unterteilen: Es kann Menschen sehr verletzen, des einen Angst und Verunsicherung als „weniger schlimm“ als die Angst und Verunsicherung des anderen zu bezeichnen. Mein Vorschlag:

Reden wir darüber!

Wenn es um die Haltung zur Flüchtlingsproblematik geht, stehen im Fokus öffentlicher Diskussionen in der Regel zwei Gruppen: Die eine Gruppe (1) bilden jene, die alle willkommen heißen in Deutschland, das Tor weit aufmachen, innerhalb ihrer Möglichkeiten helfen und andere (öffentlich) dazu auffordern, es ihnen gleich zu tun. Die andere Gruppe (2) sind all jene, die dazu eine offene Opposition beziehen, diese kommunizieren und oft nicht gesetzeskonform ihre Haltung zum Ausdruck bringen. Um diese geht es mir nicht.

Ich würde gerne die Aufmerksamkeit auf eine dritte Gruppe lenken, die große schweigende oder sich einfach zurückhaltende Mehrheit. In dieser Gruppe (3) finden sich sehr viele Menschen, die sich vielleicht (1) oder (2)  zugehörig fühlen, es aber nicht so laut sagen: Sie helfen unspektakulär in der Nachbarschaft, ohne davon jemandem zu erzählen, sie gehen friedlich und freundlich mit allen Menschen um, sie spenden oder zahlen schlicht und einfach reichlich Steuern, aus denen die verfassungsgemäßen Leistungen an die Neuankömmlinge gezahlt werden. Es gibt natürlich auch welche, die sich (2) zugehörig fühlen: Sie tragen Ressentiments in sich, sind sich unsicher, haben diffuse Ängste, die sie sich und anderen vielleicht gar nicht erklären können. Sie spüren aber, dass es sehr komisch käme, genau das öffentlich zu äußern – und mit öffentlich meine ich vor allem die sozialen Medien. Nur eine Nachfrage, ein Hinweis oder eine verunsicherte Äußerung, die Zweifel daran sähen könnte, zu (1) zu gehören, und sie sind in der rechten Ecke. Das geht schnell, im Einsortieren in Schubladen sind gerade die Aktiven in den sozialen Medien sehr geübt. Die Konsequenz: Sie äußern sich nicht mehr, sondern wenden sich anderen zu.

Diese Art von Nicht-Diskussion finde ich persönlich gefährlich. Wenn sich die Unsicheren, Unentschlossenen, Unerfahrenen nicht ernst genommen fühlen, wenn man ihnen nicht zuhört, wenn man sie erst einmal be- und gerne auch verurteilt, ohne überhaupt die Hintergründe zu kennen, dann finden sich eben andere, die das auf ihre Weise regeln. Die genau die Fragen aussprechen, die diese Menschen bewegen, darauf aber sehr politisch-eigennützige Antworten parat haben, sprich sie für eigene Propaganda benutzen. Diesen Gedanken hat Sebastian Christ  (verbloggt und somit geteilt von Gerd Adameit) in einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin Angela Merkel pointiert zusammengefasst.

Wo es keine Debatte mehr um die Grenzen der Toleranz gegenüber fremdenfeindlichen Ressentiments gibt, verschwinden diese Grenzen eben. […] Teile unserer Gesellschaft drohen abzudriften und sich zu radikalisieren, teilen nicht mehr die Werte, auf denen diese Republik aufgebaut ist. Und es ist äußerst zweifelhaft, wie und wann sich diese Menschen wieder für das Grundgesetz begeistern lassen. Im schlimmsten Fall ist dies der Anfang vom Ende des politischen Systems, wie wir es bisher gekannt haben. Wenn Sie das verhindern wollen, fangen Sie bitte an. Jetzt.

Ich würde ja noch viel früher ansetzen, nicht erst bei jenen, die bereits beginnen, sich zu radikalisieren. Ich plädiere für einen offenen politischen, gesellschaftlichen Diskurs darüber, wie wir in diesem Land das Miteinander gestalten und leben möchten. Ich hätte gerne, dass eine Debatte darüber geführt wird, wie sich dieses Land jetzt und in Zukunft dazu verhalten will, dass Menschen aus welchen Gründen auch immer in dieses Land kommen.* Ich möchte, dass darüber gesprochen wird, wie all das Notwendige und Wünschenswerte finanziert wird – und zwar ohne Urteile. Es geht nicht um gut oder schlecht, sondern darum, was wir wollen, wie wir es wollen, mit wem wir es wollen, und wann wir es wollen. Optimalerweise klärt sich damit auch gleich, was und wie wir es auf gar keinen Fall wollen.

Ich vermisse den Diskurs darüber besonders dann, wenn ich diese populistischen Aussagen von Politikern lese: Ein Herr Tillich, Ministerpräsident von Sachsen, stellt sich hin und sagt, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre – die Muslime seien willkommen und dürften ihre Religion ausüben, aber die Religion selbst gehöre ganz sicher nicht zu Sachsen. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Tillich ist sorbischer Nationalität und als solcher streng katholisch. Er vertrat zu DDR-Zeiten die Interessen dieser kulturellen Minderheit** und setzte sich für jene ein, die unter der SED litten. Als nächstes kommt de Maizière, Bundesinnenminister, daher und bringt die Sachleistungen ins Spiel. Das ist kein Diskurs, das ist ein Nach-dem-Munde-Reden einer ganz bestimmten Klientel. Und die politischen Gegner tun nur eines: Sie sagen, dass das falsch ist.

Entscheidungen und Meinungen erklären

Es braucht politische Gruppen, die dem mehr als ein „Das ist falsch!“ entgegensetzen und die schweigende Mehrheit mitnehmen, ihr zuhören und Argumente statt Populismus bieten. Das Signal muss sein: Wir nehmen Euch und Eure Befindlichkeiten ernst. Es braucht Leute, die der schweigenden, verunsicherten, diffus verängstigenden Gruppe erklären, wohin die Reise geht und warum (!) sie sich davor keinesfalls ängstigen muss. Es ist nicht damit getan, den Menschen zu sagen, dass diejenigen, denen sie helfen sollen, ja noch viel ängstlicher und verunsicherter sind. Ebenso wenig funktioniert die Nummer: „Klar kannst Du so denken, aber dann bist Du halt ein Neonazi.“ Wer mit Leuten, die anders denken (oder doch eher fühlen), so umgeht, darf sich m.E. nicht wundern, wenn diese dorthin gehen, wo sie sich ernstgenommen fühlen.***

Mein Appell, Entscheidungen, Handlungen und Einschätzungen zu erklären, geht vor allem an die Politik, aber auch an reichweitenstarke Medien – regional und überregional. Und natürlich auch an uns selbst, uns schlau zu machen, um im täglichen Leben für uns selbst klar zu sein, warum wir jegliche Form von Gewalt und Diskrimierung ablehnen und so agieren, wie wir es tun. Und um Argumente zur Hand zu haben, die das Warum dahinter erklären. Ich lese dafür gerne hier nach:

Die Nachdenkseiten: Hier ein Link zur Suchabfrage zum Thema Einwanderung.

Ebenfalls empfehlenswert finde ich den Deutschlandfunk: Auch hier eine Linkliste zur Suche nach Einwanderung.

 

* Ja, es ist mir klar, dass niemandem das Land wirklich gehört. Doch die Menschen auf dieser Erde (wir?) haben dieses Denken in Ländergrenzen kultiviert, sie haben sich Regeln in Form von Verfassungen und/oder Gesetzen gegeben. Von Exklusivität in Deutschland also keine Spur.
** Dass die Sorben in den Bezirken Cottbus und Dresden ihre Nationalität, ihre Sprache und ihre Religion ausüben durften, hat die SED-Führung in der DDR übrigens gezielt für progagandistische Zwecke ausgenutzt.
*** Ich rede hier immer noch von der Gruppe (3): Wer sich rechtsradikal verhält und solches Gedankengut verbreitet, muss weiter als rechtsradikal bezeichnet werden. Und um das zu bekämpfen, haben wir m.W. eine Verfassung und Gesetze.

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Ich freue mich, dass ich Sie mit meinem Blogeintrag getriggert habe. Gleichzeitig bin ich verwundert, ich komme wegen Urlaub erst jetzt dazu, in Ruhe nachzulesen, und ich hatte mit inhaltlicher Kritik gerechnet, nicht mit formell-strategischer.

    Sie haben natürlich Recht, dass es ganz verschiedene Arten der Herangehensweise an Gruppen gibt, um einen Standpunkt zu vertreten und manche sind, in der jeweiligen Sitaution betrachtet, strategisch klüger als andere. Allerdings liegt mein Interesse beim Schreiben nicht in Strategien oder politisch klugen Herangehensweisen und ich verfolge auch keinen Bildungsauftrag. Fakten heraussuchen und aufbereiten macht mir selten Spaß. Ich schreibe Meinung, keine Sachtexte.

    Was wer wem wie sagt, das ist etwas sehr Individuelles. Was unter anderem sicher ein Grund ist, warum manche Leute gut miteinander auskommen und andere weniger. Ich sage Leuten auch im Alltag durchaus, wenn ich finde, sie sollten etwas aushalten und ich habe oft keine Geduld mit Erklärungen, die für mich offen auf der Hand liegen. Das mag strategisch unklug sein, ist aber mein Stil und ich mag keine Texte schreiben, die mich selbst langweilen oder schon beim Verfassen nerven. Was sicher einer der Gründe ist, warum ich niemals professionell schreiben möchte.

    Vielen Dank für das Feedback, trotzdem oder gerade deswegen.

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