It’s all about attention

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Aufmerksamkeit. Das ist es, worum es geht. Ständig. Überall. Ich werde von diesem Thema derzeit irgendwie überrollt, und das regt mich auf. Annett Louisan hat das einmal schön in einem Song zusammengefasst „Das Problem“:

ich hab‘ da so’n Problem
das kümmert mich extrem
es ziert mich wie ein Tier,
das ich spazieren führ‘
es macht mich int’ressant
die Leute sind gespannt
was ist mit dem Problem?
wie wird es weitergeh’n?
ich brauche mein Problem
um ander’n zu entgeh’n
ich pack’s genüsslich aus
und red‘ mich damit raus
ich schildere es farbenreich
und alle rufen gleich
„was macht die Arme bloß durch?!“
geh‘ mir weg mit deiner Lösung
sie wär‘ der Tod für mein Problem
jetzt lass‘ mich weiter drüber reden
es ist schließlich mein Problem
und nicht dein Problem

Probleme sind etwas Wundervolles: Sie sichern mir Aufmerksamkeit. Hätte ich kein Problem, um Himmels Willen! Warum sollte sich irgendjemand noch für mich interessieren? Kein Mensch will doch davon hören oder lesen, wie normal, wie gleichmütig, wie alltäglich, wie immer wieder gleich das Leben von irgendjemand ist. Oder? Also: Ich brauche ein Problem oder einen Superlativ. Nur dann bin ich wichtig, nur dann bekomme ich Aufmerksamkeit, nur dann ist alles fein. Woran mache ich dieses unsägliche und mich unglaublich nervende Phänomen nun fest?

Zwitscherei: Hör zu und halt die Klappe!

Ein Beispiel ist Twitter. Ich bin gerne dort, weil ich mich dafür interessiere, was andere denken. Ich freue mich, wenn interessante Beiträge verlinkt werden, sei es auf youtube, Websites von Zeitungen oder Zeitschriften oder eben auf Blogs. Es erweitert meinen Horizont, hilft mir oft, Antworten auf Fragen zu finden, die ich mir selbst stelle – ganz oft finde ich sogar Ideen oder Gedanken, die mir beruflich weiterhelfen. Das ist eine Sicht auf Twitter.

Diesen Kanal nutzen viele durchaus anders, was ich spannend finde und interessiert verfolge. Aber da sind diese Art und Weisen, die für mich ein ans Pathologische grenzende Heischen um Aufmerksamkeit symbolisieren. Diese kommen in ganz unterschiedlichen „Farben“ daher:

  • Betteln um Follower: Macht mir doch mal die xxx Follower voll. Ich bin chronisch unterfolgt. Und so weiter.
  • Taktisches Twittern: Wann sind viele online, wen darf ich nicht faven, weil sonst jemand beleidigt ist, wen muss ich unbedingt faven, damit er weiter mein Follower bleibt?
  • Dramatisieren eines körperlichen oder geistigen Zustandes, der so in Wirklichkeit gar nicht existiert.
  • Stilisieren der eigenen Kinder zu „besonderen“, gerne auch „herausfordernden Kindern“, die die Eltern vor spezielle Aufgaben stellen.
  • Tweetklau ist auch eine Form des Um-Aufmerksamkeit-Bettelns.
  • Extensives Faven einer oder mehrerer Accounts (bitte beachte mich).
  • Folgen, Warten auf das Follow-Back, bleibt das aus, wird entfolgt.

Es fällt mir schwer, das gleichmütig hinzunehmen, vor allem dann, wenn es in einer ganz subtilen Art daherkommt. Da schildert jemand ein Problem und bittet um Meinungen dazu. Schließlich fällt aber auf, dass es gar nicht darum geht, das „Problem“ zu lösen. Man will einfach nur drüber reden, es ist ja schließlich dessen Problem. Alles okay – doch warum dann um Meinung fragen?

Heftig.co-Style – am größten, am tollsten, am beklopptesten

Der zweite Weg, der mir nicht minder auf die Ketten geht, ist diese als „heftig.co“-Style bekannte Art und Weise, bestimmte Nachrichten anzuteasern: Die Headline erzeugt hierbei Erwartungen, die der Text darunter nie und nimmer einlöst. Aber was so immer gelingt: der Klick! Die Aufmerksamkeit! Ich weise gerne an dieser Stelle erneut auf den lesenswerten Text von Tobias Gillen hin, der mir in Sachen heftig.co aus der Seele spricht. Es ist nicht nur so, dass sich große Verlagshäuser in München oder Hamburg dieser Masche bedienen, nein, auch Blogs fangen so schon an – und vertreiben mich so definitiv von ihren Seiten.

Die große Frage bleibt: Warum? Warum agieren Menschen so? Warum ist Aufmerksamkeit so wichtig? Was soll dieses Hegen und Pflegen von Zuständen und Situationen, die ausgebreitet, bedauert und beklagt werden, wenn nicht im Ansatz erkennbar wird, dass man an einer Veränderung interessiert ist?! Ein Erklärungsansatz ist dieser:

„Die Aufmerksamkeit anderer Menschen ist die unwiderstehlichste aller Drogen. Ihr Bezug sticht jedes andere Einkommen aus. Darum steht der Ruhm über der Macht, darum verblasst der Reichtum neben der Prominenz.“ (Franck, Georg 1998: Ökonomie der Aufmerksamkeit. München; Wien: Hanser, S. 10)

Rainer Strobl vom Sozialwissenschaftlichen Institut der Uni Hildesheim hat sich in einem Diskussionspapier mit dem „Kampf um Aufmerksamkeit“ beschäftigt und „das Auffallen als Grundlage für Anerkennung und soziale Wertschätzung“ gekennzeichnet. Im Grunde ist es also ganz einfach: Es geht um Anerkennung. Diese wiederum sei Voraussetzung dafür, „dass sich das eigene Ich seiner Selbst vergewissern kann“.  Womit wir dann wieder beim Ur-Schleim wären, der das Streben nach Aufmerksamkeit letztlich auf die Selbstauskunft reduziert: Ich sage damit, dass ich mich meiner Selbst rückversichern muss. An sich, so meine ich, kann man das gut nachvollziehen und auch einfach so stehenlassen, denn es muss nicht zwingend negativ konnotiert sein: In der Wissenschaft ist Aufmerksamkeit und mithin Anerkennung wichtig für Weiterentwicklungen, der Forscher/Wissenschaftler braucht die Rückmeldung, um weiter zu machen, um sich rückzuversichern, dass er auf dem richtigen Weg ist. Kinder brauchen Aufmerksamkeit und Anerkennung, um sich zu entwickeln. Wir Menschen generell brauchen immer mal wieder beides in unterschiedlichen Dosen, um uns zurechtzufinden und gut zu fühlen. Doch ab welcher Dosis wird es für die Umgebung nervig und unangenehm?

Das definiert sicherlich jeder für sich anders, doch drängt sich mir der Eindruck auf, dass dieses Betteln um Aufmerksamkeit auf allen Kanälen und diese immer größeren Anstrengungen dafür Zeichen einer Entwicklung sind, die genau das Gegenteil von dem schafft, was sie eigentlich will. Selbstverständlich hat jeder das Recht, wahrgenommen, gesehen zu werden. Doch wenn dieser Wunsch dazu führt, dass ein Wettbewerb darüber stattfindet, wer es am besten und schnellsten schafft, Aufmerksamkeit zu erzielen, dass die Mittel, um in diesem Wettbewerb erfolgreich zu sein, immer heftiger (sic!) und spektakulärer werden – dann kann das am Ende nur zu einem führen: Es guckt überhaupt keiner mehr hin. Es ist einfach zu laut, zu bunt, zu oberflächlich, zu viel.

Das Tragische daran: Diese Sättigung – dieses Wort beschreibt mein Gefühl am besten – führt dazu, dass jene, die der Aufmerksamkeit wirklich bedürfen und die es wert sind, gesehen zu werden, unsichtbar und daher unbeachtet bleiben. Nicht, weil sie nicht laut genug klappern, sondern weil sie sich in großer Konkurrenz bewegen, weil es einfach nahezu jeder macht. Und zwar gleich hoch-prioritär. Die Unterscheidung von wichtig und unwichtig fällt zumindest mir immer schwerer. Meine Reaktion, na klar: Im Zweifel ist es unwichtig. Ich bedaure das.

 

 

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Sehr interessanter Artikel, besonders auch das verlinkte Paper von Hr. Strobl. Ich denke seit längerem über dieses Thema nach und finde keinen richtigen Ansatz. Zu erhoffen, dass eine Selbstregulierung der Schreibenden stattfindet, erscheint mir fast naiv. Vielleich ist es die Herausforderung an mich, noch besser selbst filtern zu lernen und natürlich auch, noch genauer hinzuschauen, was ich selbst weitertrage/-verbreite und was nicht.

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    1. mrscgn sagt:

      Vielen Dank für Deinen Kommentar.
      Ich suche ja auch nach dem richtigen Weg. Ich möchte gerne wieder klarer unterscheiden können und nicht alles, was laut und bunt rüberkommt, von vornherein als Masche oder eben Marketing abtun (müssen). Denn genau das ist passiert: Ich wende mich ab. Nicht von feinen Blogs wie Deinem, sondern von jenen, die einfach nur ihr Problem pflegen, spazieren führen und zur Schau stellen. Vielleicht schärfe ich viel bewusster den Blick für das Leise, Unscheinbare, Alltägliche in meinem Leben, in meinem Umfeld.

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