Arbeitsintensive Beziehungsfragen

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Meine Bloggerei bezieht sich ja ganz oft auf Themen, die mich auf Twitter getriggert haben, wenn es nicht gerade um Fußball geht. Diesmal habe ich mir das Thema selbst „ertwittert“:

Konkret ging es um eine Meinungsverschiedenheit im Büro mit einer Kollegin, die ich sehr schätze. Wir pflegen einen sehr offenen Umgang, sind beide sehr engagiert und tauschen uns wirklich gerne aus. Wir arbeiten im gleichen Team, in dem wir unterschiedliche Aufgaben wahrnehmen, brauchen einander also für ein gutes Ergebnis. Wir wissen all das, und doch gab es da eben diesen einen ganz doofen Moment. Immer wieder habe ich mich gefragt, was ich falsch gemacht habe. Warum ist das so eskaliert? Ich habe zunächst auf dem Heimweg mit einer anderen Kollegin gesprochen, habe es meinem Mann erzählt – beide Male kam ich zum Entschluss, erst einmal eine Nacht darüber schlafen zu wollen. Zunächst war es irre schwer, überhaupt einschlafen zu können. Eine gefühlte Ewigkeit brachte ich damit zu, mir einen Text, den ich der Kollegin gegenüber aufsagen wollte, zu überlegen. Am nächsten Morgen fühlte ich mich nicht besser. Ganz entgegen aller Ratschläge entschloss ich mich, nichts zu tun. Die Kollegin sah es auf ihre Weise, ich auf meine. Da gab es erst mal keinen Konsens. Also:

Wegignorieren, sollte das eigentlich heißen. Ich wollte es aussitzen. Sachlich cool bleiben. Denn: Es gab ja eine sehr zutreffende und absolut verständliche Erklärung für diese verfahrene (Beziehungs-)Situation. Das Stresslevel war ein extrem hohes, da sagt jeder einmal Dinge, die er nicht so meint, Dinge, die beim Gegenüber völlig anders ankommen als beabsichtigt. Ich sagte mir immer wieder: Ich bin stark, ich halte das aus. Ich kann auch respektvoll und vernünftig mit Kollegen umgehen, die mich in einer Stresssituation angerantet haben. Am vergangenen Freitag vor dem Feierabend ergab sich nun die Gelegenheit, alles in einem wunderbar wertschätzenden Gespräch zu klären. Eine Entschuldigung. Ein Wille, künftig genauer hinzuschauen und den anderen zu „sehen“, wenn als Feedback kommt, dass irgendetwas gerade suboptimal läuft. Denn natürlich ging es gar nicht um irgendeine Sache, sondern um die Beziehung. Gelernt: Auch unter Kollegen, die einander schätzen und um die Stärken des jeweils anderen wissen, muss man an der Beziehung „arbeiten“, so blöd das auch klingt.

An Beziehungen arbeiten?

An diesem Ausdruck irritiert auch mich das Wort „arbeiten“, mir ist allerdings noch kein Äquivalent eingefallen. Beziehungen, so empfinde ich es, ergeben sich nicht einfach von selbst, auch und vor allem dann, wenn sie sehr gewünscht und in der Summe der Zeit auch glücklich sind. Ich bemerke das an ganz vielen Stellen:

  • Freundschaftliche Beziehungen dauern nicht einfach so an. Sie wollen gepflegt werden. Solche Beziehungen unterliegen Schwankungen, das sehe ich als ganz natürlich an. Doch wenn einer der Beteiligten aufhört, sich für den anderen interessieren zu wollen (dieses Wollen ist wichtig!), kann der andere noch so bemüht sein – das funktioniert nicht. Ich weiß hier sehr genau, wovon ich rede.
  • Eine besondere Form der Beziehung ist die in einer festen Partnerschaft, in einer Ehe. Mit dem Gang zum Standesamt wird ein sehr großes Grundverständnis beim Partner vorausgesetzt; in Zeiten der Schmetterlinge im Bauch ist das überhaupt nicht diskutabel, sondern einfach da. Doch diese Schmetterlinge flattern irgendwann nicht mehr, die Art der Beziehung verändert sich, vor allem dann, wenn Kinder dazu kommen. Auch das ist in meinen Augen ganz natürlich und überhaupt nicht negativ, die Frage ist immer: Wie gehen wir damit um? Um diese (glückliche) Beziehung dauerhaft zu erhalten, ist es erforderlich, an ihr zu „arbeiten“. Ich habe das in einem Kommentar auf einen Blogbeitrag bei „Mama arbeitet“ bereits thematisiert. Christine sagte darin, dass sie nicht glaube, dass in einer glücklichen Beziehung an ihr gearbeitet werden müsse, weil das fast von selbst ginge. Ich meine: Beziehungen bestehen nicht einfach so von allein. Sie unterliegen täglichen Schwankungen, auf die die Beteiligten immer wieder reagieren müssen. Dass sie es wohlwollend, konstruktiv und liebevoll tun, ist gekoppelt an das Wollen, genau das zu tun. Und dieses Wollen ist alles andere als selbstverständlich.
  • Um noch einen draufzusetzen: Auch die Beziehung zum eigenen Kind ist selbst bei bedingungsloser Liebe von Eltern zum Kind nicht frei von Störungen. Das werden alle Eltern, die pubertierende Kinder haben, bestätigen können. Gerade weil man sein Kind so liebt, prallt es nicht komplett schmerzfrei an einem ab, wenn es den Eltern gegenüber Schimpfwörter raushaut, die man als Elternteil höchstens hinterm Steuer, wenn man alleine im Auto sitzt, selbst aussprechen würde. Denn das Kind trifft da gerade eine Aussage über sich („Ich bin maximal mit Dir unzufrieden, Mutter/Vater!“) und eben auch über seine Beziehung zum gerade angesprochenen Elternteil („Du verstehst mich einfach nicht. Wir verstehen uns nicht.“). Das Beseitigen dieser temporären Störung lässt sich durchaus als Arbeit bezeichnen. Als Kopfarbeit. Dieses Zu-sich-selbst-Sagen: Das Kind meint es nicht so. Ich muss mich selbst überprüfen, ob ich den richtigen Ton erwischt habe. All das nenne ich Arbeit. Und meine es nicht negativ.

So gesehen war das eine ganz schön arbeitsreiche Woche. Eine Woche, die die Sinne geschärft hat. Die Sinne dafür, dass in Beziehungsfragen so gut wie nichts selbstverständlich ist. Das führt auf der anderen Seite aber auch dazu, dass es mich wirklich richtig freut, so eine Ansage zu bekommen:

Ich würde Euch sehr gerne dabei haben, uns verbindet doch mehr als nur der HSV.

 

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Hallo! Ja, dieses „Eine Nacht drüber schlafen“ soll dafür sorgen, dass man nicht aus einer Emotion heraus reagiert. Manchmal kochen die Gefühle in dieser Zeit runter und man hat einen neutraleren Blick auf die Sache. Und manchmal klappt es eben nicht, oft, wenn der andere jemand ist, mit dem einen mehr verbindet als ein neutraler Job. Das hat meines Erachtens etwas mit Erwartungen an die andere Person zu tun. Für mich ist es immer sehr hilfreich daran zu denken, den anderen nicht für selbstverständlich zu nehmen. Aufgrund von Gewohnheiten neigt man leider oft dazu. „An einer Beziehung arbeiten“ heißt für mich, die Kommunikation auf einem guten Level halten, auch mal zwischendurch fragen, wie es läuft und dem anderen geht. Und ja, wenn nur eine Seite das macht, läuft es auf Dauer nicht gut. Hab ich schon selbst erlebt.

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    1. mrscgn sagt:

      Vielen Dank für Deinen Kommentar. Du hast es sehr schön beschrieben: Fragen, wie es dem anderen geht, an ihm interessiert sein. Genau so hatte ich es gemeint. Und das gilt eben, so meine ich, in einer jeden Beziehung.

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  2. Moin Mrs,

    auch wenn der Begriff „Beziehungsarbeit“ einen Abwehrreflex auslöst, trifft er es eigentlich ganz gut. Er bedeutet, das man Beziehungen ernst nehmen und gelegentlich Dinge tun muß, die einem keinen Spaß bringen, aber wichtig für den Fortbestand einer Beziehung sind, so wie deine Klärung am Freitag.

    Es bedeutet, das man sich mit dem Beziehungspartner gelegentlich auseinandersetzen muss, um unterschiedliche Wahrnehmungen oder Erwartungen abgleichen muß, bevor sie einen Keil in die Beziehung treiben. Oder das eine tiefe, langfristige Beziehung auch die Bereitschaft und die Fähigkeit voraussetzt, sich zu ändern. Das ist alles Arbeit im weiteren Sinne, aber so ist das halt mit dem Erwachsenwerden.

    Gruß,

    Christian

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    1. mrscgn sagt:

      Es ist schön, dass Du das bestätigst. Es zeigt sich für mich, dass auch im Berufsalltag diese „Warum“-Fragen oft nicht weiterbringen. Will sagen: Nicht die Frage „Warum hast Du das nicht gesehen?“, sondern eher „Was können wir tun, damit wir beide es künftig sehen?“ bringt voran.

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