Selbstbestimmung der Frau konsequent zu Ende denken

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Es gibt die These, dass wir in unserem Willen gar nicht wirklich frei sind. Der Hirnforscher Gerhard Roth wird in einem Feature des Deutschlandfunks mit seiner Idee von der „notwendigen Illusion des freien Willens“ zitiert – ein für mich sehr nachvollziehbares Konzept. Denn, so Roth:

Und dem einen fallen eben viele Alternativen ein, dem anderen fallen wenig Alternativen ein, und das kann man nicht steuern, sonst wäre ja jeder Mensch, den man auffordert, lass Deinen Verstand walten, gleichermaßen klug.

Wie ich darauf komme? Nun, derzeit werden in den Medien (ich beziehe mich hier auf Beiträge auf Twitter, des Spiegel und ZEIT online) verschiedene Themen sehr stark diskutiert, die Frauen betreffen. Da wäre erstens der Trend, dass sich immer öfter vor allem gut ausgebildete Frauen dazu entschließen, ihrer entgeldlichen Tätigkeit nicht mehr nachzugehen, sondern stattdessen Kinder zu bekommen und sie für eine lange Zeit allein zu Hause zu versorgen. Zweitens ist natürlich immer noch stark die Frage präsent, wie sich denn für Frauen berufliche Ambitionen mit ihrer Rolle als Mutter vereinbaren lassen.  Drittens wird auf Barcamps oder anderen Orten die Frage diskutiert, vor welchen Herausforderungen Frauen im beruflichen Umfeld stehen, vor allem im Vergleich zu den Männern. Und schließlich geht es in ausgesuchten Kanälen und Formaten auch um die Belange der Alleinerziehenden, mehrheitlich Frauen.

Egal, in welcher Situation eine Frau sich befindet: Zunächst postulieren alle, dass es ihre Entscheidung gewesen sei, zu Hause zu bleiben oder eben nicht; dass sie sich bewusst dazu entschlossen haben, beruflich voranzukommen; dass sie gerne dazu bereit waren, mit ihrem (Ex-)Partner Kinder zu bekommen und eine bestimmte Rolle dabei einzunehmem – selbstbestimmt, versteht sich. Doch wenn sich die Umstände, unter denen diese Entscheidungen getroffen wurden,  ändern, gerät das nach meinem Gefühl in so manchen (ganz sicher nicht in allen) Fällen irgendwie in Vergessenheit. Entweder sind es dann gesellschaftliche Bedingungen, die diese Veränderungen hervorrufen, oder es sind dann die Männer, die

  1. sich (mehrheitlich) vor der Verantwortung drücken,
  2. groß davon tönen, sich um den Nachwuchs zu kümmern, und dann doch wieder mehr arbeiten als je zuvor,
  3. ihre eigenen Privilegien schützen wollen und Frauen massiv behindern, beruflich voranzukommen,
  4. sich letztlich gegen die Frauen verschworen haben, um ihren eigenen Status zu zementieren.

Ich behaupte: Ganz so einfach ist es eben nicht. Zum einen sind wir bei unseren (angeblich selbstbestimmten) Entscheidungen geprägt von unserer Vergangenheit, unseren Erfahrungen, unserem Umfeld. Die einen kommen auf bestimmte Ideen, andere eben nicht, sondern auf ganz andere. Zum anderen spielen Emotionen eine wichtige Rolle. Sie beeinflussen die Ratio, indem sie diese überlagern, verändern oder eben auch schlicht und einfach verdrängen. Männern sagt man ja gerne nach, dass ihr Verstand in gewissen Situationen in die Hose rutschen würde, sie seien dann schwanzgesteuert. Mir scheint, dass es bei Frauen ein äquivalentes Verhaltensmuster gibt, wenn auch in einer anderen Körperregion. Will sagen: Wir überreißen nicht immer die Konsequenzen unserer Entscheidungen – ich nehme mich davon gar nicht aus. Vielleicht ist das auch gar nicht immer möglich, und wie langweilig wäre es, im Hier und Jetzt immer alles zu bedenken, was in der Zukunft sein könnte. Aber ständig andere Personen oder Institutionen anzuklagen, ohne darüber nachzudenken, was denn der eigene Anteil an der Situation ist, geht für mich auch nicht. Ich möchte das an zwei Beispielen zeigen.

Selbst aktiv werden, statt auf andere zu hoffen

Beispiel 1
Eine Frau entscheidet sich (ggf. mit ihrem Partner zusammen*) dafür, nach der Geburt des Kindes/der Kinder, den Beruf aufzugeben und sich ausschließlich um die Familie zu kümmern. Das ist ihr (ihrer beider) gutes Recht. Doch wie hoch ist der Anteil der Frauen, die in dieser Konstellation einen entsprechenden Ehe- oder Versorgungsvertrag  mit ihrem Partner vereinbaren? Stattdessen fordert beispielsweise Sabine Mänken, Mit-Herausgeberin des Buchs „Die verkaufte Mutter“, ein Erziehungsgehalt für die Mutter, das in diesem Fall nicht der Vater der Kinder, sondern der Steuerzahler aufbringen soll, zu denen übrigens auch berufstätige Mütter (!) gehören. Denn die Sache ist ja die: Platzt irgendwann dieses (selbstbestimmt gewählte) Modell, steht meist die Frau vor einem extrem hohen Armutsrisiko, weil sie eben aus romantischen oder anderen Gründen versäumte, sich zumindest finanziell abzusichern – zum Beispiel durch einen Ehevertrag. Mir kommen darüber hinaus zwei weitere Fragen zu kurz: Ist den Befürwortern dieses Modells eigentlich bewusst, wie schwer es für manchen Partner sein kann, die damit einhergehende Verantwortung, die Familie über einen langen Zeitraum zu ernähren, tatsächlich zu tragen? Er könnte ja auch seinen Job verlieren. Daran können Männer auch seelisch zerbrechen. Und wie sehen es überhaupt die Kinder? Ich bin überzeugt, dass es hier durchaus ein differenziertes Bild gibt.

Beispiel 2:
Eine Frau entscheidet sich (in der Regel mit ihrem Partner zusammen) dafür, ein Kind oder auch Kinder zu bekommen und weiter entgeldlich tätig zu sein. Das ist eine wirklich große Herausforderung, die sich vorab nur schwer abschätzen lässt. Hier sind immer beide Partner gefragt, es am Leben und Funktionieren zu erhalten. Doch was passiert tatsächlich? Die Frau verzichtet – auf Arbeitszeit, auf Gehalt und damit natürlich auch auf Rentensprüche. Entsprechender Versorgungsausgleich durch den in der Regel weiter voll arbeitenden Partner? Fehlanzeige. In der ZEIT präsentiert Carola Kleinschmidt nun ihr Lösungsmodell: Entspannt Euch mal, teilt Euch die Hausarbeit und Kinderbetreuung auf, sorgt dafür, einen Wochentag für Euch einzuplanen, dann läuft das schon. Das Interview kann hier nachgelesen werden.
Und wieder kommen mir einige Aspekte zu kurz: Nicht alle Frauen machen wie Frau Kleinschmidt etwas mit Medien, was die Möglichkeit bietet, freiberuflich mit flexibler Zeiteinteilung zu arbeiten.  Was machen denn die Ärztinnen mit Kindern, was machen die Teamleiterinnen in Produktionsbetrieben, was machen denn die Mütter, die bei Dienstleistern (etwa einem Supermarkt) in verantwortlicher Position arbeiten? Ich plädiere dafür, sich dafür einzusetzen, dass alle Beteiligten hier ihrer Verantwortung gerecht werden: Firmen, die über flexible Arbeitszeitlösungen dafür Sorge tragen, dass es ihren Mitarbeitern gut geht; Lehrer und Erzieher, die ihre Aufgabe wahrnehmen und den Lehrauftrag nicht an die Eltern bzw. Nachhilfeinstitute delegieren; Parteien bzw. politische Entscheidungsträger mit einem Frauenbild, das von Gleichberechtigung in allen Belangen geprägt ist, und somit Gesetze verabschieden, die Schluss machen mit einseitigen Belastungen (Stichworte: Steuern, Bildung, Kinderbetreuungsmöglichkeiten).

Das ist aber nicht zu schaffen, wenn wir Frauen uns – egal, an welcher Stelle – immer wieder in Abhängigkeiten von Männern begeben: Ich habe das Gefühl, dass Frauen dies immer stärker tun, so als hätte es die Frauenbewegung nie gegeben. Die Soziologin Cornelia Koppetsch konstatiert in dem Artikel „Sie (die Hausfrau, d.A.) ist wieder da“ des Spiegel von heute: „Ein grundsätzlicher Wandel der Geschlechterrollen in Familie und Paarbeziehung hat nicht stattgefunden.“  Und weiter: „Die neuen Hausfrauen verspielen den Gewinn der Emanzipation. … wer sich zu Hause vor allem um die Kinder kümmert, überlässt Männern die Gestaltungsmacht in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik“. Und das ist aus meiner Sicht fatal. Das macht es so viel schwerer, bei wichtigen Anliegen Veränderungen zu erreichen. Grundsätzlich sollte die Entscheidung und Verantwortung für Kinder immer (!) eine beider Partner sein, und das gehört  mit Blick auf die Scheidungsraten gerichtsfest verschriftlicht. Darin sollte vereinbart werden, wie konkret die beiden Partner ihrer Verantwortung gerecht zu werden gedenken, auch finanziell. Darauf sollten Frauen bestehen, denn, und da stimme ich der Finanzberaterin Helma Sick zu, wenn sie im Spiegel sagt: „Wer in guten Zeiten auf die weibliche Selbstbestimmung (zu Hause zu bleiben, d.A.)  pocht, darf in schlechten Zeiten nicht den Staat um Hilfe anflehen.“

Dass in der Gesellschaft zusätzlich noch viel passieren muss, steht außer Frage. Aber das wird es ohne unser eigenes Tun nicht geben. Und nicht ohne unsere Präsenz dort, wo über unsere Anliegen entschieden wird. Und dieser Ort ist nun mal nicht das Kinderzimmer.

*Das schließt gleichgeschlechtliche Partnerschaften explizit mit ein.

 

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