Du versus Sie – kleine, feine Unterschiede

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Manchmal gibt es Gedanken, die mich einfach so anfliegen. Und dann muss ich sie ein klein wenig verfolgen, weil sie mich reizen, provozieren. Hier ist wieder so einer:

Nein, ich fühle mich da nicht angegriffen – ganz im Gegenteil. Denn in meiner Welt gibt es „so ein“ und „so ein“ Sie.  Denn ich habe zur Anrede ein ganz besonderes Verhältnis. Das erklärt sich vor allem aus meiner Geschichte: In der DDR wurde gesiezt. Ausgiebig. Vor allem in der Stadt. Auf dem Dorf, das weiß ich von meinen Großeltern, war das durchaus anders. Wir Kinder aus der Stadt aber haben uns mit 13 schon darauf gefreut, zu unserem 14. Geburtstag unseren Personalausweis zu bekommen und ab diesem Zeitpunkt darauf bestehen zu können, mit Sie angesprochen zu werden. Natürlich haben wir das später gegenüber unseren Lehrern nicht wirklich exekutiert, aber allein diese Aussicht! Mit Sie angesprochen zu werden, war etwas Besonderes, es bedeutete, in der Erwachsenenwelt angekommen und akzeptiert zu werden. An der weiterführenden Schule haben es sich zahlreiche Lehrer nicht nehmen lassen, uns tatsächlich zu siezen. Vorname und Sie – ich fand das großartig.* Auch an der Universität Leipzig war das absolut üblich, ich fand es angemessen und einfach schön.  Warum war das so?

Das Sie und Du trennte sehr deutlich die private von dem Rest der Welt. Es gab ein Stück Sicherheit: Es war immer klar, in welcher Welt ich mich bewegte, ich wusste stets, woran ich bin. Das Du hatte eine lange Zeit für mich einen sehr privaten Zungenschlag, ich wog hier weniger sorgfältig meine Worte, ich redete einfach sehr viel lockerer daher. Das Sie vermittelte mir den Eindruck, mich in einer sehr offiziellen, formellen Welt zu bewegen. Es ging um berufliche Dinge, es ging um Hierarchien, es ging um Interview- oder andere Gesprächssituationen, es ging um Kundenbeziehungen, es ging um Kontakte zu Amtsträgern. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, in einer dieser Situationen jemanden zu duzen.

Alles fließt, die Grenzen verschwimmen

Doch die Zeiten ändern sich. Heute ist das alles nicht mehr so klar und streng, was aus meiner Sicht sehr viel mit der Globalisierung zu tun hat. Im Geschäftsleben wird immer häufiger englisch parliert, da kennt man kein Sie. Übrigens: Im Französischen und auch im Russischen kennt man es sehr wohl (2. Person Plural). In der Medienwelt geht das Du noch einmal lockerer von der Lippe, gerade bei Werbe- und PR-Agenturen. Hier war man in der Hinsicht, so mein Eindruck, Vorreiter, zunehmend greift das aber auf andere Bereich über.

Seit fast sieben Jahren bin ich in der Dental-Welt unterwegs: Zahnärzte untereinander siezen sich selten; innerhalb der Firmen, die für Zahnärzte etwas herstellen, sind auch die meisten per Du. Es geht ums Geschäft, und je länger man sich kennt, je länger man zusammenarbeitet, desto selbstverständlicher wird das Du.  In diesem Artikel ist diese Entwicklung gut zusammengefasst.

Ich will das nicht beklagen. Eine Welt, die sich nicht änderte, fände ich langweilig. Und ich kann auch in ein Du viel Respekt und Wertschätzung hineinlegen; genauso, wie im Sie manchmal auch Abfälligkeit untergebracht werden kann – „Sie Plebs“ klingt wirklich böse.

Doch jetzt kommt mein ABER.

Ich persönlich mag das Sie total, ja, auch weil wir es im Deutschen so haben. Allerdings weniger, weil es einer Hierarchie Ausdruck gibt, und schon gar nicht, weil es einen Unterschied zwischen „Du Idiot“ und „Sie Idiot“ gibt. Auch nicht, weil ich ewig gestrig bin oder Distanz herstellen will. Mit geht es um einen besonderen Respekt, den das Sie in die Sprache hineinbringt. Eine Art von Respekt, die sich unterscheidet von dem Üblichen, dem Grundsätzlichen. Dieser Respekt kann (!) auch Wertschätzung meinen, eine sehr  liebevolle. So hatte ich mal einen Ansprechpartner bei einem Unternehmen (seines Zeichens Hamburger und natürlich HSVer, um meinen Herzensverein mal wieder ins Spiel zu bringen), der mich immer „meine liebe Frau S.“ nannte. Das klang so viel schöner und berührender als inzwischen das „liebe B“.  Ähnlich empfand ich es bei einem Verlag, bei dem ich vor 20 Jahren gearbeitet habe: Erst, als ich dort ausschied, kam das Du zu den ehemaligen Lieblingskollegen, dabei fand ich das Sie so ausgesprochen angenehm und freundlich. Es gibt einfach unterschiedliche Arten, Sie zu jemandem zu sagen.

Was nun die sozialen Medien angeht: Ja, ich weiß. Alle sind per Du. Insbesondere bei Twitter. Ich pflege aber zu manchen Kontakten ein Sie, und ich möchte das gar nicht anders haben. Ab und zu empfinde ich das als ein sanftes, wissendes Streicheln der Hand – und das kann manchmal viel wunderbarer sein, als so ein kumpelhafter Schulterklopfer.

 

*Das wurde in der Redaktion, in der ich nach dem Abitur volontierte, etwas aufgeweicht. Da die Redaktion ausnahmslos aus Genossen (der SED) bestand und man sich unter Genossen eben duzte, boten mir manche sofort das Du an, obwohl ich nicht Mitglied der Partei war. Andere nicht. Ich hätte mich mit einem durchgängigen Sie plus Vorname besser gefühlt.

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. „Im Geschäftsleben wird immer häufiger englisch parliert, da kennt man kein Sie.“ – Ein weit verbreiteter Irrtum. Das englische „You“ entspricht ursprünglich unserem „Sie“, wird aber aufgrund der Ähnlichkeit des Klangs gerade von Deutschen gern mit unserem „Du“ verwechselt. Insbesondere wenn es Amerikaner mit dem Vornamen kombinieren.
    Ansonsten bin ich ganz deiner Meinung. Ein wohlgesetztes „Sie“ kann sehr wohl ein schöner Ausdruck von Respekt und Wertschätzung sein, während ein „Du“ zur falschen Zeit unglaublich anmaßend und herablassend klingen kann.

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    1. mrscgn sagt:

      Interessant. Dann ist es tatsächlich der Zusammenhang, der das you zu einem Sie oder Du macht. Sieh an.

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  2. Mama 2.0 sagt:

    Interessanter Gedanke! Ich bin in der Klasse meiner Tochter Elternsprecherin und u.a. für den Emailverteiler zuständig. Da will hier und da etwas organisiert werden, eine Projektwoche steht an, Wandertage, Hoffeste, Trödelmärkte, etc. Ich habe die Eltern von Anfang an in den Mails geduzt, ohne dass wir darüber gesprochen hätten. Einfach, weil „Liebe Eltern, bitte gebt euren KIndern xy mit für unseren Kuchenbasar“ für mich verbindlicher klingt, als alles in der Sie-Form. Wenn Eltern auf meine Mails geantwortet haben, kam allerdings immer öfter ein „Vielen Dank, dass Sie sich engagieren“ usw. Ich bin da inzwischen ein bisschen verunsichert und weiß im Grunde nicht, was beim Emailverteiler an die anderen Eltern der eigenen Klasse (wo ich durchaus mit einigen persönlich per Du bin) „richtig“ ist…

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  3. George sagt:

    Ich sieze gerne. Ich bin so aufgewachsen. Das Du kam in eine Beziehung, jedwede Beziehung, wenn es angeboten wurde. Früher hat man da ja auch oft noch „Brüderschaft getrunken“, und dem jeweils anderen den eigenen Vornamen genannt.
    Auf Twitter sieze ich auch, weil es eine gewisse Distanz schafft. Als kleinen Bonuseffekt nimmt es etwas Schärfe, wenn man mal kleine Spitzen austeilt 😉 Ich bin da sehr old school, wie man so sagt, ich schöpfe auch gerne den Deutschen Wortschatz aus, weil ich Deutsch für eine wunderbare Sprache halte. Klar, manches geht in Englisch oder anderen Sprachen kürzer, prägnanter oder witziger. Jede Sprache hat ihre Vorzüge und Eigenheiten, eben auch Deutsch.

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