Meine Beziehung zum HSV – Etwas ist gescheh’n

Etwas ist geschehen mit dir
Du bist so kalt, dass ich neben dir frier‘
Etwas ist geschehen, ganz leis‘

Wuchs zwischen uns eine Mauer aus Eis *

Ich kann mich nicht an das Datum oder das Spiel erinnern, als ich Fan des HSV wurde. Es war an irgendeinem Wochenende, von denen ich als Kind viele bei meinen Großeltern gemeinsam mit meinen Eltern verbrachte. Die „Sportschau“ war samstags ein Pflichttermin, dem sich alles, vor allem die Zeit des Abendessens, unterzuordnen hatte. Meine Großeltern hielten es mit dem HSV **, wahrscheinlich, weil der Bruder meiner Oma in Hamburg lebte, also war es das Natürlichste der Welt, es ihnen gleich zu tun. Meine beiden Onkel waren für den Verein, mein Vater war nicht dagegen, tja, und so ergab es sich dann. Um diese Zeit, als ich zum glühenden Fußballfan wurde, stand der HSV mit Kaltz und Hrubesch für einen Fußball, der meisterschaftstauglich war. Ernsthafter Gegner der Kölner, Gladbacher und eben der Bayern. Man holte Meister- und Vizemeistertitel, blieb 36 Spiele hintereinander ungeschlagen, wurde Europapokalsieger der Landesmeister – ich habe diese Zeit sehr intensiv erlebt. Und auch intensiv geheult, wenn es Niederlagen, vor allem gegen die Bayern, setzte.

Das ist lange her. Seitdem war mein Fansein von vielen Hochs und Tiefs geprägt, die mausgraue Zeit des HSV nahm ich aufgrund anderer wichtiger Lebensereignisse nur partiell wahr, in den vergangenen sechs bis sieben Jahren erfuhr die Amplitude dieser Hochs und Tiefs jedoch eine neue Qualität. 2009 in der Hinrunde vier Spieltage an der Tabellenspitze, 2014 und 2015 kurz vor dem Abstieg. Das hat mit mir als Fan was gemacht. Dazu kam, dass ich anfing, mich für vereinspolitische Dinge zu interessieren und Vereinsmitglied wurde, auf der Mitgliederversammlung das Wort ergriff, ja, sogar einen Antrag auf Fernwahl vertrat. Ich erlebte turbulente und emotionale Versammlungen, sah mein K1 mit Frank Arnesen plauschen, führte intensive und lange Diskussionen rund um die Ausgliederung, quatschte mit Holger Hieronymus und Otto Rieckhoff – das fühlte sich alles irgendwie gut und richtig an.

Sportlich war hier schon das Kind in den Brunnen gefallen (und liegt da gefühlt irgendwie immer noch), doch aus unerfindlichen, rational kaum zu erklärenden Gründen wuchs mit HSVplus viel Hoffnung. Hoffnung auf den großen Wurf, auf eine ehrliche Umgestaltung (eine перестройка beim HSV!), darauf, dass auch anderen wie mir der Verein wichtig war – nicht die eigene Person, nicht das eigene Image oder Fort- bzw. Auskommen, also nicht die Eitelkeit. Ich war – so im Rückblick betrachtet – so naiv. Meiner Enttäuschung über die unschöne Realität nach HSVplus hatte ich hier und mit meinem offenen Brief an Herrn Beiersdorfer bereits umfangreich Ausdruck verliehen. So weit der vereinspolitische Teil. Doch inzwischen gesellt sich zur Nase-voll-vom-Vereinsgedöns inklusive Nicht-Teilnahme an der Mitgliederversammlung auch eine zunehmende Gleichgültigkeit in sportlicher Hinsicht.

Manchmal seh ich dich an
Und such in dir den Verein, der du warst, damals als ich dich fand …

Ich bin eine, die sich beim Fußball wie ein Kind freuen und auch wie eins traurig sein kann. Sehr gerne auch im Stadion. Ich lasse mich immer wieder mitreißen von der Stimmung, zuletzt war das hier in Köln so, obwohl der HSV unglücklich verloren hat. Und ich war hingerissen vom Derbysieg, den ich schon vorm heimischen Fernseher statt im Stadion oder in der Fußballkneipe verfolgte. Es verändert sich. Meine Haltung zum Verein ist nun auch im Sportlichen immer mehr von Fatalismus geprägt:

Da stellt der Welt-Sportdirektor Knäbel einem Diekmeier, der bisher jeden Nachweis seiner Extraklasse schuldig geblieben ist und kolportierte 1,2 Mio Euro pro Jahr verdient, zum Sommer 2016 eine Vertragsverlängerung in Aussicht: „Bei Dennis erkennt man eine klare Weiterentwicklung“, sagte Peter Knäbel der mopo, „da sieht man, dass es sich lohnt, dranzubleiben.“ Was soll man als Fan dazu noch sagen? Nächstes Beispiel ist der vom HSV selbst und den willfährigen Medien in Hamburg angeheizte Hype um den Flüchtlingsjungen Jatta, der bei Werder Bremen sportlich nicht annähernd so hochgejazzt wurde, wie es die Herren Entscheider beim HSV tun. Beim Weser-Verein läuft sicher auch nicht alles gut (ich sage nur: Pizzaro), aber völlig ahnungslos ist ein Eichin ganz sicher nicht. Doch der große HSV weiß per definitionem alles besser. Und: Er hat Geld. So viel, dass er sich einen Olic holt, um ihn ablösefrei weiterziehen zu lassen. So viel, dass man einen Diaz für das Geld ziehen lässt, für das man ihn holte, was einem Verlust entspricht (gezahltes Gehalt, Inflation). So viel, dass man Spielern Geld hinterherwirft, um sie von der Gehaltsliste zu bekommen, weil es für sie ja „keinen Markt“ gäbe. Als Fan stehe ich da – völlig entgeistert, aber eben auch hilflos. Nichts, aber auch gar nichts scheint zu helfen gegen diese unsägliche Ahnungslosigkeit der Herren Vorstände und deren nachgewiesene Unfähigkeit, kluge und vorausschauende Entscheidungen zu treffen. Das vergällt mir jedes Spiel, denn für genau dieses Gebahren steht jeder Auftritt dieser „Mannschaft“. Dazu genügt ein Blick auf die Umstände des Trainingslagers in Belek mit den Testspielen, die kaum diesen Namen verdienen, und die Kommentare des Trainers dazu. Er spricht von einer großen Herausforderung – so rede ich auch, wenn ich sagen will, dass etwas eigentlich nicht machbar ist.

Etwas ist geschehen mit mir
Ich möchte so nicht mehr leben mit dir
Ich halte dieses Schweigen nicht aus
Ich brauch keine Villa – ich brauch ein Zuhaus‘

Was also tun? Ja, ich vermisse so langsam die Fußball-Bundesliga. Aber wohl doch eher aus Gewohnheit. Es gehört eben schon dazu, freitags die Tipps im kicktipp-Spiel abzugeben, die Spiele auf Sky zu verfolgen (seit langem eh nur in der Konferenz) und sich auf Twitter darüber auszutauschen. Der Mensch braucht solche Routinen und pflegt sie gerne – ich kenne da jemanden, der sonntags eine solche hat mit Weltspiegel, Tatort und gutem Wein. Aber ist es das, was ich vom Fußball möchte? Fußball ist Emotion – was ist Fußball, wenn diese nach und nach verloren geht? Natürlich spielen hier noch mehr Faktoren hinein, etwa das Business an sich, das vieles nur noch schwer erträglich macht (beginnt bei der Berichterstattung, die wegen des Geschäfts wohl so sein muss, wie sie ist), vor allem aber die Erkenntnis, dass es eben in Wahrheit gar nicht um den Sport an sich geht. Letztlich reden wir über Geld, Macht und Eitelkeiten. Nichts anderes. Der Sport ist, zumindest im Profi-Fußball, eine nette Nebensache geworden.

Ich wünschte es mir – illusorisch, ich weiß es nur zu gut – einfach andersrum. Ich hätte gerne, dass bei allem Geschäft das Sportliche, die Lust am Spiel, einfach der Fußball auf hochleistungssportlichem Niveau einen größeren Stellenwert bekommt. Auf dass die Emotion wiederkehrt und es sich richtig anfühlt, eine Mannschaft anzufeuern, die als solche zusammengestellt wird und sich als solche auch begreift. Und zwar einschließlich jener, die nicht immer auf dem Platz stehen.

Lass nicht die Wand zwischen uns steh’n
Lass noch einmal ein Wunder gescheh’n

 

*Text des Liedes „Etwas ist gescheh’n“ von Gitte Haenning (an einer Stelle leicht abgewandelt)
**Als Ossi hielt ich es übrigens mit dem 1. FC Magdeburg. Streich, Hoffmann, Pommerenke, Steinbach – ach, das waren Zeiten!

Advertisements

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. tempovoyager sagt:

    Ich hab nonstop genickt.
    Da ist so vieles was ich nachvollziehen und mitfühlen kann.

    Es tut weh wenn die Liebe abkühlt. Aber manchmal ist es einfach die Zeit, Dinge ziehen zu lassen. Vor allem, wenn es so aussieht wie im Moment.

    Ich erinnere mich an viele Spiele im guten alten Volkspark, damals noch in der Ostkurve.
    Viele Wochenenden, sofern das Taschengeld es zuliess. Ok, nicht FÜR sondern gegen den HSV; aber meine Kohle floss in den Verein: einen Erstligisten brauchte die Stadt, und Erstligafussball schauen war mir mein Taschengeld wert.

    Es ärgert einen und macht, wie Du schreibst, auch hilflos. Zu sehen wie ein stabiler, solider Verein seit einigen Jahren vor die Hunde geht. Ich möchte manchmal die Vereinsführung schütteln damit sie wach wird und mal die Augen aufmacht.

    Ich „liebe“ den HSV nicht – aber ich würde mich echt freuen wenn es dort in absehbarer Zeit aufwärts gehen würde.

    Für den Fussball.
    Für alle Fans.

    Danke für den Text.

    Gefällt 1 Person

  2. kopfding sagt:

    Ein toller Texr. Und fast alles lässt sich 1:1 auf Menschen wie mich, die Umgebung und – mit anderen Namen – meinen Verein übertragen.

    Leider „nur“ mit nicht ganz so viel Repertoire an Titeln aus der Vergangenheit 😉

    Und dann werde ich noch als routiniertes Beispiel herangezogen (jahaaa, ich hab mich erkannt! 😀 ) und freu mich umso mehr, der Verfasserin so gut bekannt zu sein 🙂

    In diesem Sinne: auf dass alles in der Rückrunde besser wird! Und man mal wieder ein gemeinsames Bier vor/M/im Stadion trinkt!!

    Es grüsst der Kopfding aus Hannover..

    Gefällt 1 Person

  3. mrscgn sagt:

    @ Kopfding und @tempovoyager
    Danke für Eure Kommentare. Ich empfinde es als sehr schade, dass ich mich von etwas, dem ich mich sehr nahe fühlte, nun Stück für Stück entferne. :-/

    Gefällt 1 Person

    1. tempovoyager sagt:

      Ja, das ist auch etwas, was Zeit braucht bis es einem bewusst wird. Mir ging das vor gut 10 Jahren mit St.Pauli ähnlich, wenn es auch andere Gründe hatte. (hatte da mal gebloggt https://wolkerosa.wordpress.com/2015/03/09/wie-ich-zum-fusball-kam-und-wieder-ging/)

      Es ist einfach traurig.

      Gefällt mir

  4. themaxxno1 sagt:

    Toller Text – mir wird angesichts der Dreistigkeit der handlenden Personen und der eigenen Verbannung zur Untätigkeit übel.

    Ich befürchte , die nächsten beiden Wochenenden werden ein weiterer Killer für das HSV Feeling sein.

    Gefällt mir

    1. mrscgn sagt:

      Tja, das ist ja das Schlimme, es hört einfach nicht auf. :-/

      Gefällt mir

Hier ist Platz für Ihre / Deine Gedanken

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s