Karrierefragen (2) – Vereinbarkeitsfrage für Männer

Es ist Zeit, die Karrierefragen weiter zu beleuchten. Nachdem ich im ersten Teil mich ausführlich zur Frage, ob berufstätige Mütter zwei Vollzeitjobs ausfüllen, geäußert habe, soll es heute um die „Vereinbarkeitsfrage“ gehen. Mir fällt auf, dass das Thema „Vereinbarkeit von Kind und Karriere“ eigentlich immer nur auf Mütter reduziert wird. Warum eigentlich? Haben Väter nichts zu vereinbaren?

Zunächst: Ich kenne das Problem nur zu gut. Seitdem ich Mutter bin, werde ich mit dieser Frage konfrontiert – auf ganz unterschiedliche Weise übrigens. Ich wurde erst jenseits der 30 Mutter, hatte also beruflich schon einiges erreicht. Das Baby stellte dieses Leben komplett auf den Kopf. Ich fing nach 7 Monaten wieder an zu arbeiten (der Job war einfach auch zu gut bezahlt und machte an sich auch Spaß), und mein Mann übernahm die Betreuung der Lütten. Wie er das mit seinem Beruf vereinbaren konnte – niemanden interessierte das. Die einzige, die darunter litt, war ich selbst. Als vier Jahre später unser zweites Kind geboren wurde,  stellte sich im Grunde keine Vereinbarkeitsfrage: Ich war selbständig, bekam für das einjährige Aussetzen Elterngeld, der Mann arbeitete zwei Monate Teilzeit und ermöglichte mir damit das Annehmen eines schönen Auftrages. Und als ich 17 Monate nach der Geburt von K2 in ein Angestelltenverhältnis wechselte, wurde ich während des Vorstellungsgesprächs bestimmt 3x danach gefragt, ob ich das mit den Kindern denn auch hinbekommen würde. Meinen Mann fragte man ein Jahr vor Geburt von K2 nach seinen Zielen, eines davon war: ein zweites Kind. Die Reaktion: breites Grinsen, Schulterklopfen. Denn na klar: Als Mann hätte er ja wohl nichts zu vereinbaren. Wirklich?

Jana Hensel hat vor fünf Jahren einen bemerkenswerten Beitrag zu den Vätern von heute geschrieben: http://www.zeit.de/2010/01/Vaeter-01 Sie beschreibt darin sehr anschaulich, was das Elterngeld aus den Vätern von heute gemacht hat. Sie nennt sie „symbolische Väter“, die die wichtigsten Handgriffe beherrschen und sich auch tatsächlich gelegentlich komplett allein um den Nachwuchs kümmern. Und sie fragt dann:

Wann werden die symbolischen Väter zu realen Vätern? Wann wird für sie der Entschluss, eine Familie zu gründen, auch einen realen Verzicht, Einschnitte und Kompromisse nach sich ziehen?

Mit anderen Worten: Wann stellen sich auch die Väter die Vereinbarkeitsfrage? Mein Eindruck ist: Viele (nicht alle!) Väter von heute fühlen sich recht wohl in ihrer Rolle als „symbolische Väter“. Sie werden dafür von allen hochgeschätzt, sie ernten wohlwollende Blicke draußen, wenn sie den Nachwuchs durch die Straßen oder den Park schieben, sie signalisieren dem Chef soft skills, sie beruhigen ihr schlechtes Gewissen gegenüber der Mutter des Kindes, schreiben sogar Bücher darüber (und lassen sich für entsprechende Verkaufszahlen feiern) und wissen genau: Dieser Alltag ist endlich. Es sind nur ein paar Monate.

Gemeinsam Verantwortung füreinander übernehmen

Genau hier, das ist mein Anliegen, muss angesetzt werden. Vater zu sein, ist keine Angelegenheit von zwei oder drei Monaten. Vater ist man ein Leben lang, da gibt es keinen Unterschied zur Mutter. Als Vater ist man, wie die Mutter, auch sehr lange verantwortlich für das Kind / die Kinder. Und in dem Moment, da Väter diese Rolle wirklich verstehen, sich auf sie einlassen und sie leben, kommt sie ganz automatisch, die Vereinbarkeitsfrage. Denn: Auch sie können nicht alles gleichzeitig haben – einerseits Karriere zu machen bzw. in einem Job viel Geld zu verdienen, andererseits jederzeit für das Kind/die Kinder da zu sein. Was passiert, wenn sie das wollen, beschreibt Volker Baisch, ein Firmen-Berater, in einem Interview für die Badische Zeitung: http://www.badische-zeitung.de/liebe-familie/frust-allein-bringt-uns-nicht-weiter Er sagt darin beispielsweise:

Der Mann muss 100 Prozent am Arbeitsplatz geben, gleichzeitig der Superdaddy sein und die Partnerin unterstützen. Wie soll das funktionieren? Von eigenen Hobbys und Freundschaften ganz zu schweigen. Die Väter von heute fühlen sich zerrissen und oft von den Unternehmen alleine gelassen. Sie sind gefrustet, weil sie den hohen Erwartungen nicht entsprechen können.

Hossa! Da haben wir es. Genau das alles wird von einer Frau seit Jahren verlangt. Zusätzlich soll sie dabei auch immer blendend aussehen und gute Laune versprühen. Natürlich geht es nicht um das „jetzt seht Ihr mal, wie es uns geht“, sondern darum, dass es hilfreich sein könnte, wenn sich ein Paar gemeinsam darum kümmert, dass für jeden in der Familie gesorgt ist. Die Lösung sollte nicht sein, dass statt der Frauen nun die Männer jammern und Bücher mit solchen Titeln hier schreiben: „Geht alles gar nicht. Warum wir Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können.“ Die Aussage sollte vielmehr lauten: „So geht es: So vereinbaren wir Kinder, Liebe und Karriere – Frau und Mann.“

Ein Ansatz könnte beispielsweise sein, dass die Partner für ihre Karriereschritte unterschiedliche Zeitpunkte wählen, dass mal der eine, mal der andere ein wenig kürzer tritt im Beruf. Ein anderer wäre, dass beide gleichzeitig etwas (und eben nicht auf nahe Null) die berufliche Arbeit reduzieren. Möglich wäre auch, dass beide unterschiedliche Arbeitszeiten wählen. Ein wieder anderer Weg könnte sein, ein Mehr-Generationen-Modell zu leben, die Großeltern in das eigene Lebenskonzept mit einzubeziehen.

Die Hürden auf dem Weg zu solchen Lösungen scheinen hoch zu sein. Sehr hoch. Vor allem in den Köpfen. Viele zunächst sehr moderne Paare verfallen nach der Geburt des ersten, spätestens des zweiten Kindes in alte, tradierte Muster. Das haben mehrere Studien gezeigt, die in Beiträgen des Deutschlandfunks und der ZEIT aufgegriffen wurden. Letztgenannten Beitrag habe ich mit großem Interesse gelesen. Der Soziologe Michael Meuser verwendet darin das schöne Wort „Konsensfiktion“, das sehr treffend den Rückfall in gelernte Muster beschreibt:

Zum Beispiel erklären sie [die Frauen] die Kinderbetreuung durch die Mutter damit, dass der Vater mehr verdient. Gleichzeitig betonen sie, dass der Mann selbstverständlich kein Problem gehabt hätte, seine Arbeitszeit zu reduzieren, wenn die Frau mehr verdienen würde [ich könnte mir vorstellen, dass es mehr und mehr Fälle gibt, in denen die Frau zumindest gleich viel verdient]. Interessant ist, dass solche Erklärungen in hohem Maße von den Frauen formuliert werden. Sie entlasten also den Mann, der sich nicht dafür rechtfertigen muss, dass er seine Karriere fortführt.

Es ist also durchaus auch an uns Frauen (Müttern), die Vereinbarkeitsfrage zu einer der Familie zu machen, anstatt sie weiter als eine alleinige der Frau zu sehen. Natürlich passiert so etwas nicht von heute auf morgen. Auch die Skandinavier brauchten eine Weile dafür: Was in den 70er Jahren begann, trägt ja auch erst seit etwa zehn Jahren Früchte. Meuser erklärt in dem eben zitierten Interview, dass so ein Wandel eben dauert, durchaus auch mal ein bis zwei Generationen. Aber wisst Ihr was? Fangen wir doch einfach mal damit an.

 

 

 

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