Mecklenburg-Vorpommern ernstnehmen, statt es zu verunglimpfen

Meine Mutter hatte mich gestern auf einen Artikel auf SPIEGEL online aufmerksam gemacht, der nicht nur sie, sondern auch mich und viele andere, die ich kenne, sehr verärgert hat. Es geht um einen Beitrag von Annett Meiritz, die Mecklenburg-Vorpommern, meine Heimat, als „passiv-aggressives Land“ verunglimpft und dabei einen (ihren) extrem oberflächlichen und billigen Blick auf dieses Bundesland offenbart.

Dies hier ist meine Antwort darauf, als offener Brief formuliert:

Sehr geehrte Frau Meiritz,

Sie haben mit Ihrem oben verlinkten Artikel mehr als 400 Kommentare auf der SPON-Seite erhalten und Platz 2 auf der Liste der meistgelesenen Beiträge am gestrigen Freitag belegt. Hier ein paar ausgewählte Kommentare – ich wäre nicht stolz drauf:

„… dieses prophylaktische Bashing eines der schönsten Bundesländer im Vorfeld der Landtagswahl ist einfach nur erbärmlich …“, „… unbrauchbar als Artikel über ein Bundesland. Noch schlimmer: Von den Menschen dort hat sie auch keine Ahnung …“, „… der Region, die darüberhinaus ihre Heimat ist, den Rücken zu kehren, statt vor Ort für Verbesserungen zu arbeiten, passt ins Bild ihres diffusen Artikels, der bereits in seiner Überschrift das Klischee des ewig nörgelnden Ossi bedient …“, „… Die Autorin hat Politikwissenschaften studiert. Ich auch. Deswegen wirkt dieser Artikel auf mich wie ein Thesenpapier aus dem 2. Semester …“

Sie hatten offensichtlich den Auftrag, einen Beitrag zu Mecklenburg-Vorpommern zu schreiben, weil morgen, am Sonntag, dort Landtagswahlen stattfinden, und Sie aus diesem Bundesland stammen. Das allein macht Sie offensichtlich zu einer Expertin, die keine Recherche mehr braucht, denn Sie wissen das alles einfach so. Oder eben aus der Zeitung.

„In Mecklenburg-Vorpommern ging zuletzt nur jeder zweite Bürger wählen. Gleichzeitig lässt das Land Populisten und Extreme gedeihen. Wer konnte, hat die Region längst verlassen – so wie unsere Autorin. […] Ich bin auch gegangen, wie viele meiner Generation, die pünktlich mit 18 Jahren ihre Sachen packten und woanders hinzogen.“  

Das, werte Frau Kollegin, ist ausgemachter Blödsinn. Ich verstehe nicht, wie Sie von sich auf alle schließen können, die das Bundesland seit – ja, seit wann eigentlich? – verlassen haben. Ich bin in diesem Land aufgewachsen, habe dort mein Abitur gemacht. Von meiner Abitur-Klasse leben noch genau drei in unserer Heimatstadt, ein paar mehr leben immerhin noch in MV. Jede und jeder andere hatte für sich einen eigenen, sehr individuellen Grund, in ein anderes Bundesland (oder gar ins Ausland) zu ziehen. Das beginnt bei so einfachen Dingen wie der Partnerwahl, die nächsten fanden nach dem Studium, das wir alle zum Großteil in der DDR absolvierten, anderswo einen interessanten Job, wieder andere wurden als Beamte versetzt … ich weiß von keiner/keinem, der MV verlassen hätte, weil ja alles so öde (gewesen) sei. Übrigens: Dass Mädchen ihr Zuhause mit 18 Jahren verlassen, hat MV nun wahrlich nicht exklusiv.

Mit zur Schau gestellter Scham andere diffamieren

Sie erzählen weiter von nutzlos herumstehenden Gebäuden, einer großen grauen Tristesse, und fragen sich so vor der Wahl, was Sie denn noch mit den Menschen in diesem Land verbände. Sie sagen:

„Oft empfinde ich eine Spur Scham, wenn ich erzähle, woher ich komme. ‚Klar, ist wunderschön dort‘, sage ich dann, ‚aber…‘. Ich muss das Aber nicht bemühen. Es klebt an jedem Satz über meine Heimat, wie ein Bremsklotz gegen zu viel Begeisterung.“

Nun ist es in diesem unseren Land eines jeden Recht, seine Meinung zu haben. Und wenn Sie das so empfinden, ist das Ihre Sache. Ich lege aber Wert darauf, dass es wirklich nur Ihre persönliche Meinung ist, die ich absolut nicht teile – ich sehe jene, die dort noch leben, geradezu diffamiert. Und ich weiß von vielen, dass es ihnen ebenso geht. Allen voran meine Eltern. Sie leben dort noch immer und fühlen sich dort wohl. Sie gehören zu jenen, die nach der Wende eben nicht abgehauen sind, sondern die nach Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit neue Aufgaben gefunden und für sich ein erfüllendes Leben geschaffen haben. Sie kennen das Land von Dömitz (tief im Westen) bis Anklam (tief im Osten) sehr gut und können – offensichtlich im Gegensatz zur Ihnen – sehr wohl einschätzen, was dieses Land ausmacht. Und das ist ganz sicher nicht das Bild, das Sie in Ihrem Beitrag versuchten zu zeichnen. Denn, und das weiß ich u.a. von den Eltern anderer Bekannter, es kommt ja auch darauf an, womit verglichen wird. Wer die drei Bezirke Schwerin, Rostock und Neubrandenburg (aus diesen Gebieten besteht MV heute größtenteils) vor ca 30 Jahren erlebt hat und sie heute sieht, wird sie kaum wiedererkennen. Es hat sich unglaublich viel verändert, durchaus auch positiv für die Menschen, die dort leben. Angefangen bei der Arbeitslosigkeit, die mal bei 20% lag und heute unter 10% liegt, bis hin zu einer florierenden Tourismusbranche, die regelmäßig ausgebuchte Ferienhäuser und Hotels vermeldet.

Das Bundesland besetzt Spitzenplätze in Statistiken, in denen niemand auftauchen will. Bundesweit hat Mecklenburg-Vorpommern die höchste Jugendarbeitslosenquote, …

Es streitet niemand ab, dass dieses Land nicht in jedem Bereich prosperiert. Doch es bringt nichts, dies immer wieder zu sagen und davor vielleicht Angst zu machen, sondern es gilt, Lösungen zu finden. Die üblichen Parteien haben sich bisher noch nicht sonderlich damit hervorgetan. Und wenn schon Statistiken bemüht werden, dann dürfen Sie auch gerne mal etwas genauer hinsehen: Die Geburtenrate liegt in MV beispielsweise bei 1,49 Kindern pro Frau, in Hamburg zum Vergleich liegt sie bei 1,41. Laut statista ist die Jugendarbeitslosigkeitquote in MV niedriger als in (sic!) Berlin. Bei der Pro-Kopf-Verschuldung steht bei MV nach Sachsen, Bayern und Baden-Württemberg der viertniedrigste Betrag. Der Anteil der Empfänger von sozialer Mindestsicherung ist am höchsten (und zwar mit Abstand) in Berlin mit 19,3% , in MV liegt diese Quote bei 13,5%. Bei der Studienabbrecherquote hat MV mit 41,7% den zweitniedrigsten Wert überhaupt.
Es scheint so, als hätten Sie entweder nicht genau hingesehen oder eben das herausgepickt, das in Ihr Bild passte. Die Menschen da draußen spüren so etwas, Frau Meiritz, und reagieren sehr empfindlich darauf.

„… aber immer weniger Menschen wollen dort überhaupt leben. Rund 1,6 Millionen sind es noch, es waren mal fast zwei Millionen. Und der Rostocker Radheld Jan Ullrich? Hat gedopt.“

Ich zweifele die Zahl keineswegs an. Aber was hat bitte das Wort „wollen“ dort verloren? Woher wollen Sie das wissen? Die Wende Ende der 80er Jahre bedeutete für ganz viele Menschen in der gesamten DDR enorme Veränderungen. Plötzlich war die Welt viel größer als bisher – wer will den jungen Menschen verübeln, diese neue Freiheit auch wahrzunehmen und völlig neue Erfahrungen zu sammeln? Das wird doch heute von der Jugend immer gefordert: Raus aus Muttis bequemem Nest, lernt die Welt kennen. Und wenn sie das tun, sind sie Heimatverräter? Was ist das bitte für eine Logik? Und wer sagt, dass es nicht viele gibt, die zurückkommen werden? Oder wer sagt, dass nicht auch Westdeutsche das Land für sich entdecken und übersiedeln? In anderen östlichen Bundesländern wird das durchaus zunehmend beobachtet (Thüringen mit Weimar, Sachsen mit Görlitz). Und meine Eltern beobachten das im Nordosten des Landes ebenso.
Und eines noch, Frau Meiritz: Wenn Sie schon mit Sport kommen, dann unterschlagen Sie bitte nicht den Fußball-Weltmeister Toni Kroos aus Greifswald, dessen Vater immer noch Jugendmannschaften vor Ort betreut, oder den mehrfachen Weltmeister und Olympiasieger im Kanurennsport Andreas Dittmer aus Neustrelitz, der beim SC Neubrandenburg trainierte.

Klischees, Vorurteile, Pauschalierungen

„Zu viele Probleme der Region sind ungelöst. Nach der Wende brach die Beschäftigung in Landwirtschaft, Fischerei und Werften ein. Einige Wirtschaftszweige konnten sich teilweise erholen, aber der große Boom blieb aus.“

Stimmt. Und das macht die Bewohner dieses Landes jetzt zu „passiv-aggressiven“ Zeitgenossen? Inzwischen haben doch einige Firmen zumindest Zweigniederlassungen gegründet, Liebherr zum Beispiel (Rostock) oder auch Pfanni (Stavenhagen). Karl’s Erdbeerhof kenne ich noch als kleine Scheune, heute betreibt der Besitzer in MV zwei Erlebnishöfe, die aus allen Nähten platzen, viele Leute beschäftigen und noch mehr Besucher anziehen. Der Tourismus in MV ist als Branche extrem gewachsen und an vielen Orten schon sehr professionell. Und wo er es nicht ist, bietet er Heimatverbundenen wie mir noch ganz viel Ursprüngliches – ich schätze das sehr.

„Und die Bewohner? Sie sind weitgehend passiv, wenn es um Demokratie, um Engagement in Parteien, Verbänden oder Vereinen geht. Bei der letzten Landtagswahl blieb jeder Zweite zu Hause. Immer wieder ist Mecklenburg-Vorpommern auch aggressiv: Das Bundesland lässt Extremisten und Populisten gedeihen, das zeigt sich an fremdenfeindlichen Übergriffen und einem erratischen Wahlverhalten.“

Solche Sätze machen mich in der Tat aggressiv. Die Wahlbeteiligung ist mit ca 50% wirklich niedrig, aber nicht die niedrigste in Deutschland. Und es ist in diesem Land einfach jederman’s Recht, zur Wahl zu gehen oder dieser fernzubleiben.  Den Menschen ein „erratisches Wahlverhalten“ zu unterstellen, ist unfassbar beleidigend und wird der Sache in keiner Weise gerecht. Viele sehen keinen Unterschied darin, ob sie zur Wahl gehen oder nicht – die Parteien machen eh, was sie wollen, und fühlen sich keineswegs an Programme oder Versprechen, die sie vorher gegeben haben, gebunden. Viele sehen ihr Vertrauen missbraucht – die Menschen wissen hier sehr gut, wovon sie in diesem Fall reden. Dazu kommt, und das haben mir Menschen erzählt, die ich einfach mal angesprochen habe, dass sie sich wirklich allein gelassen fühlen. „Uns hat man hier doch vergessen“, hörte ich oft. Sie fühlen sich nicht ernstgenommen (und Ihr Beitrag bestätigt das Gefühl eindrucksvoll), warum also sollten sie all den Versprechungen noch glauben? Fremdenfeindliche Übergriffe gibt es anderswo auch, für solche Einzelfälle ein ganzes Land in Sippenhaft zu nehmen, ist dreist. Man stelle sich die Reaktion vor, ich als eine Köln Lebende würde entsprechende Rückschlüsse nach der Silvesternacht hier vor einem dreiviertel Jahr öffentlich ziehen …

„Ganze Landstriche sind tiefbraun, Rechtsextremismus hat sich in der Fläche festgefressen…“

Wo bleiben hierfür die Belege? Natürlich machen die rechten Parteien eifrig Werbung in dem Land, das ist mir auch aufgefallen. Aber was setzen die Alt-Parteien denn dagegen? Welche Politik-Angebote machen sie denn außer „Weiter so“ und „Wir lieben unser Land“? AfD und NPD plakatieren dort übrigens so was wie „kostenlose Kindergärten für alle“ – ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, Frau Meiritz, aber ich wünsche mir das durchaus. Und nur, weil Leute, deren Haltung ich nicht teile, das wollen, muss ich das jetzt doof finden? Mir wäre das zu einfach.

Für gemäßigte Parteien ist Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern die grüne Hölle. Wer kompliziertere Botschaften im Gepäck hat, für den lohnt sich die Region schon aus geografischen Gründen kaum.

Genial, oder? Weil das Land so groß ist, mache ich mir erst gar nicht die Mühe, mir Themen zu überlegen, mit denen ich die Wähler überzeugen kann. Das muss man ja auch immer vor Ort machen, die Menschen lesen weder Zeitung, noch schauen sie fern – das Internet ist ja auch Neuland, nicht wahr? Herablassender geht es kaum, Frau Meiritz.

Die Gründe für die passiv-aggressive Stimmung liegen auch in der Geschichte des Landes. Beziehungsweise darin, dass es keine gibt.

Noch so eine schwach recherchierte Aussage. Mecklenburg, und das ist der größte Teil des Landes, hat sehr wohl eine sehr lange Geschichte. Ich empfehle dazu einen Besuch des Müritzeums in Waren/Müritz, dort ist sie sehr genau nachgezeichnet. Oder werfen Sie einfach mal einen Blick in einschlägige Literatur. Kein anderes Land wurde so lange am Stück von einem Adelsgeschlecht regiert.

Es ist alles ein einziges Ärgernis und spielt jenen politischen Kräften in die Hände, die von solchen in diesem Beitrag geradezu erschöpfend vorgetragenen Ressentiments leben. Wenn ich über ein Land berichten möchte, dann ist es aus meiner Sicht oberste Pflicht, diesen Blick differenziert zu gestalten. Dazu gehört, nicht nur auf das eigene Gefühl zu hören, sondern anderen zuzuhören, und zwar jenen, die vor Ort sind, die dort leben, arbeiten, lieben und sich vielleicht auch manchmal richtig wohlfühlen. Die sehr wohl die Probleme im Land sehen, aber von ihren gewählten Volksvertretern mehr erwarten, als ewige Phrasendrescherei und diese diffuse Wahrnehmung, dass es eben jenen doch letztlich mehr um das eigene Fortkommen, denn um das des Landes geht. Sie, Frau Meiritz, haben Vorurteile bedient und aus meiner Sicht viele handwerkliche Fehler gemacht. Wenn Sie über Ihre Gefühle sprechen wollen: Dafür gibt es andere journalistische Darstellungsformen als die von Ihnen gewählte.

Übrigens, werte Frau Meiritz, die Sie Ihr Urteil über ein Land aus einem Dorf nähe Schwerin abgeben: Ich käme niemals auf die Idee, Köln, wo ich derzeit lebe, mit Nordrhein-Westfalen gleichzusetzen. Darüber würden sich sicherlich nicht nur die Düsseldorfer aufregen – und zwar zu Recht!

Freundliche Grüße!
MrsCgn

 

 

 

 

 

 

 

 

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