Karrierefragen (4): Alles eine Frage der Definition

Beim Stichwort Karriere sind wir groß im Klischee-Denken: Wir reden von Ehrgeiz, Opferbereitschaft, von Fragen der Vereinbarkeit von Kind und Karriere, wir sprechen davon, dass Frauen, insbesondere Mütter, benachteiligt sind (Teil 1), von Teilzeit-, weil Armutsfallen (Teil 3) … nur wenige sprechen davon, dass auch Männer, hier: Väter, vor solchen Fragen (Teil 2) stehen. Meine Thesen sind so einfach, wie klar:

  1. In einer echten Partnerschaft stellt sich, wenn überhaupt, die Vereinbarkeitsfrage immer für beide. Beide Elternteile sind verantwortlich für das Leben ihrer Familie. Wenn Frauen und Männer, aus welchen Gründen auch immer, in alte Rollenmuster verfallen, so gehört das zuerst innerhalb der Familie geklärt, bevor Forderungen an die Politik gestellt werden. Den Weg, andere verantwortlich zu machen, halte ich für sehr bequem.
  2. Männer stehen durch ihre Rolle als Elternteil im Grunde immer vor der gleichen (Vereinbarkeits-)Frage wie die Partnerin auch; doch die Lobby der Väter scheint vergleichsweise klein. Zum einen, weil es vielleicht einfacher ist, sich schließlich doch in die gesellschaft mehr geschätzte Rolle des Ernähers zu begeben, oder auch, weil die Frauen sie dabei nicht genügend unterstützen.
  3. Der Partner, der in einer Familie beruflich kürzer tritt, trägt in Zeiten weniger stabiler Beziehungen ein vergleichsweise hohes Armutsrisiko, wenn nicht entsprechend vorgesorgt wird.
  4. Karriere sollte neu definiert werden: Zum einen, weil sich das, was wir Karriere nennen, heute anders darstellt, zum anderen, weil es sehr viel mehr Menschen die Möglichkeit findet, in ihrem Beruf das zu finden, was sie suchen: Bestätigung, Erfüllung, Spaß und ja, auch Geld!

Gerade der Punkt 4 scheint mit ganz besonders wichtig zu sein, denn erst neulich bekam ich in der Diskussion zur Frage, wann Frau denn Karriere machen soll, wenn sie erst studiere, dann Kinder bekäme, folgendes zu lesen:

Warum können nicht beide gleichzeitig Karriere machen, wenn das Paar Kinder hat? Weil Karriere eben immer noch verbunden ist mit viel Anwesenheit  (= Abwesenheit zu Hause) bzw. viel Reisetätigkeit, mit Personalverantwortung, mit wöchentlichen Arbeitszeiten > 50 Stunden usw. Dem möchte ich entgegen: Das geht auch anders!

Zunächst ist an dieser Stelle einmal zu klären, was denn überhaupt eine Karriere ist. Ich nenne sie wie viele andere auch die persönliche Laufbahn eines Menschen in seinem Berufsleben (diese Definition findet sich in mehreren Quellen). Die Gesellschaft, also die meisten in ihr lebenden Menschen, verstehen darunter jedoch so etwas wie Stellung, wirtschaftlichen Erfolg, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht. Eine sehr interessante Beschreibung dieses Wortes fand ich in einem Beitrag, in dem der Karriereberater Jürgen Hesse davon spricht, dass es darum geht, ein persönlich selbst gestecktes Ziel zu erreichen. Dieses wiederum würde bei jedem anders aussehen. Es gibt also letztlich nicht DIE Karriere, sondern immer nur individuelle Art und Weisen, um von sich selbst letztlich zu behaupten: Damit bin ich zufrieden, damit kann ich meine Potenziale ausschöpfen, diese Tätigkeit wird mir selbst gerecht.

Nicht verwalten, sondern gestalten

Auffällig ist, dass die Begriffe “Führung, Personalverantwortung, Management” hier gar nicht auftauchen. Aus gutem Grund, denn es gibt auch eine Karriere, die rein auf die fachliche Kompetenz eines Menschen abhebt, aber weder in Sachen Status noch Geld dem anderen, dem “klassischen” Weg nachsteht. Das hat eine Autorin im Tagesspiegel schon vor zwei Jahren sehr schön beschrieben, nachzulesen ist das hier. Hintergrund dieser Betrachtung war, dass nicht mehr jeder Top-Manager bereit ist, diesen immer gleichen Karriereweg mitzugehen, manche wollen diese Führungsverantwortung gar nicht. Stattdessen bieten manche Firmen – es sind zugegebenermaßen häufig große Firmen – ihren Mitarbeitern die Chance, fachlicher Spezialist zu werden. Gemein ist diesen Menschen, dass sie eine große Expertise in ihrem Bereich haben und sich auch dem widmen können, was sie am liebsten wollen: zeigen, was sie fachlich drauf haben. Ohne sich mit administrativem Kram rumzuärgern. Das muss, wie Beispiele in dem verlinkten Artikel zeigen, nicht den Verzicht auf Geld bedeuten. In vielen Firmen sind solche Spezialisten Abteilungsleitern gleichgestellt – sie fahren auch Dienstautos und verdienen ein entsprechendes Gehalt.

Doch selbst wenn das große Geld nicht winkte: Bedeutet die Absens von einem sechsstelligen Jahresgehalt auch die Abwesenheit von Karriere? An dieser Stelle wage ich die These: Das ist dann nur noch eine Sache des Kopfes, eine der persönlichen Befindlichkeit, der eigenen Bewertung. Ich selbst kann mir sehr viele berufliche Laufbahnen vorstellen, die ich als echte Karriere bezeichnen würde. Diese funktionieren übrigens gänzlich unabhängig vom Alter und nur sehr bedingt abhängig von der Lebenssituation der betreffenden Person. Hier mal ein paar Beispiele, die vor allem eines gemeinsam haben: Die betreffenden Personen kümmern sich in erster Linie um ihre eigene fachliche Expertise, können hier gestalten und müssen nicht verwalten (beim Zahnarzt gilt das nur mit Einschränkungen):

  • Ein Chef vom Dienst bei einer Zeitung oder einer Zeitschrift trägt keine personelle Verantwortung, aber er sorgt dafür, dass das Medium zeitgerecht fertiggestellt wird. Er kümmert sich um die korrekte Platzierung von Anzeigen und redaktionellen Beiträgen, koordiniert die Tätigkeit aller Beteiligten (Redaktion, Grafik, Anzeigen, Druckerei) und erteilt am Schluss die Imprimatur.
  • Ein Zahnarzt spezialisiert sich in seiner Praxis auf ein bestimmtes Teilgebiet, beispielsweise der Implantologie. Er bildet sich regelmäßig fort, sammelt Erfahrungen, indem er viel implantiert, erzielt damit tolle Erfolge bei seinen Patienten, die ihn weiterempfehlen. Nach 20 Jahren ist er immer noch in seiner Praxis – er ist kein Oberarzt an einer Klinik, geschweige denn Inhaber eines Lehrstuhls; er unterhält auch kein Netz von zig Praxen, in denen auch implantiert wird.
  • Ein Werbetexter in einer Agentur hat ein relativ klar begrenztes Tätigkeitsfeld. Er denkt sich Claims, Slogans aus, die den Unternehmen sehr viel Geld wert sind, weil sie einen Wiedererkennungswert schaffen. Dieses Spezialwissen, diese Art von Kreativität ist so manchen Agenturen schon eine ordentliche Stange Geld wert, ohne dass der Texter irgendeine Führungsverantwortung hat.
  • Ein Software-Entwickler, der eine bestimmte Programmiersprache beherrscht, die nur wenige drauf haben, kann sich in seinem Unternehmen sehr schwer ersetzbar machen. Er hat dann viel Verantwortung für seinen fachlichen Bereich, ohne zwingend für weitere Entwickler zuständig zu sein. Wirkliche Könner wollen das auch gar nicht, weil sie dann nämlich gar nicht mehr zu dem kämen, was sie machen wollen: Programme zu schreiben!

Mit dem Blick auf das Konstrukt Karriere wird schnell klar: Das geht in jungen Jahren, das funktioniert aber auch als älterer Mensch. Ich selbst war mit 30 Chef vom Dienst einer wöchentlich erscheinenden Zeitung. Ich kenne einen sehr erfolgreichen Werbetexter, der mit über 50 unfassbar tolle Claims entwickelt und in dieser Aufgabe aufgeht. Im medizinischen Bereich gibt es sehr erfolgreiche junge Ärzte/Zahnärzte, aber genauso viele niedergelassene Fachärzte, die in ihren jeweiligen Fachgebieten Spitze sind – übrigens unabhängig vom Geschlecht. Ich kenne eine Kieferorthopädin, die im Alter von Anfang 30 zur Oberärztin avancierte, dann zwei Kinder bekam, und nun weiter als Oberärztin arbeitet. Ihr Mann hat sich in der gleichen Zeit in eigener Zahnarztpraxis niedergelassen und seine Patientenzahlen nach und nach vergrößert. Ein schöner Beleg dafür, dass Karriere für beide auch mit Kindern funktioniert.

Was wir wirklich wollen

Schließlich ist es entscheidend, was wir selbst von unserem Leben wollen und erwarten. Keiner schreibt uns vor, wann wir was sein oder haben müssen – das machen wir schon selbst. Es liegt daher in unserer eigenen Verantwortung, das Ziel festzulegen und es auch konsequent zu verfolgen. Innerhalb einer Partnerschaft kann das sowohl gleichzeitig als auch nacheinander funktionieren. Es ist völlig irrelevant, wie alt die betreffende Person ist, denn entscheidend ist, was im Kopf passiert: Wer hier flexibel und bereit ist, Karriere für sich ganz individuell zu definieren, sieht den beruflichen Weg nicht mehr wie einen Fahrstuhl, sondern eher wie einen Kletterpark – es gibt auch Nebenwege, die fordernd und vor allem erfüllend sein können.

– Ende der Serie –

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