Zwischen Leidenschaften und Langeweile – Denkarium (1)

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Es ist alles irgendwie zu viel. Also habe ich beschlossen, das Blog jetzt gelegentlich als „Denkarium“ zu benutzen. Harry-Potter-Kenner werden sofort wissen, was ich meine: Den Zauberstab an den Kopf halten, die Gedanken entnehmen und in ein Gefäß geben, in der sie gemeinschaftlich vor sich hin blubbern. Es soll den Kopf befreien und Platz schaffen für Neues.

Die Grosse Leidenschaft für den Beruf

Vor kurzem sah ich eine Reportage  über die Menschen in der Notfallklinik Ingolstadt. Die dort beschriebenen Menschen leisten wirklich Unfassbares. Stundenlange Dienste, Entscheidungen treffen in wenigen Sekunden, ruhig und besonnen handeln, dabei aber keine Zeit verlieren. Viel Dokumentation, wenig Zeit, um mit den Patienten zu reden, sich diese aber trotzdem irgendwie nehmen. Und dabei möglichst noch halbwegs die gute Laune erhalten. Ich habe sehr großen Respekt vor ihrer Arbeit, die man wahrscheinlich ohne die Leidenschaft, die alle zu Wort Gekommenen ausstrahlten, nicht machen kann. Eine Krankenpflegerin erzählte von ihren vielen Überstunden, von der Schwierigkeit, eine Beziehung aufrecht zu erhalten, die Arbeitszeiten ließen das irgendwie nicht zu. Am Ende des Films war sie von ihrem Freund getrennt, sie meinte, sie hätte Angst, dass sie aus diesem Krankenhaus nicht mehr raus wollte. Sie hat (aus welchen Gründen auch immer) den Beruf zu ihrem wichtigsten Lebensinhalt gemacht. Sie sah dabei nicht so aus, als würde ihr dieser Gedanke tatsächlich behagen. Denn natürlich bleibt da die Frage: Was kommt nach dem Beruf?

Ich möchte dieser Krankenschwester gerne sagen: Tu, wonach Dir ist. Mach, was sich für Dich gut anfühlt. Und wenn Du alt und ohne Lohnarbeit bist, werde ich mich zu Dir setzen, mit Dir einen Kaffee oder Tee trinken und Dir sagen, dass das alles schon okay so ist. Du hast  Dich an einer Stelle für etwas entschieden, das Dir zu dieser Zeit gut getan, sich richtig angefühlt hat, das zählt, und sonst nichts. Und ich sage das, weil ich das absolut verstehe, wenn sich jemand in seine Arbeit stürzt, sie leidenschaftlich ausübt  und darin aufgeht.  Ich kenne diese Phasen, ich lebe diese Phasen, und ich werde mir von niemandem dafür ein schlechtes Gewissen einreden lassen.

Erziehungsfragen

Als Mutter triggern mich immer noch Themen rund ums Erziehen, um die Vereinbarkeit des Mutter- mit dem Frau-Sein. Das Konzept von „Unerzogen“ hat mich, ehrlich gesagt, komplett belustigt und  ja, auch gelangweilt. Mir scheint, dass darüber, was sich hinter dem Begriff „Erziehung“ verbirgt, kein Konsens herrscht. Entsprechend reden, so empfinde ich es, viele auch aneinander vorbei. Mir ist es völlig egal, wie die Familien in ihrem Mikrokosmos miteinander umgehen, so lange sich alle dabei wohlfühlen. Da wir jedoch soziale Wesen sind, fände ich es toll, wenn Menschen ganz generell nicht immer nur darauf schauten, dass es ihnen selbst gut geht, sondern durchaus lernen, sich sicher in einer Welt zu bewegen, in der es sich eben nicht um einen selbst dreht. Das wünsche ich den Kindern.

In dem Zusammenhang ist mir jüngst wieder verstärkt aufgefallen, dass Mütter mit kleinen Kindern davon sprechen, wie schwierig es manchmal mit den Kleinen ist. Trotzphasen, Autonomiephasen, Kinder tun einfach nicht, was die Mutter ihnen sagt. Die Mutter versucht alles, um die Situation zu entspannen, geht an ihre Grenzen und eben darüber hinaus. Ich will das gar nicht kritisieren, nur auf folgendes hinweisen: Dieser Spruch „Es braucht ein ganzes Dorf, um Kinder großzuziehen“ kommt zwar aus einer ganz anderen Zeit, ist aber in unsere Zeit deshalb zu übertragen, weil eine derartige Organisation des Großziehens der Kinder dafür sorgt, dass letztlich keiner zu kurz kommt, vor allem auch die Mütter nicht! Wird die Begleitung des Aufwachsens der Kinder nämlich auf mehrere Schultern verteilt, geht es letztlich allen besser, keiner muss an seine Grenzen gehen (geschweige darüber hinaus); und Kinder sind dann ganz genauso sicher gebunden, aber eben nicht nur an eine, sondern an mehrere Personen – und ja, das müsste man in dieser Situation natürlich als Mutter zulassen und aushalten.  Interessanterweise las ich neulich von einer Mutter wirklich ernstzunehmende Klagen über diese Erschöpfung, die in einem ganz anderen Text das Hohelied der Hausfrau sang, die allein bei den Kindern bleibt, weil nur sie (die Mutter) das richtig könnte.

Des Diskutierens müde geworden

Dass ich das einmal denken würde, hätte ich niemals vermutet: Ich bin immer eine Freundin des Diskurses gewesen, mich hat immer die Meinung des anderen interessiert, ich wollte gerne überzeugen, diskutierte leidenschaftlich – jeder, der mich näher kennt, wird das bestätigen. Ich ließ (und lasse) mich bei entsprechenden Argumenten von meiner Meinung abbringen und gewann/gewinne neue Erkenntnisse. Ich bin darüber hinaus der Meinung, dass es bei solchen Diskussionen durchaus mal heftiger zur Sache gehen  darf, so lange am Ende alle sich die Hand geben und ein Bier miteinander trinken können. Das hat sich verändert. Ich habe keine Lust mehr, mich in diversen Filterbubbles, die nicht mehr permeable sind, aufzuhalten; ich habe auch den Wunsch verloren, real ständig neue Leute außerhalb meines Jobs zu treffen. Ich habe beruflich bedingt viel mit Menschen zu tun, meistens ist das spannend und macht wirklich Spaß. Offensichtlich absorbiert das nahezu komplett meinen Willen nach realer kommunikativer Interaktion – von der Familie und engsten Freunden einmal  abgesehen. Ich bin einfach müde geworden.

Dabei gäbe es so viel, worüber es sich zu reden lohnte. Daran hindert nicht der Overflow allgemein, sondern dieses hier, das ich neulich im Blog von Franziska Bluhm fand und mich als eine, die gerne Positionen außerhalb des Mainstreams annimmt, ausschließt:

Wir leben nicht divers, sondern umgeben uns immer mehr mit den gleichen Meinungen. Das fängt bei den Twitterblasen jedes Einzelnen an, bei den Facebookblasen. Andersdenkende werden (zu recht und zu unrecht) ausgeschlossen. Dies soll kein Plädoyer dafür sein, sich auf all die Hasskommentare da draußen einzulassen. Aber sich abzuwenden und auf gar keine Diskussion einzulassen? Diskussionen – auch moderiert – nicht mehr zuzulassen? Natürlich kann ich nachvollziehen, dass dabei auch monetäre Gründe eine Rolle spielen. Aber Fakt ist: Kommentarspalten werden geschlossen, “Andersdenkende” werden bei vielen Nachrichtenseiten ausgeschlossen. Wichtige Diskussionen werden woanders geführt, in Räumen, auf die sich die meisten nicht einlassen. Aus den unterschiedlichsten Gründen, aber auch weil es mühsam ist und weh tun kann. Nicht nur in der Medienlandschaft verebbt der Diskurs.

Genau so sieht es aus. Wenn es schwierig wird, weil die Meinung anderer von der eigenen abweicht, wird im besten Fall beschimpft, aber eher doch ignoriert oder eben geblockt. Ich habe das ein paar Mal erlebt, und irgendwann ist dann der Punkt erreicht, da ich sage: Wisst Ihr was, macht, was Ihr wollt. Irgendwann interessiert es mich dann auch nicht mehr. Es sind ja nur noch Wenige, die wirklich wissen wollen, wie man bestimmte Sachverhalte noch sehen oder bewerten kann. Es zählt nur die eigene Meinung bzw. andere, wenn sie der eigenen weitestgehend entsprechen. Das ist bei Familienthemen nicht anders als beim Fußball (hier vor allem: HSV) oder der großen Politik. Wir sind angekommen in einer Schwarz-Weiß- (ersatzweise Recht-Links-) Welt, während ich mich doch eher  in den Grautönen sehe.

 

 

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