Von zweifelhaften Botschaften und undurchlässigen Bubbles

Es passiert nicht oft, aber heute habe ich in sehr viele Blogs reingelesen. Inzwischen bereitet mir das mehr Lesevergnügen, und ich behaupte, immer öfter auch mehr Erkenntnisgewinn als das Lesen in anderen Medien. Es waren viele gute Texte dabei, die einladen zu Gesprächen und Diskussionen. Weil sie teilweise sehr grundsätzliche Fragen berühren, weise ich ausführlich auf drei Texte hin.

Ein großer Aufreger – vor allem unter Frauen, hier speziell unter Müttern – war die Meldung des SPIEGEL, dass der Vize-Kanzler wegen seines kranken Kindes zu Hause bleiben werde. Ich habe, als ich von der Meldung erfuhr, erst einmal laut gelacht und mich gefragt, ob das wirklich ernst gemeint war. Ich verfolgte dazu auch eine interessante Twitterdiskussion, die sich in den Kommentaren des Blogs, den ich dazu empfehlen möchte, auf sehr konstruktive Weise auflöste. Ich bin mit Christine Finke (aka Mama arbeitet) nicht immer einer Meinung, aber hier trifft sie m.E. den Kern: Sie weist auf das strukturelle Problem hin:

Nehmen wir mal kurz an, eine Frau in so einem hohen Amt hätte getan, was Sigmar Gabriel dieser Tage macht. Dann hätte es geheißen „Sie ist überfordert mit dem Amt“, „Sie bekommt das nicht hin“, es wäre entweder keine Meldung oder ein Makel gewesen. Und solange DAS so ist, sind wir sehr weit von Gleichberechtigung entfernt, egal ob Ministerin oder Verkäuferin.

Empfehlenswert ist übrigens auch das Gespräch auf ZEIT online, auf das Christine verlinkt. Robert Habeck, Agrarminister, sagt darin folgendes, das ich nur unterstreichen kann, weil ich es aus meiner (nicht politischen, sondern sehr medienaffinen) Berufswelt nicht anders kenne:

Der politische Zirkus suggeriert, dass physische Präsenz wichtig ist und man bei Gremien und informellen Treffen immer dabei sein muss. Das ist natürlich oft auch so. Andererseits hat das alles auch viel mit uns selbst zu tun, mit unserer Eitelkeit, dem Gefühl, unentbehrlich zu sein, und dem Misstrauen, dass wir Entscheidendes verpassen. Dieses System ändert sich nicht, wenn alle es immer weiter füttern.

Zu den Stichworten System, Vereinbarkeit und Funktion passt auch sehr gut ein Blogbeitrag von „silbensalat“, auf den ich sehr gerne hinweise. Es geht darum, dass die Firma Wick Dank eines Präparats dafür sorgt, dass Frau trotz Erkältung weiter funktionieren und sich um ihre Aufgaben (vor allem als Mutter) kümmern kann. Der kritisierte Werbespot transportiert hier ein Frauen- und Mütterbild, das mich persönlich einfach nur wütend macht. Und ich frage mich ganz ernsthaft, welche  Werbeagenturheinis sich so etwas ausgedacht haben?!  Als Auftraggeber hätte ich Leute, die mir so was vorgeschlagen hätten, sofort rausgeworfen. Keinem Unternehmen würde ich (aus PR-Sicht) raten, so in der Öffentlichkeit aufzutreten, wie es die Fa. Wick in diesem Spot tut. Zusammengefasst:

Nur nicht um Hilfe bitten. Der Motor muss am Laufen gehalten werden. Mit allen Mitteln. DAS ist Wicks Botschaft. Und das ist nicht nur gesundheitsgefährdend sondern in höchstem Maße sexistisch und falsch.

Ich bin gespannt, wie das Unternehmen aus dieser Nummer wieder herauskommen möchte. Bei mir stehen die Produkte aus diesem Hause jetzt erstmal auf dem Index.

Filterbubbles – wie durchlässig sind sie?

Die Sache mit dem Heraus- und Hineinkommen beschäftigte mich heute auch in einem ganz anderen Zusammenhang. Menschen haben es offenbar an sich, dass sie sich immer in Gruppen zusammenfinden und sich auch darüber definieren. Marketing-Spezialisten haben irgendwann den sozio-ökonomischen Status von Menschen entwickelt, um Gruppen zu identifizieren; eine bekannte Werbeagentur in Hamburg baute ein typisch deutsches Wohnzimmer nach, um sich in die Zielgruppen (!) einzufühlen. Dieses Zu-einer-Gruppe-Zusammenfinden (unbewusst und bewusst) hat durch das Internet eine ganz eigene Dynamik erfahren. Oder, um es einfacher zu sagen: Selten war es einfacher, eine Gruppe Gleichgesinnter (in welcher Hinsicht auch immer) zu finden und sich als solche von anderen abzugrenzen. Denn genau das ist extrem wichtig. Alles andere wäre ja auch unbequem: Man müsste sich dann mit Meinungen und eventuell auch Argumenten jener auseinandersetzen, die dieser Filterbubble eben nicht angehören. Das läuft in ganz vielen Bereichen so, auf einen weist Christian Jakubetz in seinem aktuellen Blogbeitrag hin: Er nennt es Netztotalitarismus und beschreibt in seinem Text seine unguten Gefühle jenen gegenüber, die in ihrer digitalen Filterbubble offensichtlich aufgehört haben, über ihr komplettes Digital-Sein zu reflektieren und vielleicht auch an gewissen Punkten in Frage zu stellen.

Mich stört zunehmend die unbedingte Fortschritts-und Technikgläubigkeit digitaler Sektierer. Mich stört die Absolutheit, mit der alles und jeder in die Ecke gestellt wird, der diesen Glauben nicht teilt. Und es stört mich, wie wir digitale Monster füttern.

Ein Ausdruck dessen ist für mich die zunehmende Schwarz-Weiß-Kommunikation, die ich bereits hier in meinem Blog einmal thematisiert hatte. Es scheint einfach keine Grauzonen mehr zu geben: Etwas ist entweder sensationell/super/Trend/Must-have/alternativlos oder katastrophal/Mist/“so 80er“/geht gar nicht/bedeutunglos. Wer nicht für etwas ist, ist automatisch gegen eben dieses. Wer Zweifel anmeldet, hat eben keine Ahnung oder will sowieso nur alles schlechtreden. Um es bildlich zu sagen: Diese „Bubbles“ haben irgendwie aufgehört, permeabel zu sein. Aus diversen Gründen hören wir, während wir uns in dieser „Bubble“ befinden, auf, jenen wirklich zuzuhören, die nicht darin sind.  Wir hören auf zu reflektieren und unsere Meinung durchaus auch mal zu ändern, weil die eigene Filterbubble eben nicht allwissend ist, es nicht sein kann.

Ich plädiere also erneut für mehr Grautöne, für Offenheit gegenüber anderen Argumenten, anderen Ansichten, für mehr selbstkritisches Hinterfragen – natürlich auch bezüglich der Digitalisierung unseres Lebens.

 

 

 

 

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