Nur präsente Eltern sind gute Eltern. Ein Widerspruch.

Seit zwei Wochen, also seit ich diesen Blogpost hier las, denke ich immer wieder mit mal mehr, mal weniger Verärgerung über das Thema nach: Wer bestimmt eigentlich, wann eine Mutter eine gute Mutter ist? Wer legt fest, wann ein Vater ein guter Vater ist? Wer also hat die Deutungshoheit darüber, wann Eltern gute Eltern sind?

Vorab eins: Patricias Blogpost bezieht sich auf eine Stern-Kolumne, die für meine Betrachtung nur eine untergeordnete Rolle spielt. Interessant ist auf jeden Fall der verlinkte Blogpost von Jochen. Er beschreibt darin aus meiner Sicht sehr plastisch, welche die eigentlich wichtigen Fragen sind. Diese hier zum Beispiel:

Viel lieber möchte ich darüber sprechen, dass Blogs wie Daddylicious mit ihrem Männlichkeitsbild und ihrem Abgrenzungsbedürfnis gegenüber der „rosa gefärbten“ Mütterwelt dazu beitragen, dass sich an den Rollenbildern auch in näherer Zukunft nicht allzu viel ändern wird.

Doch sowohl dort, und noch viel mehr bei Patricia ist mir das hier wirklich unangenehm aufgestoßen:

Ein hinreichend guter Vater – eine hinreichend gute Mutter ist man, wenn man da ist, wenn man präsent ist, wenn man eine Stütze ist, wenn man einen Hafen bietet und im Notfall ein verlässlicher Kämpfer an der Seite des Kindes. Wenn man sich verdammt nochmal einbringt und nicht nur ein Schönwettermensch ist. Verantwortung übernimmt. Wenn man auch da ist, wenn es schwer wird, wenn es anstrengend wird, wenn es an die eigenen Grenzen geht.

Liebe reicht nicht (darüber, was das letztlich bedeutet, dürfen wir m.E. keinen Konsens annehmen), Präsenz im Sinne von körperliche Anwesenheit scheint das (neue) alles entscheidende Kriterium dafür zu sein, ob jemand eine hinreichend gute Mutter ist. Da kann ich nur sagen: Vielen Dank! Konsequent zu Ende gedacht heißt das nichts anderes, als dass sich Frauen und Männer, die in Berufen arbeiten, die die häusliche Absenz erfordern, per definitionem keine guten Eltern sein können. Hebammen zum Beispiel, denn welche von ihr betreute Geburt verläuft schon planmäßig? Während sie liebevoll eine andere Frau bei der Geburt unterstützt, wischt daheim vielleicht die Oma das Pipi weg, das beim eigenen Kind daneben ging, oder liest die Gute-Nacht-Geschichte vor. Polizisten zum Beispiel, denn welcher Gesetzesuntreuer achtet auf familienfreundliche Zeiten, so dass der Beamte da ermitteln und seinen Auftrag erfüllen kann? Während er (oder auch sie) also versucht, ein Verbrechen aufzuklären oder eine Streit-/Unfall-Situation aufzuklären, kümmert sich vielleicht der Opa um das aufgeschlagene Knie des Sohnes oder macht ihm Frühstück. Ich könnte ewig so weitermachen! Was ist das bitte für eine Vorstellung von Elternschaft, die Präsenz (in dem Umfang, dass man sich auch, wie oben gefordert, wirklich einbringen kann) einfordert? Und: Wer maßt sich das an?

Ergänzung: Auf Twitter erhielt ich von dem User @JakobKreu3fe1d einen interessanten Hinweis. Er sagte, dass Präsenz heute im pädagogischen Sinne sehr viel mehr meinte als physische Präsenz. Er würde Eltern kennen, die zwar den ganzen Tag zu Hause seien, aber nicht präsent. Aus meiner Sicht ist dies ein weiteres Argument für die These, dass das simple Da-Sein eines Elternteils, hier: des Schönwetterpapas,  das Problem eben nicht löst.  Vielmehr ergibt sich für mich daraus: Präsenz im ganzheitlichen Sinne hat mit der puren An- oder Abwesenheit nicht zwingend zu tun. Ich kann als Elternteil auch präsent sein, wenn ich beispielsweise via Telefon, Skype o.ä. ansprechbar bin, zuhören, trösten, Rat geben kann.

Gehen wir mal ein paar Jahrzehnte zurück. Als die Generation meiner Eltern Kind war, ist es absolut üblich gewesen, in großen Häusern mit mehreren Generationen unter einem Dach zu leben. Und hier wurde sich arbeitsteilig (!) um die anstehenden Aufgaben gekümmert. Die Bezugspersonen für die Kinder waren hier nicht zwingend die Eltern, das konnten auch Tanten/Onkel oder eben Oma/Opa sein. Dass Kinder so ohne Fürsorge und Liebe aufwuchsen, will mir doch keiner wirklich erzählen. Heute findet das einfach nur auf einem anderen Level statt. Tanten oder Onkel sind heute eben nicht immer nur Verwandte, sondern (bezahlte) Frauen oder Männer, die sich durchaus liebevoll zu gewissen Zeiten um den Nachwuchs kümmern. In manchen Gegenden funktioniert auch (unbezahlte) Nachbarschaftshilfe ganz toll – da achten einfach alle aufeinander und fühlen sich für alle ein wenig verantwortlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass auch nur einer der Elternteile dort von dem anderen sagen würde, es sei eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater, weil er/sie eben weniger häufig präsent sei.

Verantwortung liegt bei beiden Elternteilen gleichermaßen

Was ich sagen will: Diese Idee, Elternschaft so dermaßen streng zu bewerten, nervt und ermüdet mich. Als eine berufstätige Frau, die wirklich viel (und gerne) arbeitet, lass ich mir heute nicht (mehr) von anderen sagen, ich sei eine schlechte Mutter – auch indirekt nicht. Denn: Dass ich häufig nicht da bin (und ich meine: wirklich nicht da),  macht mich keineswegs zu einer weniger guten Mutter. Die Bewertung dessen liegt ganz allein hier in unserer Familie.* Ich sage aber auch nicht, dass ein Vater ein schlechter sei, nur weil er mit der Mutter gemeinsam entschieden hat, dass er für die finanzielle Sicherheit in der Familie sorgt – und somit häufig tatsächlich nicht da ist – und sie die Betreuung der Kinder übernimmt **. Ich maße mir darüber hinaus nicht an, zu bewerten, ob die Mutter, die Teilzeit arbeitet, eine gute oder schlechte Mutter ist, bzw. ob der Vater, der vielleicht beruflich bedingt viel auf Dienstreisen ist, als Vater etwas taugt. Das ist jeweils das Lebensmodell dieser Menschen, und wer sind wir Außenstehenden, das zu bewerten?  Wenn in welcher Konstellation auch immer Unzufriedenheit darüber herrscht, wer der beiden Elternteile sich um die Familie in welchem Umfang kümmert, so ist das einzig und allein die Sache der Eltern, das für sich zu klären. Und ja – hier bin ich dann wieder bei den oben erwähnten Bloggern – das ist nicht allein die Verantwortung der Frauen, sondern in exakt gleichem Umfang die der Männer. Auf mich wirkt es auch so, dass sich so mancher gerne dieser Verantwortung entzieht. Das wird völlig zu Recht kritisiert.

Perfekte Eltern – geht es nicht eine Nummer kleiner?

Einen ganz wunderbaren Text, der meine Gedanken zu diesem Thema hervorragend in Worte fasst, fand ich heute in der Süddeutschen Zeitung. Die Kernaussage einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden, innerhalb derer 5.000 Menschen im Alter zwischen 20 und 39 befragt wurden, lautet:

Junge Deutsche haben völlig überzogene Vorstellungen davon, wie gute Eltern heute sein sollen.

Exakt! Unter perfekt geht gar nichts. Man gewinnt den Eindruck, dass in der Elternschaft vor allem Risiken statt Chancen gesehen werden. Man könne so viel falsch machen, müsse sich belesen, müsse dieses oder jenes bedenken, unbedingt achtsam sein, bindungsorientiert das Kind/die Kinder begleiten … Unwillkürlich frage ich mich: Was hat mich mit Blick auf diese Anforderungen eigentlich geritten, Kinder zu bekommen?! Eine weitere (für mich erschreckende) Aussage war:

Ein Viertel ist der Überzeugung, dass Eltern ihre Bedürfnisse komplett denen ihrer Kinder unterordnen sollten.

Es gab zu diesem Thema schon einmal eine sehr umfangreiche Diskussion (Blogparade), angestoßen durch Mirijam. Darin ging es explizit um die Frage, ob sich Eltern für ihre Kinder aufopfern, eigene Bedürfnisse zugunsten der Kinder hintenanstellen sollten. Allein die Fragestellung fand ich merkwürdig. Letztlich soll das jeder für sich entscheiden, aber wer das so macht, sollte es auch konsequent zu Ende denken und sich nicht an anderer Stelle darüber beschweren, dass man ja keine Zeit mehr für sich hätte. Ich spreche in diesem Zusammenhang übrigens gerne von Anpassung der eigenen Bedürfnisse an das eines sehr bedürftigen Kindes (eines Säuglings beispielsweise).

Die Studie kommt u.a. zu dem Schluss:

 Die persönlichen Vorstellungen sind … häufig liberaler als das gesellschaftliche Stimmungsbild, dem sich die Eltern dann doch unterwerfen.

Und da haben wir es! Das Eine ist das, was ich tief in mir denke, das Andere, was ich tatsächlich in meinem Leben daraus mache. Nun bin ich nicht naiv und weiß um äußere Umstände, die das eigene präferierte Modell nahezu unmöglich machen***. Doch wir Menschen sind anpassungsfähig und in der Lage, für das, was uns wichtig ist, einzutreten bzw. zu kämpfen – jeder nach seinen Möglichkeiten, jeder an einem anderen Ort, jeder zu einer vielleicht anderen Zeit. Es finden sich mit Sicherheit Gleichgesinnte für die eigene Idee. Heißt: Für das eigene Konzept Lösungen zu finden, ist zumindest einen Versuch wert. Und jetzt frage ich: Ist es im Sinne einer offenen Entscheidung hilfreich, von vornherein die Prämisse zu setzen, dass nur ständige Präsenz uns zu „hinreichend guten Eltern“ macht?

 

*Für mich steht immer im Vordergrund, dass sich in jedem gewählten Modell alle Beteiligten wohlfühlen; das schließt die Kinder selbstredend mit ein.
**Was ich an dieser Konstellation einzig überlegenswert finde: Finanzielle Absicherung muss es in diesem Fall auch für das Elternteil, das zu Hause bleibt geben. Das sehe ich häufig nicht genug berücksichtigt.

***Dass durch die Politik entsprechende Möglichkeiten vorgehalten werden müssen, damit verschiedene Modelle möglich sind, versteht sich von selbst, ist hier aber jetzt nicht das Thema.

 

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