So vergrault man Fans! – Offener Brief an Dietmar Beiersdorfer

Lieber Dietmar,

Du hast in dieser Woche meinem Kollegen von goal, Daniel Jovanov, ein langes Interview gegeben, das hier auch noch einmal nachzulesen ist. Daniel hat Dir viele Fragen gestellt, besonders bewegt haben mich Deine Antworten auf die zu HSVplus, einer Mitgliederinitiative, die für sehr hehre Ziele angetreten war: Schluss mit der Klüngelei um Aufsichtsratsposten und Einfluss auf sportliche Belange. Kompetenz an allen wichtigen Punkten. Entschuldung des Vereins durch Professionalisierung des Profisports. Neustart mit vielen jungen, hungrigen Spielern. Dass Du von all diesen Zielen nichts gewusst haben willst,

Beiersdorfer: Was war denn der Wahlauftrag?

hinterlässt mich fassunglos! Wenn mir Otto Rieckhoff nicht die Unwahrheit gesagt hat, wurdest Du von ihm kontaktiert. Und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass er Dir nicht von den Ideen und Plänen der Initiative erzählt hat. Warum also jetzt die plötzliche Ahnungslosigkeit?

Beiersdorfer: Es ist schön, und es freut mich, dass die Protagonisten der Initiative das gesagt und versprochen haben. Man muss aber sehen, was davon umsetzbar ist. Wenn wir von eigener Nachwuchsentwicklung sprechen, geht es um einen Zirkel von sechs, sieben Jahren. Man kann nicht erwarten, dass nach einem halben Jahr nur noch 18- oder 19-jährige Spieler aus Hamburg und der Region bei uns spielen.

Als HSV-Mitglied empfinde ich das als eine schallende Ohrfeige. Hältst Du die vielen Mitglieder, die am 25. Mai 2014 für HSVplus gestimmt haben (es waren über 8.000), allesamt für so naiv, dass Du ihnen absprichst, zu wissen, wofür sie gestimmt, wofür sie sich monatelang zuvor eingesetzt haben? Ich habe sehr genau gewusst, was ich da unterstützte und empfinde es als komplett unangemessen, mir von Dir mit dieser Antwort vorwerfen zu lassen, ich hätte ja falsche Erwartungen gehabt!

Keiner hat erwartet, dass der HSV von Stunde an die Liga rockt. Keiner hat erwartet, dass die darauffolgende Saison mit einer U19-Mannschaft bestritten wird. Und auch nicht in der Saison danach und danach. Keiner hat erwartet, dass alles schnell geht und sofort Erfolge bringt. Keiner, lieber Dietmar! Aber ich kann Dir sagen, was die tatsächlichen Erwartungen waren, und Du wirst kaum umhin kommen zuzugeben, dass Du und Deine Mitstreiter im Vorstand so ziemlich bei allem die Ziele verfehlt habt:

  • Erwarten konnte man zum Beispiel einen Anfang, die Schulden abzubauen.
    Von einer Entschuldung ist der Verein weiter entfernter denn je, denn Du zogst es ja vor, Geld auszugeben, das der Verein eigentlich gar nicht hat. Die Transferbilanz unter Deiner Verantwortung ist eine Low-Performance und wäre  in der (klassischen) Wirtschaft Grund für ernste Gespräche, wenn nicht gar für eine Vertragsauflösung.
  • Erwarten konnte man zum Beispiel zielführende Gespräche mit wahren strategischen Partnern, die sich von Sponsoren unterscheiden.
    Bis heute Fehlanzeige. Denn: Partnerschaft heißt nicht, einfach Geld rüberzuschieben.
  • Erwarten konnte man zum Beispiel clevere Verhandlungen mit bestehenden Sponsoren.
    Die Konditionen, etwa mit dem Ausrüster Adidas, an den sich der HSV bis 2024 band, sind m.E. nicht HSV-optimal, und wer sagt, dass es nicht doch andere, vielleicht sogar bessere Angebote gab?
  • Erwarten konnte man zum Beispiel eine kluge, heißt: langfristig orientierte Transferpolitik.
    Von einer Verjüngung des Kaders ist der Verein weit entfernt, denn Dir war ja wichtig, (vermeintliche) Stabilität reinzubringen mit solchen Welt-Fußballern wie Behrami, Olic und Spahic. Und übrigens: Einen Gregoritsch von Bochum für die exakt geforderte Ablösesumme zu holen hätte ich auch gekonnt – und bin damit sicher nicht allein.
  • Erwarten konnte man zum Beispiel eine verbesserte Kommunikationspolitik.
    Außer ein paar neuen Direktoren, die viel Geld kosten (der HSV hat’s ja), ist da nichts Wesentliches passiert. Die Tuchel-Verpflichtung wurde erfolgreich u.a. durch Schwatzhaftigkeit verhindert, und ein Rucksack sorgte dafür, dass die Bild den HSV quasi „in der Hand“ hat. Von Deinen eigenen ängstlich wirkenden Auftritten in der Öffentlichkeit ganz zu schweigen.
  • Erwarten konnte man zum Beispiel eine andere Art des Umgangs miteinander.
    Trainer wurden seit Deiner Amtszeit wie eh und je verschlissen (Slomka, Zinnbauer). Bruno Labbadia ist nicht mal Plan B gewesen nach Tuchels Absage. Auf dem Platz stehen immer noch elf Spieler – eine echte Mannschaft, die zusammen (!) spielt, kann ich in letzter Konsequenz nicht erkennen. Ein Herr Rudnevs musste allein mit den Anfeindungen an seine Familie fertigwerden, vom Umgang mit Herrn Kacar, bis er einen Jahresvertrag erhielt, ganz zu schweigen.

Wir können darüber sprechen, was denn eigentlich ein Herr Peters macht, außer Trainer zu feuern und niedliche Videos an die Spieler per Whatsapp zu verschicken. Wir können auch den Umgang des Vereins mit den Medien thematisieren, bei dem man sich auf einen Mann verläßt, dessen Interesse einzig und allein darin liegt, sich selbst immer schön aus der Affäre ziehen zu können – Verantwortung übernimmt in der Abteilung mit den vielen Direktoren doch keiner.

Deine Antworten auf all diese Fragen heißen: Geduld. Oder: Wir arbeiten dran. Beispielsweise an einem Leitbild, für dessen Entwicklung die Beauftragung einer externen Agentur vonnöten war, eine Medienabteilung von etwa 20 Leuten schafft so was nicht. Wie viel hat der ganze Spaß noch gleich gekostet? Von einem hohen fünfstelligen Betrag ist die Rede, aber klar, der HSV hat’s ja. Ein Resultat dieser Suche nach einem neuen Image ist dann auch so eine aus PR-Sicht völlig amateurhafte Kampagne wie „Kommt ihr uns mal nach Hause“ vor dem Spiel gegen Leverkusen gewesen. Kindischer geht es kaum. Erwachsenes Verhalten geht definitiv anders.

Verzeih, wenn ich es so deutlich sage: Mit Antworten wie „Wir müssen Geduld haben“ oder „Wir haben jede Menge Prozesse angeschoben“ schaffst Du bei jenen, die den HSV leben – in den Stadien und vor den Fernsehern, in den Nachwuchszentren und beim Trainerpersonal dort – kein Vertrauen. Sie bemerken, dass das, was sie hören, mit dem, was sie sehen und erleben, nichts zu tun hat.

Heute, bei der Niederlage gegen unsere Freunde aus Hannover, waren zwei Spruchbänder zu sehen:

Danke für Nichts, HSVplus.
Für noch mehr Schulden und Possen den e.V. geopfert. (sinngemäß)

Als eine, die von der Richtigkeit der Inhalte von HSVplus, die Du ja vorgibst nicht zu kennen, überzeugt ist, tut mir das weh. Aber ich kann diese Aussagen inzwischen nachvollziehen. Weil nämlich jene, die nach HSVplus an die Macht kamen, und dazu zählst auch Du, eben genau diese Inhalte mit Füßen getreten beziehungsweise einfach ignoriert haben!

Ich wünsche mir ganz gewiss nicht die Zeit vor dem 25. Mai 2014 zurück. Mir reichte schon, wenn all jene, die es eigentlich können sollten, endlich mal das Mindeste tun, was man von ihnen erwarten kann: ihren Job! Und dass sie, wenn sie merken, dass sie es nicht können (was in meinen Augen durchaus auch eine reife, menschliche Erkenntnis sein kann), die Verantwortung übernehmen und den Platz frei machen, statt nach dem Motto zu handeln, das schon vor Jahrzehnten der Komödiant Otto trefflich beschrieb:

Hauptsache, ich komm‘ gut rein, sitz‘ fest drin und brauch‘ nicht wieder raus.

Ich hätte gerne, dass die Geschicke des HSV und seiner Fußball-AG von Menschen geführten werden, denen der HSV mehr am Herzen liegt, als das persönliche (vor allem materielle) Wohlergehen.

Mach’s gut, Dietmar!

Liebe Grüße, MrsCgn

 

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6 Kommentare Gib deinen ab

  1. themaxxno1 sagt:

    Danke.

    Wahre Worte!

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  2. Kai Clausen sagt:

    Super , dem ist nichts hinzuzufügen !!

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  3. NeilYoung sagt:

    Chapeau, MrsCgn.

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  4. SM sagt:

    DB wurde weder gewaehlt, noch war er bei HSVPlus irgendwie beteiligt. Ihm vorzuwerfen das er nicht umsetzen wuerde wofuer HSVPlus angeblich stand (fuer mich stand es immer fuer Ausverkauf an Kuehne, keine Ahnung wo Du was anderes her hast) verfehlt das Ziel – wenn dann solltest Du die Macher von HSVPlus angehen die es verpasst haben ihre angeblichen Ideale auch entsprechend in die neue Organisation einzuschreiben.

    Was die Transferpolitik angeht: Realpolitik ist das Stichwort. Eine finanzielle Gesundung geht nur in der Bundesliga, daher hat Klassenerhalt absolute Prioritaet – und nur mit Talenten laesst die Klasse sich nicht halten. (Ja, genug Fehlgriffe gab’s trotzdem, aber das DB nicht der Transferguru ist wussten wir ja von frueher) Wie sehr man sich auf Talente und langfristige Planungen verlassen kann zeigen dabei hoffentlich die Beispiele Son, Hakan und Tah: Fuer die guten Talente sind wir nicht gut genug. Mit etwas aelteren Spielern wie Ekdal hat man mehr Planungssicherheit (aber dafuer weniger Upside).

    Zum letzten Absatz: DB hat IIRC auf Geld verzichtet um beim HSV arbeiten zu koennen, dieser Wunsch ist also in Erfuellung gegangen.

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    1. mrscgn sagt:

      Vielen Dank für Deinen Kommentar. Leider ist mein Punkt bei Dir offensichtlich nicht angekommen. Mir ging es darum, dass DB nichts von den Inhalten der Mitgliederinitiative gewusst haben will. Das kann m.E. nicht sein. Er wurde erstmals von EOR kontaktiert (DB war Ottos Transfer, sein As im Ärmel, um HSVplus zum Sieg zu verhelfen), wusste also um die Idee und die Ziele. Diese hatte die Initiative auf ihrer Website kommuniziert, ich war außerdem auf der Info-Veranstaltung dazu – Du offensichtlich nicht. Welches Gehalt DB bekommt, ist völlig sekundär; entscheidend ist, dass ihm die Mitglieder komplett egal zu sein scheinen. Das muss ich sicher akzeptieren, aber gut finden ganz sicher nicht.
      Abgesehen davon sind, und da stimme ich Dir zu, auch die Macher von HSVplus zu kritisieren, das ist insgesamt wohl auch gehörig viel schief gelaufen. Sehr bedauerlich.

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  5. patrick1887 sagt:

    Ich finde die Initiative HSVPlus ist hier selbst Schuld. Das ein Gernandt im Aufsichtsrat nichts bringen würde wusste man quasi vorher. Das die benötigte Fußballerische Kompetenz mit Nogly und Hessen (der jetzt nicht mal mehr da ist) fehlt konnte man auch erkennen. Und was am interessantesten ist, wie will man Leute wie Hilke, Knäbel, den Ar oder Beiersdorfer loswerden, wenn sie den Verein jetzt gegen die Wand fahren?. Du sprichst von katastrophalen Zuständen vor dem Mai 2014. Da hast du recht, aber noch katastrophaler finde ich es, nur dank Schiedsrichterfehlentscheidung, mit dem teuersten Kader der Vereinsgeschichte nicht abzusteigen. Da finde ich das vor Mai 2014 erfolgreicher… Zudem kommt hinzu dass wir z.B einen Ar mit gewissen Anträge jederzeit hätten Entlassen können, falls dieser Antrag dann durchgegangen wäre.

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