Nur die Mannschaft oder: Das neue Selbstbewusstsein des HSV

Es ist etwa drei Wochen her, da sprach der geschätzte Sven in seinem Blog von einer Entwicklung, die er bei unserem gemeinsamen Herzensverein HSV ausgemacht haben will. Meine Antwort darauf war die:

Ich hatte bis dahin einfach keine Entwicklung erkennen können. Für mich war die Niederlage gegen den kleinen HSV symptomatisch für eine Saison, die von so vielen Zufällen, glücklichen (Gladbach) oder unglücklichen (Köln) Umständen sowie einem vor sich hin stolperndem Vorstand geprägt war. Zu sehr wirkte der grauenhafte Auftritt des HSV in Jena nach, zu sehr ließ mich das amateurhafte Verhalten der Verantwortlichen (#rucksackgate) daran zweifeln, dass es aus dieser Misere einen Ausweg gibt.

Bruno Labbadia – und ich behaupte jetzt mal keck: vor allem und eigentlich nur er – hat etwas geschafft, was ich für kaum möglich hielt: Er hat der Mannschaft Selbstvertrauen gegeben. Offenbar ist (endlich) angekommen, dass die Jungs doch kicken können, dass sie es eben nur einmal zusammen tun sollten. Vielleicht musste nach dem Adrenalin pur in Karlsruhe diese eiskalte Dusche in Thüringen folgen, um zu einer gewissen Klarheit zurückzufinden. Gegen Stuttgart mit viel Leidenschaft und Kampf das Ding umgedreht, gegen desorientierte Gladbacher völlig unerwartete Punkte eingefahren, in Ingolstadt das Glück erzwungen – offenbar haben alle gespürt: Leute, da geht was. So richtig habe ich das dann erstmalig im Spiel gegen Dortmund erlebt. So motiviert, so konzentriert habe ich den HSV auf dem Platz lange nicht mehr gesehen. Und auf einmal gelangen Dinge, die sonst einfach schief gingen. Einen zugegeben etwas zu selbstgefälligen Gegner zwang man zu Fehlern und nutzte die eigenen Chancen eiskalt aus. Noch deutlicher wurde dieses neue Selbstbewusstsein gegen Bremer, die eine Halbzeit lang mal überhaupt kein Mittel gegen einen HSV fanden, der früh draufging, der diszipliniert agierte, die Ordnung hielt und – man glaubt es kaum – richtig guten Fußball spielte. Ich traute meinen Augen kaum und flippte vor dem heimischen Fernseher so aus, dass mein Mann mit Ohrenschmerzen das Zimmer verließ.

Der HSV spielt !! Fußball

Was war da los? Für mich war insbesondere der Auftritt in Bremen ein erneuter Beleg für die Macht des Selbstbewusstseins, der Einstellung, der Motivation, für die Macht des Glaubens an sich selbst. Da war eine Mannschaft auf dem Platz, die sich tatsächlich als eine solche verstand und auch als eine solche auftrat. Holger Stanislawski hat das bei seinem Auftritt im ZDF-Nachspiel genauso analysiert:

Hier ein paar Aussagen von ihm:

… ein Rädchen greift ins andere, so dass die Mannschaft immer besser funktioniert …  ich glaube, dass die Mannschaft als Team besser funktioniert … jeder weiß, was er zu tun hat … Müller, Holtby und Ilicevic greifen immer mehr … Mannschaft arbeitet intensiv gegen den Ball … alle nehmen an der Defensivarbeit teil, dann kommt dieses schnelle Umschaltspiel … sie gehen vorne drauf, wenn sie den Ball verloren haben … sie sind viel aktiver im Fußballspielen … sie haben mehr Ballkontrolle, was damit zusammenhängt, dass sie viel mehr Selbstbewusstsein haben …

Viel mehr Selbstbewusstsein. Fußballspielen. Mannschaft. Das sind die Vokabeln, die den aktuellen HSV beschreiben. Als Fan reibe ich mir die Augen, denn was habe ich geschimpft zu Saisonbeginn: Erste Liga – ich wusste irgendwie auch nicht, warum. Mein Verein war zum Gespött der Liga verkommen, wir Fans wurden ausgelacht, manchmal auch bemitleidet. Der HSV galt zu Saisonbeginn bei vielen als Abstiegskandidat. Ich gebe es ehrlich zu: bei mir auch. Mir hat die Transferpolitik des Vereins kein Vertrauen gegeben (tut sie auch nach wie vor nicht) *, ich war unsicher, ob Labbadia ein zweites Mal in einer Mannschaft die Begeisterung für den Fußball, die ihn ausmacht, wecken konnte, ich hatte Zweifel, dass sich die Mannschaft von diesem desaströsen Auftritt in Jena erholen würde.

Die beiden jüngsten Spiele zeigten, dass Labbadia etwas sehr Bemerkenswertes gelungen ist: Er hat der Mannschaft den Glauben an sich selbst wiedergegeben. Er hat aus den vielen Einzel-Spielern eine Mannschaft gemacht, die sogar Ausfälle (u.a. Ekdal, Hunt, Diekmeier, jetzt auch noch Lasogga) wegstecken und weiterspielen kann. Die nicht aufgibt und sich auch durch ein Gegentor nicht verunsichern lässt. Die einen Plan hat und den auch konsequent durchzieht, sprich taktisch diszipliniert spielt.

Demut versus Mathematik

Die größte Herausforderung aus meiner Sicht ist jetzt, mit diesem Umstand klug umzugehen. Einerseits tut der HSV gut daran, nicht abzuheben, sondern weiter an sich zu arbeiten – die Spieler betonen in Interviews auch immer wieder, dass sie genau das vorhaben. Ich glaube ihnen das. Andererseits lügt die Tabelle nicht, und die weist 21 Punkte aus, Platz 7 und nur zwei Punkte Rückstand auf Platz 4. Man zeige mir den Verein, der in dieser Ausgangslage nicht nach oben guckt (auch, wenn er hundertmal in der Öffentlichkeit etwas anderes sagt) und sich daran orientiert.

So komisch das klingt: Ich finde das, rein mental betrachtet, gar nicht so schlimm. Wenn ich einen Berg besteige, schaue ich nach oben, nicht nach unten, und ich fange während des Aufstiegs nicht an, darüber nachzudenken, dass ich doch jeden Moment abstürzen könnte. Ich weiß um die Gefahr, richte meinen Blick aber nach vorn. Ich bin ruhig und konzentriert, und ich klettere weiter. Bei einem Fahrsicherheitstraining hat man mir mal gesagt, dass man sich als Autofahrer vor einem Hindernis nicht auf das Hindernis, sondern darauf konzentrieren soll, wohin man ausweichen will. Denn genau dahin lenkt man auch. Wenn ich diese doofen Pylonen anvisiere, treffe ich sie auch. Selbst getestet.

Insofern: Ich gehe nicht davon aus, dass der HSV durchmarschiert. Es wird Niederlagen und nicht so tolle Spiele geben – so, wie eigentlich bei jedem Verein. Ich sehe das als eine Rückkehr zur Normalität. Wenn die Spieler sich das gesunde Selbstbewusstsein erhalten sowie weiter cool und smart an sich arbeiten, dann wird Abstiegskampf kein Thema sein. Und das, ich gebe es sehr gerne zu, ist aus meiner Sicht eine absolut positive Entwicklung (!).

*  Dass ich hier meiner Freude über die sportliche Leistungsveränderung Ausdruck verleihe, ändert nichts an meiner Kritik an der Administration des Vereins. Ich kann das sehr gut trennen. Dass Bruno Labbadia sich sehr zurückhält, was seine vorzeitige Vertragsverlängerung angeht, sehe ich u.a. als Indiz, dass er sich die weiteren Entwicklungen im administrativen Bereich (Kader, Finanzen) sehr genau anschaut. Er ist da nicht allein.

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. SvenGZ sagt:

    Liebe MrsCgn,
    danke für deine Antwort.
    Als ich vor drei Wochen von der Entwicklung unter Labbadia schrieb, tat ich das aus dem Gefühl heraus einen wachsenden Zusammenhalt, gepaart mit Ansätzen von Fußball gesehen zu haben. Trotzdem zog ich zwei Niederlagen aus den Spielen gegen Dortmund und Bremen in Betracht.
    Heute gehe ich sogar so weit die zweite Phase als abgeschlossen zu betrachten, da die Mannschaft eine Spielidee hat und in der Lage ist diese umzusetzen.
    Jetzt gilt es mit den erfolgreichen Spielen richtig umzugehen, nicht nachzulassen und konsequent an der weiteren Verbesserung des Spiels zu arbeiten. Vor allem gilt es, da bin ich zu 100% bei dir, diesen „Erfolg“ mental zu verarbeiten und ein Nachlassen der Konzentration und des Engagements zu verhindern.
    Ich bin auch der Meinung, dass Sportler nach hohen Zielen streben müssen, dein Vergleich mit dem Bergsteigen trifft dies sehr gut und doch sollte man mit öffentlichen Äußerungen in diese Richtung sehr vorsichtig sein, da man letztlich erst 21 Punkte hat. Auch da muss ich den Trainer loben, der auf eine entsprechende Frage meinte, dass man sich drei Spieltage vor Schluss der Rückrunde immer noch mit neuen Zielen befassen könnte. Wir wissen natürlich alle, dass intern anders geredet oder zumindest gedacht wird.
    Am Wichtigsten ist aber vielleicht, dass bei Stadionbesuchen der fußballerische Spaßfaktor zurück ist. Ging ich in der letzten Saison mit der Hoffnung die Mannschaft möge sich nicht zu sehr blamieren in ein Spiel, bin ich jetzt wieder neugierig auf das was mich erwartet.
    Und dieses Gefühl genieße ich sehr.

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  2. Moin Moin,
    sorry für die so späte Antwort auf das Thema: Nur Bruno oder Bruno und Knäbel und die Bewertung der Neuzugänge.

    Für mich persönlich ist Bruno ein „Held“ geworden. Er hat es geschaft, aus einem wirr zusammengekauften Trümmerhaufen eine Mannschaft zu formen, die ihre persönlichen Befindlichkeiten zurück gesteckt hat und den Turnaround in der vergangenen Saison gerade noch so geschaft hat. Bei der Verpflichtung von Bruno war mein erster Gedanke: Jetzt wollen sie uns richtig verarschen… Zum Glück wurden meine Bedenken nicht wahr.

    Nach der Saison wurde in der Sommerpause eifrig am Kader gebastelt. Dazu gehörte auch (oder vor allem) sich von „verdienten“ (Da hat wohl jeder eine eigene und andere Meinung, welcher Spieler „verdient“ war und welcher nicht) zu trennen. Auch musste man sich von Spielern trennen, die wohl nicht zur Mannschaft passten und die man als Fehleinkauf titulieren musste (Behrami an erster Stelle). Auch die Trennung von zB Sobiech (passt hervoragend zu St.Pauli aber wohl in keine Erstligamannschaft) unter großen öffentlichen Aufschrei (Abfindungen) musste erfolgen. Lieber eine Abfindung zahlen und ein paar Euro den Etat entlasten, als eine monatelange Baustelle mit sich rumschleppen…

    Dazu gehörten u.a.: van der Vaart, Jansen, #HW4 aber auch zB das Eigengewächs und bei den Fans unglaublich beliebten Maxi Beister. Ebenso zeigte der HSV „Mut“ indem die Verträge mit Kacar und Ilicevic jeweils zu deutlich geringeren Bezügen für 1 Jahr verlängert wurden.

    Knäbel und Bruno mussten mit relativ bescheidenen Mitteln die Mannschaft punktuell verstärken. Cleber hatte bis dato noch keine beständigen Leistungen gezeigt & das Grundvertrauen, dass er bereits jetzt zum Leistungsträger werden könnte, waren nicht vorhanden. So musste ein gestandener, günstiger, erfahrener IV her. Hier hat sich der HSV GEGEN die öffentliche Meinung durchgesetzt und Spahic verpflichtet. Die Gründe und die Argumente wurde auf hsv.de gleich mitgeliefert. Ich persönlich finde, dass er auch für Stabilität in der Verteidigung gesorgt hat. Das er bei den Schiris so ein schlechtes Standing hat und die Mannschaft im Gegenzug daüfr in Köln bestraft wurde ist natürlich ärgerlich. Auch bin ich der Einschätzung, dass er mit seinen langen Bällen deutlich effektiver agiert, wie seine Vorgänger (HW4 oder Rajkovic zB). Im Spiel gegen den VFB Stuttgart ist mir dieses im Stadion aufgefallen, wo es darum ging, den Rückstand aufzuholen. Seine langen Passe landeten häufiger beim eigenen Mann als beim Gegner. So etwas habe ich in Hamburg länger nicht gesehen.

    Zu Olic: ja, das war leider ein Griff ins Kloh… Schade für ihn und natürlich für den HSV.

    Alles in allem finde ich die Transfers der letzten beiden Jahre doch mehr gelungen als dass sie schief gegangen sind. Daher mein Fazit in Kürze:

    Fehleinschätzungen: Behrami, Olic

    Neutral: Hunt, Schipplock

    Schwierig: Diaz (sein Tor in Karlsruhe unvergessen, ansonsten schwerer Stand durch seine Verletzung in der Rückserie und seiner verspäteten Anreise nach der Copa), Stieber

    Volltreffer mit Anlauf und Zwischentiefs: Holtby, Lasogga, Müller

    Volltreffer vor allem für die Zukunft: Gregoritsch

    Fazit:
    Bruno Labbadia hat es geschafft, den vorhandenen Kader in den wenigen Spielen der Saison 2014/15 zu einer Einheit zu formen, die das Unmögliche noch möglich gemacht hat. Gemeinsam mit Knäbel und wohl auch Beiersdorfer hat er dann diverse Spieler „aussortiert“. Aufgrund des wirtschaftlich beschränkten Rahmen hat Knäbel in Absprache mit Bruno die nötigen richtigen Spieler (Gregoritsch, Hunt, Schipplock, Spahic) verpflichtet und auch einen jungen Spieler wie Jung herangeführt. Für mich eine Teamleistung. Als Fels in der Brandung macht Bruno einen fantastischen Job. In den kommenden Wochen und Monaten muss er zeigen, ob er die anscheinende Konstante im Spiel weiter festigen kann. Auch muss Schritt für Schritt das spielerische Element und die defensive Grundrichtung weiter voran getrieben werden. Der Einbau weiterer junger talentierter Spieler wird in der kommenden Saison auch ein Prüfstein auf dem langen Weg zurück Richtung schnuppern an den europäischen Plätzen für Bruno sein.

    (Sorry, etwas länger geworden ;-))

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