Der HSV: sportlich, kommerziell und kommunikativ unfähig

Der HSV – eigentlich mein Herzensverein – hat sich heute zuhause von Rasenball Leipzig mit 0-4 abschlachten lassen. Vorne harmlos, hinten desolat. Ein Déjà-vu zur Vor- und Vorvorsaison. Es geht offensichtlich einfach immer so weiter, obwohl die Spieler in jeder Saison fleißig gewechselt wurden, oder, um es präziser auszudrücken: die einen mit Abfindungen verabschiedet, die nächsten für viel Geld geholt und mit Verträgen ausgestattet, die sie so vielleicht nie wieder in ihrem Fußballerleben erhalten werden. Und das alles, obwohl seit der Inthronisierung von Herrn Beiersdorfer im Mai 2014 sich vier Trainer versuchen durften.

Das Ergebnis: Der HSV spielte 2015 noch einmal Relegation und sicherte sich in 2016 am vorletzten Spieltag den Klassenerhalt. Sportlich ist seit zwei Jahren nicht ein Hauch von Entwicklung zu sehen, stattdessen übt man sich in einem Marketing-Gag nach dem anderen: Erst feierte man die Ausarbeitung eines Leitbildes, das man sich einen fast sechsstelligen Betrag kosten ließ, dann freute man sich wie ein Kind über den Verkauf von pinkfarbenen Trikots, von denen 2.000 Stück (in Worten zweitausend) über den Ladentisch gegangen sind. „Viel richtig gemacht“, sagen Fans zu solchen Aktionen, „Geduld“ fordern sie, wenn man erneut eine Saisonvorbereitung kritisiert, die die Mannschaft sportlich nicht nach vorn brachte, „Pester“ und „Miesmacher“ nennen sie all jene, die seit Jahren warnen und Dinge öffentlich machen, die so unfassbar sind, dass ich wohl eher nicht wissen möchte, was alles nicht veröffentlicht wird!

Für mich als Fan, der ich in der Tiefe meines Herzens immer sein werde, ist das alles nur mit Mühe und einer großen Portion Sarkasmus auszuhalten,  und ich frage mich ernsthaft:

  • Wie war es möglich, dass  an so eine entscheidende Position beim HSV mit Beiersdorfer ein Mann kam, der nachweislich eben jene nicht auszufüllen vermochte und vermag?
  • Wie kann es sein, dass ein Aufsichtsrat, der diesen Namen für mich kaum verdient, einen Beiersdorfer Geld, das der Verein gar nicht hat, zum Fenster rauswerfen lässt?
  • Warum erlaubte es dieses Gremium, dass die Geschäftsstelle eines dem Abstieg gerade so entronnenen Vereins so aufgebläht wird, was zu Ausgaben in nie gekannter Höhe beim HSV führte?
  • Wie konnte es passieren, dass der HSV nun absolut in der Hand eines einzelnen Mäzens ist? Ohne sein Wohlwollen gingen beim HSV ganz schnell die Lichter aus; und ob Herr Kühne bei seinen Entscheidungen immer so gut im Sinne eines Erfolgs für den HSV beraten wird, darf man zumindest bezweifeln.
  • Warum ist da keiner, der im Aufsichtsrat für Entscheidungen sorgt, die den HSV voranbringen?
  • Warum gibt es so dermaßen viele Beharrungskräfte im Verein, gegen die offensichtlich keiner anzukommen scheint?

Die Liste der Fragen wäre endlos; in meinen Augen haben die Verantwortlichen im Aufsichtsrat so ziemlich alle Fehler gemacht, die man an dieser Stelle machen kann:  ungeeignetes Personal in den Vorstand geholt und vor allem dort belassen (Beiersdorfer, Hilke!), merkwürdige Grundsatzentscheidungen in finanzieller Hinsicht getroffen (gewählt war Entschuldung  statt Geld-von-Kühne-mit-der-Gießkanne-Verteilen; dazu empfehle ich die Gastbeiträge von Kerberos bei HSV Arena), dazu zeigt er eine seltsame Auffassung der eigenen Bedeutung. Der HSV hängt am Tropf eines eitlen, alten Mannes, der wiederum ältere, träge, opportunistische und eitle Männer im Verein installiert hat, denen es vor allem um eines geht: um sich! Um nichts anderes.

Keiner von ihnen interessiert sich ernsthaft für den Verein, bei dem das Geld einfach so rumzuliegen scheint, man muss sich einfach nur bedienen. Keinem bedeutet dieser Verein mit der langen Tradition und interessanten Geschichte wirklich etwas, denn heute geht es eh nur noch ums Geschäft, der Fußball ist nur mehr eine Randerscheinung. Keinem ist es dort in irgendeiner Form wichtig, was die Fans denken, sagen oder tun – so lange sie artig ins Stadion kommen, ihre Dauerkarten bezahlen oder Ehrenkarten versteuern, in der Arena fleißig konsumieren und langweilige Devotionalien in HSV-Shops kaufen.

Geschäft und positive Emotion – das geht doch auch zusammen

Das alles ist nicht neu, und dass bezahlter Fußball nun mal ein Geschäft ist, habe auch ich immer gewusst und mich trotzdem darauf eingelassen. Der Punkt ist: Es muss doch trotz dieses ganzen Business-Gedöns möglich sein, …

  • … die Idee, dass Fußball ein eigentlich wunderbares Spiel ist, ein wenig aufrecht zu erhalten,
  • … etwa 25 Leute zu finden, die auf einem einträglichen Niveau zusammen Fußball spielen,
  • … die Menschen in den Stadien emotional einzufangen, sie mitzunehmen und bei sich zu behalten,
  • … die Begeisterungfähigkeit der treuen Fans für einen Verein in ein gemeinsames Gefühl umzuwandeln.

Diese Kombination aus Kommerz und erfolgreichem, mitreißendem Sport gelingt anderen Vereinen doch  auch, man schaue nach Dortmund, nach Gladbach oder gerne auch hierher nach Köln. Quasi direkt vor meiner Haustür ist zu sehen, wie so was geht. Der Effzeh hat die Menschen hier in der Stadt mehr denn je entflammt, der Verein wird hier vom Kindergarten bis zum Vorstandsbüro gelebt. Dieser Verein ist wie die Stadt – ein Gefühl! Und die Mannschaft spielt heute einen gefälligen Fußball, der sie auf den derzeit dritten Tabellenplatz mit null Gegentoren geführt hat.

Doch beim HSV steht man über den Dingen, redet von einem langen Atem, den man ja hätte, von der tollen Stadt, den vielen treuen Fans, von Prozessen, die man angeschoben hätte … Ich frage mich: Wie lange geht das noch gut? Wie viele „Leben“ in der Bundesliga hat der HSV? Meine These: Wenn sich nicht schnell und wirklich grundlegend etwas ändert – und damit meine ich als erstes die Entlassung von Beiersdorfer und Hilke – dann ist die Erst-Liga-Zugehörigkeit des HSV Geschichte. Es wäre bitter und ein verdammt hoher Preis, wenn es eines Abstiegs bedürfte, um diese eitle, machtbesessene Vorstandsclique hinwegzufegen.

PS: Sollte das kaum Aussprechbare tatsächlich passieren, der HSV sich aber komplett neu aufstellen und in der zweiten Liga mitspielen dürfen: Ich wäre dabei. Ich führe auch nach Bremen zum Derby …

 

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Pati sagt:

    hey ein wirklich guter Blog…
    Ich persönlich denke vor allem dass folgenden Punkte:
    Wie kann es sein, dass ein Aufsichtsrat, der diesen Namen für mich kaum verdient, einen Beiersdorfer Geld, das der Verein gar nicht hat, zum Fenster rauswerfen lässt?
    Warum erlaubte es dieses Gremium, dass die Geschäftsstelle eines dem Abstieg gerade so entronnenen Vereins so aufgebläht wird, was zu Ausgaben in nie gekannter Höhe beim HSV führte?
    Wie konnte es passieren, dass der HSV nun absolut in der Hand eines einzelnen Mäzens ist? Ohne sein Wohlwollen gingen beim HSV ganz schnell die Lichter aus; und ob Herr Kühne bei seinen Entscheidungen immer so gut im Sinne eines Erfolgs für den HSV beraten wird, darf man zumindest bezweifeln.
    Warum ist da keiner, der im Aufsichtsrat für Entscheidungen sorgt, die den HSV voranbringen?

    Durch die Art der Ausgliederung vorhersehbar waren.
    Als erstes wählt man eine Initiative die maßgeblich von einem gescheiterten AR initiert wurde. Das ist in etwa so als würde man einen gescheiterten Trainer, wieder arbeiten lassen.
    Des weiteren gab es meines Erachtens außer bei den Bayern keine Anteilsverkäufe die sinnvoll reinvestiert wurden. Das ist ja das Problem man bekommt nur einmal Geld, danach sind Anteile weg. Wird das Geld verpulvert, so wie bei 1860, bvb und diversen weiteren Beispielen hat man kein Geld, jedoch verkaufte Anteile. Verkauft man die an Einzelpersonen ist der CLub ganz schnell abhängig von einer Person die von Fußball nicht unbedingt etwas versteht. Das wollte damals aber keiner war haben. Die Legende vom Scheich eben…
    Wenn der Arsitzende dann auch noch vor einem Anteilverkauf des potentiellen Investor diesen Posten bekommt kann eigentlich nur ein Konflikt entstehen. Das hätte man erkennen müssen. Ein weiteres Problem ist die fehlende Kompetenz von Fußballverständigen im AR. Sollte die nicht behoben werden? Was bleibt ist dass „mein“ HSV jetzt dank Ausgliederung diese Personen nicht mehr so einfach los wird und nicht mehr weit entfernt von Konstrukten wie RB ist. Das alles macht micht sehr sehr traurig, denn mann hätte die ohne weiteres vorhersehen und verhindern können. Jedoch war die Mehrheit der Meinung man braucht nur Geld und schon läuft das von alleine… Es kommt aber auf die handelnden Personen an und die sind beim HSV schlechter denn je… Das hätte man erkennen können. Allein das ein Hilke noch da ist… Aber gut der ist eben mit Onkel Kühne befreundet. Schade was aus „meinem“ Verein geworden ist…

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