Texte anderer: Von Bindungen, Bildung und Bloggern

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Aus weniger schönen Gründen hatte ich jüngst Gelegenheit, viel zu lesen, darüber ein wenig zu sinnieren, und ich habe wirklich wieder viel gelernt. Die interessantesten Texte stelle hier hier gerne vor.

Wenn wir über Gleichberechtigung reden, sind wir sehr schnell beim Thema Familie und Vereinbarkeit des Jobs mit derselben. In vielen Artikeln wird statistisch nachgewiesen, dass es die Frauen sind, die nach der Geburt des Kindes erstens zu Hause bleiben und zweitens nach dem ersten oder zweiten Geburtstag des Kindes mit reduzierter Wochenstundenzahl in den Beruf wieder einsteigen: „Die meisten wählen ein Teilzeitmodell, während der Mann weiterarbeitet, als sei nie ein Kind auf die Welt gekommen. Auswirkungen der Geburt auf seine Arbeitszeit: null.“ Das macht mich sehr traurig, denn dafür ist nicht allein die Gesellschaft verantwortlich, sondern auch die Frauen selbst. Der Autor fordert aus meiner Sicht völlig zurecht, dass die Frauen schon auch ein wenig loslassen, den Männern auch die Chance geben müssen, sich einzubringen. Nicht nur aus Prinzip von wegen Gleichberechtigung, sondern weil es Kindern gut tut, wenn sie von ihrem Vater etwas haben, weil es dem gut gebildeten Kopf der Frau gut tut, wenn sie ihn auch reichlich benutzen darf*, und weil Männer heute einfach keine Altersvorsorge mehr sind.
Ich hatte den Beitrag retweetet und einen sehr berechtigten Einwand erhalten:

Aufgrund der „Nebenkosten“ wie Fahrt zum und vom Arbeitsplatz (Zeit), wie die Kosten für diese Fahrt (zweites Auto oder zweites Ticket für ÖPNV) rechnet sich das Modell der zwei Halbverdiener nicht. Beide müssten etwa 75% Arbeitszeit aufwenden, so dass es sich auch finanziell lohnt.
http://www.sueddeutsche.de/leben/die-recherche-frauen-redet-mit-uns-streitet-mit-uns-1.2961413

Die Sache mit dem realen Eltern-Sein

Gleich vorweg: Ich gehöre definitiv nicht zur Zielgruppe von „bento“, bekomme aber immer mal wieder Texte in meine Twitter-Timeline retweetet, und ich lese diese auch manchmal. Der hier liest sich auf den ersten Blick gefällig, auf den zweiten jedoch sehr banal. Ich empfehle ihn hier eher wegen der Kommentare, die mich teilweise wirklich amüsiert haben. Darüber hinaus teile ich die Ansicht der Autorin, dass das Elternsein heute besonders schwierig sei, nicht. Es ist nur im Vergleich zu anderen Generationen anders – nicht zwingend besser oder schlechter bzw. leichter oder anstrengender. Dass die jungen Eltern ihr Dasein als so schwierig oder anstrengend empfinden, ist meiner Meinung primär eine Frage der persönlichen Erwartungen bzw. der persönlichen Einstellung: Stressfaktoren sind beispielsweise diese ewigen Vergleiche sowie das Streben danach, wirklich alles richtig machen zu wollen (Perfektions- bzw. Optimierungswahn). Sekundär kommen, das gebe ich selbstverständlich zu, hinzu: unzureichende Betreuungsmöglichkeiten für den Nachwuchs (hier hatten es meine Eltern in der Tat einfacher), die häufig räumliche Distanz zu weiteren Familienangehörigen sowie eine veränderte Medienlandschaft (mehr Fernsehsender, Internet, Smartphones).
http://www.bento.de/gefuehle/elternwerden-was-ist-heute-schwerer-als-frueher-490638/

Passend zu dieser Diskussion hier ein Beitrag aus der Frankfurter Rundschau: „Die Urform der Mutterliebe gibt es nicht“. Ein wirklich inspirierendes und erhellendes Interview, das am aktuell schwer angesagten „Attachment Parenting“ andere Aspekte beleuchtet. Die Entwicklungspsychologin Heidemarie Keller sagt darin u.a.: „Ich sehe diesen Trend allerdings kritisch. So, wie Attachment Parenting praktiziert wird, passt es paradoxerweise bestens in eine Gesellschaft aus Individualisten und Einzelkämpfern, wie wir sie in der westlichen Welt erleben. … Jede Geste, jeder Laut wird als Ausdruck der individuellen Persönlichkeit verstanden. Das schafft natürlich auch Abhängigkeiten, steht aber einem sozialen Miteinander, wie es das Überleben der Menschheit über weite Strecken gesichert hat und an vielen Orten immer noch sichert, entgegen.“
http://mobil.fr-online.de/cms/wissen/umgang-mit-kindern–urform-der-mutterliebe-gibt-es-nicht-,20679926,25804470,view,asFitMl.html

Wenn die Kinder dann etwas größer werden, investieren Eltern sehr viel Zeit und häufig auch Geld, um dem Kind eine adäquate Bildung angedeihen zu lassen. Das nimmt inzwischen aber sehr merkwürdige Züge an. Als eine, die zu Zeiten Abitur gemacht hat, als das eine besondere Auszeichnung war (es bedurfte einer Delegation durch die Schule), beobachte ich eine immer stärkere Abwertung dieses Abschlusses. Wenn man heute selbst als Verkäuferin schon Abi braucht, stimmt irgendwas nicht.
http://www.welt.de/debatte/kommentare/article154195136/Abitur-fuer-alle-Ein-ideologischer-Irrtum.html

„It’s the LeserIn, stupid!“

Die Sonja hat mich gestern auf einen sehr interessantes Blog aufmerksam gemacht, und ich bin seit dieser Stunde ein Fangirl der Autorin. Es gibt dort unglaublich viel Interessantes zu lesen, das sich für mich so wohltuend von dem unterscheidet, was ich bisher in ähnlichen Blogs las und lese. Der hier verlinkte Beitrag thematisiert einen höchst interessanten Aspekt: Die Redaktionen von Frauenzeitschriften sorgen sich immer häufiger weniger darum, was denn die (potenzielle) Zielgruppe lesen möchte, als um die Frage: Mit welchem Thema lassen sich am meisten Anzeigen heranholen? Das ist ein sehr altes Prinzip, das ich nur zu gut aus eigener Erfahrung (bei einer Wirtschaftszeitung!) kenne. Natürlich ist es für die Mädchen- und Frauentitel immer eine Gratwanderung, denn ohne LeserInnen nützen auch die besten Themen nichts. Aber, und das führt die Autorin gut aus: Die Anzeigenkunden fragen nicht danach, was die LeserInnen interessiert, sondern was und wie sie konsumieren.
Was ich mich nun frage, und das aus sehr aktuellem Anlass: Wie lange dauert es, bis wir diese Entwicklung auch bei Blogs sehen? Es gibt ja heute schon Fashion-Blogs, die im Winter die Modetrends des Sommers zeigen und sich dafür bei 5 Grad Kälte die Hacken abfrieren. Werden BloggerInnen irgendwann nicht mehr darüber schreiben, was sie bewegt, sondern darüber, was der zahlende Kunde möchte – unabhängig davon, ob das Thema jetzt gerade passt, denn grundsätzlich tut es das ganz sicher. Für das hier verlinkte Blog könnte ich, die ich bei Werbung sofort weg- bzw. gar nicht erst anklicke, mir zum Beispiel vorstellen, ein Abo zu bezahlen. Jawohl. Wäre das nicht mal ein nachdenkenswertes Modell für Blogs? Schaut selbst mal rein. Es lohnt sich.
http://www.makellosmag.de/lasst-uns-doch-auch-ein-bisschen-selbstliebe-machen-warum-das-mit-den-neuen-frauenzeitschriften-gar-nicht-so-einfach-ist/

Und dann habe ich im Zuge der ganzen Beschäftigung mit der Mamabloggerei ein kleines Juwel gefunden. Eine Wienerin bloggt darin sehr persönlich und bilderreich zu verschiedenen Themen, die gar nicht alle die meinen sind, doch die Herangehensweise im beispielhaft hier verlinkten Beitrag imponiert mir. Hier wird sehr deutlich, was ich meine, wenn ich sage: Blogs sind einzigartig, sie können etwas, das Print-Magazine (vor allem jene, die ein Massenpublikum ansprechen wollen) nicht leisten können oder auch wollen. Wer ein bisschen stöbert, findet interessante Gedanken und Geschichten. Mir gefällt das sehr.
https://paleica.wordpress.com/2016/03/16/innenstadt-im-winter/#more-15307

Der Absacker

Dieser Beitrag aus der Schweiz spricht mir aus der Seele. Ich kann mit den vielen aktuellen Ernährungskonzepten wirklich absolut nichts anfangen. Wir leben es hier auch komplett anders: Meine Kinder dürfen das essen, worauf sie Lust haben, und sie kommen freiwillig mit ihrem Wunsch nach Obst und Gemüse. Es scheint da wachstums- und launebedingte Phasen zu geben – aus meiner Sicht kein Problem.
Dieses Interview mit dem Buchautor Uwe Knop finde ich so interessant, weil er bewusst macht, mit welchen Luxusproblemen wir uns hier im (westlichen) Mitteleuropa befassen: „Das Essen ist oft zur Ersatzreligion geworden“, sagt Knop. Ich habe das Gefühl: Da hat er Recht. Wie tröstlich seine Überzeugung: „Es gibt immer noch zu viele Menschen, die sich beim Essen so wenig dreinreden lassen wie beim Sex.“ 🙂
http://www.20min.ch/schweiz/news/story/16097644?redirect=mobi&nocache=0.6628000272903591

*Ich weiß von Kolleginnen mit Babies, die ins Büro kommen und sich danach sehnen, wieder anzufangen: „Ich brauche etwas für meinen Kopf“, sagen sie alle!

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Paleica sagt:

    Danke für die lieben Worte ❤

    Gefällt mir

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